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Die Insel der begrenzten Wünsche

Dora Kaprálová (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

„An welches Tier erinnert dich deine Mama?“, fragte die Therapeutin meine zehnjährige Tochter in der letzten Sitzung. „An eine Kuh“, antwortete meine Tochter, und das sagte sie mir auch später, „an eine Kuh, Mama, du erinnerst mich am meisten an eine Kuh, ist das schlimm?“

Ich wälze mich im Bett und sehe die Welt auf einmal mit Kuhaugen. Ich muhe, bin langsam, dafür aber endlich stabil, ich verscheuche mit meinem Schwanz die Fliegen, die auf mir krabbeln, es stört mich nicht, dass sie mich kitzeln, ganz im Gegenteil, ihr geschäftiges Treiben ist mir angenehm. Wenigstens passiert etwas, murmle ich vergnügt und kaue dabei Wiesenblüten, das Summen meiner kleinen Fliegen und mein riesiger Körper wiegen mich wohlig in den Schlaf …
Mein Körper ist ein großes Haus, offen für alle. Die aufgesperrten Fenster gehen auf die Terrasse. Ich bin das Haus der Fliegen, die von jedem Geschöpf gehasst werden, das nicht langsam und glücklich ist.
Ich aber bin ein glückliches und langsames Geschöpf.
Ich bin eine Kuh.
Und als Kuh grase ich am liebsten auf den Weiden bei Leštiny, weil ich ein Tier mit Sinn für die Schönheit harmonischer Landschaften bin; „ach was soll‘s“, sage ich jetzt im Halbschlaf, „Hauptsache ich grase dort, wo die Sonne über den Heckenrosen glüht …“

Ich machte gerade Abitur, als unsere Mutter meinem Bruder und mir den ersten Dackel schenkte, der nach einer scherzhaften Idee meines Vaters ihren Namen bekam – Jarmilka. Eigentlich war der Hund für uns, ihre erwachsenen Kinder, gedacht, aber bald war es meine Mutter, die das Hündchen Jarmilka vergötterte.
Da Jarmilka ein verhätscheltes Nesthäkchen und immer so tief am Boden war, dass man leicht über sie stolperte, war sie vom Welpenalter an häufig krank. Es war nie etwas wirklich Ernstes: meistens Durchfall, hier und da ein Kötzerchen auf den persischen Teppich im Flur, dann und wann eine Augenentzündung oder ein wundes Pfötchen.

Durch eine Freundin kannte ich einen jungen Tierarzt aus Brno-Obřany. Er war ein stotternder junger Mann, schüchtern und plump wie eine Tschechow-Figur. Aber er war ein schon ausgebildeter Tierarzt und meine Freundin meinte, er fände mich attraktiv.
Dank seiner Zuneigung war Jarmilka also bestens umsorgt. Und da ich meine Mutter und auch unser Dackelchen liebte, lächelte ich den jungen Tierarzt an, während er die Hündin versorgte und dabei mit meiner Mutter ernsthaft und therapeutisch redete. Mich sah er nur heimlich an, brachte dabei etwas wie „sch… schöne H… Hündin“ hervor und verstummte wieder.

Unsympathisch war er mir nicht, nur fremd. Sogar dann, als ich ihn das erste Mal in seinem Elternhaus besuchte. Jarmilka hatte gerade eine schlimme Bisswunde am Ohr, die von einem widerlichen, wie meine Mutter betonte, himmelschreiend widerlichen Dobermann stammte.
Ich saß am Klavier im Salon des jungen Tierarztes und spielte Das Lied vom Waisenkind, während seine Mutter auf einem Silbertablett Kaffee und Kuchen servierte. Sein Vater, selbst ein Tierarzt, lehnte auf dem Klavier Klavier gelehnt und seine Augen glänzten vor Rührung.
Jarmilka mit ihrer Verletzung winselte zu dem Lied und stellte sich zwischen den Pedalen in den Weg. Der Tierarzt nahm Jarmilka auf den Arm und streichelte ihr übers Schnäuzchen.
Es war wie eine Szene in einem russischen Salon, aus einer nie dagewesenen Welt.
Kaum einen Monat später verletzte sich Jarmilka an der Vorderpfote und erkrankte wieder. Der Tierarzt behandelte und stabilisierte das Bein, rieb es ein und entließ Jarmilka mit seinem Segen. Vielleicht aus Dankbarkeit schlug meine Mutter vor, dass der junge Tierarzt doch mit mir auf die Hütte fahren könnte. Es war Sommer und Jarmilkas Bein heilte tatsächlich – sie sprang schon freudig auf allen Dreien umher; aber sie blieb bei meinen Eltern in der Stadt.
Sicher war sicher.

Der Tierarzt fuhr einen Favorit, damals eine ziemlich heiße Kiste. Über kurvige Landstraßen ging es zu unserer Hütte im Wald. Warum wir eigentlich in einem Auto saßen und ein gemeinsames Wochenende verbringen würden, war mir nicht so ganz klar. Ich und er, der Arzt unseres Hündchens.
Es war mir aber egal, in diesem Sommer nach dem Abitur war mir alles egal. Schweigend blickte ich aus dem Autofenster auf die Heckenrosen in der brennenden Sonne, auf den Fichtenwald, die Wiesen und Teiche. Es war Hochsommer, die Zeit, in der die Fliegen mit mechanischer Selbstverständlichkeit um Desserts und sanfte Kuhaugen kreisten.

In unserer Hütte im Wald gab es keinen Strom.
Ich zündete Kerzen an, goss aus dem Kanister Wasser in die Tassen und machte Feuer im Kamin. Wir saßen am Tisch und guckten aus dem Fenster auf die dämmrige Lichtung.
Der Tierarzt war schweigsam, und wenn er mal redete, stotterte er so heftig, dass ich lieber kein Gespräch mit ihm anfangen wollte.
Unsympathisch war er mir nicht, wirklich nicht. Lediglich fremd. Aber die Hütte war mein Haus, mit sperrangelweit geöffneten Fenstern, und die Anwesenheit des Tierarztes, des Retters unserer Jarmilka, betäubte angenehm meine Sinne. In der Müdigkeit des Sommerabends vergaß ich für ein paar Minuten fast, dass er überhaupt da war, dass ihm manchmal ein Satz über die Lippen kam, über den Sommer, den Wein, meine Haare …

„Wollen wir schlafen gehen?“ fragte ich schließlich, als ich anfing wegzudösen. Der Tierarzt stimmte mit einem verlegenen Kopfnicken zu. Wir putzten uns vor der Hütte die Zähne und kletterten über eine Leiter unters Dach.
Ich legte mich ins Bett meiner Mutter und überließ ihm mein Bett, welches sich an das meiner Mutter anschloss, so, dass meine Füße an seinem Kopf lagen.
Hoffentlich stinken meine Füße nicht zu sehr, fiel mir noch ein und ich zog sie unter der Bettdecke hoch.
„D… du…“, sagte der Tierarzt in die absolute Dunkelheit, den Rauch der ausgepusteten Kerzen hinein… „Ähm… d-darf ich dich anfassen?“
Wir hätten vorm Schlafengehen noch auf die Toilette gehen sollen, dachte ich in diesem Moment. Ohne Taschenlampe in der absoluten Dunkelheit über die Leiter hinunterzusteigen und dabei nicht zu stürzen, war für Besucher eine Herausforderung.
Ich stellte mir vor, dass der Tierarzt morgens pinkeln gehen, dabei stürzen und sich das Bein brechen könnte. Und während Jarmilkas Bein verheilte, würde ich morgens sein Bein verbinden, würde ich sachlich mit ihm sprechen, fürsorglich, therapeutisch, als wäre ich er und er Jarmilka …
Ich hätte ihm am liebsten verraten, wie ich mit meinem Bruder nachts immer pinkeln ging. Wir kletterten einfach aus dem Fenster hinaus auf das Dach des Schuppens und pinkelten herunter – aber das fand ich so intim, dass ich es am Ende nicht erzählte.
„Vielleicht eher nicht“, sagte ich stattdessen so sanft wie möglich.
Er tat mir leid, aber der Gedanke daran, dass er mich anfassen würde, war mir so fremd, entfernt und unvorstellbar …
„Vielleicht eher nicht?“, fragte der Tierarzt verwundert. „Also vielleicht eher nicht?“, wiederholte er, jede einzelne Silbe betonend.
„Ja“, sagte ich nochmal. „Vielleicht eher nicht.“
Eine Mücke durchbrach die absolute Stille.
„Gestern habe ich fünf Kühe getötet“, sagte der Tierarzt, nachdem er die Stechmücke zerdrückt hatte. Dann fuhr er ohne zu Stottern fort: „Weißt du, ich habe fünf Kühe getötet. Eigentlich ist nichts dabei. Du nimmst einfach so ‘nen elektrisch geladenen Haken, davor verpasst du ihnen ‘ne Schlafspritze. Fünf habe ich getötet und morgen fahre ich nach Österreich, da sind nochmal sieben dran. Naja, und ich werde noch sechzig, achtzig, sogar hundert töten … Das is‘n Business, sag ich dir. Vielleicht sehe ich nicht so aus, vielleicht bedeute ich dir nichts. Aber es macht mir einfach Spaß, Kühe zu töten.“
Morgens hatte ich einen Traum. Ich war eine Kuh.

Wir frühstückten schweigend, und wenn wir etwas sagten, stotterten wir beide.
Seine Beine waren in Ordnung, nichts war gebrochen, wahrscheinlich war er in der Nacht nicht pinkeln gewesen.
Wir hatten einen tiefen, festen Schlaf, er fasste mich nicht an. Ich trat ihm auch nicht gegen den Kopf …
Kühe sind unantastbar, heilig, geruhsam, aber selbst sie sehnen sich nach Liebe.

Nach unserem Ausflug hörte ich nichts mehr von dem Tierarzt.
Ein Jahr später erfuhr ich, dass er eine Zeitlang im österreichischen Grenzgebiet praktiziert hatte, er hatte Rinder, die für die Schlachtung vorgesehen waren, mit modernsten Technologien getötet.
Er war reich geworden. Hatte sich in Znojmo ein Haus gekauft und eine Familie gegründet. Bestimmt hatte er zuhause eine liebende Frau, Kinder, im Wohnzimmer einen Flügel mit Kuchen auf einem Silbertablett.
Oder auch nicht.
Ich habe ihn nie wiedergesehen.
Noch im selben Jahr starb Jarmilka unter den Rädern eines Autos. Nach einer Woche Trauer kauften Mama und Papa Dackel Nummer zwei, später drei, dann vier …
Auch ich trauerte um Jarmilka, hatte das Gefühl, dass es meine Schuld war.
Nach einer Weile fanden meine Eltern einen neuen Tierarzt.

Erst als ich fünfzehn Jahre später meine zweite Tochter zur Welt brachte, wurde ich wieder zu dem Bild, das Wirklichkeit geworden war, so wie jede Halluzination, an die wir hundertprozentig glaubten: Ich wurde zu einer Kuh.
Ich beobachte mich von oben, wie meine Seele meinen massiven Kuhkörper verlässt. Ich sehe mir beim Gebären zu, ich drücke und muhe, meine Kuhaugen verdrehen sich, aus den aufgerissenen, ruhigen Augen fließen Tränen, und aus meinem Innern kommt ein wunderschönes kleines Kälbchen heraus. Aus meinen Brüsten kommt Milch, ich lache und muhe.
Ich drücke das Kälbchen an meinen kuh-müden, massigen Körper und gebe ihm zu trinken. Es ist kein Bulle, aber das macht nichts, Kühe sind glückliche Geschöpfe; vor allem die, die Heckenrosen in der untergehenden Sonne sehen können.
Sei auch du so, mein kleines Mädchen.

Ich bin eine Kuh.
Ich bin ein Haus.
Und mein Haus bleibt für immer offen, die Fenster sperrangelweit. Fliegen, Mücken und Bremsen, fliegt herein, tretet ein, ihr Kleinen, lasst mich nicht warten. Bei mir werdet ihr immer zuhause sein.

 

Aus dem Tschechischen von Bora Hegyes, Ruben Höppner und Kristyna Šimková

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