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Langsam verdichten sich die Dämmerung und der Oktober über Berlin

Ekaterina Sadur (2020)

Sorry, this entry is only available in German and English.

1.

Es ist schwer, mit dem Reden zu beginnen, aber leicht, fortzufahren, wenn man sich schon darin befindet. Wir sind nicht eines Tages gekommen, wir waren einfach schon immer hier. Und so wird es immer sein. Und doch …

Schklowski hatte Recht: Berlin, die wunderbarste aller Städte, lässt sich nicht mit einem Attribut erfassen, wenn schon, dann vielleicht mit dem Wort „Garten“ oder „Insel“, ja … Genauer gesagt ist es eine ganze Inselkette: „Russen und Deutsche sind wie Inseln mitten im Wasser, oder wie Öltropfen – sie kommen sich ganz nah, vermischen sich aber niemals.“

Chlebnikow war fasziniert vom Tiergarten. Schklowski betrachtete Berlin durch die vergrößernden Linsen des russischen Fernglases und schloss mit der flehentlichen Bitte: „Ich bin außerstande, als Entwurzelter zu leben … lasst mich zurück nach Hause …“ Und man ließ ihn. Ja … Aber er hatte Recht: Berlin ist wie eine Kette aus französischen, russischen, spanischen oder allen möglichen Inseln, ganz nach Belieben. Dort, im Karneval der oktoberkühlen Luft, treibt die Insel Kamerun vorbei. Sie gleicht am ehesten einem alttestamentarischen Floß auf spiegelglattem, durch den Willen Gottes beruhigtem Wasser, auf dem sich schöne schwarze Menschen mit unendlich langen Gliedmaßen in geblümten und in ungestümen Farben blühenden Gewändern vor Kälte aneinanderdrängen, ohne dem schwankenden Rand nahezukommen.

Aber wir, die Russen der allerletzten in Berlin anbrandenden Wellen, wir müssen niemanden anflehen, wir können jederzeit zurück … Oder rede ich mir das nur ein?

Wir flanieren über die Inseln Berlins, so wie Chlebnikow durch den Zoologischen Garten flanierte. Wir schauen zu, was um uns herum geschieht. Und im wechselnden Rhythmus unserer Schritte sprechen wir über das, was geschieht. Und wir müssen niemanden anflehen, außer vielleicht uns selbst, damit wir im wieder ruhigen Himmel die weiße Taube sehen können, die sich nach der Flut zeigt.

… Ich gehe im Takt der Schritte, lass mich wieder zu Atem kommen: Aus der Tiefe … Aus der Tiefe rufe ich zu dir … Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!

Einen Stil schnell zu erspüren, das gleicht der Fähigkeit, sich eine Sprache schnell anzueignen. Schklowski eignete sich Berlin in kürzester Zeit an, durch winzige, aber äußerst wichtige Details. Auf diese Art greift ein gewitzter Ausländer mit einer wachen Auffassungsgabe aus einer fremden Sprache die Basiswörter heraus und beginnt sehr schnell, in dieser Sprache zu kommunizieren, wenn auch etwas eigenwillig.

Ich liebe diese Stadt. Ich liebe diese Stadt leidenschaftlich, so sehr, dass ich manchmal mitten auf der Straße plötzlich stehenbleibe, weil ich in der kühlen Dämmerung des Oktober, in der kochenden Hitze des Juli zu ersticken glaube.

Ja, der Oktober. Die Bäume sind erstarrt, sie wirken unnatürlich gerade und sonderbar frischgrün in der durchscheinenden herbstlichen, aber warmen Luft, es ist, als wollte der Sommer nicht gehen und der Herbst nicht kommen, und so bleibt die gewaltsame Illusion eines ewigen Sommers vor den Toren zum Paradies. Oktober in Berlin. Ein kleines französisches Café. Wacklige Tische auf zierlich geschwungenen Beinchen. Der heftige Morgenwind wirft die Stühle um, sie liegen auf ihren gerundeten Lehnen. Die Kellner beeilen sich, sie wieder aufzustellen, verheddern sich in ihren langen Schürzen und rudern ulkig mit den Armen in der Luft, plappern und plaudern dabei auf Französisch. Die Kellner sind ganz junge Franzosen, alle aus ärmlichen Verhältnissen. Sie werden extra nach ihrem Äußeren ausgewählt, für ein schickes Café in einem wohlhabenden Bezirk. An diesem sehr frühen Morgen im Sommer war es schon warm, aber noch ganz unbeschwert und echt … In der Art, wie diese jungen französischen Emigranten die Stühle aufheben und hastig ihre Lehnen säubern, scheint die gleiche tragische Erotik auf wie im „Lesebuch der Marquise“ mit den Illustrationen von Constantin Somoff: Genau so eilten dort die hübschen jungen Diener aus dem gräflichen Gesinde herbei, um die in plötzlicher Trunkenheit rücklings daniedergesunkene Gräfin aufzuheben, unter deren zahllosen Röcken die porzellanweiße Blöße ihrer Beine sichtbar wurde, irgendwann kurz vor Ausbruch der französischen Revolution. Und als dann die Revolution in vollem Gange war, schleppten sie dieselbe Gräfin, inzwischen wieder nüchtern, zum Schafott, und wieder rutschten ihre Krinolinen hoch und sie schlug sich die Porzellanknie blutig.

An einem frühen Sommermorgen sah ich auf dem Weg zur S-Bahn, wie sie angeheuert wurden, die Emigrantenjungs aus armen Familien. Sie standen in einer Reihe, etwa acht Personen, in schwarzen Hosen und dazu passenden schwarzen, enganliegenden, ärmellosen Hemden von H&M. Verlangt wurde eine gewisse Körpergröße und perfekt gerade geschnittene Schultern, außerdem geringe – sehr geringe – Kenntnisse der deutschen Sprache. Mitten in der Schlange stand, mit dem schönsten und dümmsten Gesicht von allen, Christian, und neben ihm, in einem weiten roten Hemd, sein jüngerer Bruder, der dicke Paul. Er war mitgekommen, um seinen Bruder anzufeuern … Ich hatte die beiden früher schon einmal gesehen, in einer Eckkneipe in der Pappelallee, sie saßen vor der Kneipe auf der Straße und schauten ein Fußballspiel. Ich glaube, eine französische Mannschaft spielte gegen einen Verein aus München, genau weiß ich es nicht. Egal. Zwei Brüder, der ältere hübsch und dumm, der jüngere dick und fröhlich. Christian würde man bestimmt zuerst einstellen, er müsste als erster von diesen acht Jungs den Job in dem teuren französischen Café bekommen. Ach, wie viele Chancen sie haben, die Schönen von Geburt, selbst aus den allerärmsten Einwandererfamilien! Paul vergöttert Christian. Er würde sich für ihn in Stücke reißen lassen. Ohne eine Sekunde zu zögern, würde er sein Leben für ihn geben, an diesem frühen Sommermorgen, an dem sie eingestellt werden sollen. Er würde sein Leben für ihn geben, beim allerkleinsten Anlass, der dicke, fröhliche Paul, für den schönen, dummen Christian. Aber es verlangt keiner von ihm. Niemals …

2.

Du schreibst, dass es dir einen beinahe an Sinnlichkeit grenzenden Genuss bereite, aber zwischen „diesem“ und „jenem“ wählst du immer „dieses“, obwohl du immer und überall sagst, du habest „jenes“ gewählt. Weißt du noch, wie dieser wunderschöne englische Junge, der so hervorragend russisch sprach – ich glaube, er war ein Experte für Mandelstam, oder? aber kein besonders guter Experte, falls du es vergessen hast – damals in jenem feuchten, schneidend kalten Winter in Moskau barfuß in deinem Zimmer stand und gierig und inbrünstig wie die Hungernden und Elenden vor dem Refektorium einer Kirche in deinen auf dem Tisch verstreuten Papieren wühlte und sich abquälte, die mit blauer Tinte geschriebenen russischen Worte zu begreifen. Er versuchte, seinen Namen zu finden, wenigstens eine Andeutung davon. Aber er fand ihn nicht. Danach habt ihr euch für immer getrennt … Und die Türen des Refektoriums öffneten sich, schlugen weit auf und ließen alle kostenlos hinein … Und all die Obdachlosen, Notleidenden und Elenden bekamen zu essen!

Was macht es schon, dass der Sommer vorbei ist und der Oktober auch? Der Berliner Oktober hält den Sommer mit aller Kraft fest. Sommer im Oktober, wie kann das sein? Was soll das für ein Sommer sein? Es ist nur eine Illusion … ein Trugbild …

Auch wir Russen laufen unser ganzes Leben lang hinter einer vagen Illusion von Glück und Ruhm hinterher, und weil wir weder das eine noch das andere bekommen, werden wir schwermütig. Die Schwermut eines Russen, der auf der Jagd nach einem unerfüllbaren Traum alles verloren hat, ist so viel stärker als alles Glück und aller Ruhm, dass man noch Generationen später nur noch an ihn sich erinnert und nur ihn sucht.

3.

Ich fahre auf Rollschuhen am Brandenburger Tor … Die Oktoberluft ist warm und sommerlich. Ein falscher Juli. Aber die Dämmerung des leise schwindenden Lichts sagt mir, dass Herbst ist, unabwendbar und unerbittlich. An der langen, bemalten Mauer pickt ein Taubenschwarm Weißbrot auf, das ein paar Obdachlose liegengelassen haben. An der Mauer Graffiti. Dumme, grellbunte Flecken und genauso dumme Sprüche, in allen Sprachen, voller Fehler. Vom Himmel fließen goldene Ströme aus Wärme herab. Die Illusion des Sommers ist so gespenstisch wie eine sterbende Braut. Und es wird mit jedem Tag schwerer, die Illusion zu erhalten. Und wenn die Braut in ihrem feinen Kleid und in den Pumps mit den messerscharfen Spitzen auf einmal stirbt, in gläserner Zerbrechlichkeit in zwei Hälften zerbirst und ihre Hochzeit nicht mehr erlebt? Die Angst schleicht sich in dein Herz, dass er, dieser zerbrechliche Sommer mitten im Herbst, durch einen Schrei oder eine schroffe Bewegung zerbrechen könnte. Leise wird die Dämmerung dichter und blauer. Ich laufe auf Rollschuhen an der bemalten Mauer entlang, ohne die Bilder anzuschauen. Das Gold, die Bläue und die trügerische Wärme, alles vermischt sich miteinander, und aus irgendeinem Grund sehe ich für einen Augenblick, nur für einen kurzen Augenblick, vor meinen Augen ein ganz bestimmtes Foto aus dem Historischen Museum Unter den Linden. Warum muss ich plötzlich daran denken? Ein Fackelmarsch vor dem Brandenburger Tor in den dreißiger Jahren: Lebendige Feuerströme treiben durch die Berliner Nacht, wie die Strömung eines Flusses, der plötzlich seinen Lauf umgekehrt hat, vom Horizont her durch das Brandenburger Tor. Gebrüllte Grüße, das Gerassel und Kreischen geschliffener Parolen, der Geruch nach Ruß und die brandigen Ausdünstungen der Ekstase. Die Menschen auf dem Foto sind jetzt schon lange tot. Damals, in jener Nacht, strömte mit dem Feuer der Tod in die Stadt Berlin. Warum denke ich gerade jetzt daran? Warum wende ich mich von dem sanften, zwar zerbrechlichen, aber unbeschwerten und sorglosen Leben ab und dem Tod und der Angst zu? Der Finsternis und dem Zähneknirschen? Was will ich damit, ausgerechnet jetzt, da doch gerade der Juli wie ein Geschenk in dem eiskalten Oktober in Berlin aufblüht? Plötzlich höre ich ein Klirren. Glas zerbricht. Ein goldglänzender Taubenschwarm stiebt auseinander … Das bin ja bloß ich, die an der mit Graffiti bemalten Mauer entlangläuft, ich falle mit vollem Schwung auf meine Hände, ich bin in der Dunkelheit über etwas gestolpert, nur was war das, ein Steinchen oder ein Stück Glas? Eine Flasche? Ein fremdes Leben? Und während ich falle, fühle ich schon den Schmerz, er kommt aus der goldenen Wärme in der dunkelblauen Dämmerung der Nacht. Das letzte, woran ich mich erinnere, genauso kurz, scharf und schlagartig, bevor ich den jähen Schmerz des Falles verspüre, die abgeschürfte Haut an der Hand, das Blut in den Handflächen, das letzte, was mir in den Sinn kommt, ist die Grenze des Sommers, das weit offene Fenster unserer Sprachschule, das auf die Friedrichstraße hinausgeht … Dort unten plätschert der Verkehr dahin, die Straßenbahnen rasseln vorbei, die Kellner in den Cafés verschütten mal den Kaffee, mal den Wein. Jemand lacht und ist unbekümmert, jemand stöhnt auf vor Schmerz und möchte schreien, aber ich trage alles, was ich habe, in mir … bei mir … bei dir … Du sitzt auf der Fensterbank am geöffneten Fenster. Wir reden, aber unser Deutsch ist noch sehr spärlich, und die Regeln unseres Schachspiels schreiben vor, dass wir ausschließlich deutsch sprechen. Dein Hebräisch ist grob und massiv, ich mag es nicht mehr hören, und auf Russisch kannst du nicht ein einziges Wort aussprechen, die Muskulatur deiner Lippen verkrampft sich vor Anstrengung, wenn sie unser russisches Wort „Gott“ sprechen sollen. Manchmal taucht zwischen uns plötzlich Latein auf, wie ein Rettungsfloß, deins aus der Medizin, meines aus der Literatur… Darüber müssen wir lachen. Wenn wir lachen müssen, werden wir unvorsichtig… Aber sonst… Ja… Ja… Tausendmal „Ja.“. Wir sind äußerst vorsichtig. Wir achten darauf, uns nicht in die Augen zu schauen. Wir achten darauf, uns nicht zu berühren, auch nicht zufällig. Außerdem achten wir darauf, uns nicht beim Namen zu nennen. Ich schaue dich nur an, wenn du es nicht merkst. Ich spüre es, wenn du mich anschaust, und halte den Blick vorsichtshalber gesenkt, damit du dich an mir sattsehen kannst, mich in dich aufsaugen kannst. Ich spüre dich ganz intensiv. Der Jäger spürt das Tier. Der Liebhaber spürt die Nacht. Wenn du mich anschaust, tue ich so, als merke ich es nicht. Ich sage etwas Komisches oder Böses zu jemandem, in irgendeiner der hier erlaubten Sprachen, lecke mir sorgsam die Lippen, damit es süßer ist, damit es dir ein wenig weh tut. Es ist verlockender, wenn es weh tut. Stimmt‘s? Wir spüren einander. Und ich weiß es ja, ich weiß, dass ich dir weh tue, wie ein tiefer Schnitt in der Hand.

Das letzte, woran ich dachte, warst du. Ich sehe es ganz deutlich vor mir: Du sitzt auf der Fensterbank am geöffneten Fenster, die Beine in den abgewetzten Jeans übereinandergelegt, die Arme über der Brust verschränkt … So versteckst du dich vor mir, habe ich Recht? Ich strecke die Hände aus, um dich zu berühren, so nahe sind wir uns jetzt. Du trägst ein rotes „Tolstoy shirt“ offen über einem komischen, sorgfältig gewaschenen T-Shirt. Kleidung sei dir völlig egal, hast du gesagt und dich gewundert, dass das Wort „Tolstoy shirt“ auf Lew Tolstoi zurückgeht … Unseren Lew Tolstoi, ja … Ich stehe so nahe bei dir, dass ich dich jetzt berühre. Deine Haut ist dunkelbraun, fast schwarz wie versengt, sie riecht ein wenig herb, und unter deinen Augen liegt ein dunkler Schattenschleier. Ich darf dir nicht zu nahe kommen, stillschweigend haben wir vereinbart, einander nicht zu verletzen. Deine Lippen schmerzt es, das russische Wort „Gott“ auszusprechen. Nur noch einen Augenblick … Fast berühre ich dich, berühre dein erhitztes Gesicht mit dem Schweißtropfen genau zwischen den Augenbrauen, der Grube zwischen den Schlüsselbeinen, die sich unter dem T-Shirt abzeichnen. Beide wissen wir nicht, was Schlüsselbein auf Deutsch heißt. Du kennst die lateinische Bezeichnung „clavicula“. Wir lachen beide, vermeiden es, einander anzusehen, wir blicken nur auf die vorstehenden Schlüsselbeine. Ich berühre dich nicht einmal mit den Fingerspitzen, nur mit den Handflächen. So berührten die Frauen im Alten Testament die Gerechten, um geheilt zu werden, und ihre Geliebten, um sich zu sättigen.

Während wir einander nahe sind, sagen wir kaum ein Wort. Die Sprache ist zu dürftig, um auszudrücken, was zwischen zwei miteinander verschmolzenen Körpern geschieht, zwei Körpern, die zu einer Peitsche verflochten sind, zu einem Bündel verschnürt. Ich weiß nicht, wie ich dir sagen kann: „… tiefer…“, ich versuche mit staubtrockenen Lippen, das „tiefer“ aus der stickigen Berliner Luft zu schnappen, aber das „tiefer“ entgleitet mir, es lässt sich nicht fangen, und mir fällt nur das lateinische „de profundis“ zu. Du verstehst. Wir lachen beide. Verschlingen uns noch tiefer ineinander. Bis es weh tut, bis aufs Blut, bis … Aber das „de profundis“ kommt auch „ aus der Hölle“, „aus dem Tod“. Daran dachten wir damals überhaupt nicht. Wir wollten nicht. Später wird es uns einfallen, wenn es zu spät ist, wenn wir untergehen, und bis zum Ufer wird es genauso weit sein wie bis zum Grund … Aber jetzt nicht! Nur, bitte, nicht jetzt! Später werden wir für alle eure widerwärtigen Rechnungen reichlich bezahlen, ein bisschen später! Aber jetzt, jetzt gebt uns nur noch einmal einen kurzen Aufschub, denn jetzt befinden wir uns in wilder Euphorie, in der wahnsinnigen, berauschenden Verzückung eben entflammten Glücks. Oh bitte später, später, später. Ich schließe die Augen. Aber sag mir doch, warum weinst du denn?

Klirren … Das ist die trügerische Oktobernacht, die an das goldene Glas der Wärme schlägt. Ich spüre den Schmerz in meinen Handflächen. Er ist erträglich, aber er beißt und brennt, Blut und Schmutz vermischen sich. Auf meinen Rollschuhen bin ich mit vollem Schwung auf die Hände gefallen, auf den Asphalt, in der Dunkelheit, in der Wärme, die jetzt gleich die Kälte auslöschen wird. Es tut so weh … so weh … so weh … Hörst du? Hörst du? Hörst du? Wenn mir etwas weh tut, bin ich sehr böse. Ich bin ganz dicht an der mit Graffiti bemalten Mauer hingefallen, fast bin ich mit dem Gesicht dagegengestoßen, aber zum Glück habe ich mir nichts gebrochen. Ein heftiger Schmerz in den Händen. Statt an dein Gesicht (das ist doch unser stillschweigendes Verbot – einander direkt anzuschauen!) stößt mein Blick an die Graffiti auf der Mauer. Ich sehe einen Mann, der Bücher zu Bündeln schnürt. Das ist nicht schlecht gemalt, sogar richtig stilvoll. Dabei habe ich doch mit Absicht nicht hingeschaut, als ich auf meinen Rollschuhen daran vorbeigelaufen bin. In einer der verschiedenen Sprachen kann ich sogar lesen: „Böswillige Nutzung seines Verstandes und seiner Begabung …“ Das ist eine Tarot-Karte. Warum gerade hier, an der Mauer am Brandenburger Tor, wo der Tod wie ein Flammenstrom eingedrungen ist … Und darunter ein Name: „M. Sillis.“ Das ist doch dein Name? Oder ein sehr, sehr ähnlicher, wie eine gut gemachte Fälschung. Ich wollte dich berühren und habe den Schmerz berührt.

Ich ziehe die Schuhe aus. Zum Glück ist die Nacht warm. Zum Glück ist der Asphalt warm. Ich binde die Rollschuhe irgendwie zusammen und hänge sie mir über die Schulter. Meine Hände brennen und schmerzen. Wenn uns etwas weh tut, sind wir böse. Wenn wir die Liebe erzwingen, bekommen wir den Schmerz und verbrennen in Raserei. Im Furor. Der Schmerz ist der Wecker der Liebe. Im Raum dieser Stadt hat sich unmerklich etwas verändert. Etwas ist zerbrochen. Ein gefälschter Name unter einer leeren Tarot-Karte. Das ist eine Falle. „Er lauert im Versteck, wie ein Löwe in seinem Dickicht.“ Die Falle besteht in der Ungenauigkeit, wenn man das Eine irrtümlich für das Andere nimmt. Als ich noch sehr jung war, las ich irrtümlich: „Der Levit im Versteck, wie ein Löwe in seinem Dickicht …“ Denn ich bin ja die Sünderin, die ihr im Dickicht gefangen habt, doch jeder Jäger muss dem Gefangenen seine Seele geben, um ihn festzuhalten. Und sogar du, mein junger Levit, der Deutsch und Latein durcheinanderbringt. Ich gehe barfuß, und im Takt meiner Schritte liebe ich den Menschen mit Namen Moran Silis. Mein Blick schreibt dahingleitend auf deine erkalteten Mauern, ich atme deine Luft, meine Sohlen schlagen den Rhythmus deiner Wege. Stadt Berlin, wie schön bist du in all deiner Größe und all deiner Demut! Mit welcher Leichtigkeit bringst du uns dazu, das zu lieben, was man fliehen oder einfach nicht sehen sollte, indem man seine Blicke gleichgültig und leichthin umherschweifen lässt. Der Löwe im Dickicht. Ich liebe einen Menschen mit Namen Moran Silis. Meine Handflächen brennen vor Schmerz. Ich bin fehlgegangen. Ich bin rasend. Ich gehe barfuß und fühle mich leicht. Ich liebe einen Menschen mit Namen Moran Silis, und alles andere ist mir scheißegal.

4.

Morgens gehe ich an dem französischen Café vorbei. Es ist immer noch genauso warm. Es ist immer noch derselbe Oktober. Aber die Unterseiten der vermeintlich sommerlichen Blätter zeigen müde ihre blassgelben Ränder. Der neu eingestellte Kellner lädt mich in verwaschenem Deutsch zu einer Tasse Kaffee ein. Heute ist kein Wind und man muss nicht befürchten, dass die leichten Stühle mit den gekrümmten Beinchen umfallen. „Fällt dir Deutsch schwer?“, frage ich. „Wie bitte?“, fragt er zurück und lächelt mich freundlich an. Er gibt sich große Mühe. Er hat die Stelle gerade erst bekommen. Er hat große Angst, das Deutsche nicht richtig zu verstehen. „Und wo ist Christian?“, frage ich auf Französisch. „Wer?“, fragt der Kellner ein wenig erstaunt zurück. Als er Französisch hört, setzt er sich zu mir, und wir beginnen eine Unterhaltung. „So ein großer“, präzisiere ich. „Er hätte eigentlich als erster eingestellt werden müssen. Er hat einen Bruder, Paul. So ein witziger Typ. Mit rotem Hemd.“ Plötzlich fängt der schöne Kellner an zu lachen. „Paul ist bei uns. Man hat ihn statt Christian eingestellt und ihm gesagt, er solle seine Sachen anbehalten. Jetzt läuft er in seinem roten Hemd herum statt in Kellnermontur.“ Und dann erzählt er mir, wie der Besitzer des Cafés, der polierte Fingernägel mit ganz rosigen Monden hat, neulich lange und schweigend Christian anschaute. Und Christian saß da, wie erstarrt in einer künstlich gelangweilten Pose, ließ es zu, lange und schweigend, dass er ihn anschaute. Und sein dicker Bruder Paul saß daneben und schaute zu Boden. „Hör mal“, sagte der Besitzer des Cafés schließlich zu Christian, nachdem er seinen Kaffee aus einem Porzellanfingerhut ausgetrunken hatte. Christian hob ganz leicht die Augenbrauen und schaute ihn neugierig an. „Ich nehme dich wohl doch nicht.“ „Warum nicht?“ schrie Paul auf, heftig und verzweifelt. „Dein Bruder macht mir ein zu dummes Gesicht“, erklärte da der Besitzer des Cafés. „Ich nehme lieber dich. Einfach so. Als Kontrast …“ Ich lache mit dem jungen Kellner. „Und wie hat es Christian aufgenommen?“, erkundige ich mich. „Dumm“, antwortet der junge Kellner. „Er hat gar nichts gesagt, ist aufgestanden und weggegangen.“ „Ich caste hier keine Schauspieler für Hollywood“, sagte der Besitzer des Cafés zu dem vor Verlegenheit schwitzenden Paul. „Möchtest du einen Kaffee, Dicker? Ich brauche aufgeweckte Jungs, verstehst du, keine Statuen aus dem Museum …“ An diesem Abend ging Christian in die Eckkneipe, um sich ein Fußballspiel anzuschauen. Dort betrank er sich, fing eine Schlägerei mit einem Fan des Münchner Vereins an, und man schlug ihm seine hübsche Nase kaputt und das Auge blau, so schnell, dass sich der dicke Paul nicht mehr rechtzeitig dazwischenwerfen konnte. Und mit dem dicken Paul wollte sich niemand schlagen, einfach deshalb, weil er so ein guter Junge war.

5.

In der Pause zwischen den Deutschstunden kommst du zu mir und drehst meine Hände mit den Innenseiten nach oben. „Was ist mit deinen Händen passiert?“ Ich lache und antworte nicht. Heute hast du mich zum ersten Mal vor aller Augen berührt, entgegen unserer Absprache. „Ich habe deinen Namen unter einem Straßenbild gesehen“, sage ich. „Hast du auf den Scherben der Berliner Mauer die Tarot-Karten gelegt?“ Wieder brichst du unseren Vertrag, schaust mir direkt ins Gesicht. „Warum schläfst du nachts nicht?“ „Also war das dein Name dort am Brandenburger Tor?“ „Das ist ein Künstler aus Israel“, sagst du. Deine Augen trinken aus meinem Gesicht. Was ist gestern Nacht passiert, als meine Hände so weh taten? „Das ist ein Künstler aus Israel‘“, sagst du noch einmal. „Aber in seinem Namen gibt es zwei ‚L‘, wenn man ihn mit lateinischen Buchstaben schreibt. Du bist nicht die erste, die mich danach fragt. Aber er ist Künstler, und ich bin nur ein einfacher Arzt aus der Charité.“ „Du bist ein Löwe im Dickicht“, sage ich. „Wie bitte?“ fragst du, genau wie jener neugierige Franzose. „Ich bin nur ein einfacher Arzt. Und in meinem Namen gibt es nur ein ‚L‘“. „Der Arzt seiner Ehre“, versuche ich zu scherzen. Aber du kennst Calderon nicht. Du kannst nur medizinisches Latein, und deshalb ist es ganz zwecklos, mit dir herumzublödeln. „Bitte, lass meine Hände los“, sage ich. „Du tust mir weh …“

Beim Unterricht erzählst du überstürzt, aber mit aufrichtigem Gefühl, und plötzlich verstehe ich, dass es das ist, was dir wirklich gefällt – und dieses Begreifen durchfährt mich schneidend … Wie am Freitagabend nach einer schweren Woche in der Charité, sitzt du mit einem kindlichen, innigen Vergnügen in der Eckkneipe, schaust dir ein Fußballspiel an und trinkst dunkles deutsches Bier … Du bist sogar ein wenig aufgeregt, wenn du erzählst. Was ist, wenn auf einmal der Münchner Verein gewinnt?

Der Oktober tritt in sein Recht

Ich liebe es wahnsinnig zuzuschauen, wie Menschen sich ehrlich über einfache Dinge freuen können. Es gibt Menschen, die sind einfach und grob. Sie sind belastend. Wir fliehen sie. Mit Schimpf und Schande treten wir den Rückzug an, wir schlagen die Augen nieder, wenn sie uns nicht einmal um Hilfe bitten, auch nicht um Liebe, sondern einfach nur darum, ein wenig mit ihnen zusammen zu sein in ihrem armseligen Leben. Aber uns ist es eine Last. Wir laufen weg. Ohne Erklärung.

Und es gibt Menschen, die sind einfach und sanft. Zu ihnen zieht es uns sofort hin, unwiderstehlich. Und sie verstehen nicht, dass sie solche wie uns augenblicklich fliehen müssen, ohne Erklärung. Sofort, ohne jede Erklärung, müssen sie uns vergessen. Und wir sagen, aus purer Selbstberauschung und Selbsttröstung, dass wir uns so in sie verliebt haben, weil sie „so einfach sind“ … Aber sie sind nicht einfach. Sie sind anders … Wir aber sind Zerstörer, wir hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Und sie verzeihen dir, dass du so bist, wie du bist, ganz leicht, ganz ohne Mühe. Sie freuen sich aufrichtig und lieben einfache lebensbejahende Dinge. Im Regen Fußball zu spielen, den allerersten Fußball der Kindheit, oder mit dem Vater zum Angeln zu fahren oder morgens in bequemen federnden Laufschuhen zu joggen, und ganz naiv und arglos fragen sie dich: „Wozu gibst du so viel Geld für Klamotten aus? Kauf dir die gleichen nochmal, wenn sie heruntergesetzt sind. Die kann man immer und überall tragen …“ Oder sie sitzen abends vor einer Eckkneipe und schauen sich mit unverfälschtem Vergnügen ein Fußballspiel auf einem großen Bildschirm an und fiebern für eine bestimmte Mannschaft. Wir aber mögen genau das alles gerade nicht: Ihr ungefiltertes Bier in Literkrügen, ihre Gespräche über Fußball, in schlechtem Deutsch mit Franzosen und Italienern. Das alles mögen wir nicht. Aber wir mögen es wahnsinnig, dabei zuzuschauen, wie sie lieben … „Nimm mich mit in die Eckkneipe“, bitte ich ihn. Zuerst kann er es gar nicht glauben, so sehr wundert er sich. „Aber du magst das doch gar nicht.“ „Ich möchte mir deine Franzosen ansehen.“ „Aber dir hat Christian doch überhaupt nicht gefallen und Paul schon gar nicht.“ Das betrübt ihn sogar ein wenig. „Sie trinken Bier und reden kaum miteinander.“ „Aber du magst sie doch?“ „Ja“, sagt er und zuckt mit den Schultern, immer noch ein wenig ungläubig. „Ich möchte deine Welt sehen.“ Ich schaue ihm direkt in sein sanftes, ebenmäßiges und schönes Gesicht, in dem nichts Leidendes ist, in dem es bisher nur Ruhe gibt. Er kann sich über einfache Dinge freuen. Jetzt freut er sich, dass ich ihn bitte, mit ihm und Christian und dessen Bruder Paul in die nächste Eckkneipe zum Fußball zu gehen. Er ist klug, er lässt die Vorsicht nicht außer Acht: „Was hast du davon?“ Aber ich will doch nur zuschauen, ich möchte sehen, was sie lieben und wie sie lieben, um es ihnen dann nachzutun. Ganz leicht lässt er mich in sein Leben hinein, in dem es Angeln und Fußball gibt, in dem es die Müdigkeit nach der Arbeit gibt und bis zu den Ellenbogen aufgekrempelte, schneeweiße Hemdsärmel und berauschend braungebrannte Haut und den herben, betörenden Geruch des Oktober und erhitzter Leiber… Und ich gebe mir selbst das Wort, dass ich nichts zerstören werde in dieser lebensbejahenden Welt, denn wir haben beide plötzlich verstanden, dass sie mich lieben wird …

… Ich gehe im Takt der Schritte, lasst mich wieder zu Atem kommen: Aus der Tiefe … aus der Tiefe rufe ich zu dir … aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.

Den ganzen Abend lachen wir mit Christian und dem dicken Paul (sie hängen über ihren Bierkrügen, und ich bestelle mir nur einen Pfefferminztee mit Ingwer), ich stelle auf Französisch Fragen über Fußball, erkundige mich, wer die besten Spieler sind, denn mein Deutsch ist noch zu ärmlich, wie ein Bettler vor dem Kirchentor, und ich schaue dabei auf den großen Bildschirm, und es fällt ein warmer Regen …

Ich werde nie mehr zu Christian und dem dicken Paul gehen, ich bin übersatt von dem, was sie lieben, heute morgen habe ich über sie geschrieben. Die Melancholie des Oktober lässt nach. Die Hitze ist unerträglich, sie ist sengend wie ein erschöpfender, in die Länge gezogener Abschied …

Ich gehe nach dem Unterricht nicht mehr mit diesem wunderschönen Jungen aus unserer Gruppe im warmen, pladdernden Regen spazieren. Mit einem höflichen Vorwand sage ich die gemeinsamen Vorbereitungen auf die Prüfung ab. Er sagt leise: „de profundis“. Ein kurzes Aufwallen, ich müsste darauf antworten, aber ich entziehe mich und antworte feige: „Ich verstehe kein Latein.“ Ich meide seinen Blick, schaue starr vor mich hin, als wäre er gar nicht da, während er mich gierig mit den Augen verschlingt. Wir verraten immer die, die wir am meisten lieben.

Am Morgen weckt mich das durchdringende Klingeln des Weckers. Vor dem Fenster ein verfallener Garten. Über die Stargarder Straße fährt gerade die erste Straßenbahn, ein rotwangiger Kellner steigt müde auf eine Stehleiter und hängt eine Lichterkette, ähnlich einer Weihnachtsbeleuchtung, über die ausladenden Äste einer Kastanie. Der Kellner trägt eine weiße Schürze über schwarzen, scharf gebügelten Hosen, er hat die ganze Nacht hindurch Bier und gebratenes Schweinefleisch herumgeschleppt. Die Äste der Kastanie neigen sich unter dem Gewicht der elektrischen Funken und entblößen sich, verlieren ihr letztes Laub. Der dicke Paul hat den Cafébesitzer mit den polierten Fingernägeln überredet, Christian einzustellen. Weil er so dumm ist, darf er nicht als Kellner arbeiten, aber er soll still an der Tür stehen. Alles das bedeutet, dass heute ein besonderer Oktobertag ist, einer ihrer Feiertage mitten in unserem feierlichen und unerträglich heiteren Leben …

Eines Tages begegnen wir uns am Eingang zur U-Bahn, und es ist alles wieder genauso trügerisch: Ein warmer Nachmittag und eine Straßenbahn fährt vorbei, mit genau dem gleichen Rasseln, und ein zufällig vorbeikommendes Mädchen lacht mitten auf der Straße, als jemand nach der Uhrzeit fragt.

„Und wie geht es deinen Franzosen?“, frage ich. Aber er schweigt. „Wie geht es Christian und Paul?“ Er antwortet nicht, und wir gehen nebeneinander her. Ich nehme seine Hand. Alle Regeln sind längst außer Kraft. „Was macht dein Fußball auf dem großen Bildschirm in der Eckkneipe?“ „Wir haben nächste Woche Prüfung.“ Er ist sehr höflich, meidet den Blickkontakt. Kühl macht er seine Hand frei. „Ich bin ein bisschen müde …“ Plötzlich verstehe ich. „Gehst du nicht mehr hin?“ „Nein.“ „Aber warum nicht? Sag mir, warum nicht?“ „Ich brauche das nicht mehr …“

Und es ist Oktober. Und der Herbst tritt widerspruchslos in sein Recht ein.

 

Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann

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