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Translocal Underground 2018

Alistair Noon (2018)

Sorry, this entry is only available in German.

Ich glaube, ich sitze hier im Prinzip wegen eines Artikels, den ich vor gut zehn Jahren in einer englischsprachigen Literaturzeitschrift aus Berlin veröffentlicht habe, die leider, wie so oft, genau die dritte Ausgabe nicht überlebt hat. Allerdings hat dieser Artikel in den Jahren danach ein klein wenig Resonanz bekommen, zumindest in den englischsprachigen Literaturszenen von Berlin, Prag und Amsterdam.

Der Artikel hieß Translocal Underground: Anglophone Poetry and Globalization. Globalisierung war bereits damals kein frischer Begriff, aber nicht ganz so ausgelutscht wie jetzt. Und was englischsprachige Lyrik angeht, denke ich im nachhinein, hätte ich ruhig den Horizont ein bisschen weiter fassen können, aber es war damals – und jetzt – das, was ich als englischsprachiger Lyriker am besten kenne, auch wenn ich in den letzten Jahren verstärkt mit russischsprachiger Lyrik zu tun hatte.

Also – was heißt Translocal. Das ist ein Begriff, der damals relativ neu in der Geschichtswissenschaft und der Anthropologie war, und benutzt wurde, um vor allem nichtnationale Perspektiven auf die Geschichte respektive die Kultur zu beschreiben und zu ermöglichen. Das schien mir gleich ein brauchbarer Begriff zu sein, einerseits für das, was meine englischsprachigen Kollegen und ich hier in Berlin veranstaltet haben – besagte Literaturzeitschrift mit Johannes Frank, der im nächsten Panel sprechen wird, ein kleines Lyrikfestival, Lesungen und so weiter, also das Übliche, nur dass wir das alles in einer sprachlichen Umgebung gemacht haben, in der wir quasi nicht von Haus aus zu Hause sind.

Andererseits, für viel weitergehende und ältere Prozesse in der Literatur: einmal, die physische Anwesenheit von Autoren an einem sage ich Nicht-Meine-Muttersprache-Ort. Und einmal auch, das Phänomen des sage ich Sich-In-Einen-Anderen-Ort-Denkens, was selbstverständlich nicht unproblematisch ist, unter anderem unter post- oder besser neokolonialistischen Aspekten, aber doch durchaus zur künstlerischen Freiheit gehören kann, meine ich. Und keineswegs zuletzt, das Übersetzen, das aus meiner Sicht das Translokalste ist, was es gibt, indem es Gedichte, Romane, Ideen an einen anderen Ort bringt.

Was mir auch an diesem Begriff – translocal – gefiel, war dass er schön neutral und offen ist, und das ist nicht unwichtig, angesichts der Vielfalt an Erfahrungen, die abzudecken sind. Da sind einmal Autorinnen und Autoren, die zum Beispiel in Deutschland geboren sind und auf Deutsch schreiben, wo aber der Migrationshintergrund der Eltern inhaltlich und vielleicht sprachlich mitschwingt, und die inzwischen gewissermaßen in den Mechanismen des hiesigen Literaturbetriebs aufgehoben sein können. Dann gibt es Autorinnen und Autoren, die in ihrem Geburtsland gewissermaßen Fuß gefasst haben, und die dann für kurzer oder länger oder vielleicht auch immer nach Deutschland kommen, und dann gewissermaßen von Institutionen wie der DAAD aufgefangen werden, was die Aufmerksamkeit angeht. Und dann gibt es Autorinnen und Autoren, deren Muttersprache nicht deutsch ist, die nicht oder nicht primär auf Deutsch schreiben, und die sich erst einmal aus Deutschland heraus beziehungsweise in Deutschland etwas Aufmerksamkeit erarbeiten müssen, und das ist nicht einfach. Selbstverständlich sind diese Kategorien fließend und vereinfacht, aber die Unterschiede gibt es.

So, wie sieht’s aus bei der Konkurrenz. Wir sitzen hier in einer Veranstaltung, deren Titel den Begriff Polylingual benutzt, und den Begriff finde ich auch gar nicht so schlecht, ehrlich gesagt, weil er auch schön neutral und umfassend ist. Ich werde jetzt etwas pedantisch sehr kurz auf ein paar konkurrierende Begriffe zielen, die ich als bestenfalls partiell betrachte, und schlimmstenfalls als durchaus irreführend.

Es kursieren manchmal Begriffe wie cosmopolitan poetry, Exildichtung, oder – speziell für Inselaffen und verwandte Spezies – Expat poetry. Alle mit Zeug im Gepäck, was einfach unschön oder sachlich falsch ist. Dann gibt es ein Haufen Begriffe, die alle Variationen auf ein Thema sind: interkulturell, transkulturell, multikulturell, transnational – international ist wieder was anders vielleicht. Hier gibt es durchaus legitime Verwendungen für diese Begriffe. Allerdings kommt man dadurch relativ schnell in essenzialistische Positionen, einfach weil die Worte Kultur und Nation da drin sind und inzwischen seit Jahrhunderten nicht nur wissenschaftlich sondern auch politisch strittig sind.

Insbesondere muss ich etwas querulantisch auf den einen Begriff hier schießen, und zwar „interkulturell”. Dieser Begriff impliziert nicht nur Autoren sondern auch Menschen generell seien „zwischen den Kulturen” und das denke ich beschreibt die Lebenswirklichkeit oft sehr schlecht. Man ist nicht zwischen Kulturen sondern in mehr als einer, und nicht immer nationalen Kultur.

Die Vorsilbe „trans-” ist mir deutlich sympathischer, weil dynamischer, und ohne Differenzen negieren zu wollen, die Fokussierung auf den Ort – oder besser die Orte – des Schreibens und Lesens und letztendlich des Lebens finde ich besser und verbindender, als eine implizierte Prioritisierung von Kategorien wie Kultur und Nation, wenn man nicht jedes mal eine halbe Stunde erklären muss, was man damit meint und was nicht. Elina Mikkilä hatte vorhin vom größten gemeinsamen Nenner gesprochen, und vielleicht ist das „translokal“. Wir sind ja alle hier, aber auch irgendwie woanders.

 

Parataxe Symposium IV – Berlin POLYLINGUAL

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