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Für die Fische

Milena Nikolova (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Es ist Juli und die Hitze ist unerträglich. Zwei Tage nach der Urnenbeisetzung meiner Großmutter sitze ich im Garten des Restaurants „Die Mauer“, im Schatten einiger alter Eichen. Der Stausee und die hohen Gebirgsketten im Süden sind von hier aus nicht zu sehen, aber ich denke mir die vertraute Landschaft hinter dem Wäldchen dazu. Das Stauseebecken beginnt ganz nah, wahrscheinlich nur ein paar Meter hinter den Bäumen und erstreckt sich fast bis zum Fuße des Rilagebirges, gewaltig und glänzend wie der überflutete Fußabdruck eines Riesen. So sehen ihn die Schäfer von den umliegenden Hügeln aus. Die ältesten unter ihnen erinnern sich vermutlich an die Aussicht vor 1950, als an dieser Stelle im Tal ein Dorf lag. Das Dorf meiner Großmutter.

 

Als Kind war ich im Sommer häufig im Stausee schwimmen. Dabei stellte ich mir mit Unbehagen vor, wie in der Tiefe die Ruinen der verlassenen Dorfhäuser aufragten. Am meisten beschäftigte mich die Vorstellung vom Glockenturm der Kirche. Ich wusste nicht genau, ob es tatsächlich eine solche Kirche gegeben hatte, aber ich stellte sie mir sehr hoch und immer noch aufgerichtet vor, mit einer großen Bronzeglocke und einer Windfahne auf dem Dach, die – wer weiß – mich vielleicht an den Fersen kitzelte, während ich ganz ahnungslos darüberschwamm.

 

Großmutter hatte dieses Heimatdorf, das man heute weder sehen, noch auf der Landkarte finden konnte, sehr geliebt. Man konnte aber noch davon berichten. Deshalb erzählte sie mir abends im Bett, während sie im Dunkeln mein Haar streichelte, vom Haus meines Urgroßvaters, dem Dorfarzt. Und ich fühlte mich durch ihre Erinnerungen dorthin versetzt, in den großen Hof voller Büsche und Blumen, beim Spielen mit ihren Schwestern oder Herumtreiben auf den lauten Dorffesten mit beschwingten Reigentänzen, zu denen viele Menschen aus den nahe liegenden Dörfern herbeigeeilt kamen. Ich nahm die Bilder mit in meine Träume, zusammen mit ihren langen Fingerspitzen, in einer meiner Haarsträhnen verwickelt.

 

Manchmal fragte ich noch im Halbschlaf: „Oma, und was war mit den Leuten? Bestimmt wollten sie das Dorf nicht verlassen?“

„Traurig war es“, erwiderte sie. „Manche weigerten sich, ihre letzten Habseligkeiten auf den Pferdekarren zu laden.“

„Und was dann, sind sie geblieben und im Stausee ertrunken?“ Die Vorstellung von riesigen Wassermassen, die eines Tages freigelassen wurden, das Tal stürmten, Häuser, Menschen, Geschäfte und Plätze überfluteten, ließ mir keine Ruhe.

„Mach dir keine Sorgen, niemand ist dageblieben. Sie haben allen schöne Wohnungen in Sofia versprochen, und überhaupt haben sie alle irgendwie überredet“, sagte Großmutter und versank in Schweigen.

 

Diese auf dem ersten Blick traurige Geschichte aus Großmutters Vergangenheit hatte letzten Endes auch ihre positiven Auswirkungen auf die Gegenwart. Großmutter hatte es geschafft, das einfache Dorfleben hinter sich zu lassen. In der Hauptstadt war sie meinem Großvater begegnet. Sie war mit ihm nach Wien geflohen, wo sie an der Universität ihr Studium der Geschichtswissenschaft absolviert hatte. Der Stausee wiederum liefert heute das Trinkwasser für ganz Sofia und Umgebung.

 

„Also war es ja für etwas gut“, denke ich mir, während ich im Restaurantgarten sitze, der am Ende der Staumauer, mitten im kleinen Eichenwäldchen thront. Auf der anderen Seite des Zauns liegt ein dunkelbrauner Straßenhund mit ausgestreckter Zunge auf der Wiese. Ich beobachte seine Bewegungen. Nur der sich hin und wieder hebende Hundebauch verrät, dass er noch am Leben ist.

 

Zum Gedenken an Großmutter, die mit Großvater gern angeln war, habe ich gebackene Forelle mit Kartoffeln bestellt. Während ich warte, blättere ich in einigen zerknüllten Zetteln mit alten Notizen von ihr, die ich von den Krankenschwestern im Altersheim bekommen habe. Sie hatten sie samt einer Dose Nivea Creme und einer fast borstenlosen Haarbürste in Großmutters abgeranzte Ledertasche gestopft.

 

Die Schrift ist groß, gleichmäßig, leicht nach rechts geneigt, was ihr etwas Selbstbewusstes verleiht. Hier und da sind durchgestrichene Stellen oder Sternchen mit Ergänzung am Ende des Blattes zu sehen.

 

Diotima von Mantinea (Griechenland), vielleicht die allererste Philosophin der Geschichte, zitiert von Sokrates in Platons „Symposion“ (um 380 v.Chr.). Nehmen wir an, dass Diotima tatsächlich existiert hat. Warum soll Platon sie erfunden haben? Es ist ja nachgewiesen worden, dass alle anderen Beteiligten im Dialog Namen realer Persönlichkeiten der damaligen Zeit tragen. Außerdem gilt unter Historikern als bewiesen, dass Platon immer „reale“ Protagonistennamen benutzt hat.

 

Es folgt ein ganzer durchgestrichener Satz, mit einem Sternchen versehen. Am Seitenende die Erläuterung: Offenbar hat Platon viele Gespräche mit Frauen, damaligen „Intellektuellen“, geführt und von ihnen das Konzept der „platonischen“ Liebe übernommen. Beweise?

 

Freydis und Gudrid (um 990). Zur Zeit der Entdeckung Nordamerikas durch die Wikinger betreten zwei Frauen neben Leif Eriksson als erste aus seiner Familie den nordamerikanischen Kontinent. Freydis ist Leifs Halbschwester und Tochter von Erik dem Roten, Gudrid ist seine Schwägerin. Für beide existieren Überlieferungen in der Grönland-Saga und in der Saga von Erik dem Roten. Sie werden als kriegerische, tapfere, „mannhafte“ Frauen mit Abenteuergeist beschrieben. Freydis segelt mit eigenem Wikingerboot nach Vinland (das Neuland, das von Leif entdeckt wurde, heute Kanada). Beide Frauen verbringen fast ein Jahr in der dort gegründeten Siedlung. Nach ihrer Rückkehr in Island setzt Gudrid ihre Reisen fort und erreicht Rom, wo sie vermutlich den Papst trifft.

 

Wieder ein Sternchen mit Fortsetzung unten: Wir sprechen über das Zeitalter des Großen Römischen Reiches!!! Gudrid nimmt den christlichen Glauben an und lebt nach der endgültigen Rückkehr in die Heimat als Nonne. Forschung zum Thema?

 

Juliana Berners (um 1400) – Schriftstellerin (Priorin), Begründerin der Theorien über die Jagd und das Fliegenfischen. Sie zählt zu den Ersten, die über diese Themen geschrieben haben. Die von ihr beschriebenen Techniken des Fliegenfischens (mit einer speziellen Wurftechnik der Angelrute) …

 

„Die hab‘ ich gefickt, Alter. So richtig gefickt.“

 

Der reglose Streuner erschrickt und springt blitzschnell auf. Dann blickt er gleichgültig zum Restaurant und begibt sich mit langsamen Schritten in Richtung Zaun.

 

Erst jetzt bemerke ich die drei Männer am Nachbartisch, vor denen eine Flasche Finlandia Vodka ragt. Die lauten Kommentare stammen von einem Herrn mittleren Alters, der mit überkreuzten Beinen zwischen zwei pummeligen Jungs in Sportklamotten sitzt. Er aber ist schick angezogen, business-like: Sonnenbrille, graue gebügelte Hose, rosafarbenes Hemd und braune spitze Lederschuhe.

 

„Und Anna habe ich auch gefickt. Stellt sich raus, sie sind Freundinnen, Mann. Und was jetzt? Ich habe eine Freundschaft zerstört.“ Der Herr in Rosa hebt betrübt sein Vodkaglas und die anderen folgen ihm mit unsicheren Gesten.

„Na ja … woher sollst du’s wissen?“, sagt vorsichtig der Junge, der mit dem Rücken zu mir sitzt. Während seine Gesprächspartner schweigsam im Salat herumstochern, holt er sein Mobiltelefon heraus und lässt einige Male den Daumen über das Display gleiten.

„Schau mal, hier. Schau dir das mal an! Toni … die ist neu. Und? Na, was sagst du?“

Der Herr in Rosa schiebt seine Sonnenbrille auf die Stirn und mustert das Bild auf dem  Handy.

Der Daumen scrollt weiter. „Und das ist Ina, sieht sie nicht geil aus?“

„Keine Ahnung, Mann. Warum zeigst du mir die überhaupt? Du weißt doch, dass ich auf Schlankere stehe …“, antwortet der Herr gelangweilt.

Die Drei schweigen.

 

Um mich herum kreist und summt ein Schwarm Fliegen. Das erinnert mich daran, dass ich in der Tasche eine kleine Schachtel mit Teilen von Großmutters Asche trage. Ich stecke die Notizen ein und rufe den Kellner. Als er die Rechnung bringt, beginnt der Herr in Rosa erneut zu schreien, diesmal in unsere Richtung: „Übrigens, der Finlandia ist fake!“ Der Kellner und ich blicken uns an, als würden wir überlegen, wer die Verantwortung übernehmen soll. Dann dreht er sich um und geht zum Nachbarstisch. Ich lege schnell die Scheine hin und laufe zum Auto.

 

Ich fahre los und lausche mit Erleichterung den monotonen Geräuschen des Motors auf der Anhöhe. Der Wagen schlängelt sich zwischen den grünen Baumstreifen und auf dem Gipfel des Hügels eröffnet sich mir erneut der Blick zum Stausee. Die Wasseroberfläche ist ruhig, so glatt, dass sich darin jedes einzelne Wölkchen am Sommerhimmel filigran widerspiegelt.

 

Am Steg strecke ich meine Hand über dаs Geländer und drehe die kleine Schachtel vorsichtig um. Mit langsamen Bewegungen streue ich die Asche im Halbkreis. Vom unsichtbaren Wind getragen, fliegen die Ascheflocken seitlich zur Oberfläche und tauchen nach und nach unter, verscheucht von undeutlichen Fischsilhouetten.

 

Und plötzlich tauche ich wieder in Großmutters Welt ein, in der Gestalt einer ihrer Ascheflocken.

 

Die Unterwasserströmungen nehmen mich auf und bringen mich zurück zu den Ruinen des Arzthauses. Ich sehe es schimmern, irgendwo unter den Wasserschichten mitten im Stausee. Ich sehe auch andere Ascheflocken, die eine nach der anderen an die durch Jahreszeiten und Wasser zersetzten Gemäuer andocken. Als Letzte von ihnen berühre ich die Mauer und kippe mit meiner winzigen Last das ganze Naturgleichgewicht um. Urgroßvaters Haus beginnt zu wanken und fällt Stein für Stein in Zeitlupe auf dem aufgewühlten Seegrund in sich zusammen. Auch der hohe Glockenturm der Kirche stürzt zusammen. Die riesige Bronzeglocke rutscht mit gespenstischem Klang in den Schlamm. Vom Erdinneren ertönt ein Grollen und die Unterwasserschichten wirbeln uns wieder auf und schleudern uns in Richtung der fernen Staumauer. Vom Restaurant aus sind Schreie zu vernehmen. In der dahinrollenden Welle versteckt sehe ich, wie der Boden unter den Füßen der Gäste nachgibt und sich spaltet. Die Wucht der Wassermassen zerfetzt alles, was sich ihr in den Weg stellt: die glänzenden Körper der Fliegen, Tische, Stühle, die Salatteller, die Flasche Finlandia, das rosafarbene Hemd, die graue Hose. Zerfetzt neben mir schwimmen sogar die braunen spitzen Lederschuhe.

 

übersetzt aus dem Bulgarischen von Evdokiya Stoyanova, Vihra Shopova, Mariana Racheva und Plamena Maleva

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