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Alle sind verschieden, und doch sind alle gleich

Thế Dṻng (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

1. Ich habe das ganz gewöhnliche Leben eines Vietnamesen geführt

Ich wurde 1954 geboren und ging mit 17 Jahren zur Armee. Ich schreibe Gedichte seit ich 14, 15 Jahre alt bin. Ich absolvierte die Pädagogische Hochschule mit 26 Jahren. Nachdem ich drei Jahre Literatur an der Oberschule unterrichtet hatte, wechselte ich und wurde Zeitungsredakteur für Literatur und Kunst. Als ich die Hälfte meines Lebens nach Ost-Berlin exportierte (im April 1989), las ich schon J.W. Goethe, Heinrich Heine, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin … und andere deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts (in der vietnamesischen Übersetzung).

In jedem Lebensabschnitt waren es andere Dichter und Schriftsteller, die mich stark und tief in meiner intellektuellen Entwicklung beeinflussten. Letztendlich lagen am Kopfende meines Bettes ständig zwei Bände altvietnamesischer Gedichte. Neben der Geschichte des Mädchens Kieu gab es noch Der geteilte Himmel von Christa Wolf, Siddhartha von Hermann Hesse, Gedichte von Tagore und Heinrich Heine und den Band Grashalme von Walt Whitman. Danach las ich, was ich schon kannte und liebte, und begann zu schreiben.

Ab dem 3.10.1990 wurde ich ein „Ausländer“ in Deutschland. Die Deutschen waren mir zugleich vertraut und fremd. Dem Schriftsteller und Lyriker geht es wie allen anderen Menschen auf dieser Welt. Auch er muss sich abmühen mit allen möglichen Arbeiten, um für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können.

Und diese Lebenssituation stellte mich vor ganz konkrete Probleme meiner Mission als Schriftsteller. Wenn ich schreibe, möchte ich den realen Zustand und die Beziehungen zwischen den einzelnen menschlichen Schicksalen darstellen, die sich zur gleichen Zeit, unter gemeinsamen oder auch unter gegensätzlichen Umständen im Vergleich zu mir abspielen und sich in den stillen und traurigen Veränderungen meiner Mitmenschen widerspiegeln.

Wenn man den Begriff „Mission des Schriftstellers“ hört, so klingt das hochtrabend, doch nach den Erfahrungen meines persönlichen inneren Gefühlslebens schreibe ich oft Gedichte, um mich selbst zu retten. Und jeder hat irgendeine eigene Leidenschaft. Und jede Sache, der man regelrecht verfallen ist, bringt einem Lebensfreude, ein bestimmtes psychisches Gleichgewicht angesichts eines Lebens voller stürmischer ungünstiger Umstände.

Ich denke, dass jeder Schriftsteller und Lyriker seine Nationalität hat. Deshalb ist das Schicksal eines Schriftstellers stets mit dem Schicksal des Volkes und der Kultur, aus der er stammt, verbunden, mag er nun innerhalb oder außerhalb der geographischen Grenzen seiner Heimat leben.

Er träumte von einem neuen Vietnam, bescheiden, pazifistisch, ökologisch, basisdemokratisch, himmlisch und gerecht. Sein Land ist noch eine Diktatur, es gibt nur rechte Parteien. Der Mensch muss zunächst Herr seiner Seele und seines Geistes sein. In seinem Land gab es sicherlich keine Demokratie. Er musste ständig Grenzen überschreiten, absurde Hindernisse, um aus all seinen geistigen Fähigkeiten lebendige Realität mit optimalem Nutzen werden zu lassen. Und die Mission des Lyrikers und Schriftstellers besteht aus meiner Sicht in erster Linie darin, in der Lage zu sein, sich gerade seine Träume zu bewahren.

Deshalb ist mein Leiden und Glück an meiner Liebe zu Deutschland in gewisser Weise das Schicksal meiner Generation, das ein Migrationsschicksal war. Das bedeutet, dass ich das ganz gewöhnliche Leben eines vietnamesischen Schriftstellers geführt habe.

 

2. Die Überlagerung zwischen dem östlichen und westlichen Geist

So kann ich sagen, dass das Gedankengut der alten östlichen Philosophen, das sich in der Zeit der Ly und Tran herausbildete, in der Epoche der drei großen, eng verbundenen Lehren einen tiefgreifenden Einfluss auf mein Denken hatte. Darüber hinaus brachten mir die Relativitätstheorie von Albert Einstein und das östliche I Ging unaufhörlich eine beruhigende Erklärung für die Geschehnisse sowie ein Gefühl für das Wunderbare an den Beobachtungen des menschlichen Lebens.

Als ich Vor dem Brandenburger Tor schrieb, wusste ich, dass in der DDR auch viele Tragödien geschahen; die Menschen in der DDR mussten 40 Jahre lang die autoritären kommunistischen Strukturen ertragen. Ich begann mich selbst zu fragen: Hängt es mit meinem Leben zusammen, dass man in der DDR 40 Jahre lang den Stalinismus ertragen hat und sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hat? Leben oder gelebt werden? Der Sturm der vergangenen Nacht wird nicht der letzte sein.

War mein Migrationsschicksal nicht wie die Exilschicksale Heinrich Heines, Erich Maria Remarques, Bertolt Brechts? Mein Migrationsschicksal war wie die Geschichte von Hermann Hesse. Auch ich habe den Traum von Siddhartha und habe auch Zeit zu leben und Zeit zu sterben. Ich war zugleich erfolgreich und vergeblich. Deshalb gibt es keinen anderen Weg, ich kehrte nicht zurück um zu bleiben, sondern um erneut aufzubrechen. Ich weiß, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigt. Deshalb lebte ich als Subjekt.

Ich weiß nicht genau, seit wann der sogenannte östliche Geist in meinen Gedichten auftritt und wie er sich zeigt. Weil ich im Osten geboren wurde, wird er vielleicht naturgemäß in meinem Wesen sein und sich dann sicher in meinen Gedichten offenbaren, nach der Gesetzmäßigkeit wie die Erde, so der Baum. Obwohl ich in Deutschland lebe, gibt es sehr viele Erinnerungen an die östliche Denkweise, die der Boden für meine lyrische Sprache und die Gedanken in mir sind. Deshalb glaube ich noch immer entsprechend der Gesetzmäßigkeit wie die Erde, so der Baum, dass die Überlagerung zwischen dem östlichen und westlichen Geist ebenfalls deutlich in meinen letzten lyrischen Werken und Romanen zutage tritt.

 

3. Alle sind verschieden und doch sind alle gleich.

Ich bin mir stets dessen bewusst, dass Austausch im Leben überaus wichtig ist. Austausch in jeglicher Form. Ohne Austausch gibt es kein Verstehen, kein allseitiges Wissen. Ohne Austausch können unterschiedliche kulturelle Fragmente und Strömungen nicht miteinander kommunizieren, um zu einem verstärkten gegenseitigen Verständnis zu führen. Die Geschichte des Austauschs zwischen Vietnamesen und Deutschen ist noch nicht lang genug, damit die Deutschen die Vietnamesen völlig und richtig verstehen und umgekehrt.

Eines meiner Forschungsgebiete ist das deutsche und das vietnamesische Schicksal, und hier ist besonders augenfällig, wie deutsche Seelen und vietnamesische Seelen in einer Lebenswirklichkeit zusammenkommen. Das vietnamesisch-deutsche Schicksal erforschen heißt Brücken zwischen der vietnamesisch-deutschen Vergangenheit und der deutsch-vietnamesischen Gegenwart zu schlagen. Wir beobachten beide Ost-West-Ufer, beide Süd-Nord-Ufer und öffnen uns die Tür ins Unendliche.

Nach mehr als 23 Jahren in Deutschland erkenne ich eine optimistische Veränderung in den kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Vietnamesen und Deutschen sowie den anderen Ausländern. Und hier dürfen die Menschen offen etwas gegen die Regierung sagen, weil hier Meinungsfreiheit gilt. Ich träume auch von einem Rechtsstaat mit einer klaren Gewaltenteilung für mein Land. Alle Bürger und Bürgerinnen und der Staat müssen sich an die Gesetze halten und jeder Mensch darf seine Meinung sagen.

Nach meinen persönlichen Erfahrungen kann ich an dieser Stelle den Künstlern, Intellektuellen, den fähigen Politikern Deutschlands und denjenigen Deutschen, die sowohl herzlich als auch klug sind, meinen Dank aussprechen. Der Grund dafür ist, dass dank meines Aufenthaltes hier, inmitten der historischen Ereignisse Deutschlands und der Deutschen, meinem Werdegang in diesem Land keine Steine in den Weg gelegt wurden und er nicht in eine Sackgasse geriet. Wenn ich stolpere, dann kann ich den Fehler nur bei mir suchen.

Ich glaube, dass mit der Zeit die deutschen Männer und Frauen sowie die vietnamesischen Männer und Frauen sich gegenseitig und tiefer verstehen werden. Sie können dann zusammensitzen im Asia-Snack oder Asiagourmet und beim Essen und Trinken plaudern über Vietcong und Amerikaner, über Deutschland und China, über Würde und Freiheit, und sich austauschen über Freud und Leid des menschlichen Lebens. Deutsche Themen werden vietnamesische Themen – und umgekehrt.

Ich höre nicht auf, an die Entwicklung des Menschen in der stillen Gelassenheit der Zeit zu glauben. Deutschland – der Ort, an dem ich weine, ist auch der Ort, an dem ich singe, an dem ich das Wissen um die Einheit der Welt fühle, in mir kreisend wie mein eigenes Blut. Alle sind verschieden und doch sind alle gleich. Heute ist dieser Ausspruch nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa bekannt und verbreitet.

 

FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019

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