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Ein Fenster in Berlin

Valeska Brinkmann (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Vom Fenster seiner Wohnung in der Schillingstraße Nummer neun, nahe dem Strausberger Platz, beobachtet Herr Walter, was vom Lärm und von der Fröhlichkeit des glitzernden Silvesterfeuerwerks übrig ist. Jetzt hat das neue Jahr begonnen. Zweitausendsechzehn.

Dem Anschein nach haben sie dieses Silvester wirklich ein ordentliches Feuerwerk gemacht. Ach, diese Leute und ihr Feuerwerk.

Herr Walter wollte nach dem Tod seiner Frau in Berlin bleiben. Seine anderen Kinder meinten, er solle zu ihnen in den Süden ziehen, wo öfter die Sonne scheint, doch er lehnte ab. Er hatte sich an die Rennerei und an die Farben, an die sympathischen und an die streitlustigen Menschen in Berlin gewöhnt. Und es gab die Clique der Brasilianer, Freunde von Tereza, die auch seine Freunde waren. Die Portugiesischlehrerin von der Volkshochschule wohnte im selben Kiez und immer wenn sie Feijão kochte, brachte sie Herrn Walter eine Portion in einer Plastikdose vorbei.

Es bereitete ihm immer noch Freude, im Kiez durch die Straßen zu spazieren und an dem Kino vorbeizugehen; es war ein Gefühl, das ihm guttat, auch wenn es das Fehlen seiner verstorbenen Frau nicht wettmachte. Aber musste dieses Fehlen wirklich wettgemacht werden?

Natürlich, er spürte die Einsamkeit, aber es war keine Trauer. Die zwei jüngsten Kinder, Sandra und Rene, wohnten noch bei ihm in der riesigen Wohnung, in einem Altbau von neunzehnhundertzwölf, doch es war, als wohnte er alleine. Jeder lebte sein Leben und das war gut so. Manchmal merkte man gar nicht, dass jemand zu Hause war. Die meisten Möbel hatte er zusammen mit Tereza gekauft, bevor sie heirateten, bis auf das alte Sofa mit den in das Holz eingeschnitzten Blumen und die Eichenkommode, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Walter kaufte im Supermarkt einen kleinen Blumenstrauß und schmückte damit den Frühstückstisch. So hatte es seine Frau immer getan.

Er öffnete das Fenster im Wohnzimmer und sah andere Fenster. Es sah aus, wie ein surrealistisches Gemälde: ein Fenster in einem Fenster in einem Fenster in einem Fenster.

In dieser Stadt vergehen die Tage im Winter grau in grau und auf einmal ist das, was hinter einem Fenster passiert, interessanter als der Ausblick, den man dadurch hat.

Herr Walter pflegt sich mit seinen Freunden zum Mittagessen zu treffen, in der Friedrichstraße. Die selben Freunde, der selbe Ort, seit Jahren. Immer gleich und doch anders. Es gibt jetzt viele junge Leute hier und Herr Walter beobachtet gern. Man hört jetzt auf dem Alexanderplatz Jugendliche Arabisch sprechen; Berlin verändert sich. „Ob ich mich auch verändert habe?“, überlegt er.

Tereza mochte die Deckchen nicht, die ihre Schwiegermutter (als sie noch lebte) auf das Sofa legte. Sie fand sie „so deutsch“. In dem Restaurant in der Friedrichstraße gibt es auch solche Deckchen, aber am Fenster: „so deutsch“, dachte Herr Walter, doch diese Beobachtung behielt er für sich.

Seine pensionierten Freunde und er quatschen im Restaurant über Albernheiten und haben ihren Spaß dabei. Einer erzählte etwas Lustiges und Herr Walter musste so sehr lachen, dass sein Brauch wehtat. Er erinnert sich nicht mehr daran, was es war.

Durch das Fenster der U-Bahn sieht er ein Plakat mit dem neuen Album von David Bowie, der gestern gestorben ist. Noch jemand, der jung gestorben ist, dachte er bei sich selbst.

Als er nach Hause kommt, ist es schon dunkel. Die Portugiesischlehrerin war da und hat einen Zettel an der Tür hinterlassen: Nächste Woche findet kein Unterricht statt. Wir können ihn auf diesen Samstag verschieben. Ich mache uns Feijão, Marguerite kommt auch.

Herr Walter beschließt, am Samstag zum Unterricht zu gehen; er muss gut Portugiesisch sprechen, wenn zu Ostern der Besuch aus Brasilien kommt.

In seinem Innern verspürt er eine gewisse Kraft weiterzumachen, eine Lebenslust. Glück? Ein Schatz?

Walter überlegt, dass er lernen sollte, das Handy zu benutzen, das Tereza gehörte. Sandra wird es ihm beibringen.

 

 

Aus dem Portugiesischen von Aron Zynga

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