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Tilla

Spomenka Štimec (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Zuflucht in … Honduras

Als Zufluchtsort wählte sie Zagreb. Die Stadt erschien ihr weit genug weg von allem, vor dem sie sich retten wollte.

Diese Wahl wurde von den Erinnerungen an ihren Großvater Hrdlička bestimmt, der einst in Zagreb Jura studierte. Wann immer man in der Familie diese Stadt erwähnte, machte sich ein Gefühl der Sorglosigkeit breit. Großvater hatte dort eine Vorliebe entwickelt, den einheimischen Wein mit einem Spritzer Sodawasser erfrischender zu machen: eine Gewohnheit, die er nie ablegte. In seinen Studienjahren, so erzählte er, trank er Glas um Glas Gespritzten und aß nur gesalzene Brezeln. Als Tilla in jungen Jahren das Wort Brezel wahrnahm, verband es sich auf rätselhafte Weise mit der Zeugung von Kindern. Warum das so sein sollte, war ihr nicht klar. Wahrscheinlich reichte es, dass der Bäcker einen eigentümlichen Spruch abließ – „Brezel, Sterzl, Kindl“ – und mehrdeutig lächelte, wann immer er die Brezeln aus der Kiste nahm. Stangenartige Brötchen oder gefurchte Semmeln, die man leicht aufreißen konnte, waren nicht im Geringsten verdächtig; Brezeln aber doch. Jahrelang senkte sie den Blick zu ihren Schnürsenkeln, wenn man Brezeln erwähnte. Als Großvater über Zagreb erzählte, war sie fünf Jahre alt. Sie hatte einen Bubikopf und trug ihr blaues Samtkleid an jenem Sonntag, als sie am Tisch neben seinem Geburtstagskuchen saß.

Zagreb hatte sie nur einmal besucht: Vor einigen Jahren gastierte sie dort auf der Hauptbühne in Schillers Don Karlos. Sie war beeindruckt von dem aufmerksamen Publikum und den heruntergekommenen Barockfassaden, deren einstige Schönheit noch deutlich durchschien. Auf dem Programm stand: Tilla Durieux in der Rolle der Eboli.

Als sie ihrem Ehemann Lutz vorschlug, sie könnten sich versuchsweise nach Zagreb absetzen, musste sie ihn nicht lange überreden. Damals hatte er keinen Plan und folgte schäfchengleich. Als ihre deutschen Reisepässe abliefen, kam sie auf die Idee, sich Pässe eines außereuropäischen Landes zu beschaffen. Denn für die Ausstellung neuer deutscher Pässe hätten sie laut Vorschrift wieder in Berlin vorstellig werden müssen. Dorthin gab es kein Zurück. Vor allem für ihn nicht. Die Schweizer Freunde hatten ihnen eine Bleibe organisiert und jetzt, mit den gefälschten honduranischen Pässen in der Tasche, fuhren sie nach Zagreb. Ihr Ziel war zwar Jugoslawien, aber zuerst mussten sie sich einiges über Honduras einprägen, das Land ihrer Pässe. Für alle Fälle.

Tillas Gedanken kehrten gelegentlich zu den Gemälden zurück, die sie verkaufen musste, um die Pässe auf dem Schwarzmarkt zu erwerben, aber sie schwang schnell die Haare und vertrieb die Gedanken wieder. Der dunkelhaarige Mann, der die Pässe überreichte, war nicht der gleiche, dem sie die Geldscheine gezahlt hatte. Er bat nur phlegmatisch, sie möge den Empfang der Dokumente quittieren. Tilla fühlte sich unwohl dabei und verstand nicht auf Anhieb, warum sie unterschreiben sollte. Beim Fälschen bräuchte man eben weniger Bürokratie, hatte sie sich gedacht. Sie sah ihn gut an, um sich sein Gesicht einzuprägen; er hatte keine Narbe im Gesicht wie der Klischeekriminelle. Bevor sie unterschrieb, wanderte ihr Blick zu seinen Schuhen: Sie waren schön, aus Rohleder, mit einer dicken weißen Kautschuksohle. Es blieb ihr nichts Anderes übrig: Sie nahm den Füller aus der Handtasche und unterzeichnete resigniert den Zettel, als wäre sie schon beim Fälschen erwischt worden. Als sie die honduranische Botschaft verließ, öffnete sie den Pass und sah ihr Foto neben dem honduranischen Staatswappen. Erschrocken klappte sie ihn zunächst zu, dann setzte sie sich und blätterte ihn von vorne bis hinten durch. Äußerlich war der Pass ja in Ordnung. Die erste Seite trug ihren Namen. Nur – sie war nicht mehr sie selbst.

Tillas Freundin Victoria, die in der Sache mit den Pässen vermittelt hatte, begleitete sie im Auto bis zur schweizerisch-italienischen Grenze, um den honduranischen Pass zu testen.

Starr blickte Tilla in die weiße Berglandschaft. Der nächste Berg sah aus wie aus Glas. Auch ihr Leben war zerbrechlich wie Glas geworden. Spannung im Hals. Was passiert denen, die mit fremden Pässen durch die Welt fahren? Der Pass war nicht gefälscht, sondern echt; nur ihr Name und die Staatsangehörigkeit hatte man fingiert.

An der Grenze setzte Tilla mit Mühe eine gleichgültige Miene auf. Ihr Magen schmerzte schon. Der Beamte reichte den Pass ohne viel Aufsehen zurück. Sie lächelte der Freundin zu.

„Komm, lass uns weiterfahren!“

Nach einigen Stunden im Ausland kehrten die Frauen zurück. Der Ehemann war schon bleich und schluckte nervös. Für sein Gefühl war Tilla zu lange weg. Er hatte sich schon vorgestellt, sie wäre gefangen worden.

Verzweiflung, Vorwürfe und Glück, als sie wieder vor ihm stand.

Es gab keine Zeit mehr, sich zu ärgern. Im letzten amtlichen Schreiben hieß es doch klar und deutlich, seine Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz würde nicht verlängert. Morgen war der letzte Gültigkeitstag.

„Los! Packen wir! Diese Pässe setzen uns in Bewegung. Als hätten wir Siebenmeilenstiefel gekauft!“

Tilla konnte nicht wissen, dass die honduranischen Pässe einige Jahre später beim Luftangriff auf Belgrad verbrennen würden und dass sie in die Schweiz schreiben und um die Ausstellung eines Ersatzpasses bitten würde. Viele Jahre später musste sie gegen dieselbe honduranische Botschaft kämpfen, als diese ihre Auslieferung nach Honduras verlangte.

Jetzt aber begannen die ersten Stunden des Lebens als honduranische Staatsangehörige und sie beeilte sich, Lutz über die angetretene Reise zu trösten.

„Mach dir keine Sorgen, Schatz, wegen der Verständigung in Zagreb. Viele sprechen dort Deutsch, weißt du? Bis 1918 war ja Wien die Hauptstadt der Region.“

Für einen derartigen Optimismus war sie eigentlich zu müde. Sie sah ihm zu, wie er die zwei großen Koffer ins Zimmer trug. Noch war ihr lederner Luxus tadellos. Es war ihre erste große Flucht, nachdem sie Berlin verlassen hatten und über Prag in die Schweiz gelangt waren. Er, für den jahrzehntelang Diener gepackt hatten, fummelte nun am Kofferschloss herum. Sie bemerkte, dass seine Haare schütter geworden waren. Ungeschickt drückte er immer wieder auf den Verschluss. Als er nachgab, ging sie auf ihn zu und gab ihm einen Kuss. Beschämt, dass sich ihre Liebe schon jetzt in Fürsorge verwandelt hatte. Sie wollte ihn retten und dachte nicht mehr an Scheidung wie noch im vorigen Jahr. Es war 1934; er trug schwer an seiner Last als Jude, und genauso an seinem gesellschaftlichen Abstieg.

Sie lächelte, als sie ihn zufrieden vor dem geöffneten Koffer sah.

Früher hatte er Fabriken geleitet. Generaldirektor von Schultheiss-Patzenhofer war er gewesen. Jetzt brachte ihn schon das Öffnen eines einfachen Koffers aus der Ruhe.

Victoria sagte:

„Wenn du einen Seifenfabrikanten heiratest und glaubst, du hast da etwas Solides, wird er sich als Seifenblase erweisen.“

Lutz war kein Seifenfabrikant. Ihm gehörten Zementfabriken und Brauereien. Vor dem Fall zumindest.

Und nun hatte der vornehme Herr ein zufriedenes Gesicht, weil er in dieses Land eingereist war und die honduranischen Pässe wieder in Tillas Handtasche ruhten. Nach dem skandalösen Gerichtsprozess wurde er immer unruhig, wenn er seine Identität preisgeben musste. Als würden sich alle an ihn als Angeklagten erinnern.

Tilla tastete nach der Adresse der Zagreber Wohnung, während sie die Pässe in die Handtasche zurücklegte. Ein ermutigendes Gefühl. Sie stellte sich den Schlüsselbund der neuen Wohnung vor: einen eisernen Blumenstrauß, fast zu klobig für ihre Damenhandtasche.

Die Entschlossenheit, mit der Lutz auf das Gaspedal seines Autos trat, trug ihn noch. Sie fühlte sich wohl so, denn sie wusste, wie viel Energie ihr abverlangt würde, wenn er in Depressionen zurückfiel.

„Hast du eine Idee, wohin wir fahren?“

„Nein. Aber schon im Gefängnis habe ich dir gesagt, ich würde am liebsten verschwinden.“

Vielleicht war das jetzt der Anfang.

Sie erinnerte sich daran, wie sie die Erlaubnis bekam, ihn während des Prozesses im Gefängnis zu besuchen. Früher hatte sie gedacht, nichts könnte schrecklicher sein als der Tod von Paul und alles, was folgte. Aber eine Steigerung von schrecklich ist immer möglich: Lutz wurde beschuldigt, die Bilanzen seines Unternehmens gefälscht zu haben.

Für den Besuch im Gefängnis wollte sie ihre schlichteste Jacke anziehen. Sie wühlte in ihren Sachen, um wenigstens etwas abgenutzte Schuhe zu finden. Nicht so einfach, denn 1932 war sie noch Tilla Durieux. Sie bezauberte durch ihren Gang, durch ihre Mützen – man drehte den Kopf nach ihr. In ihrem Kleiderschrank gab es nichts Abgenutztes. Sie war es gewesen, die die Mode des weiblichen Berlins bestimmt hatte. Sie musste sich nur die Haare schneiden lassen und die anderen Frauen machten es ihr nach.

Vor dem Treffen mit ihm im Gefängnis tupfte sie sich Parfüm hinter die Ohren. Es war das Fläschchen Chanel, das sie zu ihrer Hochzeit in London geöffnet hatte. Die Begleitung des Anwalts lehnte sie ab. An der Tür stand ein Uniformierter.

„Zu wem?“ Er trug den Namen des Insassen in das Formular ein.

Verhältnis zum Insassen: Ehefrau.

Der Besuchsbeginn wurde notiert.

Hinter ihr reihten sich lärmende Menschen, die ebenfalls besuchen gekommen waren.

Nach dem Beruf des Gefangenen fragte der Beamte nicht. 1932 saßen nur wenige Industrielle im Gefängnis.

Sie durfte den langen Korridor betreten. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Lutz erschien, von einem Aufseher geführt. Sie ging an den Tisch und reichte ihm die Hand. Der breite Tisch stand zwischen ihren Lippen und seiner Wange. Sie war sich nicht sicher, ob eine Ehefrau ihren Mann küssen dürfte. Nein, Körperkontakt verboten.

Der Duft der Hochzeitserinnerungen sollte ihn berühren, damit er Kraft zum Kämpfen schöpfte.

Lutz war gebrochen, für alle Reize verschlossen.

„Es tut mir Leid“, sickerte es müde aus ihm heraus. Sogar den Willen zum Atmen hatte er verloren. Nur wenig Luft drang in seine Lunge. Er war nichts als Verlegenheit.

„Ich habe dich in diese Situation gebracht. Am liebsten würde ich einfach verschwinden.“

„Nun ja, dann verschwinden wir gemeinsam.“

Ein schweres Gefühl der Ermutigung.

Jetzt im Auto strengte Lutz seine Fantasie an. Wie er sich ihren Zielort vorstellt?

„Da muss ich mir ganz schön etwas einfallen lassen: Ich stelle mir Zagreb … als Reich der Anna Csillag vor. Ja, Anna Csillag an der türkischen Grenze!“

Tilla lächelte. Anna Csillag war eine Frau mit zwei Meter langen Haaren. Sie hatte ein wunderbares Mittel gegen Haarausfall entdeckt. Anfang des Jahrhunderts inserierte die Fabrik in vielen europäischen Zeitungen und pries die Wunder wirkende Haarwuchspomade an; nach Einzahlung des Kaufpreises an die Wiener oder Berliner Adresse würde das Mittel zugesandt, hieß es.

Auf den ersten Blick wirkte Zagreb wie ein trister Provinzort. Tilla warf Lutz einen besorgten Blick zu. Seine Stirn lag schon in Runzeln. Er wollte nur ankommen, egal wo.

Sie legte ihre Hand auf die seine, auf dem Lenkrad: er sollte wirklich sicher sein, dass sie ihn nicht verlässt.

An der Straßenecke fragte sie nach dem Weg.

„Bis zum Theater und dann links!“ kam die Antwort auf höflichem Deutsch, obwohl sie die Frage auf Französisch gestellt hatte. Sie verstand nicht warum. Zufällig war der Befragte der renommierteste Sprachprofessor der Stadt, ein großer Latinist und berühmter Phonetiker. So konnte er die Muttersprache der Fragenden erraten. Er hob den Hut zum Gruß, während sie sich etwas perplex bedankte. Sie hatte sich noch nicht klar gemacht, dass sie sich des Deutschen inzwischen schämte.

Hinter dem Professor war ein Schaufenster mit Spielzeug. Tillas Blick studierte kurz den Inhalt: einen kleinen Zug mit Wagen, zwei Puppen mit gewellten Haaren, einen mit Schmetterlingen bemalten Ball.

Sie setzte sich wieder auf den Beifahrersitz; Lutz hatte die Wegweisung schon mitbekommen.

„Ohne Theater geht’s wohl nicht“, lächelte Lutz, als sie am imposanten Gebäude in Maria-Theresia-Gelb vorbeifuhren. Zwei dickliche Engel an der Fassade über dem Eingang posaunten schon die Neuigkeiten.

„Noch ein gutes Zeichen: Der Ball im Schaufenster war mit Schmetterlingen bemalt.“

„Kein schlechter Anfang. Auch gibt es keine Fahnen an den Häusern.“

Ein Kommentar erübrigte sich. Der letzte Ball, den Tilla im Schaufenster eines Spielzeugladens in Berlin gesehen hatte, war mit Hakenkreuzen verziert. Das hatte ihr einen Schrecken eingejagt.

Bald hielten sie vor dem gesuchten Garten an. Die Hausnummer war hinter Robinienlaub versteckt. Kaum hatten sie den Türgriff berührt, erschien der Hausherr, um sie zu begrüßen.

Herr Kunari, der stellvertretende Direktor einer Bank, vermietete zum ersten Mal einen Teil seines Hauses. Frau Kunari war etwas nervös nach der telefonischen Anfrage ihrer in die Schweiz ausgewanderten Freundin, ob die untere Wohnung zu vermieten sei.

Das Ehepaar hatte sich noch nicht richtig daran gewöhnt, dass ihr Sohn zum Studium nach Wien weggegangen war. Aus der Schweiz hieß es, die Mieterin sei eine deutsche Schauspielerin. Der Ruhe bedürftig. Mehr wussten sie nicht.

Hier das Hauptzimmer der unteren Wohnung. Kein Zeichen mehr des Wiener Studenten. Neugierig stellt die Hausherrin Fragen über Fragen an die Dame in der schwarzen Pelzboa, während diese zum Fenster schlendert und fragt, ob das Theater in der Richtung liegt.

Lutz verschwand. Hinter ihm im Badezimmer hallte schon ein rauschender Wasserfall.

Die Fragen, die der Hausherrin wirklich unter den Nägeln brannten, schluckte sie hinunter. Sie blieb bei Höflichkeiten:

„Um wie viel Uhr möchten die Herrschaften morgen frühstücken? Jetzt reicht doch sicherlich Tee?“ In den Fragen schwang ein alter, etwas ängstlicher Anstand mit.

Tilla warf sich auf das Ehebett, wickelte die Boa um sich und streckte eine Weile den Rücken.

„Bisher nicht schlecht! War Fliehen jemals so einfach?“

Der Tee wurde gebracht; der Kakaokuchen war mit einem Blümchen aus Zitronenrinde dekoriert. Tilla lächelte diesem gelben Gruß im Braun entgegen. Die Hand, die das Messer gehalten hatte, konnte nicht ganz gerade schneiden. Solche kleinen heimischen Mängel rührten sie.

Lutz wühlte in seinem Koffer. Tilla kannte schon das Ritual: Er nimmt seinen Schlafanzug heraus, seinen Hausmantel, sein Badesalz. Die nächsten zwei Stunden wird er im warmen Wasser liegen, um sich zu entspannen, und immer wieder gießt er heißes Wasser nach.

Während er seine Requisiten hervorkramte, nahm sie die Geldbörse heraus und machte sich mit dem neuen Geld vertraut. Die Währung hieß Dinar.

Die Pantoffeln lagen auf dem Teppich wie zwei eingeschlafene Kätzchen.

„Nichts könnte mich jetzt besser entspannen als Musik.“

„O nein, das geht heute nicht – nach sechshundert Kilometern Autofahrt“, wusste sich Lutz schnell zu verteidigen.

„Gerade wegen der Autofahrt. Hm. Es würde dich also nicht stören, wenn ich allein ins Theater ginge?”

Obwohl sie schon seit einigen Jahren verheiratet waren, wunderte sich Lutz manchmal immer noch über Tilla.

„Woher nimmst du bloß die Energie?“

„Aber siehe doch, das Theater ist gleich gegenüber. Ich bin doch schon das eine oder andere Mal allein ins Theater gegangen. Wenn du aus dem Badezimmer wieder herauskommst, bin ich fast wieder da.“

Er zuckte mit den Achseln. Es hätte keinen Sinn, sich da aufzulehnen.

So wie ein Trinker die nächste Flasche findet, stand sie schon bald vor dem Eingang des Theaters.

Nach so vielen Jahren, in denen sie nur den Artisteneingang kannte, mutete es seltsam an, sich anzustellen und nach einer Karte zu fragen. Wortlos zahlte sie mit einem größeren Geldschein, um die peinliche Frage nach dem Eintrittspreis zu umgehen. Im Theatersaal sah sie den breiten Kronleuchter hoch oben neben den Engeln und lächelte; zu ihm hatte sie während des Gastspiels hochgesehen, als der Beifall für sie brandete. Damals hatte sie auf der anderen Seite gestanden, auf der Bühne.

Sie suchte sich einen Platz im Saal und kam zur Ruhe. So war es doch auch bei Aschenputtel, als es nach dem Mitternachtsball zu seinem Aschehaufen nach Hause zurückkehrte: das Schauspielern war vorbei. Ihre Sprache war zum Symbol der Braunhemden geworden, nicht mehr der Kunst.

Sie schaute, wie Staubteilchen im Scheinwerferlicht tanzten und bat sich, nicht gefühlsduselig zu werden. Die Dinge waren nur vorläufig so. Nur vorläufig, hörte sie eine Stimme in sich flüstern.

Bald erhob sich der Vorhang und die unbekannte Sprache schoss ihr entgegen. Sie hatte sich vorgestellt, es würde wehtun, in einem Provinztheater in einem zweitrangigen Stück mit einer drittrangigen Primadonna zu sitzen. Doch so war es nicht. Die Schauspielerin auf der Bühne hatte eine Ausstrahlung, die alles Andere als provinziell war. Ihre Stimme schmeichelte dem Ohr, und die sprachlichen Kaskaden dieser Kabale irgendeines einheimischen Stückeschreibers flossen sanft wie nächtlicher Regen für die müde Reisende.

Erst in der Pause, als im Saal das Licht wieder anging, kam die drückende Einsamkeit wieder. Sie war zur Zuschauerin degradiert, während in ihrem Berliner Theater manche brüllten: „Juden raus aus dem Theater!“

Sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Schnupftuch. Nicht, dass es ihr besonders viel Halt geben würde.

Sie blickte sich im Saal um. Dort schienen sich alle zu kennen. Die Massen strömten hinunter ins Theatercafé. Sie folgte.

In welcher Sprache am Getränketisch bestellen?

„Kann ich Ihnen behilflich sein? Welche Ehre, Sie im Publikum zu haben! Sind Sie ohne Begleitung hier?“

Die Frau, die galant ihre Hilfe anbot, sprach fließend Deutsch.

„Ich konnte es kaum fassen, als ich Sie im Zuschauerraum erblickte. Ich habe Sie in Don Karlos in Zagreb und in einer Wedekind-Aufführung in Berlin gesehen. Nachdem Sie Zagreb verlassen hatten, sprachen so viele Menschen über Sie! Nach Don Karlos wurden Sie hier beliebt wie eine Kaffeemarke, wenn Sie den banalen Ausdruck entschuldigen!“

Tilla spürte, wie die Schmeichelei ihr zu Herzen ging. An diesem Ort, der auf ihrer gefühlten Landkarte so weit weg war wie Honduras, mitten im Nichts, erkannte sie eine offensichtlich gebildete Person. Die Frau, die vor ihr stand, erkundigte sich höflich nach ihren Trinkvorlieben. Tilla hatte Durst, traute sich aber nicht zuzugeben, dass sie am liebsten an einem Glas Cognac nippen würde, hier bei der ersten Begegnung mit ihrem Publikum in … Honduras. Sie hatte sich vorgestellt, sie sei hier vollkommen unbekannt. Aber anscheinend war sie hier sich selbst viel näher, als sie geglaubt hatte, während sie den honduranischen Pass in die Handtasche steckte.

Die Frau vor ihr hatte ein feines Gespür. An Tillas mattem Lächeln und an den Fingern, die ab und an zu den Lippen wanderten, erkannte sie, dass es nicht angebracht war, zu viel zu fragen.

Die Frau stellte sich vor, aber der dreifache slawische Name ging Tilla zum anderen Ohr hinaus – noch während sie sich die Hand gaben.

Zlata Lubienski Adrovski hatte das Profil der Schauspielerin im Lichtstrahl des Scheinwerfers im Zuschauerraum gesehen und sofort erkannt, dass die größte Heldin der deutschen Bühne anwesend war. Anonym. Tilla Durieux saß allein und wirkte wie eine Halluzination. Eigentlich müsste der Intendant sie in die prestigeträchtige Gästeloge umsetzen, aber er war heute Abend gar nicht erschienen. Er ahnte nicht, wer da gerade als Gast in seinem Theater weilte. Die Besucherin war anonym gekommen und wollte es offensichtlich auch bleiben.

„Ich wundere mich, dass Sie nicht von Massen umgeben sind. Aber so, inkognito, sind Sie natürlich für das Publikum wie maskiert – und das ganz ohne Schminke. Ach, was für ein Ereignis, Sie hier zu haben! Heutzutage kommen meist nur Flüchtlinge in die Stadt.“

Tilla sah sich ihr Gegenüber an. Unfreundlich war sie ja nicht. Sie strahlte Feinheit aus. Aber Tilla fürchtete sich vor übermäßiger slawischer Hilfsbereitschaft und zog es vor, in der Anonymität zu bleiben.

Zlata akzeptierte den Wunsch, Distanz zu wahren, den Tillas Haltung ausdrückte. Sie stellte keine Fragen.

„Falls Sie zufällig etwas länger in der Stadt sind und Hilfe brauchen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“ Sie reichte Tilla ihre Karte.

„Herzlichen Dank! Ich weiß es nicht. Ich bin soeben angekommen, mein Mann packt die Koffer aus, unsere Pläne sind noch unklar.“

„Ganz wie sie möchten“, ermutigte sie Zlata, die nicht aufdringlich erscheinen wollte. „Sie sind jederzeit bei mir willkommen.“

„Es ist ein Vergnügen, Ihrem Deutsch zu lauschen“, bemerkte Tilla.

„Ich hatte als Mädchen eine gute Erzieherin. Aus der richtigen Region. Wenn Sie Dialekt sprächen, würde vielleicht auch mein Deutsch in den Dialekt abgleiten …“

Die Glocke. Sie gaben sich nochmals die Hand. Tilla wurde zu ihrem Platz begleitet. Ein Lächeln besiegelte die Bekanntschaft.

Als sich der Vorhang hob, bemühte sich Tilla vergeblich, sich an den Namen der Frau zu erinnern. Sie hatte wirklich etwas Warmes in der Stimme, mehr als nur die Regung, wenn man einer verehrten Persönlichkeit begegnet. Während des folgenden Akts spürte Tilla manchmal den Blick der Frau über ihre Haut gleiten.

An der Garderobe nickte ihr Zlata diskret zu. Tilla winkte zurück, dass sie sich allein wohl fühlte. Zlata wandte sich wieder ihrem kleinen Kreis zu.

Fröhlich lief Tilla über den Theaterplatz zu den Robinien im neu erworbenen Garten.

Der lange Schlüssel drehte sich geräuschvoll im Schloss der Wohnungstür.

Lutz schnarchte schon im Licht der kleinen Lampe. Sein Kölnischwasser drang durch den Qualm des Zimmers. Tilla öffnete das Fenster, und aus dem Garten stieg frische feuchte Luft zu ihr hoch. Sie zog die Bettdecke über Lutz’ Schultern. Er wurde nicht wach, drückte nur ihre Hand.

Es war angenehm, sich zu duschen. Lange bürstete sie ihr kurzes Haar und machte S-förmige Bewegungen mit der Bürste. Dann legte sie sich neben Lutz. Als sie die Augen schloss, sah sie zwei große geschwenkte Hakenkreuzfahnen; darunter marschierten Kolonnen. War das Berlin?

Der Traum blieb ihr eine Antwort schuldig. Ihre Lippen erschlafften nun vor Sorglosigkeit. Der Schlaf war großmütig.

Draußen lag das kleine Zagreb mit seinem Provinzaroma, feucht von Regen. Tillas Kopf hatte sich schon eine bequeme Kuhle ins Daunenkissen gedrückt.

Das Monogramm der Vermieterin prägte sich in ihre Wange.

Das große Exil konnte beginnen.

 

 

Tilla im Spiegel

Nach dem Besuch bei Zlata im Garten kontrollierte Tilla zu Hause als Erstes im Bad, ob sie sich nicht zufällig eine Zecke eingefangen hätte. Mit einem kleinen Spiegel in der Hand fing sie an, ihre Achselhöhlen absuchen; die anderen weichen Körperteile sollten folgen. Kein Maler, der sie porträtiert hätte, hatte sie jemals so genau betrachtet. Sie versuchte mit dem Blick in jedes Körperfältchen einzudringen. Im fremden Bad unter einer Lampe, die eher Schatten als Licht spendete, hielt Tilla vor dem Spiegel mit ausgestrecktem Hals einen Körperteil nach dem anderen ans fahle Licht.

Mit erhobenem Arm dachte sie an die Birke im Garten in Wien, zu der sie nach der Schule immer gelaufen war, um ihr von den morgendlichen Unterrichtsstunden zu erzählen. Die Birke, sie, hörte Tilla viel geduldiger zu als Mama oder Papa und ermutigte sie. Die Birke ließ Tilla spüren, dass sie Recht hatte: jedem, der sie gekränkt hatte, würde morgen verziehen. Damals war es für Tilla wichtig, Recht zu haben. Während sie vor der Birke stand, den Arm zu ihr erhob und die Blätter auf dem oberen Ast berührte, streichelte der Wind sanft ihre Achselhöhlen. Tilla war ein Augustkind und liebte den Wind auf der Haut.

Nach dem Wind bei der Birke fiel es nicht schwer, mittags Wind zu essen. Als das zwanzigste Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte, mussten die Schauspielerinnen die Kostüme für ihre Rollen am Theater selbst mitbringen. Die Mutter, die ihr Kind bei der Idee Schauspielerin zu werden, spontan geohrfeigt hatte, begleitete es zu seinem Debüt im mährischen Olmütz. Bei den Ausgaben für Textilien geizte sie nicht. Nur beim Essen. Ihr ganzes Erspartes gab sie dem Textilhändler, für das Essen blieb kaum etwas übrig. Ihre schmalen Taillen verdankten Tilla und ihre Mutter vor allem dem Hunger.

Dieser hielt die ersten Theaterjahre an. Die Mutter bestand dann doch nicht mehr darauf, den Beruf zu wechseln. Belgische Pralinen und Gänseleberpastete brachte Tilla erst in den letzten Lebensjahren der Mutter nach Hause. Die freute sich über die Mitbringsel sosehr, als wären sie mit Tillas ersten Gehältern aus der Epoche des Windes verdient worden.

Nirgendwo war der Wind so schön, wie hoch in der Luft. Tilla flog für ihr Leben gerne. Als die Rumpler-Brüder ihr erstes Flugzeug erprobten, war sie der erste Testfluggast.

Es gab niemand, dem sie sich traute, ihre Liebe zum Fliegen zu gestehen. Aber als Paul an jenem Abend fragte, was ihr größter Wunsch sei, zögerte sie nicht, das Geheimnis zu lüften.

Die Antwort gefiel ihm.

„Wir werden fliegen“, sagte er nachdenklich und küsste sie. An diesem Abend hatten seine Küsse einen Hauch von hellen Wolken.

Den nächsten Samstag flogen sie. In einem Heißluftballon. Schon eine Stunde vor dem Start war sie bereit, um neun Uhr, in ihrem kecken Kostüm. Er saß neben ihr, sein Arm um ihre Schultern, hinter dem Rücken des Piloten, der die Seile des Ballons bediente. Unten lag die Erde. Wind blies ihnen ins Gesicht. Drei Samstage hintereinander flogen sie, danach kam Sturm auf und sie mussten eine Pause machen.

Einmal nach einer Theateraufführung in München kam ein Telegramm: „Nimm sofort den Zug nach Berlin“. Eine Überraschung erwartete sie dort. Das war schon etwas Einmaliges: Paul hatte eine besondere Ballonfahrt für sie organisiert. Er hatte einen Sinn für extravagante Geschenke. Das beeindruckendste war sicherlich das Portraitsitzen bei Renoir. Doch in den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens begleitete er sie, um zuzusehen, wie sie genoss.

Seit der Zeit der Birke war es ihr Traum, im Ballon zu fliegen. Vor Paul konnte sie das niemandem sagen. Er verstand es sofort und sie flogen oft, es war für sie beide die absolute Freude. Einen Unfall beim Fliegen gab es nur einmal. Damals, als sein Bruder im Ballon mitflog.

Der Spiegel erzitterte in ihrer Hand als sie sich an den Absturz des Ballons über einem tschechischen Dorf erinnerte, an das plötzliche Gefühl, den sich immer schneller nähernden Boden zu sehen und sich in keiner Weise schützen zu können. Zum Glück brach sich bei diesem Absturz niemand etwas, aber alle drei Insassen trugen Quetschungen davon. Tilla legte den Spiegel weg, um die heranrasende Erde nicht wieder sehen zu müssen.

Und jetzt, viele Jahre und Tode nach dem Absturz des Ballons, mit dem kleinen Spiegel in der Hand, suchte sie nach der Zecke, die sich anscheinend doch nicht eingenistet hatte, und betrachtete sich dabei mit den Augen aller Maler, die sie porträtiert hatten. Das erste berühmte Porträt mit Tilla als Salome. Oder 1907 als Max Slevogt sie malte. Mit einem Band im Haar. Leicht und beschwingt war der lockere Pinsel des Künstlers.

Im Fotostudio spürte sie die Wärme des Scheinwerfers an der Wange. Schenker, der Fotograf, machte sechs Porträts für eine Tilla-Durieux-Bildkartenreihe. Die Karten waren braun getönt. Tilla mit topfförmigem Hut. Tilla mit nackten Schultern und Bubikopf. Die Fransen des kurzen Rocks kitzelten sie am Knie während der Fotograf sich unter dem schwarzen Tuch seines Fotoapparats verbarg. Die ersten Bildkarten unterschrieb sie für die Menschen, die sie begrüßt hatten, als sie ein Restaurant in der Bleibtreustraße betrat.

„Wären Sie so freundlich?“, fragte ein junger Mann, der an ihren Tisch herantrat. Sie verstand zunächst nicht, was er wollte, als er Bildkarten mir ihren Porträts aus der Tasche zog. Die sollte sie unterschreiben.

Sie war nicht nur das erste Mal überrascht, als man sie um ein Autogramm bat.

Ihre Mutter, die die Angst vor der Armut nach dem Tod des Vaters fast in den Wahnsinn trieb, hatte sich nur einen Beruf für Tilla vorstellen können: Klavierlehrerin. Ewige Klavierstunden. Um sie zu ertragen, dachte sich Tilla etwas aus: Auf den Tasten marschierten Zwerge. Die ersten laufen langsam, jetzt gehen sie schnell, einer rennt mit dem Korb, die anderen folgen, schnell, schneller, rapidissimo.

Als Tilla der Mutter eröffnete, sie möchte – nun ja – Schauspielerin werden, quittierte Mutter das instinktiv mit einer Ohrfeige. Jetzt würde Mutter gerne den jungen Mann sehen, der sich im Restaurant in der Bleibtreustraße demütig näherte und fragte, ob jetzt ein geeigneter Moment wäre, die große Schauspielerin um ein Autogramm zu bitten. So viele Klavierstunden – und Tilla war doch keine Klavierlehrerin geworden.

Eine zweite Ohrfeige gab es von ihrer Mutter nicht. Sie willigte ein: Tilla möge ein Jahr lang eine Theaterausbildung machen, dann würde man sehen. Mit slawischer Impulsivität bemühte sie sich, ihre Tochter von den Hirngespinsten der Kunst zu schützen. Warum wollte die Tochter eines Chemikers nicht etwas Anderes, Realistischeres? Ende des neunzehnten Jahrhunderts standen nicht gerade viele weibliche Berufe zur Auswahl. Vielleicht wollte die Mutter sich selbst retten.

Damals im Elternhaus unterhielt sich Tilla gerne mit dem Kachelofen in der Stube. Der Ofen war verständnisvoll, er gab Mut, bejahte, verneinte, warnte. Es reichte, ihn fest anzublicken und die Frage sich selbst zu stellen.

Wenn jemand in die Stube kam, drehte sie dem Ofen schnell den Rücken zu, um ihre Verbindung nicht preiszugeben. Es wäre schrecklich verdächtig, wenn man erzählen würde, sie unterhalte sich mit Gegenständen.

Als es auf die erste Inszenierung zuging, erinnerte sie sich an die Ohrfeige und wollte ihrer Familie einen Skandal ersparen. Sie sollte unter einem anderen Namen auftreten, nicht dem wahren Namen der Familie. Sie möge heißen, sie möge heißen … Die Fantasie schweifte nicht allzu weit: Sie trug den französischen Nachnamen ihres Vaters, eines Hugenotten. Für das erste Theaterprogramm, für die Rolle eines Knaben aus Tirol, wählte sie den Vornamen ihrer französischen Großmutter. So wurde sie Tilla Durieux; den Namen wählte sie so wie sie sich einen Hut wählen würde. Der Name musste gut sitzen. Er saß, ohne zu welken, Jahrzehnte lang.

Tilla drehte den Spiegel. Er machte ein rundes Zeichen an der Decke. Keine Zecke war zu finden. Tilla zog sich das Nachthemd über und kehrte fröhlich zu Lutz zurück. Er bemerkte gar nicht, dass sie – über seine Berechnungen hinweg – inzwischen wieder im Ballon schwebte.

 

Aus dem Esperanto von Will Firth

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