Languages
Content Who? About us Events Submissions Submenu
« back

Manfred Retzlaff

Max-Gerd Retzlaff (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Manfred Retzlaff, 4.11.1938 – 1.6.2018

“Manfred in Gedanken wie schwebend, nur ungern bereit vom Schoß der Kalliope, Erato oder Euterpe herunterzuklettern.”

Dies sei die erste Erinnerung an meinen Vater, schreibt sein langjähriger Esperanto-Freund Guido Brandenburg in seinem wunderbaren Nachruf.[1] Genau ein Jahr ist es nun her, dass mein Vater gestorben ist, doch Erinnerungen und seine unzähligen Übertragungen und Adaptionen von Poesie in Deutsch, Griechisch, Latein, Polnisch, Russisch, Englisch, Dänisch, um nur einige zu nennen, in die Plansprache Esperanto leben fort.

Sprachen haben Manfred schon seit seiner Kindheit interessiert, in der Schule hatte er bereits einen Zweig mit Latein und Alt-Griechisch gewählt. Die Nachkriegszeit sah zwar eine andere Profession für ihn vor, doch zeitlebens blieb sein Interesse für Sprachen. Vor jeder Auslandsreise stand der Versuch, sich mit der jeweiligen Landessprache anzufreunden und sie zumindest ein wenig zu sprechen.

1972 schließlich lernte er die Sprache kennen, der fortan seine größte Begeisterung galt: Esperanto. Diese Sprache war für ihn eine Offenbarung, nicht nur wegen ihrer Rolle als Brücke zwischen den Menschen, sondern vor allem wegen ihres Reichtums an Formen und Ausdrucksmöglichkeiten.

Anfangs war Esperanto für ihn einfach ein Kommunikationsmittel, um Freunde weltweit – und auch seine Frau Thea, meine Mutter – kennenzulernen, doch 1976 wurde es zudem literarische Ausdrucksform. Zunächst fing er an, Kinder- und Gute-Nacht-Lieder für meine beiden Schwestern und mich zu übertragen. Jedes Pixi-Buch und obligatorisch natürlich für mich Wilhelm Buschs Bubengeschichte “Max und Moritz” hatte winzig klein, in akkuraten Bleistiftlettern eine Übertragung in Esperanto auf seinen Seiten. Manchmal gar zwischen den Originalzeilen notiert, wenn sonst kein Platz zu finden war.

Übertragungen von Gedichten

Nach und nach, als wir älter wurden, wandte Manfred sich auch bekannteren deutschen Dichtern zu. Schließlich fing er vorsichtig an, anderssprachige Gedichte aus immer mehr Sprachen zu übertragen.

Viel Wert legte er darauf, Gedichte nicht nur inhaltlich zu übertragen, sondern auch für Form, Sprachausdruck und Rhythmus eine Entsprechung zu finden, die selbstredend dem Originaltext, aber auch der Sprache Esperanto mit ihren Eigenheiten gerecht würde. So waren ihm Auslassungen von Silben besonders Endungen, um ein Versmaß zu erreichen, ein Dorn im Auge, da diese in seinen Augen zu sehr den Charakter des Esperanto verfärben würden.

Einzelne Verse hat er unzählige Male neu übersetzt, immer wieder abgewandelt und geschliffen, bis Versmaß und Rhythmus gefunden waren. Es war seine Leidenschaft, und Geschwindigkeit kein relevantes Kriterium. Gartenarbeit war die Monotonie genommen, wenn neben dem Körper auch der Geist eine Beschäftigung hatte. Auf einem Baumstumpf lag meist ein kleines Notizbüchlein, und hin und wieder, nachdem ein paar Äste dem Häcksler zugeführt waren, wurde auch dem Buch ein Vers hinzugefügt oder ersetzt.

In etwa vierzig Jahren sind über vierhundert Übertragungen entstanden, die er stets unter seinem Esperanto-Namen Manfredo Ratislavo geführt hat. Auf www.poezio.net sind 275 dieser Übertragungen neben den Originaltexten (so vom Urheber oder deren Erben autorisiert) zu finden. 2003 hatte ich ihm diese Online-Gedichtdatenbank erstellt und 2010 noch einmal überarbeitet. Eigentlich zunächst nur, damit seine eigenen Übertragungen größeres Publikum finden, doch war Manfred mit seinen Übertragungen, die er selbst immer nur als Versuche tituliert hat, zurückhaltend und bescheiden, und so wollte er seine eigenen Übertragungen nicht exponiert wissen, sondern sie möglichst immer neben denen von anderen Autoren und Übersetzungen in andere Sprachen stellen.[2] Es waren eben Sprachen, die ihn fasziniert haben, besonders, wenn durch Poesie bis an ihre Grenzen ausgereizt.

Als Zeugnis finden sich auf www.poezio.net nun insgesamt 906 Gedichte, von denen Manfred Retzlaff 275 übertragen hat, neben 761 Übertragungen vieler anderer Autoren. Von dem Gedicht “Ho, mia kor'”[3] des Begründers von Esperanto, Ludwig Lazarus Zamenhof, finden sich gar zehn Versionen neben dem Original und Heinrich Heines “Lorelei”[4] steht immerhin neben neun Übertragungen. Insgesamt sind 22 Sprachen vertreten.

Hinterlassene Schätze

Ein Epos ist unter all den Gedichten in der Datenbank versteckt: “Dreizehnlinden”[5] von Friedrich Wilhelm Weber. Es war das einzige größere Werk, an das sich mein Vater gewagt hat. Das gesamte Epos in 25 Gesängen im vierfüßigen Trochäus hatte er bereits vor Jahren übertragen, doch für Poezio.net wollte Manfred es noch einmal überarbeiten und sicherstellen, dass alles seinen Ansprüchen genügt, bevor es die Öffentlichkeit zu sehen bekommen sollte. Dies ist ihm nur noch mit den ersten 11 Kapiteln gelungen. Die anderen 14 Kapitel mussten unüberarbeitet bleiben, und ich ringe mit der Frage, was wir mit diesem Nachlass tun sollen. So ist das Rate-Bilderbuch “ABC de la bestoj”[6] das einzige Buch geblieben, das zu seinen Lebzeiten in Kooperation mit Guido Brandenburg als physisches Buch erschienen ist.

Als kleinen Schatz hat mein Vater meinen Schwestern und mir ein Schlaflied in der Datenbank hinterlassen, mit dem er uns viele Abende in den Schlaf gesungen hat, als wir klein waren. Es ist die einzige Übertragung, dessen Ursprung kein anderer Text war, sondern lediglich eine russische oder sibirische Melodie, die er irgendwann einmal in der Nacht auf Radio Moskau gehört hat:

Manfredo Ratislavo
Dormu, mia infanet’[7]

Dormu, mia infanet’!
Gardos vin la anĝelet’
Amas vin la kara Di’,
Dormu, sonĝu dolĉe vi!

Malleviĝis jam la sun’,
Lumas la duona lun’,
Staras alte ĉe l’ ciel’
Ankaŭ la vespera stel’.

Kaj se volos nia Di’
Morgaŭ revekiĝos vi,
Levos ree sin la sun’.
Dormu, sonĝu dolĉe nun!

 

Manfredo Ratislavo
Schlaf, mein Kindchen[8]

übersetzt von Guido Brandenburg

Schlaf, mein Kindchen!
Ein Engelchen wird über dich wachen,
Es liebt dich der Liebe Gott,
Schlaf’, träum’ du süß!

Die Sonne ist schon untergegangen,
Der Halbmond leuchtet,
Hoch am Himmel steht,
Auch der Abendstern.

Und wenn unser Gott will,
Wirst du morgen wieder erwachen
Wird wieder die Sonne aufgehen.
Schlaf’, träum’ du süß!

 

[1] Guido Brandenburg, “Manfred Retzlaff, 4.11.1938 – 1.6.2018”, veröffentlicht 2018 in “Fervoja Esperantisto 2/2018”, Seiten 10–11.

[2]  Manfred Retzlaff, “Saluton, karaj geamikoj!” / “Guten Tag, liebe Freunde!”, veröffentlicht 2003. Begrüßungstext http://www.poezio.net

[3]  Ludwig Lazarus Zamenhof, “Ho, mia kor'”, veröffentlicht 1887. http://www.poezio.net/version?poem-id=129&version-id=252,896

[4]  Heinrich Heine, “Die Lorelei”, veröffentlicht 1823. http://www.poezio.net/version?poem-id=2&version-id=2,71

[5]  Friedrich Wilhelm Weber, “Dreizehnlinden”, veröffentlicht 1878, Kapitel 1 bis 11.

http://www.poezio.net/version?poem-id=-1&poet-id=768

[6]  Guido Brandenburg, Manfred Retzlaff, “ABC de la bestoj – Ein Esperanto-Deutsches Rate-Bilderbuch”, veröffentlicht 2002, herausgegeben von Barbara Brandenburg, ISBN 978-3831145812.

[7]  Manfredo Ratislavo, “Dormu, mia infanet'”, veröffentlicht 1990. http://www.poezio.net/version?poem-id=561&version-id=1133 Übersetzung der ersten Strophe von Anne Retzlaff, Nina Rudek und Max-Gerd Retzlaff, 2018:

Schlafe, mein liebes Kind! Die Engel wachen über Dich,

Es liebt Dich der gütige Gott, Schlafe und träume süß!

[8]  Guido Brandenburg, “Schlaf, mein Kindchen”, 2019, Übersetzung des Liedes “Dormu, mia infanet’”[7].

≡ Menu ≡
Homepage Content
Events Submissions
Authors Translators Moderators
About us Partners Gallery
Contact Blog Facebook
Festival 2016 Events Press