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Drei Verräterinnen

Esther Andradi (2019)

Sorry, this entry is only available in German and European Spanish.

(Fragment)

Mit dem Zug kam man damals in Westberlin am Bahnhof Zoologischer Garten an. Die Deutschen sprachen nur vom Zoo, wobei sie das Zett wütend zwischen den Zähnen hindurchpressten und natürlich beide Os aussprachen. Nichts an dieser Sprache hatte den Zungenschlag des Französischen mit all seinen Vokalen, von denen nur ein Teil nonchalant ausgesprochen wurde. Auf Deutsch wurde alles betont. Auch die Os des Z-o-o, die sie natürlich erst lange nach ihrer Ankunft richtig auszusprechen lernte.

Dass man mitten in dieser Stadt am Zoo ankam, war keine Metapher: Im Grunde war es nur die konsequente Bezeichnung für ein freiheitsberaubendes Gebäude, jeder Bewohner in seinem Käfig. Außerdem teilten sich mehrere Welten diesen Bahnhof, was sich auf den umgebenden Straßen fortsetzte. Nichts von dem, was man dort sah, stimmte mit irgendeinem Bild überein, das sie einmal von Deutschland gehabt hatte. Es war weder sauber noch ordentlich noch gepflegt oder sicher, der Zoo war das Königreich von Obdachlosen, drogenabhängigen Jugendlichen, Prostituierten, Bettlern, Säufern, insgesamt ein Szenario, das eher an die Dreigroschenoper erinnerte als an die Bilder vom Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Hier hatte der Krieg nie aufgehört. Die Züge hielten an den Bahnsteigen einer geteilten Stadt, wo die Bahnbeamten aus Ostberlin – der Hauptstadt der DDR – und die Polizisten aus dem Westen kamen, ein geopolitisches Wirrwarr, das die Bewohner der übrigen Bundesrepublik geflissentlich ignorierten. Nur gelegentlich hörte man Anekdoten, denn die Universität war voll von jungen Menschen, deren Familien im wohlhabenden Westen lebten.

Das schwindelerregende Bild des Zoos setzte sich in der Umgebung fort. Hochhäuser konkurrierten mit Kinos, Theatern, Cabarets, Elektro-Kaufhäusern, dem Pressecafé, Bordellen, Peepshows und internationale Pressekiosken. Voilà Berlin.

Was machte diese Stadt so seltsam? Waren es die unverständlichen Leuchtreklamen, die Stimmen, der Tonfall, der Gang der Passanten? Oder vielleicht ihre Farben, das Wetter, die Gelassenheit, mit der Menschen und Hunde auf der Straße, in Restaurants und Bars unterwegs waren? Die Stadt war nicht groß, sie war eingefriedet, ein Kessel am Horizont, umgeben von der Mauer, mit ehrlichem und zuverlässigem öffentlichem Nahverkehr und einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate. Wie das Paris Villons war auch Berlin mittelalterlich, lebendig, klein, eingekesselt, präzise. Aber es wäre übertrieben, von „der Stadt“ zu sprechen. Bety bewegte sich nur in einem bestimmten Gebiet, das von Schöneberg bis Kreuzberg reichte, auf einem Teil des Kudamms – zur Erinnerung – und am Bahnhof Friedrichstraße, wegen seiner Grenzfunktion: eine Grenze innerhalb der Grenze, ein kondensierter Raum auf der Naht dieser zusammengesetzten Welt.

Ihr Ankunftsdatum schien ungünstig. Es war Herbst, ein sehr kalter und wenig goldener Herbst, als der Zug sie früh morgens am Zoo absetzte. Ein junger Mann mit gepiercten Augenbrauen und laufender Nase, groß gewachsen, von Kopf bis Fuß in schwarzes Leder gekleidet, mit einem Nietengürtel, der aussah wie ein Patronengurt, und mit zum Kamm aufgestellten Haaren auf dem Kopf schnorrte sie in der universellen Sprache der ausgestreckten Hand an. Er spuckte auf den Boden, als er merkte, dass sie weiterging und wandte sich dem nächsten Passanten zu. Eine Gruppe Männer schlief weiter hinten eingewickelt in Decken. Polizisten in grüner Uniform kontrollierten jemanden, der sich wohl etwas hatte zuschulden kommen lassen. Eine magere Jugendliche mit sehr kurzem Rock und Netzstrumpfhosen rannte in Richtung der automatischen Türen, durch welche messerscharf die Herbstluft eindrang, und rief irgendetwas. Sigrid war nicht auf dem Bahnsteig. Bety ging im Kopf die fünfundzwanzig Dollar durch, die sie in der Tasche hatte, nahm ihre Reisetaschen fest in die Hände, ging zum Taxistand und brach auf in die einzig mögliche Richtung, zu ihrer Burg, ihrem Untergang, in der Welt aus Glas und Metall aus ihrer Vorstellung. Der Taxifahrer verstand den Namen der Straße sofort, als sie ihn aussprach und sie fühlte sich wie eine Königin. Alleinherrscherin für eine Minute.

 

Aus dem argentinischen Spanisch von Christiane Quandt

Klak Verlag, Berlin 2019

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