Languages
Content Who? About us Events Submissions Submenu
« back

TextTransit: Ein multilingualer Schreibkurs

4 September 2020, 2:34 pm - Blog - Joey Bahlsen

Sorry, this entry is only available in German.

TextTransit: Ein sprachoffener Schreibkurs in Berlin. Zwei Erfahrungsberichte

In der Schreibgruppe TextTransit des Studierendenwerks Berlin arbeiten verschieden sprachige oder interkulturell interessierte Studierende unter der Leitung von unterschiedlichen Autor*innen an ihren Texten. Im Sommersemester 2020 wurde der Kurs von der Berliner Schriftstellerin Franziska Hauser geleitet.

Die Gruppe ist offen für Autor*innen, die andere Sprachen als Deutsch sprechen und schreiben oder die als Nichtmuttersprachler*innen auf Deutsch ihre literarischen Texte verfassen wollen. Mehr Informationen: https://www.stw.berlin/kultur/projekte/literatur.html

 

Mehrsprachig schreiben

Letztens wurde ich gefragt, wie es ist, mehrsprachig zu schreiben. Es fiel mir zuerst keine gute Antwort auf die Frage ein, weil ich mich eher fragen würde: Wie wäre es, nur in einer Sprache zu schreiben? 

Schon im Haus, in dem ich aufgewachsen bin (und ich gehöre der wurzellosen Spezies an, die das nicht unbedingt Zuhause nennt), beendete „Good night!“ einen Tag, an dem ansonsten ausschließlich Französisch zu hören war. Am Telefon mit meiner schottischen Großmutter hörte ich meines Vaters „accent à couper au couteau“ und die Akzente meiner Schwestern, hybrid und unzuschreibbar, sowie meinen. Doch war damals Französisch meine Muttersprache oder, um genauer zu sein, meine Vatersprache. Ich las oder schrieb kaum auf Englisch und wollte mit meiner Mutter nicht in ihrer Heimatsprache sprechen, was ich bis heute nicht wirklich erklären kann. 

Erst später nahm Englisch eine wesentliche Rolle in meinem Leben ein, als ich Schülerin in einem internationalen Gymnasium war und schließlich in England mein Studium abschloss. Dann kam Deutsch, eine Sprache, die ich als Teenager zu lernen angefangen hatte, aber mit schwacher Begeisterung und ohne jemals daran zu denken, dass sie einen Großteil meines Alltags ausmachen würde. Die drei Sprachen sind mit bestimmten Teilen meines Lebens verbunden, aber ich kann sie nicht so einfach nach Identitäten, Gefühlen oder Persönlichkeit trennen. Bei mir sind sie eher gleichwertig, und sie zu mischen ist für mich das Spontanste. Warum mal Englisch, mal Französisch, mal Deutsch, ist schwierig zu rechtfertigen. Manchmal passt ein Wort einfach besser, ist schöner, hat eine genauere Bedeutung, oder funktioniert besser mit dem Rhythmus des Satzes. Manchmal sind bestimmte Wörter mit einem Ort oder einer Erfahrung verbunden, die ich nur in einer der Sprachen akkurat ausdrücken kann. Manchmal hat es auch eher mit Faulheit zu tun: Die Wörter kommen in einer Sprache schneller und so schreibe ich sie. 

Die Frage wird zu einer ganz anderen, wenn es darum geht, mehrsprachig nicht nur für mich selbst zu schreiben, sondern auch für andere, die meine drei Sprachen oft nicht verstehen. 

Statt das als Problem zu betrachten, sehe ich in der „Undeutlichkeit“ mehrsprachigen Schreibens vielfältige Möglichkeiten. Durch sie werden Ambivalenz, Fragmentation und die Schwierigkeit deutlich, etwas genau auszudrücken. Diese Elemente sind so oder so oft das Spannendste am literarischen Schreiben, was oft mit dem zu tun hat, was unerklärbar, unverstehbar bleibt, und nicht unbedingt effiziente Kommunikation sein muss. 

Mehrsprachige Texte können auch besonders gut Differenz betonen. Wer verschiedene Stimmen, Perspektiven, Spannungen oder Harmonien, die dazwischen entstehen, erkunden will, findet in dem mehrsprachigen Schreiben ein hilfreiches Werkzeug. Verschiedene Sprachen zu verwenden dient auch dazu, Änderungen im Text sichtbar zu machen – ob das ein Handlungssprung ist oder eine Veränderung im Tempo oder in der Melodie. 

Nicht-Muttersprachler*innen entwickeln andere Zugänge zu Sprachen, die nicht die „eigene“ sind. Diese können zum Beispiel zu einer erhöhten Sensibilität für den Klang von Worten oder die Eigenheiten der Grammatik führen. Eine Autorin, die damit spielerisch umgeht, ist die Japanisch-Muttersprachlerin Yoko Tawada, deren Werke die Absurditäten der deutschen Sprache liebevoll reflektieren. Eine Nicht-Muttersprache kann auch ein emanzipatorischer Raum sein, um sich von literarischen sowie gesellschaftlichen Normen zu befreien. So war es Französisch für die Englisch-muttersprachige Dichterin Renée Vivien. In ihren Übersetzungen von Sapphos Fragmenten und ihrer eigenen Werke nutzte sie Französisch, um die lesbische Liebe auszudrücken – das Begehren und die sexuellen Erfahrungen, wofür es im literarischen Kanon kaum eine Sprache gab. 

Mehrsprachigkeit und die einzigartige Vielfalt, eine Sprache zu gestalten, eröffnet zweifellos neue Möglichkeiten, die Welt anders darzustellen oder zu sehen und schafft Raum für Alternativen und Explorationen. Yet in some places I’ve lived, being multilingual is perceived as an act of snobbery. It was never my choice, but I do not know what language I dream in. That which, as a child, I perceived as a curse, which marked me apart, I now see as a blessing. Les couleurs n’en sont pas moins vives, les sons pas moins clairs, un effleurement pas moins ressenti. Et rien de tout cela ne pourra jamais être absolument partagé. 

Giselle Bernard 

 

Ein multilingualer Schreibkurs

Mein Leben spricht schon lange nicht mehr nur Deutsch: Morgens in der Uni (beziehungsweise zurzeit im Online-Seminar) erklärt mir mein Professor seine Theorie auf Englisch; nachmittags erzählt mir mein Freund er habe einen „rastrello“ gekauft, das deutsche Wort „Harke“ kennt er noch nicht; abends lacht vielleicht meine Tandem-Partnerin über meine arabische Aussprache oder ich schreibe eine Mail auf Esperanto.

So multilingual mein Alltag, so wenig habe ich alle diese Sprachen für das literarische Schreiben genutzt. Von einigen kleinen Versuchen abgesehen, bin ich, was Kurzgeschichten und Gedichte angeht, an meiner Muttersprache kleben geblieben. Am Konzept der multilingualen Schreibgruppe des Studierendenwerks Berlin hat mich daher gereizt, Mut und Motivation zu finden, Texte auf Englisch, Spanisch oder Esperanto zu schreiben. Nicht erwartet habe ich, dass ich durch diese Erfahrung stattdessen meiner Muttersprache näherkommen würde.

Drei deutsche Muttersprachlerinnen sowie drei Teilnehmende aus Frankreich, Russland und der Türkei hatte Autorin und Leiterin Franziska Hauser für die Schreibgruppe TextTransit ausgewählt. Jede von uns spricht mehrere Sprachen. Trotzdem wurden die meisten Texte auf Deutsch und Englisch verfasst. Vermutlich lag das vor allem daran, dass sich die jeweiligen Sprachkenntnisse nicht immer überschnitten. Ein Text auf Türkisch beispielsweise klingt in meinen Ohren schön, aber dessen literarische Qualität kann ich nicht beurteilen. Vor allem für die ausländischen Studierenden wurde Englisch daher zu einer sprachlichen Brücke, zu einem Mittelweg zwischen der Muttersprache und dem vielleicht noch unsicheren Deutsch.

Kann eine Schreibgruppe, welche sich zumeist auf zwei Sprachen beschränkt noch als multilingual bezeichnet werden? Meiner Meinung nach, ja. Denn durch diese Gruppe habe ich gelernt, dass sich Multilingualität nicht unbedingt durch die Verwendung verschiedener Sprachen auszeichnet, sondern auch durch verschiedene Arten, dieselbe Sprache zu nutzen. Natürlich ist die Dominanz des Englischen zu hinterfragen, vor allem wenn dadurch andere Sprachen verdrängt werden. Doch was mir die multilinguale Schreibgruppe gezeigt hat, ist, wie vielfältig eine einzige Sprache sein kann und wie unsere Beziehung zu dieser Sprache den Schreibprozess beeinflusst.

So erklärt meine Mitschreibende Ira aus Russland: „Da Englisch nicht meine Muttersprache ist, bin ich ständig im Prozess des Lernens. Manchmal höre ich einfach nur einen Satz, der mir auffällt, und ich fange an zu überlegen, wer das wann, wie, wo so sagen könnte. So kann ich aus einem einfachen Satz einen Charakter erfinden. Ich glaube, solche Aufmerksamkeit hat niemand für seine Muttersprache.“ Giselle dagegen schreibt am liebsten auf „Franglisch“. Sie spickt etwa einen englischen Text mit Absätzen auf Französisch. Obwohl ich kaum ein Wort Französisch spreche, verstehe ich die Geschichte. Ich muss nicht die genaue Übersetzung der Wörter kennen. Die Wirkung ihres Textes entsteht auch durch den Kontrast der Melodien beider Sprachen. Diese Spannungen oder Harmonien, welche sich aus der Mischung von Englisch und Französisch ergeben, sind für Giselle besonders interessant.

Auch für die deutschen Muttersprachler*innen war Englisch ein wichtiges Werkzeug innerhalb der Schreibgruppe. So haben wir zum Beispiel zehn verschiedene deutsche Übersetzungen für des letzten Satzes aus “The Great Gatsby” mit dem englischen Original verglichen. Welches Wort trifft nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Stimmung des Originals? Wie genau kann der Rhythmus des Satzes ins Deutsche übertragen werden? Erst durch eine solche Übung wurden mir Unterschiede zwischen den beiden Sprachen deutlich, welche ich vorher nie näher untersucht hatte. Dabei kann es auch interessant sein, sich für die deutsche Sprache vom englischen Satzbau etwas abzuschauen oder umgekehrt, wie uns Franziska Hauser erklärte.

Selbstverständlich haben wir die englische Sprache auch verwendet, wenn doch einmal ein deutsches Wort unklar war. Doch oftmals kommt man damit an seine Grenzen. Was ist zum Beispiel „Kehricht“? Wie definiert man „verwahrlost“? Nie habe ich mich mit dem Deutschen so intensiv auseinandergesetzt wie im Austausch mit Nichtmuttersprachler*innen. Das bedeutete auch zuzuhören, wenn ein deutscher Text erstmal falsch oder unangenehm klingt. Denn oft ist es sehr inspirierend, wie Menschen, die nicht mit Deutsch aufgewachsen sind, neue Wörter verwenden.

Einen fremdsprachigen Text habe ich immer noch nicht geschrieben. Stattdessen habe ich erkannt, dass Einsprachigkeit auch Mehrsprachigkeit bedeuten kann, wenn wir eine Sprache zu unserer ganz eigenen machen. Und dass Nichtmuttersprachler*innen einem so viel über die eigene Sprache beibringen können. Mit dieser Erkenntnis im Kopf traue ich mich vielleicht dann auch mal an eine fremdsprachige Kurzgeschichte.

Christina Focken

Franziska Hauser mit der Schreibgruppe TextTransit

≡ Menu ≡
Homepage Content
Events Submissions
Authors Translators Moderators
About us Partners Gallery
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Events Press