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Pflanzenekstase

Gabriela Cabezón Cámara (2019)

Sorry, this entry is only available in German and European Spanish.

1.
Vor meinem Fenster steht eine Eiche. Der Mai fängt gerade an und ihre Blätter sind von einem gelblichen Grün, hell, warm. Die jungen Blätter von der Eiche und allen Bäumen haben eine andere Art da am Blätterhimmel zu sein, sie bewegen sich anders. Vielleicht weil sie noch kleiner sind als sie es sein werden oder durch ihre weniger flache räumliche Gestalt, weil sie wellig sind, rüschig an den Rändern: Sie tragen noch die Spuren der Knospe, die sie umschlossen hat, bis sie sich, offensichtlich erst vor wenigen Tagen, entfalten konnten, und sie bewegen sich mit kürzeren und verspielteren Bewegungen, wie herumspringende Welpenblätter. Am Morgen nach meiner Ankunft habe ich die Eiche gesehen, als ich nach wenigen Stunden Schlaf und einem langen Flug, etwa 18 Stunden mit Umsteigen, und einem Jetlag, der mich schwindelig machte, mühsam aufwachte: Ich kam aus Bogotá, wo es sieben Stunden früher ist als hier. Hier, das ist Berlin an den Ufern des Wannsees. Seit ich einmal nachts durch die Flüsse und Bäche des Paraná-Deltas gerudert bin, weiß ich, dass Flüsse, Bäche, Seen und Lagunen selber Tiere sind, die aus Wasser und aus vielen Tieren bestehen, und wegen dieser Kanufahrten hat der Wannsee in meinen Augen einen Rücken, und wegen der Sonne und dem Wind sehe ich ihn schillern. Jetzt gerade ist der Rücken des Sees ein Sternenmeer. Und die Welpenblätter der Eiche schaukeln umgeben von goldenem Leuchten, mit strahlenden Adern, denn die Bäume kommen vom Himmel und den Sternen und machen Leben aus Licht. Das alles habe ich gesehen, als ich unausgeschlafen und mit einem gewaltigen Jetlag aufwachte, sodass ich auf einem Trip pflanzlicher Ekstase nach Kreuzberg aufbrach.

2.
Ob die Reise nach Kreuzberg als Erzählung über Kreuzberg zählt? Ich ignorierte die schlechte Laune der Fahrkartenverkäuferin wegen dieses Fahrgasts, der kein Deutsch versteht – vermutlich laufen nicht so viele Ausländer in Wannsee herum, da das Ausländersein gewöhnlich zum Stadtzentrum drängt – und suche eine Weile die „stamp the ticket“-Machine. Bis ich in den richtigen Zug stieg, aus dem Fenster schaute und noch begeisterter war als zuvor: Dort neben den Gleisen steht ein Wald. Der Wald in Nikolassee verknüpfte sich an diesem Morgen in meinem Kopf mit der Eiche vor meinem Fenster und mit allem, was ich in letzter Zeit über die Pflanzenwelt gelesen habe, diese Welt, die unsere erschafft: Die Pflanzen sind die einzigen Wesen, die keine anderen fressen, die nur Sonne und Wasser und Licht aufnehmen und uns allein daraus die Luft machen, die wir atmen. Der italienische Philosoph Emanuele Coccia sagt über die Pflanzen, dass „durch und über sie unser Planet eine laufende Kosmogonie, die kontinuierliche Genese unseres Kosmos“ ist.

Diese Betrachtung der Pflanzen- und der Tierwelt, die Liebe zu ihnen, führte mich vor einiger Zeit dazu, mich mit dem Animal Turn und ähnlichen Lektüren zu beschäftigen, und die feinen Wimpern meiner Tiere und derer, die nicht meine sind, zu studieren, ihre tanzenden Körper und die Lebensfreude, die sie selbst ins Leben bringen, ihr stummes und gegenwärtiges Sein, dies alles begann mir Dimensionen des Denkens und Kräfte zu eröffnen, von deren Existenz ich bis vor Kurzem noch nichts ahnte. Das verkomplizierte mir auch den Spaziergang durch die Markthalle: Seit ich die Tiere gesehen habe, wie sie sind, fühlende Wesen, die genauso viel Recht auf Leben haben wie wir, und seit ich die endlose, unerbittliche Hölle gesehen habe, der sie die Lebensmittelindustrie unterwirft, kann ich die Salamis, die von den charmanten Hipster-Ständen hängen, nicht mehr essen. Sie sind charmant und hipstermäßig auf die gleiche Weise, sogar mit der gleichen Dekoration, wie all die kleinen Kneipen und Restaurants, die in den gentrifizierten Stadtteilen der westlichen Städte blühen, oder zumindest in denjenigen, die ich kenne, nicht so viele, aber doch einige. „Hipster“ sagte Lucy Fricke, meine Gastgeberin bei diesem Stadtspaziergang, über die drei Typen, von denen ich nicht ganz verstanden habe, ob sie die Eigentümer des Marktes sind, aber ich habe verstanden, dass sie die Macht haben zu entscheiden, was hier drinnen passiert. Sie erzählte mir die Geschichte von dem Kiezwiderstand, der verhindert hat, dass aus der Markthalle ein großer Supermarkt gemacht würde. Und von dem Widerspruch, den sie heute empfindet, wo ein Teil der Kreuzberger nicht die biologischen Lebensmittel bezahlen kann, die auf ihrem Markt verkauft werden und die drei Hipster den Aldi aus ihrem Gebiet vertreiben wollen.

Aber weder die Hipster noch die Lebensmittelindustrie noch die Gentrifizierung werden mir den Tag verderben: die Eiche beim Aufwachen, der Wald in Nikolassee, die vielen Bäume und Blumen auf dem Weg durch Kreuzberg, den Lucy uns bahnt, und das Leben am Kanal, der beinah an ihrer Haustür langfließt: Gerade als wir ihn überquerten, und eine Menge von Leuten aller Farben mit uns, zog unter der Brücke eine Schar Enten und Schwäne verschiedene Alters und unterschiedlicher Farben vorbei, so gelassen, so schön zogen sie vorbei, dass es schien, als würden sie mit  ihrer reinen Anwesenheit allem einen Sinn geben. Was für einen anderen Sinn könnte das Leben haben? Die Entfaltung der Kraft des Körpers und die Würde ihn zu bewegen, wie und wann und wohin der Körper es will. Und das machten auch wir drei, uns begleitete Natalia Laube, die an diesem Tag unsere Dolmetscherin war, während das Gespräch angenehm floss. Lucy erzählte uns von der Tradition des zähen Widerstands, den das Viertel zu leisten vermochte, und das Viertel illustrierte es uns: Die Durchsichtigkeit der Fensterscheiben am Hotel Orania ist von ein paar ordentlichen Steinwürfen in der schönen Form von Spinnennetzen durchkreuzt, mit einem dichten, mehr oder weniger runden Zentrum und einen Fluchtradius bildenden Linien, der dünner wird, bis er verschwindet. Die Zeichnung der Steineinschläge erinnerte mich an einen Stadtplan. Auch Städte sind Einschläge.

Auf der anderen Seite der Fensterscheiben vom Orania winkte ein Paar Lucy zu und wir gingen auf einen Kaffee hinein. Der Eindruck der Einschläge löste sich auf in einer Atmosphäre des bürgerlichen Wohlgefühls, ähnlich der Protest- und Straßenkunst in Museen, wie die Siebdruckplakate der Serigrafistas Populares im MALBA, um ein Beispiel aus Buenos Aires zu nennen. Man müsste sich widersetzen und in dieser Mehrdeutigkeit einen Aufstand anstiften: So liegen die Dinge in einem großen Teil der Welt, scheint mir. Unsere nächste Station, das Bethanien, wird mich nicht widerlegen, ein ehemaliges lutherisches Krankenhaus, in den Siebzigern besetzt, verwandelt in Museum und Kulturzentrum, mit einem schönen Restaurant und seinen Ausstellungsräumen mit verschiedenen Werkstätten: Widerstand und Gourmet zugleich.

Ich hielt bei der Linde inne, die zwischen vielen anderen Bäumen mehr oder weniger neben dem Eingang steht: Ihr breiter Stamm, ihre Blätter, grün und glänzend auf einer Seite, silbrig und haarig auf der andern, ich stellte mir ihre unterirdischen Verbindungen mit den anderen Bäumen vor, mit den nahen und fernen, in Nikolassee und an den Ufern des Wannsees, in allen Parks und Wäldern, welche die Berliner vor der kriminellen Gefräßigkeit des Spätkapitalismus retten konnten; ich stellte mir ihre weißen Wurzeln unter der feuchten und dunklen Erde vor, entstanden aus winzigen Samen, die aber energisch der Schwerkraft entgegen den Grund durchdringen und schließlich einen Boden für Berlin flechten. Der Gedanke gefiel mir, eine Stadt, gestützt auf den Boden, den die Bäume tragen, der verteidigt und schützt, ein System der Zusammenarbeit verschiedener Spezies, eine Schönheit, ein Wunsch für die Welt, der mir gewissermaßen in den Prinzessinnengärten vorgeführt wird: das Grundstück inmitten des Viertels, das einen aus der Stadt entführt, mit Gemüse und Blumen, Bäumen mit dünnen und geraden Stämmen, Bienenstöcken. Es ist ein Gemeinschaftsgarten. Es finden sich verschiedene Slogans. Der, der mir am meisten aufgefallen ist, wie könnte es auch anders sein, wenn man aus einem Land kommt, das keinen anderen ökonomischen Antrieb als brutalste Ausbeutung hat, lautet: „Grow commons not commodities“.

Ich denke an den gesamten Planeten, fühle ihn, der von dem Raub des Gemeinsamen betroffen ist, von der Aneignung des Gemeinsamen durch ein paar Arschlöcher, die Vertreibung, Leiden und Aussterben von so vielen und so vielem nur für höherer Renditen verursachen, an dieses Anthropozän, das als Zukunft nichts bietet, außer das Ende des Lebens selbst. Wie ich so im Gemeinschaftsgarten eine Zwiebel betrachtete, die grünen, langen Blätter, die sich von der blanken, aus der braunen Erde herausragenden Knolle nach oben recken, und die Bienen, die mit dem Summen ihrer rasend schnellen Flügel ein- und ausflogen, erinnerte ich mich an die Vorstellung vom Paradies (das heißt die Postapokalypse) bei Thomas von Aquin (das heißt im Christentum): „Bei der Erneuerung der Welt werden die Sterne im Himmel heller sein und durch die Reflektion auch die Körper auf der Erde; nicht alle gleichermaßen, sondern jeder seiner Haltung entsprechend. Dann werden weder Tiere noch Pflanzen notwendig sein, weil sie geschaffen waren, um das Leben des Menschen zu erhalten.“

Das christliche Paradies ist ein von der Sonne verbrannter Felsen und zu dieser Wüste führen uns wohl die gegenwärtigen Entwicklungen, und gegen diese Wüstenbildung leisten die Völker der noch nicht vom Raubbau erschlossenen Gebiete die am meisten beeindruckende, blutige, epische und ignorierte Arbeit. In den Städten arbeiten diejenigen, die sich gegen die Rodung ihrer Wälder wehren, solange es sie noch gibt, und diejenigen, die gegen die Privatisierung von Räumen aktiv werden, die Gemeinschaften, die sich eben für das Gemeinsame organisieren. Und gegen diese Wüstenbildung sind alle Steinwürfe willkommen. Es wird wohl an diesen Dingen liegen, dass es sich in Kreuzberg gut atmen lässt.

 

Aus dem argentinischen Spanisch von Sarah van der Heusen

Topografías de lo venidero / Topografien des Künftigen
Exploraciones literarias por Buenos Aires y Berlín / Literarische Stadterkundungen in Buenos Aires und Berlin
Urlesung: ​28. Mai 2019, Instituto Cervantes Berlin

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