Languages
Content Who? About us Events Submissions Submenu
« back

Der weiße Kater

Eliza Panagiotatou (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Ich lasse mich nicht oft begeistern. Natürlich mag ich Frauen, schöne Frauen vor allem, obwohl viele nicht so hübsche auch ihren Charme haben. Oft reicht es mir, sie einfach zu beobachten. Nicht immer, aber oft genug. Ab und zu möchte ich etwas mehr, und dann setze ich mich dafür ein. Etwas mehr kann einfach ein Kuss sein, oder das Versprechen eines Kusses oder die Sicherheit, dass ich, wenn ich es nur wollen würde, einen Kuss bekommen würde. Dann verfliegt das Gefühl wieder. Meistens glauben sie, dass es nun intimer werden müsste zwischen uns, aber mein Bedürfnis hat sich in Luft aufgelöst und ich setze sie auf Eis. Sie verstehen nicht, was da vorgeht, ich spüre, wie sie sich fragen, was sie falsch getan haben, aber ich will einfach nicht mehr – weder diese eine noch irgendeine andere. Ich will einfach nicht.

Wie auch immer, ich lasse mich nicht oft begeistern. Das verleiht meiner Begeisterung wiederum einen besonderen Wert, wenn sie denn auftritt, ganz im Gegenteil zu jenen, die sich ständig für etwas oder jemanden begeistern, denn meine ist seltener und, je seltener etwas vorkommt, desto höher sein Wert. Das ist ein allgemein gültiges Gesetz des Marktes. Manche Frauen gefallen mir wiederum am Anfang, sie scheinen mich eine Zeit lang zu bezaubern, aber dann vergeht das Gefühl. Oft tun sie dann etwas, sie machen einen unüberlegten Kommentar oder eine unbeholfene Bewegung, und werfen bei mir die Frage auf, wie es denn sein konnte, dass mir ein solch tollpatschiges Wesen gefallen hat.

Aber mit ihr nahm die Geschichte einen anderen Lauf. Sie gefiel mir nicht einfach; sie brannte sich in mich ein. Ich weiß, dass das lächerlich klingt, aber genau das geschah. Sie war mit Sicherheit weder die Schönste, noch die Beeindruckendste. Sie war aber diejenige, die blieb. Nachdem ich sie drei Mal gesehen hatte, begann ich sie zu benötigen. Nicht mich in sie zu verlieben, sondern sie wortwörtlich zu benötigen. Wenn ich sie nicht sah, dachte ich ständig nur an sie. Komisch war nur, dass ich mich nicht gut daran erinnern konnte, wie sie aussah. Ich strengte mich an, schaffte es aber einfach nicht, was mich wiederum noch ungeduldiger machte, sie nochmal zu sehen. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren und wartete nur darauf, sie zu treffen. Davon erzählte ich ihr nicht. Leicht war es auf keinen Fall.

Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, geschah das vielleicht, weil sie so vollkommen war. Ihr Körper lebte innerhalb einer klaren Kontur, die sie fest umschloss. Das soll keine poetische Metapher sein, ich versuche, etwas mir bis dahin Unbekanntes zu beschreiben, einen von seiner Kontur umgrenzten Menschen. Während ich jetzt versuche, dies zu beschreiben, fällt mir auf, dass es sich nicht um eine Kontur handeln konnte. Eine Kontur hat etwas Zweidimensionales und zweidimensional war sie auf keinen Fall. Es war etwas wie ein über einen Mantel getragener Mantel, eine eng auf ihrer Haut anliegende zweite Haut. Wie auch immer, sie ist, wie sie ist, und sie heißt Niki. Kurze rote Fingernägel, kurze braune Haare, auf ihrem straffen Körper eng anliegende Kleidung. Nichts Überflüssiges dabei.

Bereits bei unserer ersten Verabredung hatte mir Niki gesagt, sie wohne weit weg. Das schien mir logisch, fast beruhigte mich die Auskunft, wie könnte es sonst sein, dass ich sie nie zuvor gesehen hatte? Ich meine, ich bin viel unterwegs und sie wäre mir sicher aufgefallen, hätte ich sie gesehen. Etwa so habe ich es ihr dann auch gesagt, worüber sie leicht sarkastisch lachte. Seitdem nennt sie mich lachend Don Juan, wenn sie zärtlich zu mir sein will. Ich mag das, es schmeichelt mir, wenn sie mich so nennt. Sie spricht den Namen dann auch immer süßer aus, als die anderen Worte im Satz. Und nun hat Don Juan in diesem Scheißflughafen Nikis Kater verloren.

Zu meiner Rechtfertigung kann ich nur sagen, dass ich es gut mit ihm gemeint hatte. Er war mir auf den Senkel gegangen, hatte seit Stunden gemiaut, zuerst laut, dann etwas leiser, leiser und leiser, kurze Pause, Luft holen, Hoffnung, dass er aufgehört hat, aber nein, er fing wieder an, er miaute so laut, als würde er auf der ganzen Welt gehört werden wollen, bis jemand käme, um ihn zu retten. Er tat mir leid, obwohl ich eigentlich gar nicht an ihm hing. Das eigentliche Problem ist nicht dieser Kater. Das eigentliche Problem ist viel grundlegender und vielleicht auch eine Grundsatzfrage. Ich konnte nie verstehen, warum man mit einem Tier zusammen im selben geschlossenen Raum leben musste. Meine Theorie, Haustiere wären ein Beweis von Einsamkeit, hat sich mit den Jahren als unhaltbar erwiesen. Trotzdem habe ich nie begreifen können, was in einem Menschen das Begehren weckt, dieses Problem zu einem Teil seines Lebens zu machen, vielleicht weil mich das Ganze kaum beschäftigt hatte, bevor ich Niki kennen lernte. An den wenigen Abenden, an denen Niki und ich zusammen ausgingen, bevor sie wieder an den entfernten Ort zurückflog, wo sie wohnte, war mir die Existenz des konkreten Problems Kater noch völlig unbekannt. Niki gehört nämlich nicht zum Typus Frau, die Fotos ihrer Haustiere auf dem Handy zeigt und dann Erstaunen und Bewunderung erwartet. Als ich sie, nicht lange später, bei ihr zu Hause besuchte, eine Entscheidung, die ich bewusst traf und die auf keinste Weise als Produkt einer Anfangsbegeisterung verstanden werden sollte, sagte sie mir schon an der Haustür, fast noch während sie mich Willkommen küsste, ich hoffe, du hast keine Katzenallergie. Ich antwortete, keine körperliche, lediglich eine psychische. Sie küsste mich noch einmal, und sagte, ich meine es todernst, und zeigte mir ein weißes Etwas, das mich vorbehaltsvoll vom Sofa her anschaute.

Und so fand ich mich mit einem miauenden Kater in der Transitzone eines Flughafens wieder. Seit fast zwei Stunden ließ er nicht nach. Am Anfang dachte ich, er werde sich schon erschöpfen, aber davon konnte nicht die Rede sein. Er legte kurze Pausen ein, um Kräfte zu sammeln, und machte dann weiter. Ich hatte den schwarzen Katzenrucksack zwischen meinen Beinen abgestellt. Er besaß auf einer Seite eine Art Fenster, damit der Kater rausblicken konnte, wenn er denn wollte, und sich drinnen nicht gefangen fühlte. Bezeichnend dafür, wie sehr ich auf ihn aufpasste, war, dass ich ihn mit auf Toilette nahm, als ich pinkeln musste, damit auch niemand auf die Idee kam, einen nervenzermürbend miauenden Kater zu klauen. Das lag ausschließlich und allein an Niki. Sie hatte mich zum Flughafen gefahren, zum Abschied geküsst, mir den Rucksack in die Hand gedrückt und gesagt, Don Juan, an deiner Stelle würde ich gut auf den Kater aufpassen. Danach gab sie mir keinen weiteren Kuss mehr, wodurch klar wurde, dass sie wollte, dass die Warnung, die einer Drohung gleichkam, das letzte gesprochene Wort zwischen uns blieb. Ich solle gut auf den Kater aufpassen. Als ich ihn mit aufs Klo nahm, stellte ich den Rucksack auf den Fußboden, zwischen meine Beine und die Beine des Typs, der neben mir stand und mich mit einem Blick anschaute, der verriet, dass er mir irgendeine Perversion zutrauen würde. Als ich seinen Blick scharf erwiderte, ruderte er innerlich zurück und schaute genau dorthin, wo man in Männerklos hinschauen sollte, das ist nach unten, Richtung Schuhe, statt nach links oder rechts.

Ich hatte mich inzwischen damit abgefunden, dass ich die Nacht mit einem Kater verbringen würde, der so herzzerreißend schrie, als sei sein Leben in Gefahr. Etwa zehn Minuten nach dem kleinen Ereignis in der Toilette dachte ich, dass der Kater vielleicht Hunger oder, noch schlimmer, Durst haben könnte und dass er vielleicht zu Schreien aufhören würde, würde ich ihm etwas Wasser geben. Dann könnte ich, ebenso wie die arme Japanerin neben mir, schlafen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie sich nicht irgendwo anders hinsetzte, einfach irgendwo andershin. Hätte ich selbst die Wahl, würde ich mich eher auf den Boden am anderen Ende des Flughafens hinsetzen, statt hier, auf diesen Sitzplatz neben dieser Nervensäge. Mir kam der flüchtige Gedanke, dass sie vielleicht absichtlich hier sitzen blieb, um zu beobachten, was ich mit dem Kater tun würde. Frauen tun ja oft so etwas, ohne irgendjemanden zu fragen. Vielleicht wartete sie ja jetzt, um festzustellen, wie lange ich den armen Kater in diesem Zustand lassen würde, ohne irgendetwas zu tun. Aber ich beschloss das zu tun, das ich auch ohne sie auf dem Sitzplatz neben mir getan hätte. Sie würde natürlich für immer und ewig davon überzeugt sein, dass sie mich durch ihre Anwesenheit dazu verleitet hätte, aktiv zu werden. Wie auch immer, ich beschloss, den Rucksack einen Spalt zu öffnen und dem Kater den Deckel meiner Wasserflasche mit Wasser gefüllt hineinzureichen, damit er sich vielleicht nach ein paar Schluck beruhigt. Das ist zwar nicht viel Wasser, aber seine Zunge ist ja auch klein. Außerdem sollte er sich mit dem genügen, das ich ihm anbieten konnte.

Also öffnete ich den seitlichen Reißverschluss und, kaum hatte ich die Hand drinnen, war der Kater draußen. Ich weiß nicht, wie er durch die Öffnung gepasst hat, er schaffte es aber zu entkommen. Seit zwei Stunden sind Ansagen zu hören, dass in der Transitzone eine weiße Katze gesucht wird. Als ob noch weitere Katzen frei herumlaufen würden. Ich möchte ihnen sagen, Sie suchen nach einer Katze Punkt aus. Als ich nach drei Stunden beginne, daran zu glauben, dass er den Geheimausgang gefunden hat und für immer in Ägypten bleiben wird, schicke ich ihr eine SMS, dass Don Juan den Kater verloren hat, aber dass die Ägypter ihn vergöttern werden, um fast sofort die noch lakonischere Antwort zu erhalten, dass ich ihr lieber ein Foto des Katers schicken sollte, sie meine es todernst.

 

Aus dem Griechischen von Kostas Tsanakas. Lektorat von Stefan Dähnhardt

≡ Menu ≡
Homepage Content
Events Submissions
Authors Translators Moderators
About us Partners Gallery
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Events Press