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Lyrikübersetzen als Extremsportart

Marina Agathangelidou (2019)

Sorry, this entry is only available in German.

Alle Lyrikübersetzer*innen haben wohl folgende Szene in kleinen Variationen zumindest schon einmal erlebt: Man sitzt oder steht in lockerer Runde zusammen, ein halbvolles oder halbleeres Glas in der Hand, ist irgendwann dran, sich vorzustellen oder wird gerade von jemandem vorgestellt, spricht seine Übersetzungstätigkeit an und gesteht sogar, weil der Fragende insistiert zu wissen, was man so übersetze, dass man u.a. auch Lyrik übersetzt. Es folgt ein kurzes, aber spürbar betretenes Schweigen, das von besorgten Fragen gebrochen wird, wie etwa: „Oh, ist das nicht super schwierig?“ oder „Aber kann man Lyrik überhaupt übersetzen?“

Auch wenn in solchen Fragen selbstverständlich ein Verdacht gegen die berufliche Lage der Lyrikübersetzer*innen mitschwingt („Ist das Lyrikübersetzen überhaupt eine berufliche Tätigkeit?“): Das immer wieder auftauchende, verdeckt oder klar ausgesprochene Misstrauen gegen das Übersetzen von Lyrik – ein Misstrauen, das übrigens auch von vielen Übersetzer*innen geteilt wird, die nur Romane oder Sachbücher übersetzen – scheint in erster Linie von der Vorstellung hervorzugehen, die poetische Sprache weiche in der Regel vom üblichen, sozial akzeptablen Sprachgebrauch so sehr ab, dass sich das Unterfangen des Lyrikübersetzens nur mit einer Zirkusnummer oder einer Extremsportart vergleichen ließe. Hinter dieser Vorstellung steckt oft auch die veraltete Überzeugung, die intellektuelle Leistung der Übersetzerin bestehe vorwiegend darin, Sinninhalte, d. h. klar ausgedrückte und miteinander zusammenhängende Bedeutungen aus der einen in die andere Sprache möglichst treu zu übertragen. Dass Bedeutungen in so einer Form in einem Gedicht kaum zu finden sind, spreche ebenfalls für die enorme Schwierigkeit der Übersetzungsarbeit.

Was mir an einer solchen Denkweise zugegebenermaßen nicht so gut gefällt, ist dass dadurch Lyrik, indem ihr ein Sonderstatus zugeschrieben wird, auf Distanz gehalten wird. Wenn man so verallgemeinernd denkt, tendiert man oft dazu, zu übersehen, dass das, was bei Lyrik in sehr verdichteter Form passiert, nämlich dass die Bedeutung durch das Zusammenspiel von Inhalt, Ton, Rhythmus, Form und Komposition produziert wird und dabei meist offen bleibt, im Grunde bei jedem anspruchsvollen literarischen Werk anzutreffen ist; egal, ob es in Prosa- oder Versform geschrieben wurde oder für die Bühne bestimmt ist. Ebenfalls bleibt bei einer ausdrücklichen oder angedeuteten Zurückhaltung gegenüber der Lyrik und dem Lyrikübersetzen die Tatsache unberücksichtigt, dass innerhalb des lyrischen Genres durchaus unterschiedliche Positionen nebeneinander existieren, d. h. dass der Abweichungsgrad vom alltäglichen Sprechen von Gedicht zu Gedicht unterschiedlich groß sein kann; man denke nur an die poetische Sprache eines Bertolt Brechts im Vergleich zu der eines Paul Celans.

Vielleicht sind aber auch die Lyrikübersetzer*innen selber schuld daran, dass das Übersetzen von Lyrik von der Mehrheit der Menschen als etwas Exotisches betrachtet wird. Sie benennen die Schwierigkeiten, die ihnen ein lyrischer Text bereitet, in Spiel- und Experimentierräume um, reden konspirativ miteinander und empfinden eine deutliche Verachtung gegenüber den Krimiübersetzer*innen. Darüber hinaus wird den Lyrikübersetzer*innen nicht nur beim Umgang mit der Sprache, sondern auch bei der Auswahl der zu übersetzenden Texte eine gewisse Freiheit zuerkannt, wodurch sie sich besonders privilegiert fühlen. Man kann nämlich, wenn man Lyrik übersetzt, viel öfter als es bei Prosa oder Theorie der Fall ist, selber auswählen, was man gerade übersetzen möchte; solche Entdeckungen, Vorlieben und Vorschläge kommen meist bei den Zeitschriften- und Buchverlagen, die in der Nische der Lyrikpublikation aktiv sind, sehr gut an. Dass man doch ab und zu den einen oder anderen Krimi übersetzen, oder sogar trockene technische Übersetzungen übernehmen muss, weil man sich nur mit solchen Vorschlägen, auch wenn sie positiv entgegengenommen werden, nicht über Wasser halten kann, lässt man bei netten Vorstellungsrunden lieber unerwähnt.

So habe ich mich, nachdem ich 2010 nach Berlin gezogen war, auf neue lyrische Entdeckungen gestürzt, besonders mit der lebendigen Berliner Lyrikszene vertraut gemacht und neue, kühne und radikale poetische Stimmen übertragen (wie z. B. die von Ann Cotten), die, wie ich mir dachte, auf je eigene Weise eine Artwort auf die Frage lieferten, wie die Lyrik des 21. Jahrhunderts aussehen könnte. So kam es auch darauf, dass ich sogar ein Langgedicht über Berlin übersetzt habe, nämlich den 2005 bei kookbooks erschienenen Gedichtband Gegensprechstadt – ground zero von Gerhard Falkner, das Sprache und Stadt zusammendenkt und miteinander in Dialog bringt.

Ich hatte also einige Jahre lang diese Freiheit des Auswählens und Vorschlagens genossen, bis ich Ende 2016 einen Auftrag bekam, der diesmal zur Abwechslung nicht auf meinen eigenen Versuchen, deutschsprachige Gegenwartslyrik nach Griechenland zu vermitteln, beruhte und ziemlich herausfordernd klang: Constellation of Debt hieß das Projekt, geleitet wurde es von der Lyrikerin und Politologin Nathalie Karagiannis. Es handelte sich dabei um einen kollektiven poetischen Dialog zwischen zehn griechischen und zehn deutschsprachigen Lyriker*innen zum Thema Schuld und Schulden, wobei den Ausgangspunkt und Hintergrund die Finanzkrise in Griechenland und die davon beeinträchtigten politischen Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland darstellte, die Schuldthematik aber in der Projektkonzeption weit gefasst wurde und interessante, nicht oft oder genügend bedachte Aspekte umfasste. Als Grundlage des Dialogs dienten allein die Übersetzungen der im Rahmen des Projekts neu entstandenen Gedichte, die alle von mir, der Übersetzerin des Projekts, angefertigt wurden. Von besonderem Interesse war die Performanz des Projekts: In Constellation of Debt bildeten nämlich die teilnehmenden Lyriker*innen zehn Paare, die aus jeweils einem/-er deutschen und einem/-er griechischen Lyriker/-in bestehen. Dabei waren die Lyriker*innen aufgefordert, Debt nicht nur poetisch zu reflektieren, sondern auch performativ zu realisieren, indem sie sich in den Rollen der Gläubiger*innen und Schuldner*innen abwechselten: Sie schulden einander Gedichte, die innerhalb vereinbarter Fristen „gezahlt“ werden mussten. Ihre Texte bezogen sich aufeinander, bestimmte Themen und Motive wurden aufgegriffen, weitergedacht und variiert.

Die entstandenen Gedichte hätten in Form und Inhalt nicht unterschiedlicher sein können. Der vielstimmige, dialogische Charakter des Projekts sowie die große Vielfalt der darin vertretenen poetischen Stimmen bestimmten die besonderen Schwierigkeiten, mit denen ich als Übersetzerin während des Projekts zu kämpfen hatte. Dieselben Faktoren machen es jetzt besonders schwierig ein einzelnes Textbeispiel aus diesem ganzen Gedichtkorpus auszusuchen. Ich erlaube es mir trotzdem und wähle dabei das Gedicht „Zeit und Geld“ von Monika Rinck (*1969) aus, das einerseits für sich selbst spricht und gute Einblicke in die Poetik dieser herrlich eigentümlichen Lyrikerin bietet, andererseits mir ein paar allgemeine Schlusskommentare ermöglicht:

 

Zeit und Geld

“Oh dear! Oh dear! I shall be too late!”

The White Rabbit

Geld ist wesenhaft zeitlich, weil es zirkulieren muss

Samuel Weber

Was wird denn geschehen, wenn Zeit wirklich Geld ist?

Die Armen sterben und die Reichen werden weiterleben.

Die tackernden Assistenten des Künstlers generieren

ein Werk, das ihnen nicht mehr gehört. Sie tackern

auch an hohen Feiertagen, am Karfreitag tackern sie

des Künstlers großes Werk zusammen. Wahrheit!

Gott hat seinen Sohn gegeben, uns zu erlösen –

der Menschheit ihre Schuld zu nehmen,

Dein Glaube sei Dein Kredit, je höher, desto gläubiger.

Und das Anwachsen der gewaltigen Schuld sei

dann die Bedingung der Erlösung.

Und es seien alle einander verschuldet, oder heirateten

und seien dann alle miteinander verwandt.

Ich löse die Zeit in zähflüssige Lotionen auf.

Ich wate durch den Schlamm, in dem die Stunden

sich mit Leere füllen, blubbern. Zeit und Geld.

Das ist nur der Serviervorschlag dieses Gedichtes.

Was verloren ging: Der Beginn,

der keinem Auftrag folgt – der benebelte Schritt,

auf die Lichtung, um die Schichten,

die es gar noch nicht gibt, voneinander zu lösen.

Und dann lösten sie sich

im Licht der glitzernden Birken.

 

In meiner griechischen Übersetzung lautet das Gedicht wie folgt:

 

Χρόνος και χρήμα

“Oh dear! Oh dear! I shall be too late!”

The White Rabbit

«Το χρήμα είναι ουσιωδώς χρονικής φύσεως, επειδή πρέπει να κυκλοφορήσει.»

Samuel Weber

Και τι θα συμβεί δηλαδή, αν ο χρόνος είναι όντως χρήμα;

Οι φτωχοί πεθαίνουν και οι πλούσιοι θα συνεχίσουν να ζουν.

Οι βοηθοί του καλλιτέχνη με το καρφωτικό γεννούν

ένα έργο που δεν τους ανήκει πια. Καρφώνουν

ακόμα και τις αργίες, τη Μεγάλη Παρασκευή

καρφώνουν και συρράπτουν

του καλλιτέχνη το μεγάλο έργο. Αλήθεια!

Ο Θεός έστειλε τον υιό του για να μας λυτρώσει –

ν’ απαλλάξει την ανθρωπότητα από τα χρέη της,

η πίστη σου είναι η πίστωσή σου, όσο πιο υψηλή τόσο πιο πιστός.

Και η συσσώρευση του τεράστιου χρέους είναι

τότε η προϋπόθεση της λύτρωσης.

Και όλοι είναι μεταξύ τους χρεωμένοι, ή παντρεύονται

και είναι τότε όλοι μεταξύ τους συγγενείς.

Διαλύω τον χρόνο σε παχύρρευστες λοσιόν.

Τσαλαβουτώ μες στη λάσπη, όπου οι ώρες

γεμίζουν με κενό, βγάζουν φουσκάλες. Χρόνος και χρήμα.

Δεν είναι παρά μόνο η πρόταση σερβιρίσματος για αυτό το ποίημα.

Αυτό που χάθηκε: το ξεκίνημα,

που δεν ακολουθεί καμιά εντολή, το αβέβαιο βήμα

προς το ξέφωτο, για να ξεχωρίσεις τα στρώματα,

που δεν διαμορφώθηκαν ακόμα.

Και τότε ξεχώρισαν μόνα τους

στο φως των σημύδων που αστράφτουν.

In dem Gedicht finden sich alle Elemente eines typischen Gedichts von Monika Rinck – wenn so etwas überhaupt gibt: eine Mischung aus heiterem und nüchternem Ton, Witz und Ernst, Frechheit und Eleganz, Popkultur und Philosophie, Alltagsobjekten und abstrakten Überlegungen, die einem poetischen Denken dient, das vorwiegend durch Gedankensprünge sowie freie Assoziationen vorangetrieben wird und durch Klangfiguren oder sogar etymologische Verbindungen unterstützt wird. Um nur einige davon zu erwähnen: die Wiederholung der Endung „–en“ im zweiten Vers („Die Armen sterben und die Reichen werden weiterleben“); die lautliche Verknüpfung zwischen ging und Beginn sowie das Spiel zwischen Schritt, Lichtung, Schichten und Licht in der letzten Strophe; allen voran die Doppeldeutigkeit des Wortes „gläubiger“ (als Gläubiger wird im Finanzjargon derjenige bezeichnet, der von jemand anderen, dem Schuldner eine Geldleistung fordert) auf die die Lyrikerin ihre Gleichsetzung von Glauben und Kredit stützt. (In der griechischen Übersetzung habe ich entsprechenderweise, da das Spiel mit dem Wort „gläubiger“ nicht reproduzierbar war, eine etymologische Verbindung bei den Worten geschaffen, mit denen ich „Glauben“ und „Kredit“ übertragen habe: „πίστη“ und „πίστωση“.)

Um noch einmal abschließend auf die Freuden des Lyrikübersetzens zurückzukommen: Man lernt, wenn man Gedichte wie das oben zitierte von Monika Rinck übersetzt, nicht die einzelnen Wörter, sondern vielmehr das Prinzip des Gedichts, die Kombinatorik der Elemente, das Zusammenspiel zwischen Form und Inhalt zu übertragen. Man lernt vor allem auch, um beim dem Finanzjargon weiter zu bleiben, auf den Mehrwert der Bedeutung zu zielen. Und das ist nicht gerade wenig. Auch wenn man dafür manchmal als komischer Vogel gelten muss.

Bei dem Text handelt es sich um die bearbeitete Version des von der Autorin im Rahmen des Symposiums „Parataxe VI. Ü-Berlin. Die internationalen Übersetzer*innen Berlins“ am 23.11.2019 im LCB gehaltenen Vortrags.

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