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Ein russischer Platz in Berlin

Bora Ćosić (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Das erste Buch, das ich hier, in Berlin, gekauft habe, war das über die Russen, als sie vor an die hundert Jahren in dieser Stadt gelebt haben. Später habe ich mir oft alte russische Filme angeschaut, die man bis vor kurzem in einem kleinen Kino unterhalb des Wittenbergplatzes, wo einst Nabokov gewohnt hatte, sehen konnte. Von allem fiel mir in die Augen, dass die meisten russischen Komiker früher eine vergrößerte Nase benutzt hatten, eine künstliche, wie gefunden in jenem Brot, dem von Gogol. Und was am interessantesten ist, diese Nase schien immer die gleiche zu sein – es trug sie der Gutsherr in einem Film nach einer Novelle von Tolstoi oder der dumme Beamte in einer 1924 gedrehten nebulösen Komödie. Die künstliche russische Nase ist eine interessante Erscheinung in der früheren russischen Schauspielerei, und über diese Nase könnte man allerhand schreiben, wenn man an die wunderliche Episode in der Petersburger Novelle denkt, die nach dieser Nase benannt wurde. Mit ihr scheint es möglich, eine ganze Epoche zu beschnuppern.

Von diesem gewesenen und fast völlig russischen Kino Arsenal ging ich den Weg hinunter, um mir das Atelier von Michael Seemann anzuschauen, der mir dort, in seiner Wohnung, ein paar Zimmer vermieten wollte. So habe ich begriffen, dass ich in die Mitte der Motzstraße geraten war, die einen Platz mit dem Namen Viktoria Luise teilt, wo im Jahr 1921 Nina Berberowa gelebt hat. Hier befand sich die Pension Krampe, in der sie und ihr Mann, Chodassewitsch, wohnten, wo gleichzeitig Schklowskij und Mark Slonim, Boris Pasternak, manchmal auch der finstere Menschenfreund Maxim Gorkij hinkamen.

Plätze entstehen übrigens so. Als versuchte eine ungeheure Macht oder nur ein guter Engel eine Ansammlung von Häusern auseinanderzuschieben, damit sich dort, dazwischen, die Premiere des neugefundenen Raums abspielt. Aber es kann auch ganz anders ablaufen; dass ein Brachfeld, vor kurzem noch Ackerland, mit Häusern umbaut wird, so erringt es im Wunsch, etwas mehr im Leben zu erreichen, allmählich seine städtische Emanzipation. Ich denke, dies hat sich in dem Garten abgespielt, der mitten in der Stadt geschaffen und anschließend nach der Tochter des letzten preußischen Königs benannt wurde. So sind tatsächlich ringsum Häuser aneinandergereiht, prächtige, dekorative, wunderschöne.  Als wären diese Gebäude zur Taufe des Platzes gekommen, des gerade geborenen Platzes, voller Blumen, mit einem Springbrunnen und mit diesem bald darauf erzeugten Duft, dem ziemlich russischen. Nicht umsonst waren der russische Zar und die Zarin im Jahr 1913 bei der Hochzeit dieses preußischen Mädchens Viktoria Luise zugegen. Die anderen Russen, die ohne Zarenstammbaum, begannen sich dort gleich auszutoben. Da war Andrej Belyj, der in der Nummer 9 junge Frauen um sich versammelte, um ihnen mit Anthroposophie, moderner Kleidung und abgedrehten Bewegungen auf dem Parkett den Kopf zu verdrehen. So unterhielt er sein persönliches Bolschoi Theater, Tanztheater, voller Magie. Das ist überhaupt nicht merkwürdig. Hat denn nicht in der Motzstraße der Gründer der Anthroposophie, der Phantast, Abenteurer, Futurist und zu allem eine Art Choreograph von Körpern und Seelen, Rudolf Steiner, gewohnt? Die Abgedrehtheit vom Anfang des zwanzigstens Jahrhunderts, abgedreht an sich, wurde über diesen städtischen Rosengarten versprüht, auf dem noch vor der Replik von Mao-tse-tung tausend Blumen sprossen. Sehen Sie nur, wo Belyj in diesem Viertel gewohnt hat: in der Passauerstraße, in der Kleiststraße, wie ein Spatz von Dach zu Dach und von Haus zu Haus fliegend, um schließlich auf diesem Platz, dem der Viktoria Luise, mit seinen Paraden, Poesien, lustigen geistigen Geselligkeiten und seinem Beinschlenkern zu beginnen. Jeder Russe ist auf seine spezielle Art verrückt, aber der dichtende Russe besonders. Vielleicht ist in diesem Blumenoval noch die Vorstellung lebendig, dass die Menschen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gebildet werden sollten, vor allem durch das, was man anderswo nicht lernt. Hier hatte sich schon früher die pädagogische Schule von Wilhelm Adolf Lette entwickelt und später auch eine Gesellschaft von Frau Ilse Middendorf. In diesem Haus, dem von Belyj, hatte sie ebenfalls eine Tanzschule, darüber hinaus stürzte sie sich auf die Unterweisung junger Mädchen im Atmen. So atmete dieser Platz einige Jahrzehnte nach den Instruktionen von Frau Ilse, wie man atmen soll und wozu. Ein Teufel drehte sich dort im Kreis und hörte, manchmal außer Atem, nicht auf zu tanzen. So wallt es in diesem Blumenkessel von Unterweisungen, von moderner Kleidung und vom sehr russischen Schreiben.

Es ist merkwürdig, wie plötzlich im Geist eines einzelnen Dichters trotz allem der Drang zum Tanzen aufflammt, alles führt natürlich zum Cabaret Voltaire, dem in Zürich. Wo Hugo Ball im Jahre 1911, kauzig gekleidet, seine dröhnenden Texte rezitierte und danach noch etwas aufführte, als wäre er Nischinskij. Auch mein Freund und bis vor kurzem mein Nachbar, Imre Kertész, tanzte als junger Mann im Cabaret, und der große Pop-Art-Dichter Daniel Spoerri? Bevor er es mit Tinguely zur Meisterschaft brachte und dann auch allein seine robusten Metallsoldaten mit Käfig statt Kopf und einem Hahn, wo das Herz hätte sein sollen, aufstellte, war Daniel ebenfalls ein begabter Tänzer, erster Ballettmeister in Bern. Manche mögen’s heiß heißt ein Film von Billy Wilder, der auch einmal vor langer Zeit auf diesem Platz gewohnt hat. 

So dachte ich über vieles nach, als ich in das Atelier des Malers Seemann stieg, unter dem Dach eines schönen Hauses, aber fast halsbrecherisch, ohne Lift. Unentwegt daran denkend, dass sich in dieser Gegend die Russen aufgehalten hatten, schaute ich durch die Fenster auf den Hof, auf den, glaube ich, früher einmal die Berberowa geschaut hatte. 

Oben in der Motzstraße (wo auch Nabokov gewohnt hat) befindet sich das Theater Metropol, in dem Piscator einmal gearbeitet hat. Im Belgrad meiner Kindheit, in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts, gab es ein Kino, das genauso hieß. Es war eine Kaluppe, ähnlich der, wo sich das Berliner Kino Arsenal befand. Dort, auf den Belgrader Terazije, wurden die verrücktesten Cowboy- und Detektivfilme gespielt, dort sah ich den ersten Film mit Marlene Dietrich, erblickte ich zum ersten Mal Viktor de Kowa auf der Leinwand. Dieser gutaussehende Held vieler aufregender Szenen traf gleich nach dem zweiten Weltkrieg zwischen den Berliner Trümmern meinen Freund Benno, de Kowa führte diesen Jungen in die Kunst ein.

Es gab, und natürlich ist es heute noch da, ein anderes Theater, gerade hier, gegenüber dem Prachtbau, in dem Piscator gearbeitet hat, jene Bühne für besonderes Verhalten, für Personen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung. Das ganze Viertel um den Nollendorfplatz wimmelt von Berliner Männerpaaren, und an der Südseite des U-Bahnhofs ist eine Tafel angebracht, die daran erinnert, dass die Faschisten dort einen Homosexuellen erschossen haben. Weil ihnen vor jeder Verschiedenartigkeit graute, die unausbleiblich ist innerhalb der menschlichen Spezies. Trotz der dumpfen Rigidität eines Regimes wehte gerade über dieser Gegend der Geist zwangloser Geschlechtlichkeit und einer heute normalen, keineswegs unnatürlichen Homosexualität in dieser Sphäre, – hätte es im Alten Griechenland nicht die Liebe zwischen Männern gegeben, meint Gide, hätte es auch die klassische griechische Kultur nicht gegeben. Dann ist es kein Zufall, dass in der dortigen Jockey-Bar von Otto Schulze und in den anderen umliegenden Cafés zu der Zeit die Ritter der Gleichgeschlechtlichkeit gesessen haben, Cocteau, Klaus und Erika Mann, dass damals irgendwo in der Nähe Christopher Isherwood, Stephen Spender gewohnt haben. Diese Menschen gaben zusammen mit Gide, der ebenfalls dort war, den Anstoß zu einem freien, gleichberechtigten menschlichen Leben, nach den Wünschen, Gewohnheiten und dem Geschmack jedes Einzelnen. So leben wir heute in der Wirklichkeit dieser Stadt mit Hunderten Personen, die ihre gleichgeschlechtliche Orientierung nicht verstecken, seien es Balletttänzer, Stilisten, Friseure oder Politiker.

 

(aus dem unveröffentlichten Buch Der neue Mieter)

Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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