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Hamlet sein oder nicht sein

(†) Giwi Margwelaschwili (2014)

Sorry, this entry is only available in German and English.

1.

Der Geist in Hamlet – Sie wissen Akt I, Sz. 5 –, dieser Geist – ich kann es kaum fassen – war meines armen Vaters Geist!

Ein dringlicher Ruf von Hamlet (der berühmten Buch- und Versweltperson) bestellte mich vorgestern in die Sujetweltwirklichkeit seiner alten Tragödie. Ich war neugierig, was er wohl von mir wollte. Hamlet empfing mich auf der Terrasse vor dem Schloss. (Sie kennen sicher das Milieu)

Ganz aufgeregt (wir sind alte Freunde) sagte er: „Da!“ Und deutet auf eine Gestalt auf dem Platz. „Der sagt, er sei dein Vater. Sprich mit ihm!“

Ich wandte mich hin und erstarrte. Kein Zweifel! Mein alter Herr! Sehr eingefallen und zerbrochen, aber unverkennbar – er!

Ich stürzte auf ihn zu und – durch ihn hindurch.

„Nicht so stürmisch!“ sagte er da (es war auch genau seine Stimme). „Ich bin ja nur ein Geist und kann dich nicht umarmen.“

„Alter Paps!“ Schrie ich. „Mensch, was haben die nur mit dir angestellt! Ist es wahr, dass du im KZ starbst?“

Er nickte.

Ich (schluckend): „Na, und wie fühlst du dich … jetzt?“

Er (lachend): „Ach, es geht schon. Schöner wäre es freilich, wenn ich dich in diesem Theater häufiger sehen könnte. Aber das geht leider nicht. Du hast keine Ahnung, wie viele Vätergeister – genau solche KZ-Opfer wie ich – heute für eine Erscheinung in ‘Hamlet’ Schlange stehen! Bis die Reihe wieder an mich kommt, verrinnt wohl dein reales Leben. Na, lass uns für dieses kurze Wiedersehen dankbar sein! Es ist schon vorbei. Ade Guter! Gedenke mein!“

 

2.

Ich blieb wie geblendet zurück, der Himmelsbogen des Theaters schien auf mich herunterzukommen. Das Schloss stand schief, und die Lanzenspitzen der Wachen (es waren Originalbuch- und Versweltpersonen) zeigten erdbodenwärts.

„Kommt zu dir!“ hörte ich Hamlet neben mir sagen. Er gab mir sein Taschentuch und fragte: „Nun? Was gedenkst du zu tun? Wirst du ihn rächen?“

„Wa…was?“ Stotterte ich erblassend, „Rächen? Meinen Paps?“

Er (gleichmütig): „Na, ja doch! Ist da vielleicht kein Grund zur Rache? In meiner Tragödie erscheinen nur ermordete Vätergeister, welche gerächt werden müssen. Hm“, nach einem prüfenden Blick auf mich, „müssten.“

„Hör zu!“ erklärte ich ihm krampfhaft lachend. „In der realen Welt kannst du heute keinen Vater mehr rächen.“

„Räche ihn in der Buch- und Verswelt!“ fiel er mir ins Wort. „Mach’s wie ich! Suche Vergeltung in einem Stück!“

Ja, und seit vorgestern weiß ich nicht, was machen: Hamlet sein oder nicht?

 

 

Aus: Giwi Margwelaschwili: Das Leseleben.
Verbrecher Verlag, Berlin 2014.

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