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Der Drache

Võ Thị Hảo (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Hai klammerte sich ans Fenster.

Sie starrte nach draußen.

Eine Melodie war vage zu hören. Es schien ihr, als ob die Melodie von unten käme, direkt unter ihren Füßen. Aber dennoch von so weit, wie von der anderen Straßenseite. Wo ein rundes Haus stand und wie ein rostiger Gewehrlauf direkt in den Himmel ragte.

Die Melodie hörte sich mal schwer an, mal leicht. Erst war sie weit, dann sehr nah. Mal drohend. Mal jammernd. Die Melodie umzingelte Hai wie ein Spinnennetz, das eine Eintagsfliege gefangen hielt. Je mehr das Tier zu kämpfen versuchte, um sich zu befreien, desto fester wurde es eingewickelt.

Genau um diese Zeit war die Melodie jedes Mal zu hören. Und Hai versuchte wieder, vor ihr zu fliehen. Sie machte das Fenster schnell zu und verriegelte es zusätzlich mit einer Querstange. Sie ließ den Vorhang herunter. Sie verbarg sich unter der Decke und schaltete den Fernseher in voller Lautstärke ein. Oder drehte die Musik voll auf. Sie sang, sie schrie laut. Sie rief ihre Freunde an. Oder rannte nach draußen. Dann verreiste sie. Weit weg. Doch all das war vergeblich. Nach solchen Versuchen ertappte sie sich letztendlich wieder dicht am Fenster, die Hände fest um die Gitter geklammert. Sie kauerte sich zusammen. Sie reckte den Kopf nach vorn. Ihr Herz schlug unruhig wie ein sterbender Schmetterling. Ihre Handflächen waren schweißnass. Ihre Augen waren weit geöffnet, teils vor Angst, teils vor Aufregung.

Der verzweifelte kleine Schmetterling ließ die Flügel hängen und wartete auf das unausweichliche Schicksal des im Netz Gefangenen.

Sie war also von diesen Geräuschen umzingelt. Als sie noch weit entfernt waren, hörten sie sich an wie ein trauriges Seufzen, wie der Atem des Todes. Von nahem waren sie ein lauter Schrei, der sich bis ins Gehirn bohrte. Manchmal waren sie aber flüsternd, verführerisch honigsüß. Gelegentlich waren sie schmerzerfüllt wie das Weinen einer Witwe, die mit Mühe versuchte, einen langen Atemzug aus ihrer Brust auszustoßen, aber ihr Schluchzen blieb beharrlich unter dem Brustbein vergraben.

In dieser Mischung von Geräuschen glaubte sie Worte zu hören.

 

Ich vermisse mein Haus …, das sich weit … sehr weit weg befindet …

 

Wieso soll ich mein Haus vermissen? Warum vermissen? Warum das Haus? Von wem ist das Haus? Hier ist doch mein Haus. Warum muss ich es weinend vermissen? Man kann verrückt werden!

Und wieso hörte niemand diese Melodie, außer ihr?

Trotzdem ertappte sich Hai letztendlich selbst dabei, wie sie murmelte:

Ich vermisse mein Haus, 

… das sich weit … sehr weit … weg

… befindet …

 

Es klang verführerisch. Es hörte sich an wie die verlockenden Worte einer Hexe.

Dann hörte sie ein Flüstern im Nacken. Es fühlte sich kalt an am Genick. Flehende Worte. Von einem, der nach dem Haus verlangt? Nach ihrem Haus etwa?

Tief liegende Augen, tief-schwarz wie Gräber, schienen sie von der anderen Seite der Straße anzustarren.

Hai war fest davon überzeugt, dass das Haus ein Schlangenpalast war.

 

Sie drehte sich zur Staffelei um.

Die Pinselstriche auf der elfenbeinweißen Leinwand waren fast getrocknet. Ein unvollendetes Bild.

Sie hatte die Landschaft vor dem Fenster malen wollen. Weit dahinter erstreckte sich zwischen den Häusern eines Umsiedlungsgebiets, die erst gebaut wurden, aber schon auseinanderzubrechen drohten, ein Brachfeld. Das Feld, auf dem seit frühester Zeit Pfirsich- und Kumquatbäume gepflanzt wurden und das nun auf den noch nicht genehmigten Bauplan warten musste, war schon üppig mit Gras bedeckt, und nachmittags flogen Mücken in der Luft. Es war ein Ort für Regenwürmer und Müll, für Drogenspritzen und Kondome geworden. Aber die weißen Blütenblätter der Wildblumen erhoben sich immer noch aus dem Felde, hartnäckig und naiv wie sie auch genannt wurden, so unangebracht schön, dass man Tränen vergießen konnte.

 

Und da oben war der Himmel. Die Sonnenstrahlen fielen morgens und nachmittags, heimlich und traurig, hinreißend schön auf das Feld, das den dort arbeitenden Bauern entrissen worden war. Um es in die Hände von Generalprojektanten zu geben, die sich dazu verpflichtet hatten, in den Bau von Häusern für die Armen zu investieren. Sie hatten das Land jedoch für sich besetzt und es dort liegenlassen, um in Ruhe abzuwarten, bis sie es irgendwann wieder mit hundert Mal größerem Gewinn verkaufen konnten. Die frustrierten Bauern wurden dazu gezwungen, mit geringen Entschädigungen zufrieden zu sein, sie bauten mit diesem Geld auch schon Häuser und verwendeten es für die Lotterie, sie wurden beschimpft und auch ihre Kinder schafften es , drogen- oder spielsüchtig zu werden.

Inmitten dieser Szene befand sich ein rundes Haus, das wie ein rostiger Gewehrlauf oder wie eine Ahle in den Himmel ragte und da oben eine schwarz-graue Spur hinterließ.

Das Haus war rund.

 

Der Hauseingang führte zu einer Wendeltreppe. Die Wendeltreppe war laut Feng Shui verwirrend. Man konnte so hoch hinaufsteigen, wie man wollte. Man stieg und stieg, immer weiter, aber egal wie hoch man hinaufgestiegen war, man blieb noch an der gleichen Stelle.

Hai dachte, wer gern dem spiralförmigen Weg folgte, eine Windung nach der anderen, war vielleicht mit Schlangen verwandt.

Immer wenn sie vor der Staffelei stand, schienen Hais Augen wieder an dem Haus zu kleben.

Tagsüber war es eine hohle, zylinderförmige Säule, alt, aber nicht moosbewachsen. Es stand einfach da, sah langweilig aus. Wie eine Leiche, die nicht begraben werden konnte. Es war zwar hohl und leer, wollte jedoch nicht verfallen. Seelenlos. Hai pflegte sich zu fragen, falls dieses Haus wirklich eine Seele hatte, wohin sie aus dieser leblosen Leiche fliehen konnte. Vielleicht würde sie dicht über den Baumwipfeln, über Hausdächer fliegen, an denen jede Art von tiefen, hohen, schief oder gerade stehenden Antennen befestigt war, an den Fenstern vorbei, wo Wäsche zum Trocknen hing, an den staubigen Eingangstüren vorbei auf die schlammige Oberfläche schwarzen Wassers in dem Kanal, der an dem langgestreckten Wohnblock vorbeifloss.

 

Hai erschauderte, wenn sie an einem sonnigen Nachmittag auf einmal einen Schatten sah, der ein Weile im Zickzack die Wendeltreppe hochstieg, bevor er sich aus dem Haus befreite und über dem schwarzen, nach Abwasser riechenden Kanal schwebte, dann spuckend ans Ufer sprang und schließlich hinter den Bäumen versteckt die Straße entlanglief. 

 

In diesem Moment bekam Hai einen üblen Geruch in die Nase. Der faulig-fischige Gestank einer fast verhungerten Schlange, die tagelang dagelegen und tatenlos abgewartet haben musste, bevor sie sich häuten konnte.

Es war der Geruch von Hautstücken, die sich selbst zerstörten, die verdarben und von einem lebenden Körper gnadenlos abgestoßen wurden. Dicke Hautstücke, die beim Absterben von dem glitschigen feuchten Körper teils abgetrennt wurden, teils immer noch ekelhaft an ihm klebten, der gerade erst entstanden war und schon butterweich, kalt und verflucht war.

Nachts war das Haus rund, mit quadratischen Fensterchen, klein wie Handflächen. Die spiralförmige Wendeltreppe, die ein mattes Licht ausstrahlte, sah wie der aufgerollte Körper einer Schlange aus. Je höher man blickte, desto mehr war die Schlange mit schwarzen Augen geschmückt. Die geöffneten Augen waren kahl, sie warfen einschüchternde Blicke auf die Umgebung.

Im runden Haus tobte der Wind. Er pochte an den kleinen, wie Handflächen wirkenden Fenstern. Man konnte die Anzahl dieser Fensterchen nicht feststellen. Es war ein totes Haus.

Hai hörte jedoch oft, wie jemand die Türen öffnete. Sie dann wieder schloss. Erneut öffnete. Es zischte und knirschte dabei. Sie dachte, dass jedes Mal, wenn die Tür geschlossen wurde, ein Geist sich dort meldete und zum Wohnen einzog.

 

„Ich vermisse mein Haus … das sich weit … weit weg befindet“.

 

Es schallte. Dann eine kurze Pause. Und es schallte wieder.

Ein gruseliges und düsteres Lied. Es klang unruhig und war auch nicht unbedingt eine menschliche Stimme. 

Hai war schon lange im Bett.

Die Melodie tönte aus der Ferne durch die Nacht, zerbrechlich und dünn wie ein Haar.

Und das Lied schien so nah heranzukommen, dass es schon fast das Fenster berührte, dann entfernte es sich wieder. Das Lied schien herumzuirren, sich erst zeigen zu wollen, dann aber wieder zu fliehen, es war nicht möglich zu erfahren, wo das Lied seinen Ursprung hatte.

Dann ging langsam die Sonne unter. Das abnehmende Licht des Sonnenuntergangs glitt langsam und träge am Fenster vorbei.

Das Gemälde blieb unvollendet.

Dann kam die Nacht.

Hai ging früh ins Bett. Sie wollte das unvollendete Gemälde vergessen. Und auch die maroden Wohnhäuser.

Die Brachfelder waren voll von Spritzen, rote Augen starrten einander an und dachten über die heutigen Lotterienummern nach. Hai wollte schlafen und aufhören, der Musik und den dunklen Augen des runden Hauses zuzuhören.

Hai lockte ihren Schlaf an, indem sie zwei gekühlte Teebeutel auf die Augen legte. Dann dachte sie an ihr morgiges Date. Eine neue Liebesbeziehung. Ein eiliger Kuss. Sie und der junge Mann im Musikgeschäft. Sie hatten zufällig beide nach der gleichen Platte gegriffen. Nach der Beethoven-Symphonie. Zwei Hände versehentlich aufeinandergelegt. Ihre Augen schauten auf. Und seine Augen waren sehr schön.

Sie zogen die Hände nicht weg.

So schnell ist die Liebe in der Zeit der flachen Welt. 

Süß. Und der Schlaf kam doch nicht. Überdies kehrte die Musik zurück. Es flüsterte, schluchzend. 

Na dann, es war nichts zu machen. Und es war sowieso schon drei Uhr morgens.

Hai kroch vorsichtig aus der Decke und stellte sich ans Fenster.

Draußen war es stockdunkel.

 

Das war es. Draußen gingen die Schatten von Menschen auf und ab, trugen Hängematten aus Fallschirmstoffen und Feuerzeuge mit sich. Einen batteriebetriebenen Lautsprecher. Die Musik kam mit Sicherheit von dort. Vielleicht war es der Lautsprecher des jungen Straßenverkäufers, der ohne Pause Baguettes verkaufte. Nachts klang seine „gelbe“ Musik, die Käufer anlocken sollte, qualvoll und düster.

Wie oft hat sie schon lautlos geklagt: Oh Buddha! Wann wird es solche Leute nicht mehr geben, die nachts trotz der Kälte mit heiserer Stimme schreiend ihre Waren verkaufen mussten.

Aber es war nun nach drei Uhr morgens. Zu dieser Stunde waren keine Händler mehr auf der Straße.

 

„Ich vermisse mein Haus … weit weg … “

Warum nur?

Hier war doch ihr Haus.

Ihre Eltern waren vor einem Jahr darin eingezogen und sie wohnte hier mit ihnen zusammen. Es war nicht einfach, in diesem Wohnhaus so eine Wohnung zu bekommen. Eine Wohnung, die nicht mit dem eigenen Gehalt, sondern mit Prämien oder Vergünstigungen gekauft wurde. Nun hatte Hai verstanden, warum der frühere Wohnungsbesitzer bereit gewesen war, die Wohnung so billig zu verkaufen, und hastig die Schlüssel übergeben hatte: Die Menschen flohen vor dem kühlen Wind, der direkt aus dem auf der anderen Straßenseite liegenden Haus herüber wehte. 

In dem Haus wohnte aber niemand. Es war uralt, voll mit Ratten. Wände und Fußböden waren kaputt. Das Dach stand kurz vor dem Einsturz. Das Fundament war eingesunken und der Raum zwischen Decke und Wänden freigelegt. Ein Haus, das nur Finsternis und Schauder hervorrief. Es stand einfach da. Niemand wagte, es zu renovieren oder zu zerstören.

Weil es Gerüchte gab: Wer es zu zerstören wagte, würde von Geistern mit dem Tod bestraft.

Die Leute in der Gegend wagten nicht, das Haus zu schmähen.

Wer es wagte zu sagen, das Haus sei hässlich, aussätzig, altmodisch, wer versuchte, über einen Abriss zu sprechen oder auch nur darüber, ob man das Haus neu überdachen oder das Fundament stärken sollte, wurde von den Göttern bestraft.

Hai hatte keine Vorstellung davon, warum die Leute in der Gegend diesen Weiler den Weiler der Strangulierten nannten.

Seit sie hierher gezogen war, gab es schon drei Familien, in denen sich jemand erhängt hatte. Einer mit einem Seil. Ein anderer mit einer Fallschirmschnur. In der Nacht hörte eine Frau, wie ihr Mann aufstand und in die Küche ging. Sie dachte, er habe Durst und wolle etwas zu Trinken holen. Also schlief sie ruhig weiter. Als sie am nächsten Morgen noch verschlafen in die Küche ging, um den Reiskocher einzuschalten, stieß sie mit ihrem Gesicht gegen den Zeh ihres erhängten Mannes. Er hatte sich mit einem Seil an einem für den Deckenventilator vorgesehenen Haken erhängt.

Und ein Junge aus der Familie, die am Ende des Weilers wohnte; er kam eines Tages aus der Schule nach Hause und erhängte sich mit einer Fallschirmschnur an einem Querbalken. Er war von seiner Lehrerin gezwungen worden, vor aller Augen die Sitzfläche ihres Stuhls abzulecken. Sein Fehlverhalten hatte darin bestanden, dass er seine Mathenote mit roter Tinte von einer 5 zu einer 7 korrigiert hatte. Grund war auch, dass sowohl die Schule als auch seine Eltern sich vor der Note 5 fürchteten. Jedes Mal, wenn er die Note 5 bekam, wurde er von seiner Mutter den ganzen Tag wüst beschimpft und von seinem Vater auch noch geprügelt, bis er blutete.

Er kniete sich also nieder und leckte die Sitzfläche ab. Die kleine Zunge eines Dreizehnjährigen leckte die raue Sitzfläche ab. Es musste fischig geschmeckt haben. Trotzdem musste er weiterlecken. Seine Kehle trocknete aus. Er weinte still vor sich hin. Die Klasse jubelte. Die Lehrerin schrieb irgendetwas ins Kontaktbuch und ließ es seinen Tischnachbarn zu seinen Eltern bringen. Der Junge nutzte die Gelegenheit, als seine Eltern noch auf der Arbeit waren, und erhängte sich mit einer Fallschirmschnur an einem Querbalken.

Die Nachbarn trösteten seine Eltern: Es sei nicht möglich, dass ein dreizehnjähriger Junge sich erhängte. Im Alter vom dreizehn Jahren sei man nicht in der Lage, sich zu erhängen. Er wollte bestimmt nur spielen, und was dann passierte, war doch nur ein Unglück. Das sagten seine Eltern und seine Lehrerin auch.

Wenn man im Alter von dreizehn Jahren starb, durfte man nicht im Haus auf dem Altar verehrt werden. Der Verstorbene wurde nur als ein kindlicher Geist gesehen. Ein solcher Geist wurde von den Leuten verachtet, aber auch gefürchtet.

Hai horchte, versuchte zu lauschen, ob in der Melodie und im Gesang die dünne weinende Stimme des kindlichen Geistes zu hören war.

Und sie schauderte, als sie auf einmal an den Tod eines Filmregisseurs denken musste, der im anderen Weiler gewohnt hatte, der westlich vom Weiler der Strangulierten lag.

Der Filmregisseur hatte sich nicht erhängt, sondern sich mit einem Messer selbst ausgeweidet, seine eigenen Eingeweide hervortreten lassen und bis zum Tod schmerzerfüllt geschrien. 

Sein Tod hatte den ganzen Weiler gelähmt, mehrere Jahre lang.

Todesfälle durch Erhängen ließen Menschen im ganzen Weiler so fühlen, als ob sie an der Kehle gepackt würden. Nicht so fest, dass man sterben musste. Man war noch lebendig, bekam aber kaum Luft. Und man hatte Angst. Alles erschien furchterregend. Ständig war der Gedanke da: Erhänge dich einfach, dann bist du alle Schuld los. Es schien jedem so, als ob ihm die Luft fehlte. Als ob die Kehle von einem Unsichtbaren so fest zugedrückt wurde, dass man die Zunge herausstrecken musste. Und der Unsichtbare amüsierte sich, indem er die blassen, geschwollenen Gesichter und zappelnden Körper betrachtete, bevor er die Hand langsam wieder lockerte. Wie eine Warnung: Man solle sich vor dem Tod fürchten.

Außer den Straßenhändlern, die überhaupt keine Ahnung von so etwas hatten, wagte keiner im Weiler, nachts aus dem Haus zu gehen.

Man sagte, das Landstück in der Gegend sei vom runden Haus verhext.

Hai drehte sich zum Fenster. Sie hatte Angst, wagte nicht, nach draußen zu schauen.

Sie zitterte, denn sie wusste, dass das Lied nicht aus dem batteriebetriebenen Lautsprecher eines Straßenhändlers kam.

Die Nacht war mond- und sternlos.

Der Gesang löste sich und verstreute sich zögernd, orientierungslos, im dunklen Nachthimmel.

„Ich vermisse mein Haus, weit weg …“

Wem gehörte eigentlich „mein Haus“?

Warum wurde nachts immer wieder so angsterfüllt gesungen? Wer außer ihr konnte diesen Gesang noch hören?

Die Fenster waren schon lange geschlossen.

Trotzdem sah Hai die Augen, die sie regungslos anstarrten, keine Bewegung außer Acht ließen, tags und nachts schwarz-dunkle Blicke aus dem verwahrlosten runden Haus nach draußen warfen.

Hai horchte. Der Gesang sowie die Musik entfernten sich und verstummten. Sie fläzte sich auf das Bett, dann öffnete sie den Fensterladen wieder, während sie das Fenster geschlossen ließ. Auf einmal war ihr bewusst geworden, dass sie gerade hoffte, die Musik wieder zu hören.

Dann schlief sie ein.

 

* * *

 

Es war vier Uhr morgens.

Hai war plötzlich aufgewacht.

Sie sah etwas, das wie ein Lichtstrahl aussah, der obere Teil bildete eine durchgängige Masse, der untere Teil teilte sich wie zwei Beine; das Ding schwebte die Wendeltreppe entlang und versuchte, durch ein Fenster des runden Hauses zu entkommen.

Der Lichtstrahl war durch das fest verschlossene Fenster zur Bettkante geflogen.

Der Lichtstrahl verwandelte sich zu einem Drachen mit roter Haube, der auf den ersten Blick einen sehr majestätischen Kopf zu haben schien. Seine Augen funkelten glänzend, als sie aus ihren Augenhöhlen herausspringen wollten, um auf dem Boden zu rollen und zu tanzen. 

Die Barthaare standen ab,  hingen leicht flatternd in der Luft; der Drache hatte noch alle Klauen und Krallen, sein Körper aber bestand nur noch aus Knochen.

An dem Drachenkörper waren weiße Knochen zu sehen, ordentlich und rhythmisch angeordnet, wie in einem lebendigen Körper.

Es knarrte und quietschte bei jeder Bewegung des Drachenkopfes. Und der Drache stöhnte leise:

Ich vermisse mein Haus, …

das … sich … weit …

sehr weit weg befindet …

Unter dem Kopf des Drachen wimmelte es vor Schlangen. Große wie kleine. Alle Sorten von Schlangen. Die frisch Geschlüpften sahen aus wie kleine Schnecken oder Blutegel, die Größeren wie Aale. Die noch Größeren rollten sich zusammen, bissen mit ihren Mäulern fest in die Halswirbel des Drachen, saugten sich immer tiefer in dem getrockneten Rückenmark des Drachen fest.

 

Aus dem Vietnamesischen von Đăng Lãnh Hoàng

(c) Parataxe 2020

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