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So Jealous

Jacinta Nandi (2020)

Sorry, this entry is only available in German.

Meine Mama erzählt mir von Cheryl Gaitling, einer alten Freundin von ihr, die früher in der Nähe meiner Mama in Ost-London gelebt hat. Früher als es noch viele Weiße in Ost-London gegeben hat, und nicht nur Polen, da lebte Cheryl Gailting, die Kunstlehrerin an einer Volkshochschule war, zwei Straßen entfernt von uns. Mit ihrer Tochter Charlotte war ich befreundet. Cheryl hat die Arbeit aufgegeben, um Hausfrau zu sein, aber ab und zu hat meine Mama auf Charlotte aufgepasst, so dass die Eltern ins Theater konnten, und manchmal gab sie meiner Mama Geld dafür und manchmal nicht, und es war irgendwie immer awkward, denke ich jetzt.

Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als sie wegzogen, aufs Land. Ganz viele Weiße sind weggezogen, aufs Land, das war irgendwie Mode. Ich glaube eigentlich nicht, dass der Hauptgrund dafür Rassismus war. Meine Mama sagte mir einmal, sie käme sich wie eine Loserin vor, die letzte weiße Frau im Bezirk, abgesehen von den Polinnen Ich meinte draufhin, wenn sie eine Weile durchhalte, könne es passieren, dass jüngere Weiße hinziehen und die Nicht-Weißen weg, und sie sei dann super cool, so hipster-mäßig. Und sie lachte.

Ich höre eigentlich gerne Geschichten über Cheryl und ihre Tochter Charlotte Gaitling und war traurig, als sie wegzogen, ich habe nette Erinnerungen an Charlotte. Wir spielten manchmal „French Ladies“, ein Spiel, bei dem wir uns schminkten und Can-Can tanzten, und einmal hat sie bei uns übernachtet und mir erzählt, dass Hexen durch Glas fliegen können aber nicht durch den Vorhang.

Na ja, die Gaitling-Geschichten machen mir auf jeden Fall mehr Spaß als die detaillierten Erzählungen über den Neffen des Milchmannes oder die Schwägerin der Waschsalonbesitzerin, da ich weiß, um welche Person es geht.

„Wie geht’s Charlotte?“, frage ich. „Die habe ich bei Facebook gefunden und wir waren eine Weile Facebook-Freunde, aber sie muss mich gelöscht haben. Vielleicht war ich zu radikal oder so was.“

Oder zu langweilig, füge ich in meinem Kopf hinzu, kann es mir aber nicht vorstellen.

„Sie lebt jetzt in New York“, sagt meine Mama.

Als meine Mama das Wort New York sagt, ist es so, als ob mein Herz stillsteht – als ob mein Herz voller Beton ist. Ich will kotzen vor Neid. Ich kann die Kotze, die eigentlich Neid ist, in meinem Mund schmecken. Ich merke, wie dick und hart mein Hals wird – ich mache in der letzten Zeit immer mindfulness practices und das Schlimme daran ist, dass ich meinen Neid jetzt körperlich spüren kann. Mein Hals ist dick und wütend wie das eines Boxers. Ich will kämpfen. Ich will boxen. Ich will Rache.

„IN NEW YORK?“, frage ich.

„Ihr Mann ist Amerikaner“, sagt meine Mama. „Zehn Jahre älter als sie, aber es könnten auch dreißig sein, wenn man ehrlich ist. Sie hat ihn nicht wegen seinem Aussehen ausgesucht, das sieht man schon.“

Mein Hals entspannt sich ein bisschen.

„Woher weißt du das?“, frage ich.

„Katy Grahams war hier und hat mir die Bilder von der Hochzeit gezeigt. Auf Facebook. Wenn du nicht so radikal wärst, hättest du sie selber gesehen. Sie arbeitet im Kulturbereich.“

Mein Herz ist wieder Beton, mein Hals dick, ich schreie: „IM KULTURBEREICH? IN NEW YORK?“

„So eine Performance-Künstlerin“, sagt meine Mama.

„Ist sie – ist die – ist sie – ist sie …” ich schlucke. „Ist sie Feministin?“

„Ich glaube ja“, sagt sie.

Ich seufze. Meine Mama redet weiter.

„Und Cheryl Gaitling – der Mann ist gestorben – wie hieß er denn? Sie lebt jetzt alleine in diesem großen Haus am Meer und verkauft Aquarelle am Strand.“

„Nett“, sage ich und denke immer noch an Charlotte Gaitling. Feministische Performance-Künstlerin IN NEW YORK!

„Nett?“, fragt meine Mama,

„Ja, nett, oder?“, sage ich.

„Mich kotzt es an“, sagt sie.

„Oh“, sage ich.

„Ja, es kotzt mich an zu hören, wie toll ihre Bilder sind. Ich sage dir, was ich tun würde, wenn meine Hände noch funktionieren würden: Ich würde zum Strand gehen und viel bessere Aquarellbilder malen und viel mehr verkaufen und viel glücklicher sein als sie!“

Ich nicke. Meine Mama und ich, beide neidisch, aber ich denke, bei mir ist es diese Opfermentalität, vor der alle mindfulness gurus dich warnen, und bei ihr ist es ein Lebenswille. Meine Mama, deren ganzer Körper nicht mehr funktioniert, MS, alles kaputt, sie kann ihre Hände, ihre Arme, ihre Beine nicht mehr bewegen. Sie spürt kaum mehr etwas, außer Schmerzen, jeden Tag so viel Schmerzmittel rein, jeden Tag dasselbe. Liegen und warten und ab und zu eine Krankenschwester zum Weinen bringen. Meine Tante, die meine Mama in Vollzeit pflegt, sagt über sie: Die einzige Muskulatur, die bei ihr richtig funktioniert, ist ihre Zunge.

Bei meiner Mama ist dieser Neid etwas Positives – sie denkt immer noch, dass sie das Recht hat, am Strand Bilder zu verkaufen. Bei mir, mit meinem funktionierenden Körper, ist es nur negativ – wenn ich wirklich wollte, könnte ich nach New York ziehen und feministische Performance-Künstlerin werden (COME ON IT’S NOT LIKE IT WOULD BE DIFFICULT IS IT)

„Und“, sagt meine Mama, ihre Stimme hart und verbittert, „sie kriegt jeden Sonntag kostenloses Essen von ihrer Kirche, weil sie verwitwet ist.“

Auf Englisch, ich weiß nicht warum, verwechseln wir Neid mit Eifersucht. Wir sagen jealous –eifersüchtig – wenn wir neidisch meinen. Aber wenn ich Englisch spreche, macht es Sinn. Meine Mama ist nicht neidisch auf das kostenlose Essen – sie ist eifersüchtig auf Cheryls ganzes Leben. Jealous klingt so viel wütender als envious, denke ich. Jealous klingt wütend.

„You can’t be jealous of some widowed old hippy getting free food from a church“, sage ich jetzt zu meiner Mama, und sie lacht, und ich bin so stolz, dass ich sie immer noch zum Lachen bringen kann. Die letzte weiße Frau im Bezirk, und sie lacht noch.

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