Languages
Content Who? About us Events Submissions Submenu
« back

Ein tieferer Schnitt

Inga Iwasiów (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Marina sammelte Sonnenbrillen. Der Kater machte ihre Bindehaut überempfindlich. Bei mir legte sie die Sonnenbrillen ab. „Ich bitte dich, sag nichts. Ist schon gut.“ Ich brachte lieber die schnell zubereiteten Beilagen aus der Küche: eine Sardinendose, verziert mit einem Viertel Zitrone, den mit Zwiebeln bestreuten Tomatensalat und marinierte Kürbiswürfel. Meiner Freundin schob ich das Schnapsglas unter – wie einer Kranken, die auf ihre Tropfen wartete – anstatt in ihr Leben einzudringen, sämtliche Nichteinmischungsabkommen zu brechen und ihren Fall aktenkundig aufzunehmen. Ich konnte nichts Sinnvolles sagen. Trinker glauben gern, dass jedes ihrer Worte eine Offenbarung, eine Wahrheit ist und dass sie für alles und jeden einen Rat haben, aber ich schwieg. Marina schwieg auch. Spannung hing in der Luft, ebenso ein Gefühl des Unrechts und vieles mehr. Wir kannten die Medizin dafür. Auch ich brauchte sie. Ich leistete Hilfe, richtete das Unterbett für Entspannung, Linderung und wirres Gelaber. Ich mochte ihre Erzählungen aus der nicht allzu langen Arbeit als Krankenschwester, bei der sie Henryk kennengelernt hatte. Er war Privatpatient des Chefarztes gewesen. Sie hatte ihm Spritzen gegeben. Sie hatte diese Momente unendlich lang analysiert – er, ein geschwächter Mann, der Angst vor dem Stechen hatte, sie, in einem weißen Kittel und einer Haube mit schwarzen Streifen. Besser als die Stationsschwester, mit einem Talent für Nadeln, einem Gespür. Und schon lachten wir und blickten zurück, gerührt, stark, wie Schwestern.

Dieser Moment war beachtenswert. Ein Durchbruch. Man fing an, die Schränke im Krankenhaus abzuschließen und auf die Medikamente aufzupassen; die, die unter Patienten und Personal besonders beliebt waren, wurden weggesperrt. Die älteren Krankenschwestern erinnerten sich noch an die Zeiten, als das Opium leicht zugänglich war und die Ausgabe des Morphiums in Heften vermerkt wurde. Die Patienten des Chefarztes mussten sich selbstverständlich keine Sorgen um den strikteren Vertrieb machen. Henryks Diagnose war Ischias, also verabreichte sie ihm vor allem Schmerzmittel. Sie tupfte die Einstichstelle mit einem Wattebausch ab, obwohl sie gelernt hatte, man solle es energisch und unpersönlich machen. Mit einer professionellen Geste, die nicht intim oder vertraut wirkte. Der Patient hatte an die Genesung und nicht an den Charme der Krankenschwester zu glauben. Sie ignorierte diese Vorschriften, vergaß den beruflichen Eid. Sie liebkoste seine Haut mit dem Wattebausch, warum sollte sie zu den Leidenden nicht nett sein? Schon während des Praktikums im ersten Jahr ihrer Ausbildung hatte sie verstanden, dass alle – ältere Frauen und junge Mütter, Soldaten und Menschen mit Behinderung – eine behutsame Berührung der antiseptischen Behandlung bevorzugten. Auch dieser Patient, sauber, intelligent und geduldig, lächelte, sobald sie sein Isolierzimmer betrat, und schlief ein, noch bevor sie es verließ. Nachts schaute sie nach ihm.  Er schlief mit leicht geöffnetem Mund, dem immer wieder ein Pfeifgeräusch entwich. Ein schutzloser Mann in einem Kokon aus Krankenhauspyjama und Bettwäsche, Baclofen, Mydocalm und Tramal. Sie war fröhlich.

„Ich war seeeehr fröhlich, weißt du?“

Sie gestikulierte unbeholfen und anklagend, obwohl sie nur mich, ihre treue Verbündete, vor sich hatte. Ja, ich konnte sie mir vorstellen: lächelnd, hilfsbereit, gutmütig.

„Du warst gutmütig“, sagte ich ihr. „Du bist gutmütig.“

Wir sparten nicht an Lob. Unser affirmatives Tandem arbeitete mit voller Kraft, es fehlte ihm nicht an Treibstoff. Eins war zumindest sicher: Treibstoff konnten wir uns immer genug leisten. Zigmal spielte sie dieselbe Szene vor mir ab. Man musste zugeben, grundsätzlich stimmte alles. Kleine Abweichungen waren für mich eine Frage des Vertrauens, des allmählichen Aufdeckens des Geheimnisses, immer engerer Bindung.

„Das erzählst du mir zum ersten Mal.“

„Weil ich nie, nie …“, stotterte sie.

Ich habe sie getröstet, nachgeschenkt. Tatsächlich nie. Nie. Vor zwei Wochen hat sie mir eine etwas andere Version erzählt. Doch Stimmung und Sinn waren immer dieselben: Verführung mithilfe von Tramal und Wattebausch.

Als er das Krankenhaus verließ, genesen, mit einem Stapel Rezepte in der Hand, lud er sie zum Kaffee ein. „In ein paar Tagen? Morgen, Schwesterchen?“ So nannte er sie gern: „Schwesterchen“. Wir verschluckten uns fast an diesen Verniedlichungen, wie an der Leinsamenlösung, mit der wir Parodontose behandelten. „Schwesterchen macht uns Rührei“, sagte er jeden Sonntag und setzte ihren gemeinsamen Sohn, genauso hübsch wie die Mama, in den Hochstuhl. Es hörte sich immer weniger verführerisch an. Es positionierte sie in der Haushierarchie. Sie war dafür da, die Bettpfanne rauszubringen. Für die Scheiße halt, sie verfiel plötzlich in rhetorische Übertreibung, ging vom süßen zum rauen Ton über. Durch die Vulgarismen schien immer noch die Erinnerung an das erste Treffen außerhalb des Krankenhauses. Er elegant, sie pastellfarben, mit offenem Haar und einem gekonnt aufgetragenen Make-up. Sie schminkte sich nach der Arbeit stark, um die puritanischen Sitten auf der Station auszugleichen. Er tat so, als ob er sie nicht erkennen würde.

„Sie sollten keinen Alkohol trinken“, sagte sie pflichtgemäß während des ersten Treffens im Café Jogódka.

Sie hat von Anfang an gesagt, dass er es nicht tun sollte. Und sagt es immer noch, warnt, sie hat ja schließlich eine medizinische Ausbildung. Ich stimmte ihr zu: Seine Übermäßigkeit war an allem schuld. In unseren Gesprächen kamen wir uns fast wie Abstinentinnen vor, die die wirklichen Trinker begleiteten, die sie im Leben trafen.

„Vielleicht, um den Kreislauf ein bisschen anzuregen“, antwortete er.

Für sie bestellte er Wein, für sich Kognak. Männer glauben, dass wir süßen Wein trinken sollen, von dem man zunimmt und kotzt. Ein problematisches Vorurteil. Am besten soll man nicht trinken, sondern nur die Lippen befeuchten. Henryk war anders, er wollte ihr seine durch verschiedene Drinks bewohnte Welt zeigen. Genauso behutsam wie an den Sex hat er sie ans Trinken herangeführt. Sorte für Sorte, Schritt für Schritt. Gern riefen wir uns diese Schritte in Erinnerung. Ich habe in der Freundin aus der Therapie eigene Bedürfnisse erkannt.

Die hartnäckige Wirklichkeit lähmte mich; eine merkwürdige Eigenschaft einer Person, die gefährlich lebte. Ich sagte guten Schülern ab und schmiss vielversprechende Jobs, wenn etwas auf mich zukam, das zu viel Aufwand machte. Ich konnte auf Sticheleien nicht reagieren, bei Kritik krümmte ich mich. Mit Therapeuten kam ich gut zurecht, schließlich war es ihr Job. Sie spielten die Rolle der Nörgler vom Dienst, waren nie mit mir zufrieden. Ich wusste aber, dass sie sich in meinem Falle irrten. Ich hatte keine typischen Probleme. Ich ähnelte niemandem. Nicht einmal Marinka, ich trank mit ihr aus reiner Herzensgüte. Und ja, genau, überhaupt trank ich aus reiner Herzensgüte.

Wir betrieben viel Aufwand, um die Bedingungen unseres täglichen Trinkens aufrechtzuerhalten. Ich in meiner Wohnung, sie in der Villa der Schwiegereltern. Ich einsam, sie umgeben von der Familie. Ich versteckte mich vor den Milys, Lula und Andrzej, Asia, Zbyszek. Sie vor der ganzen Welt. Eigentlich trank ich meistens ohne Publikum, ganz unverbindlich. Aber es war ihre Geschichte, die ein tragisches Ende fand.

Ich kann den Zeitpunkt, an dem es für Marina zu spät war, nicht benennen. Auch ich verschob meine Grenzen, also hatte ich Verständnis für die Arbeit anderer am Gerüst ihrer Grenzen. Ich lobte die neue Sonnenbrille. Ich zeigte Mitgefühl. Ich gab Ratschläge. Ich stimmte zu. Ja, er liebte sie. Ja, er war ein Arschloch. Ich brachte sie gegen ihn auf. Ihr Aufstand nahm mit dem Kater ab. Ich ließ sie hinaus, stand wartend an der Tür, bis sie die Schuhe angezogen hatte, auch wenn ich kaum auf den Beinen stehen konnte und nur noch an die kühle Bettwäsche dachte. Wir brauchten Pausen, um die seichten Reste unserer Scham nach durchgehendem Trinkgelage oder akutem Saufen auszuspülen. Dies gelang nur, wenn wir die Motive aus der Welt der Nacht nicht in die Welt des Tages brachten. Ich arbeitete, kaufte ein, besuchte die neue Familie Miły, die Woźniaks mit Anhängseln. Marina trug ihre Sonnenbrillen. Ständig kaufte sie schicke neue Markenbrillen, auf Vorrat. Manchmal machte ich eine Bemerkung, aber auch sie schaffte es, klarzukommen und sich selbst zu heilen, die Brille half ihr, das Gesicht zu wahren. Wir trafen uns auf neutralem Boden, die ersten Gläser auf dem Tisch, ich hielt meine Reden über die Freiheit, bis die eigentliche Bestellung eintraf. Ich habe den Moment verpasst. Ich brauchte sie zum Trinken. Ich brauchte ihr Trinken. Wenn andere nicht getrunken hätten, wäre die Welt meines Trinkens verschwunden. Eine Welt, in der ich darauf bestand, dass alle trinken, also auch ich und gleichzeitig nicht, denn die anderen, die trinken richtig, also kein Grund sich zu schämen, das sollen die anderen, keine Skrupel, Scheiß drauf.

 

Aus dem Polnischen von Joanna Trümner, Iga Nowicz, Nathalie Kornet, Marta Murawska, Katarzyna Hajduk, Milosz Dziombra, Eva Banach, Dominika Domian

 

≡ Menu ≡
Homepage Content
Events Submissions
Authors Translators Moderators
About us Partners Gallery
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Events Press