Languages
Content Who? About us Events Submissions Submenu
« back

Die Insel der begrenzten Möglichkeiten

Dora Kaprálová (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Anfang März wachte die fünfundvierzigjährige Tänzerin Evelína in ihrer kleinen Wohnung in Neukölln mit einem wissenden Lächeln im Gesicht auf.

„Ich bin auserwählt“, sprach sie auf Slowakisch im Traum zu jemandem, dem sie vollkommen vertraute.

„Und wie kommst du drauf?“, antwortete ihr die unbekannte Stimme.

„Du bist doch nur neidisch!“, stieß Evelína mit unerwarteter Heftigkeit hervor und erwachte.

Evelína Mesárošová wurde als Kind kommunistisch-katholischer Eltern in Košice in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Gerade deshalb glaubte sie seit jeher, dass der Mensch vor allen Dingen freundlich sein musste, denn die Hölle existierte wirklich.

Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei tanzte sie in einem Budapester Ballett-Ensemble.

Aber auch aus Budapest war sie schon längst verschwunden.

Seit zwanzig Jahren lebt sie nun schon in Berlin.

 

Nach Berlin war Evelína als hoffnungsvolle Siegerin eines internationalen Wettbewerbs gekommen und wurde Mitglied eines ehrgeizigen Ensembles unter der Leitung des Choreographen Pierre Avazar. Allerdings kam es auf der dritten Europatournee zu ein paar unglücklichen Verwicklungen mit dessen Liebhaber.

In Kopenhagen zog sie sich einen Schlüsselbeinbruch zu, in Bremen riss sie sich den Schultermuskel ein, in Berlin verstauchte sie sich den Knöchel, und das Ergebnis von all dessen war, dass in einem Jahr zwanzig Kilo zunahm.

Die Tanzgruppe passte mit der Zeit ihre Verträge an und Evelína tanzte immer weniger, bis die Umstände sie letztendlich dazu zwangen, auf den Märkten in Prenzlauer Berg Ökoseife zu verkaufen. Aber sie gab nicht auf. In ihrem uferlosen Optimismus kopierte sie hunderte Flyer mit dem Angebot von Tanzworkshops für Kinder von drei bis sechs Jahren.

Zur ersten Stunde des Tanzworkshops im gemieteten Studio kamen allerdings nur zwei kleine Mädchen. Eines war gerade zwei Jahre alt und weinte die ganze halbe Stunde durch; das andere, dreijährige, setzte sich mit seinem Buch Der Papagei und der Esel in eine Ecke und hüpfte quieksend erst dann hoch, als die rundliche Evelína zum Thema In der Manege tanzt das fröhliche Elefantenbaby improvisierte.

Zur zweiten Stunde kam niemand mehr.

Damit schloss Evelína dieses Kapitel in Sachen Unternehmen ab.

Vielleicht bin ich eine andere Art von Künstlerin…, sagte sie sich dann in der Nacht bei einem Becher kalten Nachtkaffees in Neukölln.

Im Hof blies ein scharfer Februarwind und zwischen den Mülltonnen liefen die hungrigen Ratten herum.

 

Evelína meldete sich beim Arbeitsamt und bezog Arbeitslosengeld. So ging es jahrelang. Sie erlebte einige flüchtige Liebesaffären und leistete belanglose Nachtdienste an der Bar ab, die eher nicht der Rede wert waren.

Erst als sie auf die vierzig zuging, war Evelína das Glück hold. Zumindest in Liebesangelegenheiten. Bei ihrem Psychotherapeuten, den sie nach dem Fiasko mit dem Tanzworkshop aufzusuchen begann, traf sie auf José.

José war zehn Jahre jünger, kam aus Lissabon und strebte eine Promotion in Philosophie an. Er beschäftigte sich in Berlin mit Wittgensteins Philosophie und neuerdings auch mit Evelína und ihrer slowakisch-ungarischen Liebenswürdigkeit. Jeden Tag verbrachten sie ihre Zeit am Weißensee. Sie betranken sich ein wenig, manchmal auch ein bisschen mehr, und Evelína plante schon mit diesem dezent matriarchalisch veranlagten Jüngling eine Familie und für ihn eine (schon reichlich nötige) Alkoholabstinenz. Aber all das nur solange, bis José im Herbst mit einer bipolaren Störung in der Berliner Charité landete und später dauerhaft in der Pflege bei seiner Mama in Lissabon.

Ja… José war verschwunden. Und Evelína?

Sie schwang sich über die Vierzig hinweg und nahm weitere fünf Kilo zu. Sie lebte weiterhin von Sozialhilfe, trainierte Aikido und manchmal las sie aus purer Nostalgie für ihren Liebsten Wittgensteins Schriften, jetzt auch auf Deutsch.

Die Jahre flogen dahin und Evelína flog mit ihnen.

 

Damals schrieb sie manchmal Gedichte; und das war für sie eine ganz andere, aber dennoch absolut logische Verknüpfung. Sie schrieb einfache Verse auf Slowakisch, die von Körper und Sprache handelten.

Sind Engel wirklich echt?

Haben sie nur Augen, Ohren, Mund und Hände?

Oder auch ein Geschlecht,

Mit dem sie uns behände streicheln bei Nacht?

 

Wittgenstein faszinierte sie und zog sie in seinen Bann. Und sie absorbierte ihn, wie sie sich manchmal kurz vor dem Einschlafen sagte, den Becher mit kaltem Kaffee neben dem Bett, im Hof der scharfe Wind und die hungrigen Ratten…

Die Variation von Wittgensteins Satz Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen entwickelte sich mehr und mehr zum Motto ihres neuen Tanzprojektes, von dem sie immer wilder träumte.

„Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen“, wiederholte sie konzentriert auf Slowakisch in die Stille ihres Zimmers, den Kuli zwischen die Lippen geklemmt…

Einige weitere Liebesaffären gingen ins Land.

Vielleicht ist es so unerhört, dass ein Mensch leidet, dass ein ältlicher Mensch müde und einsam ist, und dass er sogar halb verrückt wird?, schrieb sie eines Abends im November auf Slowakisch einen weiteren Satz von Wittgenstein an die Küchenwand.

Was gesellschaftliche Dinge betraf, so wurde sie noch sensibler, soweit dies überhaupt möglich war. Sie fuhr, um zu helfen, ins Flüchtlingszentrum nach Tempelhof, brachte der alten Nachbarin regelmäßig den Müll hinunter und legte Essensreste für herumstreunende Katzen hin.

Gelegentlich kam ihr ein merkwürdiges Bild in den Sinn, das ein richtiges Gedicht war:

Mein Leben ist schnell wie ein Flüsschen,

das nicht fließt.

Aber die meiste Zeit, das müssen wir zugeben, fiel Evelína überhaupt nichts ein. Sie gab sich dem zenartigen Fluss der Zeit hin, manchmal notierte sie diesen außersprachlichen Fluss halb in Trance, wie bei einer Zeremonie, auf Zettel und dann tanzte sie mit ihnen durch die Küche mit dem Blick zum Hof hinaus. Einmal im Monat ging sie zum Jobcenter, zweimal im Jahr zur Fördersitzung freischaffender Künstler oder zu irgendeinem unsinnigen Coaching, bisweilen zu ihrem Psychologen.

Und dort, bei einer Adventssitzung, kam es ihr endlich: Familie hatte sie nicht. Alles hatte sie der Kunst geopfert. Ja, sie ist eine Künstlerin! Und als Künstlerin würde sie sich ihrer Kunst voll und ganz widmen.

Im Januar schrieb sie das Konzept für ein Tanzprojekt mit dem Titel Wittgensteins Sätze getanzt. Sie füllte einige Anträge zur Projektförderung aus und fand heraus, dass sie ihre Biografie in Wikipedia stellen konnte. Das erstaunte sie und relativierte gleichzeitig ihre Bewunderung anderen Tänzern gegenüber, die schon seit Jahren im Web zu finden waren.

Noch am selben Abend ging sie ins Kino und sah sich Wim Wenders’ Film über die legendäre Choreographin Pina Bausch an.

Und dort passierte es… Auf dem Heimweg musste sie weinen, die Tränen liefen ihr gleichzeitig aus dem inneren und äußeren Augenwinkel. Evelína bereicherte ihr Leben um eines der schönsten Erlebnisse: ein Treffen mit Pina Bausch.

In der Nacht schrieb sie ihre Biografie fertig und dann, nach kurzem Überlegen, fügte sie unschuldig hinzu, sie hätte im Jahre 2010 in der berühmten Vorstellung von Pina Bausch mitgetanzt, Sweet Mambo.

Alles wäre in Ordnung gewesen. Alles. Bis auf…

 

Das Geld für Wittgensteins Sätze getanzt hatte sie nicht bekommen. Dafür tauchte in der Post eine Mail von dem österreichischen Filmemacher Paul Čejka auf, einem ehemaligen tschechoslowakischen Emigranten aus Wien, der über zeitgenössischen Tanz in Europa recherchierte. Er schrieb, ihn als Wiener hätte ihre aufrichtige Leidenschaft für Wittgenstein angezogen. Am meisten aber hat mich gefreut, dass sie Pina Bausch persönlich begegnet sind. Sie eignen sich für meinen Film geradezu fantastisch, geschätzte Frau Mesárošová. Seine ansonst sachliche Mail beendete er mit dem Satz, Evelína könne alles, was er im Leben geleistet hätte, herausgoogeln. Und dazu noch ein unverbindliches Smiley. Evelína googelte ihn und fand heraus, dass dieser ein paar Jahre jüngere Schulfreund von Miloš Forman über zwanzig Spiel- und Dokumentarfilme gedreht hatte. Das könnte klappen…

Die Welt strahlte wieder und an den Bäumen zeigten sich die ersten Knospen des Frühlings.

Und am Tage dieser ersten Frühjahrsknospen reiste der Filmemacher Paul Čejka von Wien nach Berlin. Sie trafen sich am frühen Abend im Café Pasternak. Evelína spürte, wie sie ihr Leben nach jahrelanger, matter Passivität wieder fest im Griff hatte.

Sie betrat das Café, blickte sich etwas nervös um, sah aber sonst blendend aus. Kein Verstecken von Speckröllchen mehr! Das Strickkleid saß wie angegossen. Aus ihren Augen strahlte die Entschlossenheit einer selbstbewussten Künstlerin mittleren Alters, eingeweiht in die Geheimnisse, wie man Wittgensteins Schriften über die Sprache tanzen könnte.

Und dort, in der Ecke des Cafés am Fenster, saß er. Der Regisseur von europäischem Rang, der allerdings die letzten Jahre zurückgezogen bei Mikulov lebte.

Aber auch so… Auch so war er überrascht gewesen… Dem Foto nach dachte er, Evelína wäre um zehn Jahre jünger und um zehn Kilo leichter (und er schämte sich für seine machistischen Vorstellungen). Vielleicht kam ihm in den Sinn, er selbst könnte zehn Jahre und zehn Kilo weniger haben, oder dass er das zumindest verdient hätte.

Sein überraschtes Gesicht machte Evelína betroffen. Sie setzte sich ihm gegenüber, kreuzte die Beine wie ein Schulmädchen und bestellte verlegen einen russischen Tee. 

„Paul Čejka“, stellte er sich vor.

„Evelína Mesárošová…“, erwiderte sie.

„Pressiert’s Ihnen?“

„Natürlich, was denken Sie denn…“

In diesem Augenblick bekam sie einen Anruf von ihrer Nachbarin, Uta, einer erfolgreichen Kulturmanagerin.

„Oh, meine Produzentin“, sagte Evelína plötzlich auf Deutsch, wedelte hastig mit der Hand und trank aus dem leeren Glas.

„Kommst du zu meiner Party?“, johlte Uta fröhlich ins Telefon. „Koffi Amman ist auch hier, er hat mal für Pina Bausch getanzt!“

„Ich komme gern“, antwortete Evelína matt und beendete das Gespräch.

„Wann haben sie Pina Bausch eigentlich getroffen? Wissen Sie…denn, da stimmt nämlich was nicht, sie beide sind 2010 zusammen aufgetreten, und da war die ja schon tot…Oder täusche ich mich?“, sagte Paul Čejka traurig lächelnd und bestellte Blintschiki.

Evelína war von Natur aus keine Lügnerin.

Ihr schwirrte der Kopf, sie errötete und schluckte trocken.

Eine alte Frau fütterte draußen gerade die Tauben.

Evelína trank wieder aus dem leeren Glas und unter den Achseln zeichneten sich feuchte Flecken ab. Die Sekunden vergingen und die Tauben pickten rhythmisch die Körner auf.

„Wie soll ich es Ihnen bloß erklären“, setzte Evelína leise in der weinerlichsten aller Sprachen der Welt (dem Slowakischen) an, ihren Blick starr auf die alte Frau und die pickenden Tauben gerichtet. „Eigentlich fällt es mir jetzt ein… dass, je weiter, öfter… dass, dass, dass wenn – dass worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen.“

Paul Čejka kam die mollige Erscheinung von Evelína schmerzlich rührend vor.

Doch dann spürte er auch noch einen weiteren Schmerz. Er spürte, wie ihn nach der zehnstündigen Fahrt mit dem Zug (im Flugzeug war es sein hoher Blutdruck) der Rücken ärgerte.

„Entschuldigen Sie mich bitte für einen Augenblick? Ich habe noch ein Arbeitstreffen. Ich müsste mal telefonieren“, log er heiser und stand mit gesenktem Oberkörper auf, als ob er sich vor ihr verbeugen würde…

Im Café ging gerade die Titelmelodie aus der sowjetischen Trickfilmserie Na warte, Hase zu Ende.

Aus der Toilette heraus rief der achtzigjährige Filmemacher sich ein Taxi, und weil seine Rückenschmerzen schon unerträglich waren, schaffte er es nicht mehr zu bezahlen und so humpelte er direkt auf die Straße, was ihm angesichts dessen, wie elend Evelína vor einem Augenblick ausgesehen hatte, ehrlich leidtat.

Eine Minute später winselte er im Taxi vor Schmerzen und er winselte auch den ganzen Abend, zur verstummten Wand seines Hotelzimmers im Motel One gedreht. Zur Wand eines Zweibettzimmers, das heute Nacht einen edlen Gast erwartet hatte, eine ehemalige Tänzerin von Pina Bausch.

 

Evelína wartete eine Stunde, zwei, und dann begriff sie endlich — Paul Čejka hatte sich frech davongemacht.

Evelína bekam Kopfschmerzen.

Sie verließ das Luxuslokal, und weil sie auch für diesen Geizkragen bezahlt hatte, beschloss sie, eine bereits benutzte, aber noch gültige U-Bahn-Fahrkarte vom nächstbesten Obdachlosen zu kaufen.

Auf dem Bahnsteig spazierte ein zugedröhnter Typ mit einer zahmen Ratte im Ärmel entlang. Er bot ein Ticket zum halben Preis an, doch als Evelína das Ticket aus der Nähe betrachtete, stellte sie fest, dass es ungültig war. Das machte sie fertig.

„Du solltest etwas Anständiges arbeiten“, sagte sie mütterlich zu ihm.

Der junge Mann fing an, einen lustigen Tanz im Stil des ersten Tänzers von Pina Bausch aufzuführen.

„Hey, Madame, ich stehle nicht, bin doch kein Jude!“

„Ich liebe Juden und Zigeuner, ich liebe sie alle – alle Unterdrückten“, sagte Evelína fast schon weinerlich und blickte den Junkie an.

„Aber ich werd doch auch unterdrückt! Schau mich an, bin ein Unterdrückter, genauso wie du wohl eine Balletttänzerin bist“, sprach der kleine Junkie geistesgegenwärtig.

 

Die U-Bahn kam und Evelína stieg zerstreut und ohne Fahrkarte ein. Keine Sekunde später stand ein Kontrolleur mit dem leeren Blick eines Ziegenbocks vor ihr.

Evelína sagte, sie hätte kein Ticket bei sich.

„Name…“, fuhr der Kontrolleur ohne eine einzige Modulation in seiner Stimme fort.

Evelína holte tief Luft, machte große Augen und sprach überdeutlich mit etwas verfremdeter Stimme: „Mein Name ist Pina Bausch.“

„Pina Bausch… gut… Adresse?“, fragte der Mann weiter.

„Nationalstraße 7, Košice.“

„Košice… Hey, existiert sowas wie Koschitz?“, rief der Kontrolleur seinem Kollegen mit Bierbauch zu.

„Hier wohl kaum…“, antwortete der Kollege und deutete auf den Junkie.

„Ah, hier haben wir ja den Penner“, sagte er, stieß ihn samt Ratte auf den Boden, sodass sich der kleine Junkie aus Angst vollpinkelte.

Evelína lief in der Zwischenzeit hinaus.

 

Wenig später, das Herz in der Hose, die Hände zu Fäusten geballt, fiel sie in die von Alkohol überdrehte Gesellschaft bei Uta ein. In der durchgestylten Dachgeschosswohnung liefen afrikanische Künstler und Tänzer mittleren Alters hin und her, aber niemand sah aus, als ob er Pina Bausch persönlich gekannt hätte.

Evelína sank erschöpft in den Ohrensessel bei der Tür und ließ sich wortlos von einem unbekannten älteren Afrikaner Whisky-Cola einschenken.

„Hallo“, sagte er zu ihr. „Wusstest du, dass man nach der neuen Mitarbeiter-Verordnung der Lufthansa nicht mehr Schwarzer sagen darf, sondern höchstens Maximalpigmentierter? Das bin dann ich. Koffi. Ich hab übrigens auch mit Pina Bausch getanzt, damals in den Neunzigern.“

„Ah, da ist ja Evelína, meine liebe Tänzerin mit dem Hautproblem…“, begrüßte Uta endlich Evelína und bat feierlich um Ruhe: „Meine Lieben, lasst mich euch die bedeutende Tänzerin vorstellen, die…“

„Wie war es, für Pina Bausch zu tanzen?“, hörte Evelína jetzt bewundernd von allen Seiten.

„Entspann dich doch ein bisschen…“, sagte die alte dänische Produzentin zu ihr und fing an, Evelína grob die zur Faust geballte Hand zu massieren.

Evelína entspannte sich und sagte auf Ungarisch, der Sprache der toten Vögel: „Amiről nehéz beszélni, arról táncolni kell“, und sie riss sich aus den Klauen der dänischen Produzentin, schenkte sich Whisky nach und atmete in vollen Zügen das Haschisch ein, das gerade die Runde machte.

Dann beachtete sie niemand mehr und auch sie beachtete niemanden.

Es wurde dunkel.

Die afrikanischen Tänzer tanzten um die fleischigen Produktionsleiter und Produktionsassistentinnen herum und um die Liebhaberinnen der Produzenten und um die Liebhaber der Managerinnen und Evelína im Ohrensessel trank wie eine Schlafwandlerin weiterhin Whisky und schlief voller Wonne ein, während die fünfzigjährige Uta mit einem ambitionierten äthiopischen Filmregisseur, dessen Film sie auf dem Festival der afrikanischen Kurzfilme in Stuttgart zeigen wollte, wild herumknutschte.

Evelínas Handy klingelte. Paul Čejka.

„Und, wie war ihr Treffen – ein Volltreffer?“, brabbelte sie auf Slowakisch, in froher Erwartung, wieder sein Tschechisch zu hören.

„Ich hab furchtbare Rückenschmerzen. Ganz schlimme. Kannst du nicht…könnten Sie mich nicht ein wenig massieren… Natürlich nicht umsonst, ich möchte nicht, dass es rüberkommt wie…“ kam es aus dem Telefon geröchelt.

„Ich will auch nicht, dass es so rüberkommt, wie…aber ich brauche…“

„Wieviel?“

„Ich muss meine Schulden zurückzahlen und der Rest geht für unser Projekt drauf, Wittgensteins Pimmel tanzt mit Pinas Busch,“ lachte Evelína sorglos ins Telefon. Und sie lachte und lachte und konnte gar nicht aufhören. In dem Augenblick kreierte sie ohne es zu ahnen ihr schönstes Gedicht.

„Ok, morgen hast du das Geld. Vergiss mich nicht“, flüsterte Paul Čejka weltmännisch ins Telefon, aber Evelína konnte hören, wie er zischte, als ihn gerade ein plötzlicher Schmerz durchfuhr.

Sie legte auf, verließ die Party, ohne sich zu verabschieden und ging nach Hause.

In dieser Nacht schlief sie tief und fest den Schlaf einer Frau, die draufkam, dass das Leben vielleicht noch etwas komplizierter war, als es vor dreißig Jahren in Košice (das es in Berlin nicht gibt) der Fall war. Komplizierter, aber eigentlich auch wirklicher.

 

Und genau in dem Augenblick beugte sich wieder der Unbekannte aus dem vergangenen Traum über sie. Und sagte vorsichtig zu ihr (auf Slowakisch):

„Ich hab dir doch gesagt, dass du nicht auserwählt bist.“

Und sie, Evelína, lächelte ihn aufmunternd an, lockerte ihre zur Faust geballte Hand und antwortete ihm: „Mein Gott, das weiß ich doch schon längst.“

Und dann schlief und schlief sie, während ihr Paul Čejka eine unendlich lange Mail aus dem Motel One schrieb, ihr Projekt wäre wirklich außergewöhnlich und er hätte mit ihr, Evelína, größenwahnsinnige Pläne: ein Film, eine Streaming-Plattform, iPhone-Apps, ein Treffen mit einer großartigen holländischen Produzentin, mit der er Anfang der siebziger Jahre ein Verhältnis hatte… Und in seinem schmerzvollen Gebet eines alten Mannes mit Hexenschuss dachte er gerührt an Evelínas Lächeln, an ihre Augen und die riesigen Brüste.

 

Und Evelína, die ein wenig mollig und noch ein bisschen weniger verlogen war? Sie schlief und schlief währenddessen. Den Becher eiskalten Kaffees vom Morgen am Nachttisch.

Und sie träumte, sie hätte einen Sohn, einen ganz kleinen portugiesischen Sohn in einem weißen Nachthemd. Und der Sohn mit den Augen von Paul Čejka und mit den schmalen Schultern des portugiesischen Studenten José, dieser Junge mit dem Namen Ludwig Wittgenstein flüstert nun Evelína auf Slowakisch in Ohr, worüber man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen.

Und dann steht der kleine Ludwigbub leichtfüßig auf, breitet seine Arme engelsgleich aus, stellt sich auf die Zehenspitzen und beginnt, gleichmäßig durch den Raum zu flattern. Zunächst langsam, dann immer schneller.

Und es ist so eine mächtige Bewegung, so mächtig und konzentriert, dass sich nicht einmal Pina Bausch dafür hätte schämen müssen.

 

Aus dem Tschechischen von Hana Hadas

Aus: Dora Kaprálová „Inseln“; BALAENA Verlag Landsberg am Lech, erscheint voraussichtlich im Januar 2021

≡ Menu ≡
Homepage Content
Events Submissions
Authors Translators Moderators
About us Partners Gallery
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Events Press