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Das Rot, das nach Asche riecht

Milenko Goranović (2019)

Sorry, this entry is only available in German.

… Berlin, Wedding, 1. Mai 1929

Es war nur ein Zufall, dass sie ausgerechnet an diesem Mittwoch nach Berlin kamen. Ida Špieler und Aleksander Kukla. Aus Dessau. Ida hatte eine Freundin, die Busenfreundin Anni, Anni hatte Eltern und die Eltern hatten eine Gartenlaube. Im Wedding. Und so waren sie jetzt da, endlich ungestört, zusammen, in Berlin. Ida hat ihn ausgezogen, wie ein Kind, gesagt, er soll sich doch mal auch eine bessere Hose kaufen und danach haben sie sich geliebt: Das erste Mal zusammen in einem Bett geschlafen. Eigentlich gar nicht geschlafen. Aber zusammen. In einem Bett. Eine ganze Nacht. Und das war nur der Anfang. Haben sie gedacht. Sie wollten bis Sonntag in dieser Gartenlaube nicht schlafen, fünf ganze Tage lang, haben auch alles Mögliche eingekauft, Zigaretten, Wein, Kekse. Es gab Käse und draußen gab es auch kleine unreife Tomaten, grün oder grüngelb; am Tag darauf, es war der erste Mai, Mittag war schon längst vorbei, ist Ida kurz rausgegangen, hat ein unreifes Tomätchen gepflückt, ist zurückgekommen, hat ihm so ein gelbgrünes Kügelchen in den Mund gestopft und sich dann vor Lachen verbogen.

Er hat die Lippen geschürzt, die Nase gerümpft, worauf sie dann so getan hatte, als ob sie ein Foto von seinem sauren Gesicht machen würde, worauf auch er lachte, worauf sie dann gleich eine ganze Geschichte gesponnen hatte: Der große Stadtplaner, Aleksander Kukla besser bekannt als Švabo, hätte in seiner Jugend zusammen mit seiner größten Liebe, sagenhaft schönen Ida Špieler in einer verwunschenen Laube gelebt, wo sie nichts anderes zu Essen gehabt hätten als gelbgrüne unreife Tomaten. Und wenn sie nicht gestorben wären, dann lebten sie noch immer in dieser Gartenlaube, denn wer soll sie auch vertreiben wollen, es waren ja keine unreifen Äpfel gewesen. Danach paffte Ida die blauen Rauchringe und schwieg verschmitzt. Nicht lange. Vielleicht zwei, vielleicht drei Minuten. Dann krachte es, fürchterlich.

Die Tür stürzte herein, krachte zu Boden, es war auch gar keine richtige Tür, nur ein paar schnell zusammengezimmerte Bretter. Zehn, fünfzehn, zwanzig Polizisten sprangen herein, Helm, Gewehre, Stöcke, sie waren bereit zu schießen, zu schlagen, zu sterben, hier in diesem Loch wären die Feinde verbarrikadiert, wurde ihnen gesagt, Rebellen gegen Gott und Vaterland. Wutentbrannt wollten die Polizisten alles vernichten, alles was ihnen im Wege stand, es galt wir oder die. Doch die, die den Polizisten hier im Wege standen, das, was da in einem schmalen Klappbett lag, ein dünnbeiniges Männlein und ein Weibchen, das sich mit einem kleinen Seidenschal zudecken wollte, das war wahrlich keine Beute, die man haben wollte. Trotzdem wurde das Männlein am Hals hochgezogen und rausgeschmissen, er kam gleich zurück, wollte doch seine Hose haben, bekam aber nur eins auf die Fresse. Das Weiblein bekam seine Röcke ins Gesicht. Und eine Ohrfeige dazu. Die rote Nutte. Danach wurden sie abgeführt. Er konnte seine Socken nicht finden. Sie ihren Hut.

 

Aus: Milenko Goranović, Das Rot, das nach Asche riecht. Roman. Wieser Verlag, Klagenfurt 2019

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