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Der Koffer

Camila Nobiling (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Die Blusen so perfekt gebügelt, alles in einer Plastiktüte verpackt. Alles geglättet. Sie nahm eine nach der anderen aus dem Koffer und legte sie mit der gleichen Genauigkeit in die Schublade. Sie war fast sicher, dass sie die gut gebügelte Wäsche ihrer Kindheit nie wiedersehen würde, außer in ihren Erinnerungen. Nur dort roch alles nach Sauberkeit und war zärtlich geplättet.

Vor kurzen war die Mutter angekommen und der Tag des Abschieds kühlte die Seele der Tochter bereits. Es genügte, den Koffer zu öffnen, um sich an die Bedeutung dieser zierlichen alten Frau zu erinnern. Denn die feste sehnsuchtsvolle Umarmung bei ihrer Ankunft drückte den Komfort des Alltags weg, der wie am Schnürchen verlief.

Es war der Koffer.

Die perfekt verpackte gebügelte Kleidung. Der Geruch von Sorgfalt. Die Schmuckbeutel, die Medizintasche, kleine Behälter mit Körpercreme, Gesichtscreme, allen möglichen Cremes. Der Koffer.

Er brachte Angst. Er brachte das Gewissen der Zeit, die ging, lief und rannte ohne zu vergeben. Sie war wenig. Sie war knapp. Unzureichend. Ungewiss. War sie auf ihrer Seite?

Der Inhalt des Koffers in der Schublade war genug. Für einen Augenblick wollte sie die Zeit umarmen, einfangen und für ewig bei sich behalten. Sie wollte diese übermächtige, allgegenwärtige Einheit ergreifen und immer bei sich haben. Wie ein Talisman. Sie wollte keine weitere Minute mehr zählen, denn sie wusste, eines Tages würde sie wie eine ganze Stunde fehlen. Sie wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können, um die Lebenswege näher zusammen zu bringen. Die Ewigkeit des Wartens existiert nicht.

Eines Tages würde die Stunde schlagen. Mittag. Und die Zeit würde dann nur die Sehnsucht zählen.

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