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Gegenübertragung

Julie Tirard (2020)

Sorry, this entry is only available in German and French.

Donnerstagmorgen, acht Uhr. In einer Stunde braune Augen mit grünen Sprenkeln. Sie hatte vor drei Monaten angerufen, am 14. Februar, er erinnerte sich daran, er hatte wenig später eine Flasche Wein gekauft. Ich habe eine Psychoanalyse hinter mir, hatte sie am Telefon gesagt, und möchte eine Verhaltenstherapie beginnen, haben Sie einen freien Platz? Sie hatte mit Akzent gesprochen. Einem norwegischen. Auf seiner Homepage stand, die Behandlung sei auf Deutsch und auf Norwegisch möglich. Seine Frau war Norwegerin, zwanzig Jahre hatten sie in Bergen gelebt.

Er öffnete die Praxistür, hängte die Jacke an den Kleiderständer, dann den Schal. Er dachte an letzten Donnerstag, den Abend auf dem Restaurantschiff, seine Frau, das Hermès-Tuch, sie hatte immer davon geträumt, nein, kein besonderer Anlass, du bist schön, bezahlen, okay.

Acht Uhr sieben. Um neun Uhr blondes Haar, weißblond seit der Frühlingssonne, Fahrradhelm, fast nackte Füße, ist Ihnen nicht kalt? Nie. Seiner Frau war kalt gewesen am Donnerstagabend auf dem Schiff. Die Kerzen, das Seidentuch. Er öffnete weit die Fenster. Der Himmel war blau. Bald würde die Sonne über den Dächern stehen, in den Raum dringen, die Haut seiner Patientin berühren, auf ihr blondes Haar, hoffentlich trug sie einen Pullover, etwas Dunkles, die Bluse letzte Woche war durchsichtig gewesen. Hoffentlich war die Bluse durchsichtig.

Donnerstag war Orchideentag. Als sie um einen festen Termin gebeten, als sie Donnerstagfrüh vorgeschlagen hatte, wollte er ablehnen. Donnerstagfrüh ist Orchideentag, hatte er gedacht. Donnerstags wurden die Orchideen gebadet. Gesagt hatte er nichts und stand seit drei Wochen eine Stunde früher auf. Er vergab immer feste Termine, er fragte seine Patient|innen beim ersten Treffen, welcher Tag, welche Uhrzeit passt Ihnen am besten? Zwei Monate lang war braune Augen, blondes Haar die Ausnahme gewesen. Wie eine Geliebte. Hätte sein Supervisor gesagt. Sie bringen sie unter, wann immer es Ihnen beliebt, fast wie eine Geliebte. Am Ende hatte sie um einen festen Termin gebeten. Donnerstagmorgen, neun Uhr.

Acht Uhr zweiundvierzig. Sie musste bereits aufs Fahrrad gestiegen, sich auf den Weg gemacht haben. Wenn er am Fenster stehen blieb, würde er sie kommen sehen, die Sonne im Rücken, wie vor drei Wochen um neun Uhr am ersten Donnerstagmorgen. Er hatte die Orchideen auf das Sims gestellt – die Praxis zeigte auf die Straße, erster Stock – und sich reflexartig hinter dem Vorhang versteckt. Er hatte einen Blick auf das Gebäude gegenüber geworfen, und wenn ihn jemand sah? Der Therapeut, der seine junge Patientin hinter dem Vorhang beobachtete. Siebenundzwanzig Jahre, das war nicht jung, zumindest nicht so jung, jedenfalls würde das Wort, wenn er je wollte und sie auch wollte, nicht fallen. An jenem Morgen hatte er sich hinter dem Vorhang versteckt, wie ein Mann, der seine Ausbildung vergessen hatte. Er hatte gesehen, wie sie das Fahrrad befestigt, den Helm abgenommen und ihren Pullover abgestreift hatte. Ihr T-Shirt war nach oben gerutscht. Er konnte ihren Bauch, ihren Nabel, ihre aus den Jeans ragenden Hüften sehen, er hatte die Augen geschlossen. Der Vorhang hatte gezittert. Sie hatte keinen BH getragen. Sie trug nie einen BH. Die Sonne verriet es in jeder Sitzung.

Er schloss das Fenster – sie durften nicht frieren, die Orchideen – setzte sich an den Computer, las seine E-Mails, hörte die Mailbox ab, er musste einen Kollegen zu Rate ziehen, musste zügig einen Termin verlangen. Die Supervision musste fortgesetzt werden. Sein üblicher Supervisor war krank. Im Krankenhaus. Nichts Schlimmes, doch er würde ihn dieses Jahr nicht wiedersehen. Mehrere Jahre war er ohne Supervisor ausgekommen, damals hatte seine Frau noch gelächelt, ihn angelächelt, und er sich nie für die Haut der Patientinnen interessiert. Er nahm die Orchideen aus dem Wasser. Ließ sie abtropfen. Setzte sich wieder.

Acht Uhr siebenundfünfzig. Der Flur summte. Sie war pünktlich. Er stand auf, ging zur Sprechanlage am Eingang, drückte den Knopf, öffnete die Praxistür, kehrte ins Büro zurück, setzte sich, wartete, atmete ein, atmete aus, stand wieder auf, öffnete die Bürotür, guten Tag. Er machte einen Schritt zur Seite, damit sie eintreten konnte, er hielt den Atem an, warf einen Blick auf die andere Straßenseite. Jemand im Gebäude gegenüber würde ihn sehen, würde bemerken, wie er ihren Duft zu erschnuppern suchte, also verschloss er alles und roch gar nichts mehr.

Neun Uhr. Er nahm in seinem Sessel Platz. Na? Jahrelang in diesem Beruf und noch immer keine Ahnung, wie er die Sitzungen einleiten sollte. Na? Ein Wort ohne Aussage. Er wusste, dass er nach dem Befinden fragen sollte, wie geht es Ihnen, würde sein Supervisor sagen, was haben Sie heute mitgebracht, wen haben Sie heute mitgebracht, will heißen: was beschäftigt Sie, wer beschäftigt Sie, welche Geschichte, welcher Patient bereitet Ihnen schlaflose Nächte erinnert Sie an Ihren Vater, Ihre Mutter, Ihren Sohn, aber er sagte: Na? Und sie ging nicht darauf ein. Niemand ging je darauf ein, sie betrachteten den Tisch, die Orchideen, das Gebäude gegenüber, die weiße Tafel mit den Resten von Schemata, gezeichnet für andere.

Lockere Bluse und schimmernde Haut in weißem Ledersessel. Er griff nach seinem Notizbuch, wollte weder Bluse noch passenden Lippenstift noch kleine weiße Turnschuhe sehen, sein Sohn hatte die gleichen. Er fragte nach der vergangenen Woche, nach der ambivalenten Beziehung zu der Mitbewohnerin gewordenen Freundin, sprach vom Vermeidungsschema, haben Sie davon schon einmal gehört?

Sie nickte, sah aus dem Fenster, spielte mit ihren Ringen, ihrer Ärmelspitze. Entfernte ein Staubkorn von ihrem Knie. Sie sprach auf Deutsch. Ihr Deutsch war besser als sein Norwegisch. Sie wechselten zwischen den Sprachen. Bisweilen, wenn sie den deutschen Begriff nicht wusste und er den norwegischen nicht kannte, wechselte sie ins Englische, er verstand oder auch nicht, unauffällig notierte er sich den Begriff, lernte ihn. Bisweilen sagte er etwas auf Englisch, wohlwissend, dass er lächerlich war. Er mochte es, wenn sie lächelte, aber nicht seinetwegen. Countertransference.

Sie sprach über das kommende Wochenende, über ihre Sorgen, und seine Finger verkrampften sich, gruben sich ins Polster. Sie hatte … Ja. Über einem Lachkrampf schnürte sich ihm die Kehle zu. Über einem Auflachen, ja. Da lockere Bluse auf junger Haut. Die rosaroten Lippen hatten soeben Sex gesagt. Sex, Sex, immer wieder. Weiße Turnschuhe, bedrohliche Sonne, glitzernde Schweißperlen und dieses Wort auf der Zunge, wer würde nicht lachen? Man müsste darüber schreiben. Sein Supervisor würde lachen. Wenn er ein Blog führen würde, würde er darüber schreiben. Er würde über seine Patient|innen schreiben, über diese Patientin. Über die Bilder, die vor seinem Auge auftauchten, wenn sie von ihrem Körper, ihrem Verlangen erzählte, und die rosarote, kaum ihre Brüste bedeckende Bluse. Wenn er ein Blog führen würde, würde er über sich lachen, würden die Kommentare über ihn lachen, wäre er bekannt für sein Blog, könnte sie ihn lesen. Nein. Diese lächerliche Gegenübertragung sollte er nicht in einem Blog beschreiben, sie könnte ihn lesen. Sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren, dem blonden Haar, dem Inzest mit dem Großvater und der Reihe ungesunder Beziehungen. Seine Frau war siebenundzwanzig gewesen, als er sie kennengelernt hatte. Damals war sie in einer ungesunden Beziehung gefangen gewesen. Seither war ihr Norwegisch-Blond ein China-Schwarz geworden.

Jetzt. In diesem Augenblick beschloss die Sonne hervorzutreten und die Bluse zu durchdringen. Die Brustwarzen traten hervor. Er wandte den Blick ab. Wenn die Sonne doch genauso ihn, sein Blatt und seinen Stift – dann konnte er sich entschuldigen und die Vorhänge zuziehen, aber nein, die Ausrichtung des Raumes, sein Sessel in der Ecke, das Licht fiel nur auf sie, auf ihre Haut. Er wusste nicht, wie sie das machte, mit oder ohne Sonne, sie blinzelte nicht. Sie sah ihn an, sie sagte Sex, sie sagte Verlangen, sie sagte Lust und er wurde schwach.

In den braunen Augen, die ihn musterten, spiegelte sich das Grün der Augen, die er geheiratet hatte. Und diese Haut, diese Brust, dieser Zungenschlag, er wandte sich ab, nein, er senkte den Blick auf seine Notizen. Was er am meisten fürchtete, war nicht, diese Patientin in einem Augenblick geistiger Verwirrung ins Restaurant einzuladen. War nicht, wie jeden Donnerstagmorgen an sie zu denken, sobald er die Augen öffnete und sein Geschlecht gegen seinen Bauch stieß, war nicht, von ihren durchsichtigen Blusen zu träumen. Nein. Das wahre Problem war seine Frau. Das zweite Handy in ihrer Tasche. Seit drei Wochen kam sie freitagabends eine Stunde später nach Hause, er hingegen brach donnerstagmorgens eine Stunde früher auf. Drei Wochen lang hatte sie nicht gefragt, warum die Orchideen ihn plötzlich früher, um acht Uhr morgens brauchten. Denn es kümmerte sie nicht.

Wenn also die siebenundzwanzigjährige Patientin ihr Bedürfnis beschrieb – es war nämlich kein Wunsch, nein, ein Bedürfnis, darauf bestand sie – ihr Bedürfnis, zu schlafen mit wem sie wollte, wann sie wollte, um sich ihren Körper wieder anzueignen und sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, wenn sie mit dem Gedanken spielte, sich ein zweites Handy anzuschaffen, obgleich sie sich eigentlich wünschte, ihr Verlobter, der wunderbare Verlobte, würde sie akzeptieren, mehr noch: sie verstehen, dann wollte er sie am liebsten vor die Tür setzen. Aus dem Fenster werfen. Sollte sie doch ein oder zwei Orchideen mit nach unten reißen. Dann wollte er sie am liebsten aus dem Fenster schubsen, ihre Sachen, ihre Tasche, ihren Fahrradhelm nach draußen befördern, die weißen Ledersessel durchbohren und seine Frau anrufen. Ihr sagen, dass ihr das Hermès-Tuch hoffentlich gefiel, dass er davon wusste. Dass er ihr heute Abend, wenn sie ihn abholte wie jeden Donnerstagabend, die Kleider vom Leib reißen und sie lecken würde. Bis sie auf seinem Schreibtisch, desk, skrivbord, ja genau, einen Orgasmus bekommen würde. Er würde ihr die Brüste kneten und ihr den Hintern versohlen. Er würde alles tun, worum sie ihn immer gebeten hatte, damals, als sie noch siebenundzwanzig waren und sich heimlich nachts getroffen hatten. Als sie ihn immer angerufen hatte, mit dem kleinen Handy, das er ihr unbedingt hatte kaufen wollen.

 

Aus dem Französischen von Ina Böhme

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