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Globish

Kate McNaughton (2019)

Sorry, this entry is only available in German.

Meine Hauptbeschäftigung als Übersetzerin ist es, Übertitel für das Theater zu erstellen. Aus verschiedenen Gründen ist das eine besondere Tätigkeit. Die literarischen Texte, mit denen man zu tun hat, sind manchmal sogar sehr anspruchsvoll: Von Heiner Müller bis Houellebecq, von Molière bis Jelinek – und natürlich möchte man sie entsprechend genau und feinsinnig übersetzen. Aber es gibt auch technische und praktische Bedingungen, die man nicht vergessen darf: die Titel dürfen eine bestimmte Länge nicht überschreiten, sie müssen so knapp und präzise wie möglich sein. Nur so haben die Leute genug Zeit, sie zu lesen und gleichzeitig wahrzunehmen, was gerade auf der Bühne passiert.

Dazu kommt, dass ich ins Englische übersetze, was weitere Herausforderungen mit sich bringt.

Als ÜbersetzerIn muss man ja ein bisschen pingelig sein – ein bisschen anal, wie man es so schön in meiner Muttersprache sagt. Man muss Worte und Sprache lieben, sie zu einem Ausmaß ernst nehmen, das andere Leute vielleicht für übertrieben halten würden. Man muss sich Fragen stellen wie: „Hm. Die Autorin hat hier das Wort ‚unglaublich’ benutzt, soll ich das mit ‚unbelievable’ übersetzen, also leicht negativ betonen, oder eher mit ‚incredible’, also eher positiv? Und wenn sie es positiv meint, soll ich ‚incredible’ benutzen, was näher zum Wortsinn von ‚unglaublich’ ist, mit dieser Idee von ‚glauben’, etwas was man nicht glauben kann, oder lieber ‚amazing’, was eher mit ‚staunen’ zu tun hat, was aber tatsächlich das Wort wäre, das eine MuttersprachlerIn in diesem Kontext wahrscheinlich verwenden würde?“ Und dann muss man sich als ÜbersetzerIn stundenlang mit diesen Gedanken beschäftigen, zwischen diesen gleichbedeutenden aber leicht unterschiedlichen Varianten schwanken, und eine weniger aufmerksame Person würde vielleicht sagen: „Na, es heißt doch ‚amazing’, dann schreib doch ‚amazing’, fertig.“

Ihr habt bestimmt alle eure eigenen Pingeligkeiten, abhängig von eurer Muttersprache. Als Englischsprachige ist es eine sehr wichtige Pingeligkeit, in welches Englisch man genau übersetzt. Als Britin übersetze ich ins britische Englisch – aber Achtung –  „Colour“ schreibt man c-o-l-o-U-r, NICHT c-o-l-o-r! Also wirklich, diese amerikanische Rechtschreibung, das geht gar nicht. Vor ein paar Monaten hatte ich für ein Theater ein Programm übersetzt und nach mehreren Wochen intensiver Arbeit bekomme ich zur Endkorrektur ein PDF meiner Arbeit, im besten Queen’s English, und  auf der Titelseite lese ich: „Program“, p-r-o-g-r-a-m. Das kann ich mir nicht ansehen! „Programme“ wird im  British English mit doppeltem ‚m’ am Ende geschrieben, p-r-o-g-r-a-m-m-e, meine Güte, weg mit euren Amerikanismen!

Diese Situation war aufgrund einer weiteren Herausforderung des Ins-Englische-Übersetzens entstanden: Alle können Englisch sprechen. Da hatte der Grafiker einfach „Program“ mit dieser fürchterlichen amerikanischen Rechtschreibung in das PDF geschrieben, weil er ja Englisch kann – nur, vielleicht kann er es nicht so gut, dass er merkt, dass der Rest des Textes eine britische Rechtschreibung verwendet.

Eine meiner Kolleginnen stößt jedes Jahr auf dieses Problem: Sie übersetzt das Programm eines sehr renommierten Berliner Festivals, das in der deutschsprachigen Fassung eine Rubrik mit dem Titel „Chronik“ enthält. Die englische Übersetzung von „Chronik“ wäre normalerweise „chronicle“, wobei man sich vielleicht für ein ganz anderes Wort entscheiden würde, abhängig davon, was da genau drin steht. Aber jedes Jahr besteht der Veranstalter darauf, dass meine Kollegin es als „Chronic“ übersetzt. Jedes Jahr die gleiche Diskussion: „Aber ‚chronic’ ist hier nicht richtig! Es ist nicht mal ein Substantiv, sondern ein Adjektiv! ‚Chronic’ heisst ‚chronisch’. Das Einzige was englische MuttersprachlerInnen denken, wenn sie das Wort ‚chronic’ lesen, ist ‚chronic disease’, ‚chronic illness’, höchstens vielleicht ‚chronic fatigue’!“ Egal. Das Festival besteht darauf, im englischen Programm den Titel „Chronic“ zu haben, weil es sich für die – deutschen – Veranstalter einfach richtig anhört.

Es treibt meine Kollegin in den Wahnsinn und verwirrt oder amüsiert bestimmt viele Briten und Amerikaner, die zum Festival kommen und dieses komische „Chronic“ als Titel lesen. Aber … Vielleicht haben die Veranstalter Recht? Es sind nicht nur Briten und Amerikaner, die zum Festival kommen. Und für manche Leute wird dieses „Chronic“ schon eine sehr klare Bedeutung haben. Für die, die eine romanische Sprache sprechen, könnte dieses „Chronic“ nicht klarer sein: Es heißt natürlich „chronique“, „crónica“, „cronaca“ – sogar eine Russin würde das lesen und denken: ja klar, „хро́ника“ – für diese Leser ist „Chronic“ tatsächlich verständlicher als „Chronicle“ oder wenigstens genau so verständlich. Und für die Leser, die andere, weiter vom Romanischen entfernte Sprachen sprechen? Wenn sie sehr gut Englisch können, werden sie vielleicht genau so schockiert sein wie die MuttersprachlerInnen – aber sonst? Sie werden wahrscheinlich „Chronic“ lesen und „Chronicle“ verstehen, weil sie vielleicht beide Wörter nicht so gut auseinander halten können, und in diesem Fall macht der Kontext ja klar, welche Bedeutung hier gemeint ist.

In diesem Fall mögen wir MuttersprachlerInnen uns über die schlechte Übersetzung lustig machen, aber: the joke is on us. Wir sind die einzigen, die nicht verstehen, wo alle anderen ganz im Bilde sind: „Huh? Why are we talking about diseases all of a sudden?“

Und das ist die Erkenntnis, zu der ich durch diese ganze Übertitelungsarbeit gekommen bin: Ich übersetze eigentlich nicht für ein muttersprachliches Publikum. In die Berliner Theater kommen zwar viele Briten und Amerikaner und Australier und wer auch immer, um sich die Stücke mit englischen Übertiteln anzuschauen, aber es kommen genauso viele Franzosen, Brasilianer, Chinesen und viele weitere nicht-deutschsprachige Menschen, die in Berlin wohnen oder zu Besuch sind und genug Englisch beherrschen, um die Übertitel als Hilfsmittel zu verwenden, um sich deutsche Stücke anzugucken. Ich übersetze nicht ins Englische, sondern ins Globische, also in dieses Global English, in dieses Instrument des globalisierten Kapitalismus und Nachkömmling des britischen Imperialismus, in diese lingua franca, die alle Leute auf der Welt sprechen, von Jean-Claude Juncker bis zur Empfangsmitarbeiterin in einem Hotel in Bangkok, vom dänischen Bäcker bis zum Studenten in Hong Kong.

Was bedeutet das nun für meine Praxis als Übersetzerin? Für meine unerlässliche Pingeligkeit? Was bedeutet es, wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass mein Publikum die feinen Unterschiede zwischen „incredible“ und „amazing“ erkennt? Muss ich einfach „incredible“ wählen, weil wenigstens für die Italiener und Franzosen und Spanier dieses Wort leichter zu verstehen ist (increíble, incroyable, incredibile)? Kann man überhaupt literarisch übersetzen, wenn man in eine Sprache übersetzt, die als lingua franca für unsere globalisierte, kapitalisierte Welt fungiert?

Und was heißt überhaupt Literatur? Eine mögliche Definition wäre vielleicht, dass Literatur entsteht, wenn die Form eines Textes genau so wichtig ist, wie sein Inhalt. Also, Literatur heißt Inhalt und Form auf Augenhöhe. Form kann natürlich auch die Musikalität der Sprache bedeuten: Wie die Wörter klingen, was für Assoziationen von ihrem reinen Klang geweckt werden. Es kann aber auch bedeuten, was sich hinter einem Wort versteckt: eine ganze Geschichte von Referenzen, die Zwiespältigkeit von unterschiedlichen Bedeutungen, Wortspielen, alles was impliziert sein kann. Beim Übersetzen von literarischen Texten versuchen wir das alles irgendwie von einer Sprache in die andere zu transportieren: Wir versuchen, die spezifische Musikalität von eines Textes zu hören, seine Implikationen zu identifizieren und in unserer Muttersprache irgendwie ein Äquivalent dafür zu finden. Wir versuchen, diesen Text von seinem ursprünglichen Kontext in einen neuen Kontext zu bringen – aber es gibt immer einen Kontext.

Wenn ich auf Englisch schreibe, also wenn ich ins Englische übersetze, steht eine ganze literarische Geschichte hinter mir und fließt zwangsläufig in mein Schreiben ein, weil sie ja die Sprache selber gebildet hat: Es sind die Rhythmen vom iambic pentameter, das lange Echo von Shakespeare, von King James Bible, von Wordsworth und T.S. Eliot.

Aber was ist, wenn ich ins Globische übersetze, in eine Sprache ohne Kontext, weil sie in alle Kontexte der Welt passt? Eine Sprache, die die Formen von allen anderen Sprachen der Welt aufnimmt, abhängig davon, wer sie im jeweiligen Moment spricht, und sie deswegen selber formlos ist?

Der Begriff „Globish“ wurde von dem Franzosen Jean-Paul Nerrière erfunden oder wenigstens getrademarked. Als guter Franzose wollte er diese neue Sprache systematisieren, sie mit ein paar Regeln versehen, und vor allem die Dominanz des Englischen unterminieren, indem Globish als einfache, mechanisch neue Sprache die Weltherrschaft erobert und damit das Französische dann den Platz als Sprache der globalen Hochkultur besetzen kann. Nerrière hat eine Liste von 1500 Wörtern definiert, die die Basis des Globish bilden. Dazu kommen Wörter, die man von diesen Grundwörtern ableiten kann: wenn man „care“ versteht, wird man „careful“ und „carefully“ auch verstehen, und auch ahnen, was die Verbform „to care“ bedeuten könnte. Mehr braucht man nicht, um sich ausdrücken zu können: Falls man kein genaueres Wort kennt, kann man es durch eine Periphrase einfachere Wörter erklären. Was für Nerrière auf Globish zählt, ist der Inhalt eines Textes oder seine Aussage: Es geht ausschließlich darum, dass mein Gesprächspartner versteht, was ich kommuniziere, ohne Feinheiten, ohne Rücksicht auf die Musikalität der Sprache.

Aber Nerrière hat die Situation falsch eingeschätzt: Globish ist viel mehr, und ich möchte hier mit einer Art Manifest enden, damit mit wir alle – MuttersprachlerInnen und Nicht-MuttersprachlerInnen – uns diese Sprache zu eigen machen und uns trauen, damit zu spielen. Globish ist die Sprache unserer werdenden Weltkultur: Im arabischen Frühling und auch in den gerade stattfindenden Protesten in Hong Kong werden Plakate auf Englisch geschrieben, weil die Demonstranten wissen, dass sie auf diese Weise besser die Aufmerksamkeit der Weltmedien und des Weltpublikums auf sich ziehen. Eine in Schweden gegründete, globale Teenager-Bewegung trägt den Namen Fridays for Future, was übrigens von einem Muttersprachler so nie formuliert worden wäre, und ihre 16-jährige Heldin, Greta Thunberg, hält überall auf der Welt Reden auf Englisch, die wiederum sofort überall auf der Welt verfügbar sind, Dank des Internets, in dem 80% der Webseiten auf Englisch, oder genauer gesagt Globisch, verfasst sind.

Hier zeichnen sich vielleicht bereits die Anfänge eines globischen Kulturerbes – und was wären andere globale Referenzen, also kulturelle Referenzen, die die meisten GlobischsprecherInnen verstehen würden? „May the force be with you“, „Yes We Can“, „Let’s twist again“? „To be or not to be“? Ja, sogar der gute alte Shakespeare hat es geschafft … Diese Mainstream-Referenzen mögen trivial erscheinen, aber ist das wirklich so anders als bei der Entstehung des Englischen selbst, als sich Chaucer im 14. Jahrhundert als erster Schriftsteller traute, in der damaligen Umgangssprache statt auf Latein zu schreiben und er auf diese Weise eine literarische Kultur begründete?

Und genau das ist hier mein Punkt: Ich glaube, wir müssen es dem Globischen zutrauen, dass auch es eine reiche, volle, literarische Sprache werden kann und dass wir als pingelige ÜbersetzerInnen eine Rolle dabei spielen können. Schließlich haben die meisten Globisch-Sprecher der Welt einen größeren Wortschatz und eine bessere Grammatik als der jetzige Präsident der USA. Globisch ist eine neugeborene Sprache, die wir alle definieren können, und ich habe in zwei meiner jüngsten Aufträge mögliche Wege entdeckt, wie das literarische Globisch aussehen könnte.

Der eine Auftrag war ein französisches Stück einer jungen Hip-Hop-Künstlerin, die von amerikanischen Hip-Hop-Artists beeinflusst war. Das ist ein Beispiel globischer Kultur: junge Leute in einem Pariser banlieue, die sich inspirieren lassen von den Rhythmen und Wortspielen amerikanischen Raps. Generell brauchen wir uns um die Musikalität des Globisch keine Sorgen zu machen: Englisch ist schließlich eine sehr rhythmische Sprache, die auch durch Musik verbreitet wird. Damit kann ich als Übersetzerin spielen, ohne Angst haben zu müssen, dass mein Publikum nicht mitkommt.

Der zweite Auftrag war eine Übersetzung von Hekabe in deutscher Sprache, aber auf Homer und Euripides basiert, wodurch ich wieder in Kontakt mit diesen Urtexten der europäischen Literatur kam, mit diesen Mythen, die irgendwie tief in unserem Leib sitzen, und ich dachte mir: Na ja, das kann ich nicht mit einem einfachen 1500-Wörter Wortschatz übersetzen, das ist zu schön dafür. Ich muss diese Schönheit in einer anspruchsvollen Sprache wiederspiegeln, es mir gönnen, mit einer breiten Wortpalette zu spielen. Aber ich kann trotzdem darauf aufpassen, die Übersetzung irgendwie zugänglich zu machen, indem ich zum Beispiel darauf achte, dass der Kontext die Bedeutung von verfeinerten Wörtern andeutet. Ich glaube, das ist möglich: Wenn man die Idee im Kopf behält, dass man nicht für Briten oder Amerikaner übersetzt, sondern für Leute aus aller Welt, dass man trotzdem schöne, spielerische, anspruchsvolle, aber auch zugängliche Texte machen kann.

In zwei oder drei Generationen werden fast alle auf der Welt Globisch reden – und hier, in Berlin, einer der größten europäischen Weltmetropolen, reden viele von uns schon Globisch miteinander, jeden Tag. Diese Sprache gehört uns allen, und wir sollten sie genießen und zelebrieren – sie uns zu eigen machen!

Bei dem Text handelt es sich um die bearbeitete Version des von der Autorin im Rahmen des Symposiums „Parataxe VI. Ü-Berlin. Die internationalen Übersetzer*innen Berlins“ am 23.11.2019 im LCB gehaltenen Vortrags.

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