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Der Weltbürgersteig

Yoko Tawada (2020)

Sorry, this entry is only available in German.

Seit Monaten verbringe ich ungewöhnlich viel Zeit auf dem Bürgersteig, dabei habe ich das Gefühl verloren, eine Bürgerin zu sein. Immer weitergehen und niemals ein Gebäude betreten. „Spaziergang“ könnte man dieses Umhergehen ohne Portemonnaie und Einladung nennen. Inzwischen klingt das Wort „Spaziergang“ aber nach einer Beschäftigungstherapie, hat nichts mehr mit Flanieren zu tun. Der Ausdruck „frische Luft schnappen“ erinnert mich an die domestizierten Karpfen, die verzweifelt an die Wasseroberfläche kommen und ihre Mäuler öffnen, als könnten sie nicht mehr unter Wasser atmen. Auch die Redewendung „sich die Beine vertreten“ vermeide ich, da ich niemanden mehr vertreten möchte. 

Es ist lange her, dass ein Mensch mich zur Begrüßung auf die Wange geküsst hat. Nicht, dass ich das vermissen würde. Aber diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Der letzte Kuss war sicher nicht im Januar auf dem Flughafen Narita in Tokyo. Im Flughafengebäude trugen schon fast alle Touristen einen Mundschutz und selbst wenn nicht, hätten sie nicht meine Wange geküsst. Mein Flugzeug landete in Paris-Charles-de-Gaulle, genau wie in den letzten dreißig Jahren, und ich fuhr mit einer muffig-winterlichen U-Bahn in die Innenstadt. Die Freundin, mit der ich mich im überfüllten Café Les Deux Magots verabredet hatte, war eine Freundin, die eine koreanische Mutter hatte, und ihre Lippen blieben bei der Begrüßung meiner Wange fern. Dann ging ich zum polnischen Buchladen, der sich auch auf dem passantenreichen Boulevard Saint-Germain befand. Die Veranstalterin der Lesung stammte von einer Nordseeinsel und das musste der Grund gewesen sein, weshalb sie mich auch nicht auf die Wange küsste. Umgeben von Bücherregalen saß das Publikum zwei Stunden lang eng zusammen und tauschte den Hauch des Geistes miteinander. 

Anfang März flog ich nach New York. Der amerikanische Präsident behauptete noch, die Pandemie würde sein Land niemals erreichen. Ich umarmte chinesische, jüdische und niederländische Amerikanerinnen, saß in einem engen vietnamesischen Restaurant und inhalierte mexikanische Kunst im Whitney-Museum. Als ich nach Berlin zurückkam, wurden alle geplanten Lesungen bis zum Sommer verschoben oder abgesagt. Ich streiche oft Wörter aus meinem Manuskript, aber es war mir neu, aus dem Terminkalender Ortsnamen zu streichen. Das Wort „Zeitgefühl“ fand ich verlogen, denn es war nie ein Gefühl, was mir die Zeit begreiflich machte. „Zeitlosigkeit“ hingegen war eine Emotion. Sie nistete in meinen Lungen, dem Hauptsitz meiner Seele. Die Zeitlosigkeit fühlte sich konkret an wie Trauer oder Freudentaumel. Das einzige, was mich noch an das Fortschreiten der Zeit erinnerte, war die Arbeit an einer neuen Erzählung. Ich spuckte ein schimmerndes Seidengarn aus dem Mund und bildete einen Gedankenkokon, in dem es mehr Sauerstoff zum Einatmen gab als auf einem Bürgersteig. Abends öffnete ich das kleine Fenster des Kokons und besuchte die Wechselausstellung der Weltpolitik. Es gab keine Kunst, die mich überraschte. Wer sich schon immer in Richtung Autokratie dachte, machte ein paar weitere Schritte in dieselbe Richtung. Wer sich schon immer um die Demokratie kümmerte, verteidigte sie umso eifriger. Wer sich von der EU trennen wollte, entfernte sich weiter von Europa. In den Ländern mit einem weiblichen Kopf wie Taiwan, Neuseeland oder Deutschland schienen die Bewohner mit der Politik zufriedener zu sein als in den testosterongesteuerten Ländern. 

Wenn niemand daran sterben müsste, würde ich sogar den Coronavirus als Metapher für den idealen Weltbürger preisen, der mühelos Länder- und Religionsgrenzen überschreitet, sich stets verwandelt, um sich einer neuen Umgebung anzupassen und sich durch menschliche Kontakte, intensive Gespräche, Konzerte, Lesungen oder Theaterstücke lebendig hält. Er liebt es, Großeltern und kranke Freunde zu besuchen. Er schadet keiner Pflanze, tötet kein Tier, kontaminiert weder die Luft noch das Wasser. Neben so vielen positiven Eigenschaften gibt es einen einzigen Haken: Er schadet uns. Wenn auch ich eine Verschwörungstheorie verbreiten dürfte, würde ich behaupten, der Coronavirus habe vor, als ein besserer Weltbürger unseren Planeten zu übernehmen.

 

Originalbeitrag für (c) stadtsprachen magazin 2020

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