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Solo Album

Laurence Ermacova (2020)

Sorry, this entry is only available in German and French.

 

Rumänische Notizen von A bis Z

 

A

Aube. Abflug. Die Brücke, welche die S-Bahn-Trassen überspannt, hebt sich kaum von der Finsternis ab. Fassaden wie Tuschmalereien, nicht ausgeträumte Träume. Der junge Mann liegt oberhalb der Rolltreppe auf dem Fliesenboden des S-Bahnhofs und wälzt sich in seinem Schlafsack. Der Mund ist geschlossen, die Augen sind zu: Er schläft und seine Gesichtszüge wirken weiblich.

Soupir.

Lange blonde Strähnen ragen aus der wärmenden Hülle, ringeln sich auf dem Boden wie Schlangen, die einem Märchen entflohen sind, einer Geschichte, die sich ganz unten, im Dunkeln, am Fußende des Schlafsacks eingeigelt hat.

Märchenprinz.

Ich erinnere mich an den Tag, als ich ihn zum ersten Mal sah. Gleicher Ort, gleiche Stelle, gleiche Entrückung.

Schlangenprinz.

Wann ist dieser Durchgangsort sein Schlafzimmer geworden? Wann beschließt er jeden Abend, seinen Schlafsack auszubreiten, seine Turnschuhe abzustreifen und heimlich in sein Bett zu schlüpfen? Wartet er einen bestimmten Augenblick ab? Eine Lücke im Fahrplan? Einen blinden Fleck im unregelmäßigen Auf und Ab der Fahrgäste?

Wie viele Nächte zieht er sich schon nicht mehr um, legt er nicht mehr Pullover, T-Shirt, Socken, Hose und Unterhose ab, seine Brieftasche, seine Papiere, sein Handy, die herausgerissene Seite aus einem Buch, einen Brief, einen Würfel, einen Schlüsselbund, ein Foto? Wie lange kümmern ihn schon die Blicke nicht mehr, die ihn jeden Abend seiner Intimsphäre berauben?

Une clé?

Soupir.

Der junge Mann mit dem langen blonden Haar wälzt sich auf den beschmierten Fliesen des S-Bahnhofs. Er schläft und seine Gesichtszüge wirken weiblich.

Schlampe!

Getragen von der Rolltreppe steigt die flirrende Horde schwallartig nach oben, nur um kurze Zeit später stumm und zahm in den Straßen von Neukölln zu verschwinden oder dicht gedrängt auf schmutzigem Asphalt der Buslinie M44 zu harren, die sie noch weiter wegführt, in die grüngrauen Vororte Britz und Rudow. Niemand schenkt dem jungen Mann Beachtung, außer einer Stimme, die das neutrale Klima im S-Bahnhof vergiftet.

Kieck mal da, die Schlampe ist wieder da. Sie schläft!

Soupir.

Ich erinnere mich noch an die Sommernacht, als ein Rom hier gesungen hat, an genau derselben Stelle. Es war warm, die Luft war mild und leicht. Er ist stehen geblieben und hat ein Lied angestimmt. Einfach so. Nicht um zu betteln, nicht um sein Brot zu erwerben, sondern allein, um den ausklingenden Tag zu verabschieden. Morgen war ein neuer Tag, und noch einer und noch einer. Doch in dieser Nacht war er hier. In der Musik zu Hause.

Schlampenprinzen.

Und der bunte Tross von nächtlichem Unflat zerstreut sich: alte Ängste, alkoholgetränkter Schweiß, geschlagenes Unglück in Massen.

Soupir.

Ich eile die Stufen zum Gleis hinab.

Berlin,

Hermannstraße,

Blasser Schimmer des Morgenlichts.

 

B

Berlin-Schönefeld. Ich gehe auf dem Rollfeld des Flughafens. Noch lähmt die Hitze nicht die Atmosphäre des Tages. Zwei Arbeiter greifen nach unserem Handgepäck und katapultieren es auf einen Anhänger. Blam! Blech! Balbutiements du jour.

Die entlasteten, noch von Dunkelheit umhüllten Fluggäste schwärmen ein letztes Mal an die frische Morgenluft, schwanken über die Stufen der Gangway, ehe sie Arme und Beine verrenken und sich mit ihrem Sitzplatz begnügen.

Das Flugzeug hebt ab, der Motor seufzt und hinterlässt einen schnurgeraden weißen Streifen.

Coagulation de ciel.

 

C

Coandă.

In großen weißen Lettern prangt das Wort an der Fassade des Bukarester Flughafens, auf dem ich soeben gelandet bin. Das C knallt heftig gegen das müßige Quaken des OA, das schwillt und quillt, weil jeder Klangwiderstand fehlt, um dann erschöpft in das Vokaldelta des D einzuströmen, das mit einem Mal aufbricht und erneut das A offenbart, als gluckernde Unterwasserquelle.

Henri Coandă. Ich betrachte die großen weißen Lettern an der Fassade des Bukarester Flughafens und wundere mich. Sie beschäftigen mich und ich weiß nicht, warum. Ich stoße mich an ihrem Weiß und an dem Nichts, das sie in mir auslösen. Dann begreife ich allmählich. Ich stolpere über die Buchstaben, weil sie mir die Zeitlichkeit und meine Abwesenheit vor Augen führen. Zwanzig Jahre sind vergangen seit meiner letzten Rumänienreise. Damals hieß der Bukarester Flughafen noch Otopeny, benannt nach dem Gemeindebezirk, in dem er erbaut worden war. Ein unbedeutender, unpersönlicher Name, wie nahezu alle Bezeichnungen von Flughäfen. Doch mit der Zeit hatte ich den Namen liebgewonnen, er besaß die Wirkung einer Zauberformel, die mich in eine andere Welt entführte, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne.

Il flotte comme une odeur de rives et de navire.

Ich hatte Rumänien dank meiner Freundin Oana entdeckt. Wir waren uns in Paris während eines Jugendaustauschs begegnet und hatten schnell Freundschaft geschlossen. Als ich sie das erste Mal unseren Speisesaal betreten sah, hätte ich nicht gedacht, dieses schneidige Mädchen mit den gekräuselten Lippen als Freundin haben zu können. Doch genau diesem Mädchen schrieb ich fast zehn Jahre lang hunderte Briefe, sie besuchte ich mindestens einmal im Jahr in Rumänien, ihr verdanke ich meine überbordende Lebenslust.

Odeurs de route et de fumée.

Als sie Rumänien verließ, um sich in Cambridge niederzulassen, besuchte ich sie weiter in England. Ob es daran lag, dass mir die englischen Landschaften zutiefst gleichgültig waren und die schöne Stadt Cambridge meine Einbildungskraft nicht nährte – unsere Freundschaft konnte sich in England nur schwer entfalten. Ich besuchte sie immer seltener. Räumlich hatten wir uns angenähert, aber in Wirklichkeit entfernten wir uns voneinander.

Emanations acres des nappes molles de goudron.

Ohne sie fand ich keinen ausreichenden Grund, um nach Rumänien zurückzukehren, in das Land, das ich so sehr liebte. Zu eng war es mit unserer Freundschaft verknüpft. In England brauchten wir immer länger, um wieder zueinanderzufinden.

Lisser. Calfater.

Immer mehr verstrickten wir uns in unser Leben, das der anderen nur noch wenig Platz einräumte. Hier ein Anruf. Da eine E-Mail. Unsere Freundschaft zerfaserte in tausend Fäden.

Manque de viscosité.

Doch die bloße Vorstellung, dass sie überall auf der Welt für mich da ist, ist für mein Leben von großer Bedeutung.

Sie haftet an mir wie schwarzer Teer.

Raconte-moi.

Verbrenne ich mir die Fußsohlen, wenn ich den heißen Asphalt betrete?

Raconte-moi encore!

Wie lange werden meine Fußabdrücke im Teer eingeschlossen sein?

Et encore!

Und deine neben meinen?

Et encore une fois!

Bald darauf dreht sich Oana zu mir.

Unsere Schritte hinterließen auf den wüsten, geflickten Bürgersteigen von Bukarest überall Spuren. Calea Vittorei, Bulevardul Magheru, Piața Universități, Lipscani, das über meine Lippen huscht wie ein ausgemergelter Hund durch die Mülltonnen eines Innenhofs, auf der Suche nach etwas Kostbarem, um sich damit den Wanst vollzuschlagen. Mein Staunen über die winzige, von einem verwitterten Gebäude in die Enge getriebene Kirche auf einem großen Boulevard, dessen Namen ich vergaß, die schon für sich allein das zauberumwobene Bukarest verkörpert. Bukarest, zum ersten Mal im Winter. Oana und ich gehen Seite an Seite, unsere Schritte versinken im Schnee. Ich sehe, wie sie auf ein kleines Haus mit seitlichem Eingang zeigt. Das Haus da ist ganz typisch für Alt-Bukarest. Ich höre ihre Stimme, ich lausche nicht ihren Worten. Es gibt nur noch wenige solcher Häuser. Ich bin so froh, mit ihr zusammen hier zu sein. Wenn du willst, gehen wir heute Abend zu Pizza Hut. Ich sehe sie an, sie trägt einen graublauen Mantel aus Schafspelz, der ihr bis unter die Knie reicht. Sie haben gerade neu aufgemacht. Ich sage zu. Ich sage nichts. Ich sage es ihr nicht. Vor allem nicht, dass ich weder Pizza Hut noch Cheesy-Crust-Pizza noch Pubs voller amerikanischer Topmodels mag, die mich tyrannisieren und faszinieren und zur Verzweiflung bringen, weil sie so dermaßen schön sind, ich sage ihr nicht, dass ich lieber etwas von der Straße essen würde, auch wenn es draußen schmutzig ist, auch wenn es dort nichts gibt. Insbesondere sage ich ihr nicht, dass ich mit ihrem Land, Rumänien, soeben einen Liebesbund geschlossen habe.

Ich sah sie an und fand sie so schön in ihrem blauen Mantel, dass ich viele Jahre später, als ich auf dem Richardplatz in Berlin an der Boutique einer Schneiderin vorbeispazierte, im Schaufenster ihren Mantel zu erkennen glaubte. Er stand zum Verkauf. Es war ihrer. Dessen war ich sicher. Viscosité des choses. Ich wollte ihn kaufen. Ich zögerte.

Am nächsten Tag war er verschwunden.

Verkauft.

Es regnet Salzwasser.

Ein Auto fährt vorbei, dann noch eines und noch eines. Im Licht der Scheinwerfer erkenne ich zwei Gestalten, die sich in einer finsteren Straße verlieren, zögern, innehalten, sich ein letztes Mal umdrehen, ehe sie sich im dunklen Wasser meines Gedächtnisses wie Salzkristalle auflösen. Da stehe ich nun, der Wind pfeift und abermals blitzt meine Erinnerung auf, um mit den Rückleuchten der Autos allmählich zu verblassen.

Wird Bukarest jemals etwas anderes für mich sein als die Stadt, durch die ich mit meiner Freundin Oana schlenderte, und die Stadt der streunenden Hunde, deren Jaulen die schwere Sommerluft zerriss.

Dämmerung.

 

Aus dem Französischen von Ina Böhme

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