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Gedichte

Dinara Rasuleva (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

  1. WALD

Bitte die Eheschließung an der Kasse bezahlen, 90 Rubel null Kopeken,

Sagt mir ein ewig müder, über den Schreibtisch gebeugter Mensch:

Für die Ehescheidung bitte 1300 Rubel zahlen, je 650.

Der Preis dafür, dass ein Mensch nicht monogam ist, und das Wichtigste –

Verstehen kann, wann er schon nicht mehr glücklich ist, sondern unglücklich,

Und wie so oft

Stört Verschiedenes: das verschwommene Verständnis der Wörter Liebe, Hoffnung, Glaube:

Für die Ehescheidung in Berlin von 1000 bis 3000 Euro

(Nach aktuellem Kurs 216.362 Rubel 98 Kopeken) „an der Kasse“.

Weiß noch, wie ich im Fünfer-Bus sitze, in der achten Klasse,

Und das Fahrgeld vergaß und meine Haltestelle verpasste und nicht in die richtige Richtung fuhr,

Und das Leben verlief seitdem nicht in die richtige Richtung

Genauso.

Wir waren uns ähnlich

Damals, als sie starb: 20 Jahre jünger,

Durchsichtig, verblasst,

Und ganz ohne Explosion und Schuss

Geht der Atem über in Cheyne-Stokes-Atmung und bricht ab.

Für die Sterbeurkunde fallen keine Gebühren an.

Beerdigungen kosten 6700 Rubel für Orthodoxe, für Muslime

–  5200 (da ohne Sarg),

Für Atheisten und andere Ungläubige –  keine Angabe, sollen sie doch

Ihre Toten selbst begraben. VIP-Bestattung – 33000, Premium

(In der ersten Friedhofsreihe, nicht weit zu gehen und gleich zu sehen) –

Vierzig, aber ein Platz neben Labatschewskij oder Hadi Taktasch oder jemandem

Nicht weniger

Wichtigen –  nur über Beziehungen. Weiß noch, wie ich in die falsche Richtung fuhr,

Und die Haltestelle verpasste, und das Fahrgeld vergaß,

Bald endete die Stadt, bald begann der Wald,

Und ich musste im Wald aussteigen und mich verirren

Endgültig schon, und sollte nicht mehr zurückfahren, nicht mehr zurückkehren

Nicht durchsichtig werden und nicht durchscheinen in der Schalter-Schlange

Im nächsten Krankenhaus, im nächsten Amt stehen, wie eine dumme

Entschuldigung, wie werden diese Formulare richtig ausgefüllt

Wo die Papiere hinbringen

Nein, das gebe ich nicht heraus, Sie haben keinen medizinischen Befund, keinen Totenschein,

Keine Bescheinigung der Verwandtschaftsverhältnisse. Was, ihr Schweine, ihr glaubt mir nicht?

Unterschreiben bitte hier und hier, und noch in drei Büros gehen,

Weiß noch, 2003, es war Sommer,

Staub in der sonnigen Luft, der Flaum der Bäume, Schweiß auf den Sitzen

Der Straßenbahn

(Da kurze Hosen), Du warst lebendig,

Ich war überzeugt von der menschlichen Liebe.

Und jetzt zahlen bitte hier

Die Gebühr in Höhe der Gebühr, Kartenzahlung nicht akzeptiert.

Montag, 27. Mai,

31 Jahre alt, 1 Meter 75 groß, 58 Kilo schwer,

20 Jahre warte ich, bis die Stadt wieder endet und der Wald beginnt.

(Übersetzt aus dem Russischen von Eva Dangendorf, Valentina Lermer, Peggy Lohse)

 

  1. WAS WIR WOLLTEN

Wir wollten Gesundheit.

Gesund aus dem Mutterleib herauskommen und leben.

Leben,

Leben –

Das Leben.

Nicht sterben auf dem Fußgängerübergang.

Im Passagiersitz eines Flugzeugs.

Auf der Busbank.

Nicht getötet werden von einem betrunkenen Unbekannten.

Einem betrunkenen Bekannten.

Einem betrunkenen Ehemann.

Einem nüchternen Ehemann.

Sich nicht bestrahlen lassen, nicht das Haar verlieren.

Nicht langsam sterben.

Nicht plötzlich sterben.

 

Wir wollten leben.

Leben,

Weil man uns für das Leben geschaffen hatte.

Für die Gesundheit.

Wir wollten nicht hungern.

Wir wollten nicht durch eine Infektion sterben.

Nicht durch Hygienemangel.

Durch Trinkwassermangel.

Nicht hungers sterben.

Nicht sterben durch eine Infektion nach weiblicher Beschneidung.

Nicht Opfer eines Ehrenmordes geworden sein – durch die Hände

Des eigenen Bruders.

Des eigenen Vaters.

Des eigenen Geliebten.

 

Triggers of honor killings:

Refusal of an arranged marriage

Seeking a divorce

Allegations and rumors about a family member.

Victims of rape

Homosexuality.

 

Wir wollten Gesundheit.

Gerechtigkeit.

Leben.

Das Leben leben.

Nicht sterben an Blutverguss –

Durch Folter im Keller des FSB.

Nicht sterben im Krieg.

Nicht sterben, zu Hause, in der Schlinge.

In der Zelle, in der Schlinge.

Angekettet an einen Heizkörper.

An die Pritsche eines Krankenhauses.

Einsam –

Umgeben von Verwandten.

Nicht sterben –

Vor den eigenen Kindern.

Vor den eigenen Eltern.

Wir wollten leben, weil wir gezeugt und geboren wurden.

Um zu leben.

Um gesund zu sein.

Um Worte zu sprechen.

Um Worte zu schreiben.

Um uns zu verlieben.

Um uns zu entlieben.

Um entliebt zu werden.

Um zu verstehen, dass es keine Liebe gibt.

Um zu erklären, dass es keine Liebe gibt.

 

Wir fürchten uns zu sterben.

Bedeutet –

Wir fürchten uns zu leben.

Um zu lieben.

Um zu entlieben.

Um zu verstehen.

Um zu erklären.

Um zu hören.

Um zu sehen.

Um zu hetzen und zu hassen.

Um zu verletzen und zu bewahren.

Um abhängig zu machen und wegzulaufen.

Um sich im Kreis zu drehen.

Um zu ertragen.

Um zu atmen.

(Übersetzt aus dem Russischen von Amanda Beser)

 

  1. Sweater

irgendwie ist es heute schwer, nicht Mutter zu sein

schwer, nicht Tochter zu sein

Streichhölzer einzeln, getrennt

bis zum Ansatz niedergebrannt

ich werde aus Deutschland wegfahren

heim

hier zu sterben allein

ist zu langweilig (ich gähne, wenn ich daran denke)

wie ein Aktenordner und große Zahlen

wie Briefe von der Verwaltung und ein Büro, in dem es stickig und leer ist

alles in allem ist es langweilig

vor allem, wenn du nicht Tochter bist

vor allem, wenn du nicht Mutter bist

(und auch nicht Mutter Christi und auch nicht Tochter des Islams)

aber man muss sich gedulden –

Nachbarn

werden die Polizei und den Notarzt rufen – den Tod feststellen

und den Körper ins Leichenschauhaus bringen, für die kostenlose Aufbewahrung die ersten drei Tage

die Sachen werden die Freunde vor den Hauseingang legen

(während sie Kartons packen –  kalter Schauer über den Rücken)

werden vergessen „zu verschenken“ zu schreiben, einfach hinlegen,

und junge Berlinerinnen

mit Schuhgröße 39

werden meine uneingelaufenen Botten tragen

meine wattierten Stiefel

meinen rosa Feierpelzmantel

in ihren Techno-Clubs

auf ihren drugs & networking Abenden

Obdachlose werden die wärmsten Sweater mitnehmen

(und das sind die wärmsten Sweater der Welt)

Mütter werden den Kindern meine Dinos mitnehmen

Kinder werden meine Augen, Haare, Nägel, Zähne mitnehmen

um sie auch in Clubs zu tragen

(das wird in sein, bio, recycled und vintage)

Kinder werden meine Erinnerungen und das vom Leben

müde Herz mitnehmen

Kinder werden meine Wärme mitnehmen, um sich selbst zu wärmen

werden meine witzigen Intonationen mitnehmen und meine Träume

von Mama

werden das Wichtigste mitnehmen

und in eine Mietwohnung ziehen und nicht sagen mit wem

(bestimmt wieder nicht einer von uns, irgendein Russe)

werden Leute bei Instagram blockieren und sonst noch was

und nicht grüßen

Freunde nicht grüßen oder die Straßenseite wechseln

werden sich beeilen wegzukommen

werden das Altersheim für vier Jahre im Voraus bezahlen

und das fünfte Jahr

vergessen

einen Brief erhalten, sich wieder besinnen, Geld für vier weitere Jahre überweisen

die wärmsten der Welt werde ich ihnen stricken

–  die Sweater

und ins Regal legen, dann kommen, sie freuen sich

und tauchen ein in die frischen Sweater

ich will zu Mama, aber dorthin darf man nicht, dort ist es schrecklich

alleine sterben ist langweilig

ich gehöre euch nicht

bin niemandes Tochter

und niemandes Mutter

packt hier die Kartons

um Freunden Arbeit zu

sparen für die Beerdigung, für Leichenschauhäuser

(kostenlos dort nur die ersten drei Tage)

(Übersetzt aus dem Russischen von Anastasia Koehler, Katharina Langolf)

 

  1. STIRB

Hast du dich im Spiegel gesehen?

Fragte er.

Du musst sterben.

Du bist hässlich.

Du bist schlecht.

Stirb.

Du hast dünne Beine, mit solchen darf Frau nicht leben.

Bauch,

Cellulite,

Ein Doppelkinn, mit solchem darf Frau nicht leben.

Stirb.

Du kannst nicht kochen, nicht mal Brei.

Du bist schrecklich.

Deinen Bauch,

Hast du gesehen? Mit solchem darf Frau nicht leben, oder trag wenigstens kein Crop-Top!

Und eng Anliegendes auch nicht!

Bei dir hängt die Haut.

Du bist alt, du bist nicht mehr zwanzig.

Und nicht einmal mehr fünfundzwanzig,

Sondern sechsundzwanzig.

Chopin schrieb seine erste Polonaise mit sechs.

(Du bist zwanzig Jahre zu spät gekommen.)

Dostojewski die ‚Armen Leute‘ mit vierundzwanzig.

Dumas die ‚Kameliendame‘ mit dreiundzwanzig.

Sagan irgendetwas mit neunzehn.

Vituchnovskajas Gedichte waren mit dreizehn besser als es deine mit einunddreißig sein werden.

Du hast Schweiß und Falten.

Übrigens, hast du dich im Spiegel gesehen?

Gehst du wenigstens zum Sport?

Pasternak schrieb –

‚Doktor Schiwago‘ mit vierundzwanzig.

Mozart sein erstes Konzert fürs Cembalo

MIT VIER.

Burgess sein ‚Clockwork Orange‘ –

Innerhalb einiger Wochen, sterbend an Hirnkrebs.

Du hast schlechte Gedichte.

Du hast viel zu viele –

Knochen, sie stechen schmerzhaft.

Von dir geht kein Nutzen aus.

Du hast viel zu wenig –

Haare.

Du hast alles verkackt.

Du hast ein kleines Gehirn.

Du hättest auch großartiger sein können.

Du schreibst rein gar nichts.

Stirb.

Man(n) sieht deine Poren, Pickel und Falten,

Deine rauhe Haut an den Ellenbogen,

In deinen Augen: den Schmerz, die Angst –

Und die Lüge.

Nagelspliss, Dehnungsstreifen, trockene Haut,

Krampfadern, blasse Haut, Venen.

Zur Erinnerung: Chopin –

Schrieb seine erste Polonaise mit sechs.

Geh dich aufhängen!

 

Aus dem Russischen von Amanda Beser

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