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Eine große Platane

Ruhat Gülçin Kırdar  (2016)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Wir saßen um einen quadratischen Tisch. Acht Frauen, schweigend. Auf den Tellern köstliche gebratene Makrele, in der Mitte Hirtensalat, in den Gläsern Wein. Die anderen sieben Frauen waren vor einem halben Jahr nach zwei Jahren Untersuchungshaft entlassen worden. Auf das Urteil mussten sie noch warten. Keine sagte etwas. Komisch. Acht Frauen saßen um einen Tisch und redeten nicht. Wenn ich es erzähle, glaubt mir niemand. 

Ich schaute nach und nach in ihre Gesichter. Jede schaute vor sich hin. Das erste Mal waren sie nach ihrer Entlassung zusammengekommen. Alle wollten wissen, wie es den anderen geht, ich hatte einen passenden Ort für das Treffen organisiert, aber sie redeten nicht miteinander. Eine musste anfangen. Aber wer? Da ich dieses Treffen organisiert hatte, hätte ich anfangen sollen. Ich war aber keine von ihnen. 

Diese sieben Frauen waren wie das ausgetretene Wasser des Flusses Tschorochi, der von Schnee und Regen gestiegen zum Meer strömt und alles, was ihm in den Weg kommt einverleibt und mitreißt. Der schnell fließende Tschorochi sprüht verschwenderisch seine Tropfen ans Ufer, die dann auf den Ebenen zu kleinen Seen werden. Im Sommer trocknen Sonne und Wind diese kleinen Seen aus. Ich wollte nicht das Wasser eines Flusses sein. Hast fand ich schon immer befremdlich. Ich wollte eine große Platane sein, auf einem Abhang in einem Tal, wo die Bäche Tschala und Devishkel fließen, die später in den Tschorochi münden. Ich wollte das Wasser, das meine Wurzel nährt, aus einer dieser Bächen ziehen. Ich wünschte mir tiefe und starke Wurzeln, damit der Boden unter mir nicht wegrutschen kann. Menschen sollten sich in meinem Schatten ausruhen können. Vögel sollten auf meinen Ästen Neste bauen. Ich wollte für alle möglichen Käfer ein Zuhause bieten und wollte andere Bäume um mich herum. Unsere Äste sollten ineinander ragen. Es macht mir Angst, rauschend zu fließen. Wenn du schnell fließt, reißt du alles mit dir und hinterlässt einen kahlen Ort, an dem das Leben wieder aufgebaut werden muss. Aber wenn Du eine große Platane bist, entstehen neue Bäume durch dich, du bist nützlich für andere Lebewesen, nährst Regenwolken und schaffst Regen. Reinigst mit deinen Blättern die Luft. Diese Frauen am Tisch teilten in dem Gefängnis ihre Schmerzen, ihren Widerstand, ihre Liebe miteinander. Sie sahen wie ihre Freundinnen mit Knüppel geschlagen worden sind, bluteten, getötet wurden. Sie hörten das Stöhnen der Gefolterten, und ihre immer lauter werdenden Schreie. Ich lag zu Hause in meinem warmen Bettchen und sie gingen durch die Hölle. Ich schaute aufmerksamer in ihre Gesichter. Sie waren ruhig, über ihren Lippen schwebte ein unbestimmtes Lächeln. „Ich denke, wir sollten diesen Abend nicht schweigend verbringen. Wir könnten diesen Abend unvergesslich machen, indem wir über eure wichtigsten Erlebnisse im Gefängnis, oder auch über ganz andere Themen sprechen.“ 

Hatte ich das laut gesagt? Wahrscheinlich, da sich alle zu mir wandten und mich anschauten. Der Wein bleibt nicht so brav stehen wie in der Flasche, er steigt in den Magen und lässt die Gedanken Worte werden. Ich spürte, wie mein Gesicht rot anlief. Sieben Paar Augen starrten auf mich. Von allen Seiten war ich zur Zielscheibe ihrer Blicke geworden. 

„Also … Wenn ihr wollt, kann ich natürlich auch was erzählen. Ich habe einige Liebesgeschichten, die immer noch kein Ende haben, irgendwie halb geblieben sind. Außerdem habe ich ein paar Erzählungen über die schwierigen Verhältnissen im Arbeitsleben. Aber ihr kommt ganz woanders her. Ich wollte euch hören und verstehen. Ich bin mir sicher, dass ihr sehr interessante Geschichten habt.“ 

Şengül, die mir gegenüber saß, zuckte ratlos mit den Schultern. „Meine Freundinnen haben mich leider davon abgehalten, im Gefängnis Geschichten zu schreiben. Ich wollte, was wir erlebt haben, die ganze Verzweiflung …“ 

Nergiş nahm Şengüls Hände in die ihre, legte sie auf den Tisch und streichelte sie, als wollte sie sie beruhigen. Ihre grünen Augen waren mit Tränen gefüllt. 

„Meine Liebe! Du hast beim Schreiben alles Erlebte erneut erlebt. Hast dich von der Außenwelt abgekapselt. Das Schreiben war für dich ein wieder auflodernder Schmerz. Du hast dich von uns abgewendet, als du geschrieben hast. Du bist uns fremd geworden. Wir hatten Angst um dich.“ 

Şengül sah Nergiş fragend an. Sie schien nicht überzeugt worden zu sein. Mich hatte Nergiş auch nicht überzeugen können. Şengül konnte, so sehr sie wollte, jetzt nicht mehr schreiben. Ich denke, man muss gleich schreiben. Sofort. Was du im Moment des Entsetzens denkst. Was du fühlst. Wie können die Worte die Realität widerspiegeln, wenn es schon Zeit verstrichen ist? Und der Drang zum Erzählen muss da sein. Natürlich ist das Schreiben eine Qual. Besonders, wenn du selbst erlebt hast, worüber du schreibst. Beim Kinderkriegen haben wir auch Wehen. 

Şengül schaute auf Nergiş mit spöttischer Wut. „Siehe mal an, wer das sagt! Hab ich mich vielleicht eingemischt, als du den Hungerstreik angefangen hast? Denkst du, es war für mich ein Vergnügen, zusehen zu müssen, wie du, dem Tod immer näher, dahinsiechst? Ich habe meinen Schmerz wieder erlebt. Das stimmt. Aber du? Du gingst auf den Tod zu! Du warst noch sehr jung. Hattest einen Mann, mit dem du hättest glücklich sein können. Sehr jung warst du und hast noch nicht einmal ein Kind geboren.“ 

Nergiş lächelte traurig, während sie Şengül zuhörte. Wartete, bis sie zu Ende gesprochen hatte, dann bewegte sie zwar die Lippen, sagte aber nichts. 

„Na, siehst Du? Du antwortest nicht einmal.“ Nergiş schien abwesend. Sie redete wie vor sich hin. „Es geht nicht ums Antworten. Ich denke nur gerade an meinen Hungerstreik. Ich habe es euch nicht erzählt, mir war es peinlich. Nicht vor euch, vor mir selber. Am wievielten Tag war das? An dem zwanzigsten, dreißigsten, vierzigsten, ich kann mich nicht mehr erinnern. Nach dem dritten Tag gewöhnst du dich an den Hunger und denkst gar nicht mehr ans Essen. Wir hatten ein Ziel, und das Einzige, was ich für dieses Ziel, gegen die unmenschliche Behandlung der Gefangenen tun konnte war, meinen Körper einzusetzen. Sonst hätten wir keine Chance, die Öffentlichkeit zu erreichen. Wo bin ich stehen geblieben? Ah ja, wenn du lange nichts isst, fangen dein Mund und dein Körper zu stinken an. Ich wollte mich waschen. Beim Hungern habe ich die Veränderungen an meinem Körper gar nicht bemerkt. Nur an Übelkeit und Schläfrigkeit kann ich mich erinnern. Wie auch immer … Als ich mich auszog, um mich zu waschen, sah ich meine Brüste wie ausgestochene Luftballons hängen, vertrocknet, verrunzelt, als wären sie uralt. Mir war Angst, die zu berühren. Meine Beine zitterten wie Blätter im Wind. Ich habe mich vor meinem Körper geekelt. Mir floßen die Tränen, ich wollte laut weinen, brachte aber keinen Ton raus, so schlaff war ich. Mir war plötzlich klar geworden, dass ich nie Mutter werden kann, dass ich mit meinen Brüsten nie ein Kind ernähren könnte. Dieser Albtraum dauerte nur ein paar Sekunden, dann habe ich mich beruhigt. Während meine Tränen weiter flossen, sagte ich mir: „Vermehrst Du mit deinem Körper die Zahl derer, die auf dieser Welt leiden, oder kämpfst Du mit deinem Körper für eine bessere Welt. Vergiss nicht die, die infolge der Folterungen gestorben sind. Die Staatsmacht tut alles, um uns zum Schweigen zu bringen. Deine Angst ist ihre Stärke. Du darfst jetzt keine Angst haben. Du darfst nicht weinen …“ Viele sind beim Hungerstreik gestorben. Es ist ein Zufall, dass ich am Leben geblieben bin. Seitdem ist schon viel Zeit vergangen, und ich kann es immer noch nicht verstehen, wie ich, zu sterben bereit, auf die Idee kam, darüber zu jammern, dass ich kein Kind werde ernähren können. Ich denke manchmal darüber nach, und ich verstehe es nicht. Obwohl ich bewusst darauf verzichte, Mutter zu werden. Unter diesen Umständen kann ich es mir nicht vorstellen. Einige Monate vor dem Gefängnis bin ich schwanger geworden. Mein Mann und ich haben entschieden, das Kind abzutreiben. Ich denke auch jetzt nicht daran, ein Kind zu kriegen. Warum habe ich dort, als ich meine verwelkten Brüste sah, daran gedacht, wie ich ein Kind stillen sollte? Warum habe ich nicht vor dem Tod Angst gehabt?“ 

„Mir sind die Umstände so was von egal! Sobald mein Mann wieder frei ist, machen wir ein Kind. Ich werde es, wie uns unsere Mütter, an meine Brust binden und überallhin mitnehmen. Auf Versammlungen, auf Demonstrationen. Wenn mein Kind mit mir die Luft des Widerstands einatmet, wird es unseren Kampf für eine bessere Welt weiterführen. Und warum wollen wir eine bessere Welt, wenn nicht für unsere Kinder?“, erklärte Nurgül, die neben mir saß. Die anderen belächelten sie. Ihr Mann wurde kurz nach ihrer Hochzeit verhaftet und sitzt schon seit langen Jahren. Wenn er endlich freikommt, wird Nurgül um die vierzig sein. Sie wartete beharrlich und sehnsüchtig auf ihn. 

Ayşe mit den langen, großen Locken lachte nicht. Sie fand es überhaupt nicht lustig. Sie starrte mit ihren vor Wut kochenden schwarzen Augen auf Nurgül, während sie ihren Wein in einem Zug austrank. Nachdem sie das Glas abgesetzt hatte, legte sie los: 

„Du musst dumm oder blind sein. Oder beides. Wenn du so sehr ein Kind willst, warum hast du dir nicht einen Neuen für diesen Zweck gesucht? Mein Mann konnte nicht einmal zwei Jahre auf mich warten. Kaum ein Jahr war ich hinter Gittern als er sich rar gemacht hat. Ohne das Urteil abzuwarten, hat er sich von mir scheiden lassen und eine hörige Hausfrau gefunden. Ich kam eine Woche vor seiner Hochzeit frei. Er kam zu mir, sagte, dass er mich immer noch liebt und wollte mit mir ins Bett. Als kleine Gefälligkeit. Ist aber ein Angebot, oder? Vielleicht war ich ja dumm, dass ich nein gesagt habe. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Wir Frauen sind auf Treue und auf Warten abgerichtet. Ich habe noch keine Frau getroffen, die ihren Mann während der saß, verlassen oder einen Anderen gefunden hätte. Wir Frauen wollen Sicherheit bieten und warten wie Doofe. Nach dieser Erfahrung traue ich keinem Mann mehr. Ich werde nicht jahrelang auf einen Mann warten. Wenn es jemandem nicht gefällt, seine Sache. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich werde weder ein Kind kriegen noch jahrelang auf einen Mann warten. Du solltest deine Pläne auch mal überdenken, Nurgül. Ein Kind zu bekommen und großzuziehen geht nicht schwuppdiwupp.“ 

Ayşes Stimme klang verbittert und gekränkt. Gar drohend. Ich schaute wieder diese Frauen an. Jung, oder etwas älter, die Eine schöner als die Andere. Mein Blick blieb auf Fatma ruhen. Um die vierzig, riesengroße Augen. Sie kämpfte mit ihren Tränen. Schluckte. Beim Schlucken floßen ihre Tränen endlich über ihre Wangen. Wir teilten eine Ecke des Tisches miteinander. Ich faltete eine Serviette zusammen, und gab sie ihr. 

Ihre Lippen zitterten. Sie war eine sehr schöne Frau. Von Schminke keine Spur. Dass ein Mensch auch weinend schön sein kann, hatte ich das erste Mal bei ihr gesehen. Sie bedankte sich kaum hörbar für die Serviette und sagte: 

„Ihr sollt es euch gut überlegen, mit dem Kind. Ich denke nicht, dass Unsereine das Recht hat, sich frei nach Gefühl für ein Kind zu entscheiden. Erzählt mir nicht von Kindern. Ich habe die Verhöre ausgehalten, die Folter ausgehalten, Vergewaltigungen, die demütigenden Sprüche, wie vielen ich schon die Beine breit gemacht hätte … Dass meine Verwandten sich von mir losgesagt hatten als ich verhaftet wurde, habe ich auch ausgehalten. Ich habe mir gesagt: Sie müssen ja ein wichtiges moralisches Problem haben, wenn sie sich nicht fragen, warum eine gebildete, gut verdienende Frau wie ich, die einen liebenden Mann und tolle Kinder hat, eingekerkert wird? Wenn sie diese offenbar bewusst eingesetzte Gewalt nicht hinterfragen, sondern sich lieber blind, stumm und staub stellen und sich wie ein Totenkäfer in der Dunkelheit verkriechen, kann ich nichts machen. Schließlich lebt jeder, wie er kann. Ich kämpfe weiter. Aber wenn es um meine Kinder geht, denke ich anders. Ich habe versucht, meinen Kindern meine Erfahrungen zu vermitteln, aber wenn ich ihre fragenden Blicke an mir spüre, denke ich manchmal, einen Fehler gemacht zu haben. Meine Kinder sagen mir, ihnen wäre es lieber, wenn ich mich wie andere, “normale“ Mütter verhalten würde. Ja, das sagen sie offen. Ich fahre jedes Mal zusammen, wenn ich ihre vorwurfsvollen Blicke begegne. Erst jetzt sehe ich, dass ich unsere Umgebung, die Ansichten, die in der Schule verbreitet werden und die Möglichkeit, dass meine Kinder anders denken können als ich, ignoriert habe. Als hätten wir kein Recht, unsere Kinder in unsere Realität herunterzuziehen. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – ich habe daran geglaubt und mein Leben danach gerichtet. Aber es ist hart für eine Mutter, zu fühlen, wie ihre Kinder sich von ihr abwenden. Wenn ich mal wieder kurz davor bin, aufzugeben, denke ich an die Vergangenheit dieses Landes. Wie die Kräfte an der Macht den Staat für Unterdrückung und Willkür benutzten. An die Getöteten, an die Mütter der Verschwundenen, an die, die in den Gefängnissen Widerstand leisteten. Wenn ich es aufgebe, wen wir es aufgeben, wird die Gewalt der Macht über uns größer und verbreitet sich noch mehr. Die Mächtigen werden uns weiterhin einschüchtern, und überall die Kontrolle übernehmen. Ich will nicht, dass meine Kinder nach ihrer Pfeife tanzen und mit der Angst leben müssen. Sie sollen zu denkenden Menschen heranwachsen, die Fragen stellen, nach kreativen Lösungen suchen. Jedesmal, wenn ich auf den Widerstand verzichten will, muss ich an die Kinder denken, die auf der Straße betteln, um überleben zu können. Ihre Mutter bin ich auch und ich muss ihretwegen weitermachen, sage ich dann. Von Zeit zu Zeit erkläre ich es meinen Kindern. Vielleicht verstehen sie es später, wenn sie groß sind. 

Jedesmal, wenn wir an einem Polizisten vorbeigehen, sehe ich wie die Augen meiner Tochter vor Angst groß werden. „Mama, sie kommen aber nicht mehr zu uns nach Hause, oder?“, fragt sie mich jedesmal. Ich befürchte manchmal sogar, dass die Angst, die Gewalt, die meine Kinder durchmachen mussten, sie zu systemtreuen Menschen macht. Der Gedanke, dass meine Kinder sich diesem System anpassen könnten, macht mich wahnsinnig.“ 

Sie verstummte. Ich nahm ihre Hand. Eiskalt war sie, obwohl es im Haus warm war. Als ich ihre eiskalte Hand hielt, wurde mir der Wunsch, eine riesengroße Platane zu werden, fremd. Lieber ein Tropfen in einem reißenden Fluss. 

 

Aus dem Türkischen von Bora Hegyes 

Aus: Berlin İhlamur kokarken. (In Berlin riecht es nach Linde). Gedankenaustausch mit einer Literaturstudentin aus Istanbul, in Form von Briefen und kurzen Geschichten. Soran Yayıncılık, 2016 Berlin

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