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Brücke

Diana Plaza Ortiz (2020)

Sorry, this entry is only available in German and European Spanish.

Ein Mann mittleren Alters ruft von der gegenüberliegenden Seite der Brücke den Namen einer Frau und winkt dabei aufgeregt mit den erhobenen Armen. Der Name, den er ruft, ist so geläufig, dass er jeder der Frauen gehören könnte, die sich in der Nähe befinden. Touristen und Einheimische kreuzen die Wege ohne Unterschied, spazieren, fotografieren, unterhalten sich. Das Quietschen einiger vorbeifahrender Fahrräder prallt von den Arkaden ab, welche die geziegelten Bögen auf beiden Seiten bilden. Das durch die Bögen fallende Licht zeichnet dunkle strahlende Streifen auf den Boden und die Menschen, die unterwegs ihre Farbe wechseln. Es ist schönes Wetter in der Stadt und viele Leute sind draußen auf der Straße. Passanten, welche die Brücke überqueren oder auf einer der Seiten stehen, schauen neugierig in Richtung der Schreie und suchen mit ihren Blicken, welche der Frauen entlang der Brücke auf die Rufe reagiert.

Ich stütze die Oberarme auf das Geländer und das Kinn auf meine zusammengelegten Hände, nachdem ich den Filter der erloschenen Zigarette in den Fluss geworfen habe. Ich schaue lächelnd auf den Strom, angesteckt von der Begeisterung, die der Kerl mit seinen Schreien ausstrahlt. Mich amüsiert der Anfall von Freude, den das Verhalten dieses Mannes in einer Stadt auslöst, die so an die Trauer gewöhnt ist. Plötzlich scheint es, als wollten alle wissen, wer diese Frau ist, und die Begegnung miterleben.

Ich wende den Kopf in Richtung der Rufe, die über die Bögen hallen, und kann sehen, wie der Mann über die Brücke schreitet und sich seinen Weg durch die Fußgänger bahnt. Er war ein paar Sekunden lang still, aber jetzt ruft er wieder nach der fremden Frau. Er lächelt, grüßt mit der erhobenen rechten Hand und verlangsamt den Schritt. Er läuft etwas ruhiger, es scheint, als habe die Frau, die er gerufen hat, ihn gesehen.

Der ein oder andere auf der Brücke verfolgt mit den Augen den Weg des Mannes und versichert sich mit Blicken auf die Frauen, die ihnen am nächsten sind, Teil des Augenblicks zu sein, die Ersten, die ihn miterleben können. Als der Mann ohne anzuhalten an ihnen vorbeiläuft, schauen sie ihm nach, jemand lässt einen Kommentar fallen, um ihn herum entsteht ein Gemurmel. Noch auf das Geländer gestützt, verfolge auch ich die Auflösung des Geschehens.

Unter der Brücke kreuzen sich Touristenboote mit laut aufgedrehter Tanzmusik, deren in den Arkaden widerhallendes Echo den Trubel zerstreut. Ich schaue zum Fluss hinunter und sehe ein Boot mit weißem Rumpf und blauen Streifen zum Vorschein kommen, mit dem hölzernen Deck voller Menschen und nur von oben sichtbaren Köpfen; einige von ihnen schauen zur Brücke herauf, andere tanzen paarweise in einer lebhaften Gruppe auf dem Oberdeck, dessen Dach aufgrund des guten Wetters zusammengerafft ist.

 

Plötzlich spüre ich einen Ruck, jemand packt mich fest und reißt mich herum. Unmittelbar danach gleitet er mit seinen Armen unter meine Achselhöhlen, umschließt meinen Körper, nimmt Schwung und hebt mich hoch. Ich spüre raues, lockiges Haar auf meiner Haut, dort, wo der Nacken in die Schulter übergeht, starke Hände halten mich fest. Der penetrante Geruch eines Männerparfums lässt mich die Nase rümpfen. Ich höre den Namen der Frau wie ein Geheimnis in mein rechtes Ohr geflüstert. Aber ich sage nichts. Ich werde immer noch festgehalten, als der Mann nachgibt und ich merke, dass meine Füße wieder den Boden berühren. Das starke Herzklopfen des Mannes, der mich ängstlich festhält, vibriert auf meiner Brust, feucht von der Wärme, welche unsere beiden aneinandergepressten Körper abgeben. Instinktiv habe ich die Augen geschlossen. Von neuem höre ich den Frauennamen in meinem Ohr, und in diesem Moment glaube ich, dass es auch gut mein eigener sein könnte. Also hebe ich meine Arme und führe sie um seinen Hals, drücke meine Brust gegen seine, schmiege unsere Wangen aneinander und lege mein Kinn auf seine Schulter. Meine Muskeln entspannen sich, ich atme tief durch, der Geruch ist jetzt weniger intensiv und stört mich nicht mehr. Er zieht mich wieder an sich, so sehr, dass ich mit gebeugtem Rücken stehen bleibe. Man hört Applaus, aufmunternde Rufe und Jubel, wie von Fans bei Konzerten.

Wir bleiben noch einige Minuten umschlungen stehen. Als wir uns trennen, stellt mich der Mann vor sich hin und nimmt meine Hände. Ich sehe immer noch nichts, ich bewege mich nicht, aber ich höre, wie er tief Luft holt, und ich habe das Gefühl, dass er mich plötzlich loslässt. Dort, wo er von mir abgelassen hat, öffne ich die Augen. Ich sehe, wie eine Gruppe Fußgänger uns beobachtet, einige haben immer noch ein Lächeln im Gesicht, stecken ihre Handys ein und setzen ihren Weg fort. Der Mann hat sich mit dem Rücken gegen das Geländer auf den Boden fallen lassen, bedeckt das Gesicht mit den Händen und klagt in einer Sprache, die ich nicht kenne. Ich knöpfe meine Jacke zu und schließe mein Revers, so dass es meinen Hals bedeckt.

Noch einmal hört man Tanzmusik, die sich von unterhalb der Brücke nähert. Ich schaue wieder hinunter, zünde mir eine Zigarette an und beobachte die Strömung. Ich sage mir, dass ich eines Tages versuchen sollte, eines dieser Boote zu nehmen.

 

 

Aus den Spanischen von Simon v. Krosigk

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