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Entbabylonisierung: Psychologien der Integration

Alexandru Bulucz (2018)

Sorry, this entry is only available in German.

Ich weiß das Datum nicht mehr genau, an dem ich in den Bus Richtung Deutschland stieg. Vielleicht war es der 7. Juli 2000, ein Freitag, vielleicht war es der 8. Juli 2000, ein Samstag. Ich wurde gerade 13 und brach also auf zu neuen Ufern. Ein Scheidungskind, unterwegs von seinem Vater zu seiner Mutter und seinem Stiefvater, eine 20 stündige oder noch längere Fahrt vor sich habend. Ein zweimonatiges Aufenthaltsvisum in der Tasche – oder im Pass in der Tasche. Aber keiner dachte mehr ernsthaft daran, dass ich jemals dauerhaft zurück nach Rumänien finden würde. Auch ich nicht.

Mein erstes deutsches Wort, das ich aufschnappen konnte, dürfte das Wort „Ausfahrt“ gewesen sein. Wenn nicht schon auf der Autobahn in Österreich, dann spätestens auf der Autobahn in Deutschland. Wir fuhren über Ungarn und Österreich. Ich hätte mir den Sinn dieses Wortes, nämlich von „Ausfahrt“, und seine exzessive Verwendung auf Autobahnen sicherlich vage zusammenreimen können, wäre ich jemals zuvor auf irgendeiner rumänischen Autobahn gefahren. Aber damals gab es in Rumänien nur zwei Autobahnlinien, so weit ich weiß, und die lagen nicht in der näheren Umgebung von Alba Iulia, der Stadt, die ich soeben verließ.

Ich weiß nicht: Im Augen eines Kindes, welches des Deutschen nicht mächtig ist, ist „Ausfahrt“ vielleicht der Name eines großflächigen Stadtstaates, in den alle Ausfahrten hineinführen, so dass jede Ausfahrt eine Ausfahrt der Ausfahrt ist. Oder ganz einfach: „Ausfahrt“ ist ein Synonym für Rom. Bekanntlich führen alle Wege dorthin.

Ich erreichte Bayern, endlich den Ankunftsort, die auch als das „bayerische Nizza“ bezeichnete Stadt Aschaffenburg. Ich weiß noch, wie ich mir das Zählen beibrachte: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, vielleicht noch 11 und 12, bevor ich im deutschen Bildungssystem angemeldet werden sollte. Ich war motiviert und ehrgeizig, hatte in Rumänien soeben die sechste Klasse als Drittbester abgeschlossen. Nun wurde ich in Aschaffenburg an eine sogenannte „Volksschule“ gegeben. Wahrscheinlich ist dieser Terminus gar nicht mehr bekannt, weil inzwischen weder in Landesverfassungen noch in Schulgesetzen gebräuchlich. „Volksschule“ bezeichnete eine schulische Einrichtung, die eine Mindestausbildung sichern sollte. Sie war vergleichbar mit der Hauptschule, aber noch niedriger einzustufen, weil man sie schon nach acht Jahren beendete. Ausnahmslos alle meine Mitschüler waren Migranten, Migranten aus allen Ecken dieser Welt. Anfänglich kommunizierten wir mit Hand und Fuß.

Hand und Fuß begleiteten unsere Kommunikationsversuche. Jeder von uns hatte den Impuls, in der jeweiligen Muttersprache zu kommunizieren. Jeder Kommunikationsversuch setzte dann auch in ihr an. Beim wahrscheinlich dritten oder vierten Wort wurde einem bewusst, dass man den anderen nicht verständlich war, so dass sich Hand und Fuß der Aufgabe annahmen. So begann die Entwöhnung von der eigenen Sprache zugunsten einer anderen oder zugunsten von mehreren anderen.

Ich wurde sogleich auch mit einem Einstufungstest konfrontiert. Ob ich in einen höheren Deutschkurs „Deutsch als Zweitsprache“ eingestuft werden sollte, hing an der Frage: „Welche Farbe hat dieser Vorhang?“ Es handelte sich um einen dickstoffigen, alten, fusseligen, recht hässlichen Vorhang, wenn ich mich recht entsinne. Auf gut Glück antwortete ich mit: „Grün!“ Ich kannte einige Farbwörter, aber ich glaube nicht, dass ich sie damals schon der tatsächlichen Farbe zuordnen konnte. Meine Antwort war also im Grunde genau so unsinnig wie einer der berühmtesten Sätze der Wissenschaftsgeschichte: „Farblose grüne Ideen schlafen wütend.“ Sie kennen diesen Satz vielleicht?! Er stammt vom Linguisten Noam Chomsky und tauchte erstmals im Jahr 1957 auf. Inzwischen könnte man diesem Satz einigen Sinn abgewinnen, mit dem ich nicht einverstanden wäre. Wie dem auch sei: Mit „Grün!“ lag ich unsinnigerweise richtig und wurde unsinnigerweise höher eingestuft. Aber ich holte schnell nach und wurde [ich zitiere aus dem Jahreszeugnis] zum „Traum eines jeden Lehrers“. Das harte rumänische Schulregime half mir, die deutsche Volksschule, in der ich eine schöne Zeit verbracht hatte, schnell wieder zu verlassen. Sie unterforderte mich, zumal alle anderen Fremdsprachen gar nicht gelehrt wurden: kein Französisch, kein Englisch, kein Latein etc. Es war ungefähr so: Es verhielt sich das deutsche Fernsehen zu seinen Zuschauern wie die Volksschule zu ihren Schülern: Sie durften nicht überfordert werden. Eine recht arrogante Haltung!

Anschließend durfte ich aufs Gymnasium, auf ein bayerisches Gymnasium, mit der Bedingung, die soeben sehr erfolgreich abgeschlossene siebte Klasse freiwillig zu wiederholen. Natürlich ließ ich mich darauf ein. Jetzt holten mich aber die schulgesetzlichen Vernachlässigungen der Fremdsprachen ein: Französisch „befriedigend“, Englisch sogar nur „ausreichend“. Und im Zwischenzeugnis war das Fach Deutsch „von der Bewertung noch ausgenommen“. Im Jahreszeugnis: „Der Schüler unterlag im Fach Deutsch noch keiner Leistungserhebung. Er hat in diesem Fach erhebliche Fortschritte erzielt.“

Zwei Jahre hatte ich also in Aschaffenburg verbracht, und man war der Meinung, dass meine sprachlichen Fortschritte „erheblich“ seien. Ich sah das anders. In Aschaffenburg lebten auch viele Russen und Russlanddeutsche. Ich weiß nicht, ob das auch heute der Fall ist. Von einem erfuhr ich, dass er seit 20 Jahren in Aschaffenburg lebe. 20 Jahre?! Wie konnte das sein?! Er sprach kaum Deutsch! Ich erinnere mich an eine Begegnung mit ihm in der Nachbarschaft – dort, wo es in den unterirdischen Parkplatz geht. Schon damals hatte ich das Bild im Kopf, dass mein Weg, sollte ich in Aschaffenburg bleiben, sollte es weiter so gehen wie in den vergangenen zwei Jahren – dass mein Weg nur „kellerwärts“ führen könnte, d.h., nach unten. Denn irgendwann würden die sprachlichen Fortschritte stagnieren.

Zuhause sprach man ja noch weitgehend Rumänisch. Und je mehr die Deutschkenntnisse meiner Mutter zunahmen, während ihre Rumänischkenntnisse abnahmen, sprach man dort vermehrt eine Art Rumänischdeutsch oder eine Art Deutschrumänisch. Das empfand ich nicht als Bereicherung, sondern es verwirrte mich und verkleinerte zudem meine künftigen beruflichen Möglichkeiten.

Vielleicht kennen sie Alfred Kerrs „Rumänienlied“ und wie er sich darin – ja, man könnte sagen – über die frisch emigrierten, der Landessprache noch nicht kundig seienden Rumänen lustig macht, in dem er die deutsche Sprache in die rumänische Grammatik hineinmutieren lässt, sie in einem siebenbürgischen Dialekt mit rumänischen Flektionsendungen verziert:

„In den klainsten Winkelescu
Fiel ein Russen-Trinkgeldescu,
Fraidig ibten wir Verratul —
Politescu schnappen Drahtul.

Alle Velker staunerul,
San me große Gaunerul.
Ungarn, Siebenbürginescu
Mechten wir erwürginescu.

Gebrüll escu voll Triumphul
Mitten im Korruptul-Sumpful
In der Hauptstadt Bukurescht,
Wo sich kainer Fiße wäscht.

Leider kriegen wir die Paitsche
Vun Bulgaren und vun Daitsche;
Zogen flink-flink in Dobrudschul,
Feste Tutrakan ist futschul!

Aigentlich sind wir, waiß Gottul,
Dann heraingefallne Trottul,
Haite noch auf stolzem Roßcu,
Murgens eins auf dem Poposcu!“

So ungefähr sprachen wir auch Zuhause, und diese „Fehlerhaftigkeit“ konnte die reine Schulzeit nicht aufwiegen, aufheben. Diese „Fehlerhaftigkeit“ und der seit 20 Jahren in Deutschland lebende, aber kaum Deutsch sprechende Russe oder Russlanddeutsche machten mir Angst. Ich musste etwas tun. Ich stellte mir eine quasi Falladeske Frage: „Kleiner Mann – was nun?“

Ich brachte meine Mutter und meinen Stiefvater dazu, mich an ein Sportinternat zu schicken. Das Schülerbafög sorgte für den Unterhalt. Und das war im Grunde meine Rettung. Dort konnte ich mich auch durch die geographische Distanz zur Muttersprache abschotten. Ich war fortan für sechs Jahre bis zum Abitur gezwungen, Deutsch zu sprechen. Nicht einmal an Wochenenden wollte ich nach Hause. Und das musste ich auch nicht. Denn die Internatspolitik war sehr liberal.

Ich hatte mir letztendlich vorgenommen, meine Geschichte samt der Sprache dieser Geschichte, mein Rumänisch, auszuradieren, zu vergessen. Was natürlich nur eine Illusion ist, eine früher oder später nach außen wollende Unterdrückung. Aber es funktionierte, die größten Fortschritte fanden im Internat statt.

Gleichzeitig erlebte ich an keinem anderen Ort solche Sprachschikanen und solches Sprachmobbing wie dort, im Sportinternat. Der größten Sprachprüfung unterzog mich Till, so hieß er. Oder so heißt er. Er lebt ja noch. Er war der größte Schikaneur. Er war skrupellos, meinem Akzent und meiner Unfähigkeit gegenüber, zwischen langen und kurzen Vokalen zu unterscheiden. Und dann hieß er im Nachnamen auch noch Höhler; ö, h: Noch immer, wenn ich in Stresssituationen gerate, würde ich „Höller“ sagen, und nicht „Höhler“. Er machte und hielt mich klein.

Auch die deutschen Redewendungen bereiten mir Schwierigkeiten. Hie und da würde ich gerne schlagfertig mit einer Redewendung antworten, aber von nichts kommt nichts: In der Zeit, wo ich ein Gespür für sie entwickelt hätte, konnte ich nicht ahnen, dass ich irgendwann in Deutschland leben und auf Deutsch schreiben würde. Und dann die deutschen Artikel: der, die, das. Am Anfang war es furchtbar, ich habe alles durcheinandergebracht, aber mir fiel auf, dass, sobald ich nur noch in Diminutiven rede, zwei von drei Artikeln wegfallen und nur noch „das“ übrigbleibt. Also habe ich eine Zeitlang nur noch in Diminutiven geredet, mit dem Suffix -chen natürlich, bei dem Suffix -lein war ich noch nicht. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt eine Figur in einem OuLiPo-Roman, in einer Welt en miniature: „Im Kneipchen trank er zu viel Bierchen. Einmal draußen – fiel er hin und brach sich das Rippchen.“

… und dann die weiterbestehende Scham vor dem eigenen Akzent, was natürlich nur eine größere Angst ist, nämlich davor, aufzufallen; die Angst, jemand zu sein, der von der sprachlichen Norm abweicht.

Selbstanspruch und äußerer Anspruch waren also, sich so umzustellen, dass man nicht mehr auffällt. Das ist aber illusorisch, weil nicht zuletzt man selbst es ist, der immer genug Fremdes an sich, d.h., dem Rumänen in sich, findet.

Wenn ich meine Deutschjahre zusammennehme, dann komme ich auf achtzehn. Ich bin seit diesem Jahr volljährig. In diesen achtzehn Jahren war mir die rumänische Sprache eine mehr oder weniger verbotene Frucht, Verbot, dem ich unbedingt folgen musste. Ich nahm ja an, dass ich ansonsten niemals „richtig“ Deutsch sprechen können würde. Jetzt, in der Volljährigkeit, kehrt das Rumänisch allmählich zurück. Das hängt bei mir auch mit der größer werdenden Rolle der Lyrik in meinem Leben zusammen, in der die Frage nach Sprachursprüngen eine wesentliche ist. Freilich ist es nur noch ein gebrochenes Rumänisch, zu dem mein antiuniversalistischer Ansatz geführt hat, wenigstens eine (!) Sprache „richtig“ zu beherrschen.

Von hier aus ließe sich in meinen Augen gegen bi- und multilinguale Erziehungspädagogiken argumentieren. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich doch sagen, dass sich zwei oder mehr Sprachen einander im Wege stehen, dass das gleichzeitige Sprechen zweier oder mehrerer Sprachen zu einer Vermittelmäßigung des Sprachvermögens in der jeweils anderen Sprache führt, dass sich das Kollidieren zweier oder mehrerer Sprachen traumatisch auf die Psyche des Kindes auswirken kann. Sie werden mir vielleicht sagen, es sei etwas Anderes, von Grund auf bi- oder multilingual aufzuwachsen denn ab 13. Darauf werde ich irrational antworten, dass ich mich nicht traue, dieses Experiment mit offenem Ausgang an meinem Sohn auszuprobieren. Außerdem würde ich ihm sowieso nur ein gebrochenes Rumänisch anbieten können.

Parataxe Symposium IV – Berlin POLYLINGUAL

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