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Das Schwein

Delphine de Stoutz (2020)

Sorry, this entry is only available in German and French.

Das Puppenhaus hatte vier Stockwerke. Du erinnerst dich daran, weil es nicht von normaler Größe war. Nach dem Mittagessen bist du mit deiner amerikanischen Gastfamilie aufgebrochen, um M.s Vater zu besuchen. Deine Gastschwester hat zu diesem Anlass ihr blassgelbes Kleid angezogen. Mit ihrer Alabasterhaut sieht sie wie die flatternde Ballerina eines Schmuckkästchens aus. Vielleicht auch durch die Art, wie sie der Atmosphäre schmeichelt, wie mit jedem ihrer Schritte die feingliedrigen Finger schwingen. M. geht dir voraus, sie beeilt sich, ihren Vater zu umarmen, und du stellst dir vor, wie ein bloßer Windhauch die grazile Dreizehnjährige fortweht. Begrüßt wirst du auch von dem rosa Schweinchen. Dem idealen Haustier. Schweine können ihre trockenen Exkremente überall verteilen, ohne die Luft zu verpesten oder den Teppichboden zu beflecken, sie fressen alles, sind robust. Und ihr Blick, so intelligent! Ausgesprochen liebenswürdige Tiere. Ob der Vater damit zur Jagd geht, fragst du dich beim Anblick der im Flur hängenden Winchester. All diese Puppen in dem kinderlosen Haus, doch, du störst dich daran. Für die sorgfältig in der Vitrine arrangierten Porzellanfiguren hast du Verständnis, die Puppen aber sitzen in jedem Winkel, trinken Tee oder werden frisiert. Als hätte euer Besuch sie vorübergehend eingefroren. Für Sammlerpuppen sind sie zu groß und zu lebensecht, wie kleine Mädchen. Hat die neue Frau des Vaters den Puppen nicht soeben zugeflüstert, dass sie wohl still sein sollen? Die Frau findet kaum Beachtung. Sie sitzt auf ihrem Stuhl und hört euch lächelnd zu, sie nimmt kaum wahr, wie M. in der Küche die Limonade vorbereitet, die Mutter den Tisch deckt und der Bruder fernsieht. Oder es kümmert sie nicht. Sie nimmt sich zuweilen einer Stoffdame an und rückt ihr den Unterrock zurecht, man merkt, wie vertraut ihr der Handgriff ist. Du hast genau gesehen, wie der Blick des Vaters über die Puppen geglitten ist, ehe er sich wieder gefasst und die x-te Anekdote über sein Schwein erzählt hat. Die frühere Familie ordnet sich neu und die Frau stört sich nicht daran. Sie setzt sich zu Tisch und speist, als ob sie der Gast wäre. Das Fleisch auf ihrem Teller zerkleinert ihr Mann. Als sie dich zum ersten Mal anspricht, möchte sie wissen, ob du schon fertig bist. Wenn du später noch einmal in die Küche gehst, entdeckst du deine Essensreste liebevoll angerichtet im Teeservice der Puppen. Als ihr euch endlich verabschiedet, umarmt M. sie als einzige. Du sitzt auf der Rückbank des Wagens, hebst zum Abschied die Hand und siehst vor dem Wohnzimmerfenster die Frau. Bevor ihr aus dem Feldweg in die Hauptstraße einbiegt, drehst du dich ein letztes Mal um. Der Vater steht nicht mehr im Hauseingang und dir wird bewusst: Du hast sein Gesicht bereits vergessen. Von diesem Besuch erinnerst du nur ein übergroßes Puppenhaus und ein Schwein.

M. und Du sitzt auf M.s Wasserbett, blättert in ein paar Magazinen und hört das Original-Tonband von Die Schöne und das Biest. Eure Bewegungen erzeugen Wellen. Geruch nach Bubblegum und Glanzpapier. Mischung aus Abendsonne und Licht der Nachttischlampe.

M. — Meine Stiefmutter hat kein Problem damit. 

Du — Mit dem Schwein?

M. — Silly! Nein, es zu machen.

Du — Was meinst du?

M. — Dings, weshalb Mama Papa verlassen hat. 

Du — Ich weiß nicht, was du meinst.

M. — Doch, weißt du wohl. Dings.

Du — Nein, weiß ich eben nicht.

M. — Hast du’s mit ihm schon gemacht?

Du — Mit ihm geschlafen, meinst du?

M. — Jawohl. Bumst ihr?

Du — Küss du erst mal einen Jungen, bevor du solche Fragen stellst.

M. — Ich bin doch kein Baby. 

Du — Das stimmt allerdings, du bist eine Rotznase!

Du wirfst dich auf M. und kitzelst sie. Die Wellen werden zu stürmischen Wogen. Nach Gelächter.

M. — Mama hat sich scheiden lassen, weil Papa ständig bumsen wollte.

Du — Ist dir eigentlich klar, was du da sagst?

M. — Das ist die Wahrheit, ich schwör’s. Hat Mama mir erzählt.

Du — Das hat deine Mutter dir erzählt?

M. — Und dass die neue Frau von Papa kein Problem damit hat.

Du, nach einer Pause — Glaubst du, sie machen es vor den Puppen?

Ihr prustet los und blättert gleichzeitig die Seiten um.

Mädchen mit dicken Bäuchen, oftmals jünger als du selbst, wandeln durch die Gänge der Pacific High School. Du zählst sie. Im März sind es sieben, am Tag der Zeugnisausgabe halten fünf bereits ihr Baby im Arm, ebenso viele sind hochschwanger. Alles alleinerziehende Mütter, keiner der Jungen Männer ist geblieben. Trotzdem passieren sie jeden Morgen stolz das Tor zur Schule und präsentieren ihre Kinderwägen wie Modeaccessoires. In Anbetracht der verheerenden Epidemie verteilst du in den Pausen heimlich Kondome. Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaft und AIDS sind abstrakte Begriffe, die kein Mädchen etwas angehen, denn fast alle haben das Keuschheitsgelübde abgelegt. Wenn man sie so reden hört, muss der Heilige Geist über der Schule herabgestiegen sein und sie befruchtet haben. Lieber blasen sie reihum die Alphamännchen, anstatt sie zu bumsen, und betonen stets aufs Neue, dass saugen nicht vögeln ist.

Bei dir ist alles anders, nicht wahr? Du liebst. Der Beweis: Jeden Tag, wenn die Schulglocke läutet, lehnt Junger Mann an der Tür seines kastanienbraunen Oldsmobile 76 und wartet auf dich. Der Frühling hat einen langen Atem. Bald könnt ihr euch nur noch in gekühlten Räumen aufhalten, weil draußen bleierne Hitze herrscht. Die milden Tage sind gezählt und gehören für immer euch. Du siehst ihn jedes Mal, noch ehe sein Blick auf dich fällt. Und es verschlägt dir den Atem. Im Augenblick eines Herzschlags entblätterst du die Bäume, fegst den Parkplatz leer und flutest die Leere durch bloße Willenskraft mit blauem Himmel und gleißendem Sonnenlicht, das sich über das Tal erstreckt. Auf deiner Stirn bilden sich Schweißperlen. Wärme durchströmt dich, einfach nur, weil du ihn siehst. Ein unglaubliches Gefühl, sagst du dir. 

Hinter ihm ein kleiner Hügel. Populärer Treffpunkt heimlich Verliebter. Euer Treffpunkt. Auf einem freien Platz mit Bank ganz am Ende des Pfades könnt ihr die Stadt überblicken. Ebenerdige Häuser so weit das Auge reicht, eines wie das andere, man verliert die Orientierung. Du erkennst das Grillrestaurant, in dem Junger Mann Teller wäscht und Burger brät; das Sheffield mit dem Knoblauchbrot, das ihr euch nicht leisten könnt – vielleicht an deinem Geburtstag, wenn Junger Mann genug sparen kann; die Eisenwarenhandlung, wo deine Gastmutter dir zum sechzehnten Geburtstag die Precious-Moments-Figur gekauft hat; der Supermarkt für Heimtierbedarf – die Fabrik von Purina Farm ist nur einen Steinwurf entfernt und im Begriff, der größte Arbeitgeber in der Umgebung zu werden, es ist wichtig, dass jeder wenigstens eine Katze, wenn nicht einen Hund besitzt. Ein mit dem Firmenschild von Pizza Hut verzierter Mast verleiht der Reihe fahler Klötze ein wenig Farbe. Die echte Natur ist weiter weg, hinter dem verwaschenen Grau des Asphalts und dem verstaubten Gelb der Bürgersteige. Die echten Farben sind dort, wo noch Wald wächst oder blaues Wasser fließt. Die Echtheit ist dort, wo zwei Teenager einander zum ersten Mal sagen: Ich liebe dich. 

Ihr sitzt rittlings auf der vergessenen Bank auf dem Hügel und küsst euch. Er schlüpft mit der Hand unter dein T-Shirt, du reibst dich noch ein bisschen fester an ihm. Begierde. Wie eine Brandung. Sie breitet sich in Wellen aus. Droht, alles fortzureißen. Doch das Meer ist zu fern, um den Takt anzugeben. Er drückt deinen Kopf sanft nach unten, lässt dir kaum Zeit zu entscheiden, ob du überhaupt in die Knie gehen möchtest. Gemessen an den anderen bist du keine Expertin, also gibst du dein Bestes. Du saugst so kräftig, dass du Knutschflecken am Gaumen bekommst. Es habe ihm gefallen, hast du mir erzählt, sonst hätte er nicht jeden Tag erneut danach verlangt. Was hast du gefühlt, als er deinen Kopf umklammert hatte: dass du ihn liebst, dass eure Liebe keine Worte mehr, nur noch allerlei Gesten kennt? Die Sintflut als Sinnbild dessen, was du tief in dir fühlst. All das verdankst du einem Blick, der zu blau ist für diese trostlosen Breiten. Die von Scherben und Sträuchern umsäumte Bank hat sich deinem Gedächtnis eingeprägt. Wegen der Knutschflecken am Gaumen und vor allem, weil du zum ersten Mal gesagt hast: Ich liebe dich. Leichte Übelkeit vor jedem eurer Treffen, wie eine Vorahnung. Dir ist schwindlig, du würdest am liebsten die Flucht ergreifen, bis du ihn dann siehst. Wenn er nämlich da ist, fällst du. Es fühlt sich an, als ob du eine Leiter emporklettern und nach unten blicken würdest. Übelkeit und Angst. Deine eigene Art, auf einen Baum zu klettern und Kirschen zu pflücken. Nein, eure Geschichte ist mehr als ein Bier, ein Lagerfeuer und ein Blick, der dir das Herz zerreißt. Sie ist auch eine Begegnung. Die absolute Bindung eines Menschen an einen anderen. Die Aneignung deines Körpers, hast du mir gesagt.

Du spielst dich ganz schön auf, dort oben auf dem Hügel. Tust so, als hättest du Ahnung. Die Sonne wärmt deinen Nacken. Kaum eine sanfte Brise, um das Feuer in dir zu bändigen. Da sitzt ihr nun seit zwei Stunden, habt kaum ein paar Worte gewechselt. Deine Knie sind wund. Du hättest lieber mit ihm geschlafen, dort oben, über allem, was eure Welt ausmacht. Die gleichförmigen Häuser, die Parkplätze, die Fastfood-Restaurants, die sich alles einverleiben, was vom Indianerreservat noch übrig ist. Amerika braucht Platz, Amerika hat Hunger: Hardee’s, McDonald’s, Taco Bell, BP, New China, Highway 66 Auto Sales, Kentucky Fried Chicken, Mobil, Fuller Automotive, Don Flier Motors, Domino’s, Pizza Hut, O’Reilly Auto Parts, White Castle, Wendy, Dave Sinclair Chrysler Dodge Jeep Ram. Und ganz am Ende Pacific High

Obwohl von Stigmata umgeben, ist für dich alles noch kein Missbrauch. Du bist nicht scharfsinnig genug, um das zu erkennen. Wie lange hat es gedauert, bis du verstanden hast? Eine Woche, ein Jahr, drei Jahrzehnte. Stoffdamen, die zu groß sind, um nur Puppen zu sein.  

Nein, auf dieser Bank geht es um nichts als innige Küsse und jugendlichen Sex.    

 

Aus dem Französischen von Ina Böhme

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