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Der Körper der Sprache: Wenn afrikanische Poesie auf russische Sprachkunst trifft

20 August 2019, 4:30 pm - Blog - Martin Jankowski

Sorry, this entry is only available in German.

Die Türen im Theater Panda in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg blieben an diesem sehr heißen Vorsommerabend freundlich geöffnet bei anhaltend großer Offenheit des anwesenden Publikums. Das stadtsprachen Team rund um Martin Jankowski hatte am 14. Juni 2019 zwei Dichter*innen gleichberechtigt nebeneinander auf der Bühne performen lassen. Ein Ausdruck der Haltung dieser Berliner Literaturplattform zur Vielfalt der Sprachen in dieser Stadt.

Parataxe heißt das gedruckte stadtsprachen magazin, das eine Anthologie fremdsprachiger Literatur von in Berlin sich aufhaltenden Künstlerinnen enthält und komplett übertragen in die deutsche Sprache ist. Jeder Beitrag steht für eine Sprache, alle stehen parataktisch nebeneinander.

Afrika und Weiblichkeit – der Körper der Poetik

Was alle Künstlerinnen im stadtsprachen Konglomerat zusammenhält, ist der Wunsch die eigenen Gedanken und Lebenswelten durch Sprache auszudrücken und das in der Poesiemetropole Berlin. Eine von ihnen ist Linda Gabriel, die die Bühne mit ihrer starken Präsenz ausfüllte. Geboren in Zimbabwe, aufgewachsen in Südafrika, schreibt sie auf Englisch und Shona und ist Teil der poetischen Festivalszenen Afrikas und Europas. Themen ihrer Gedichte sind Weiblichkeit, die täglichen Herausforderungen des Lebens in Afrika, Brutalität und HIV. Die Bühne nutzt sie auch, um Tabus schonungslos aufzudecken. Den Totgeschwiegenen gibt sie in nicht nur einem Gedicht eine Stimme.

© Graham Hains / stadtsprachen.de

Eines der Lieblingsgedichte Lindas, „Mai Tino“, handelt von einer Frau, die, das Morgengrauen mit ihren üppigen Hüften wegschwingend, sich ganz außerhalb ihrer Gewohnheit einen Joint ansteckt. Und nicht nur das, es folgen weitere eigentlich spezifisch männliche Handlungsweisen, wie eine Flasche Bier bestellen, die sie dann auch noch lustvoll zu den Lippen führt. Überhaupt Lust: Es macht Spaß Linda beim Performen ihrer eigenen Texte zuzusehen, wenn sie Stellen wie diese vorliest:

„On her way home she paid a visit to the man who had wanted her
From the very day they had relocated to this neighbour hood
She didn’t care that he didn’t have protection
Or falling pregnant
Lustly they devoured each other
She told him that they could do this all day
She wasn’t in a rush
three more times and a quickie filled her soul”

(Quelle: https://www.lyrikline.org/en/poems/mai-tino-11359)

Kurz: Im Gedicht „Mai Tino“ ist die Frau der Mann und kann ganz nach ihrer Art durch den Tag gleiten und sich gut dabei fühlen. Eine geschickte Art der Emanzipationslyrik! Überhaupt, die Gedichte sind politisch, emanzipativ und lebendig.

Mehr über Linda Gabriel unter https://stadtsprachen.de/author/linda-gabriel/ und

https://www.lyrikline.org/en/poems/mad-slam-not-war-11353.

Von der Üppigkeit afrikanischer Weiblichkeit zur Finesse russischsprachiger Avantgarde-Poesie

Dmitri Dragilew hatte für den Vortragen seiner Gedichte auf Deutsch die Slawistin, Übersetzerin und Autorin Ruth Wynneken mitgebracht. Sprache ist bei diesen beiden Granden der russischsprachigen Kunstszene Berlins das Alpha und Omega. Die Übertragung der komplexen Gedichte Dimitrijs sind eine wahre Herausforderung und so kam es, dass die eigentlich nur Vortragende seiner Gedichte, Ruth, in Vorbereitung auf die Lesung auch zur Übersetzerin wurde.

Die vielsprachigen Gedichte (neben Russisch finden sich auch lettische, deutsche, englische und jiddische Versatzstücke), beinhalten eine reichhaltige und teilweise exotische Lexik. Sprachbilder kommen oft in Form einer besonderen Metapher: der verschachtelten Metapher der Metarealisten. Deren großartigster Protagonist war der Russe Aleksej Parschikow, zu dessen Freundeskreis der Sprachkünstler Dmitri Dragilew einst gehörte. In den Gedichten des zeitgenössischen Berliner Autors werden längst verschwundene Realitäten der Sowjetzeit mit heutiger Seinserfahrung verknüpft und klanglich zu Wortkunstwerken verarbeitet.

Angesichts dieser sprachlichen Komplexität spürt man das Entsetzen des Übersetzers, dessen Haupt-Aufgaben es ist, Sprachäquivalente zu finden und diese in einen Klangteppich zu wirken. Denn als Musiker hat Dmitri auch den Klangkörper seiner Sprachkunst im Blick, den Texten merkt man  deutlich seine Affinität zur Jazzmusik an.

Seine Gedichte entfachen im Kopf seiner Zuhörer*innen eine Bewegung, die von der ruhigen Haltung während des Gedichtvortrags unterstützt wird. Eine performative Art der Lesung findet hier auf eine ganz subtile Art statt, aber sie findet statt.

Der Autor mit seiner Übersetzerin © Graham Hains / stadtsprachen.de

Was machen die Gedichte Dmitri Dragilews aus?

Das lyrische Ich steht vielleicht gar nicht so sehr im Zentrum der Gedichte, die einen vielbevölkerten, bunten Figurenkosmos beheimaten. Dabei stehen die gewählten Figuren, die teils aus Filmen, teils aus der klassischen russischen Literatur stammen oder sich aus anderen Quellen, die der vielgebildete Autor kennt,  mit ihrer Intertextualität für eine Ebene dahinter: die Namen bilden quasi die Korridore zwischen den Realitäten.

Es bleibt noch zu sagen, dass auch Dmitri Dragilew mit seiner Poesie integriert ist in den Kontext der russischen Welt. Die russische Literatur ist, wie Martin Jankowski darlegt, auch in Berlin lebendig und einflussreich.

 

Stefanie Beckmann

Öffentlichkeits- und Medienarbeit Internationale Gesellschaft für multimediale Kultur und europäische Kommunikation (www.radioakzent.de)

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