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Der erste Jahrestag am Weißen See

Dmitri Dragilew (2020)

Sorry, this entry is only available in German.

Was für unüberwindbare Vorwände (Vorteile, Urteile?) verschaffte sich der Wind, der am Weißen See in dieser ersten Nacht des neuen Jahres zwar vorerst wenig zu spüren war, kaum Trübsal blies, uns aber bald wieder trennen sollte? Welche Unterschiede haben sich der fehlende Schnee von damals und der allgemeingültige (und immer noch geltende, allgegenwärtige) Schnee von gestern ergattert? Sechseckige und symmetrische. Unter welchen Sternen stand ich, gelinde gefragt, gegenüber vom Strand – nur am anderen Ufer, das keinen Stand- und Stil-Arten entsprach. Welche Ständchen, Arien und Serenaden hast Du mir nicht zugetraut, nicht erlaubt, von mir noch nicht erlebt. 

Entlarvt. Das Universum half mir kurz davor: so sehr liebte ich Dich, so stark wollte ich mit Dir sein. Du bist noch vor der Wintersonnenwende zurückgekommen. An Silvester kam es jedoch anders. Ich fuhr durch die Straßen, die fast gefährlich schienen und zitterten. All die Böller und Raketen hätten ganz banal auch meinen Wagen treffen können. Heute weiß ich nicht mehr, warum ich Deinem Entschluss den Jahresübergang an verschiedenen Orten zu feiern, zugestimmt und befolgt habe. Bist Du tatsächlich bei Deiner Verwandtschaft gewesen? Es dämmerte mir – zitiere ich nach Duden. Aber die abendlich-nächtliche Konkursmasse der Böllerschüsse hatte sich zu dieser frühen Stunde einer korallenfarbigen Morgendämmerung bereits verflüchtigt. Nichts, außer Party-Müll, der zurückblieb. Auch das verflossene Jahr blieb mir, trotz seltsamer Wendungen, einiges schuldig. An der Tür sollten jedoch bald nur neue Kollateralschaden klopfen. Ein zwanzig Jahre altes Unwort.

Heute lancierst Du gewagte Effekte. “Was hast Du vor?”, – wäre sinnvollerweise zu fragen, aber wir reden nicht miteinander. Möchtest Du mich necken oder gar ärgern? Mich Dir vorknöpfen. Um gar zu köpfen. Die Ferne, die Du gesucht hast, scheint Dir dabei zu helfen. Und wenn ich das Foto anschaue, das ich damals am einsamen, bereits stillen Seeufer nach der durchzechten Neujahrsnacht geschossen habe, frage ich mich, was falsch war. Beschwöre ich jetzt meine alten Gefühle herauf? Rufe ich die Geister wieder? Schlummern sie noch in mir? Oder blieb alles an diesem vom gedämpften Liebeskummer durchtränkten, aber sehr diffusen, undefinierten ersten Tag der neuen 365-Staffel hängen, die ich vergebens beschwor, fair zu sein, besser zu werden.

 

Betonung losgelassen, losgelöst 

von Last der Regeln; Rüschen, Kräuseln, Raffen – 

wie täglich Brot, nam prodannyj s koljos*

sprich: gleich realisiert bei den Schlaraffen, 

kein Fisch, kein Fleisch, Belohnung ausblieb 

für Kauderwelsch, ob Russisch, ob Klingonisch: 

“Vergiss mein nicht, mein Fräulein, sei so lieb,  

ich fleh’ Dich an!“ Und höre nur:  

 

Ty gónisch*

Was für ein Bullshit und mentaler Müll, 

seit eh und je gehst Du mir auf die Steine,  

und bloß deswegen ja rvanú v ijúl –  

tam shdjot menjá davnó lubóvnik tájnyj*!  

Tanz in den Mai, versetzend in July, 

für einen Lover werd’ ich mich abkoppeln.  

Egal wie heißt er – Matze, Nikolai, 

fährt er Ferrari oder alten Opel. 

Bleibt nur der Wind, den uns Venedig bringt. 

Mal heiß, mal kalt, Scirocco, Tramontana. 

Man schreibt im Ring und er ist schnell im Sprint…“ 

 

Erbaulich und tröstlich wie Fontane, 

entgegne milde, mehr noch – mit Verlaub, 

in alle Sprachen ungereimt versunken, 

wie gelb war’s heute Nacht vor lautem Laub, 

und stelle fest, dass Liebe nicht gesund ist. 

Spiel’ nie den Klang, den Du nicht wirklich willst, 

sind schließlich alle einsam – spricht das Leben. 

Wohl gilt’s stabil zu bleiben, weder wild, 

noch häuslich, und am Teuren nicht kleben. 

Ich bin nicht weise, keineswegs fragil. 

Lässt Draghi-Löw gewisse Fragen sehen 

(was wird nun walten, was geschieht und gilt)  

im andren Lichte? Ein Automobil 

grad wirft sein Licht, wie Gruß vom Weißen See. 

 

1* Ganz frisch (für uns) verkauft, “direkt aus dem Ofen” (russ.).
²* Du spinnst (russ.)
³* Ich breche in den Juli auf, ein heimlicher Geliebter wartet dort auf mich (russ.)

 

 

 

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