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Ein Punkt auf einem weißen Blatt

Delphine de Stoutz (2019)

Sorry, this entry is only available in German and French.

Stell dir das äußerste Ende einer Nadelspitze vor. Tippe gegen das Öhr, um auf dem Blatt eine Spur zu hinterlassen. Du kannst das Papier zerknüllen oder sogar zerreißen, das Loch bleibt. Eine mit bloßem Auge kaum erkennbare, aber unauslöschliche Markierung. Versuche jetzt, mit deinem Körper in die feine Unebenheit der glatten Seite einzudringen. Dafür schließt du die Augen und konzentrierst dich auf einen schwarzen Punkt. Es entsteht eine Art dunkler Kegel, der dich schließlich absorbiert. Und da bist du. In dem Loch.

In diesem Loch ist deine Geschichte.

Nicht die mit deiner Geburt beginnende Geschichte. Die andere Geschichte, die dir zwar nicht immer bewusst ist, die auf deinen Schultern aber schwerer als der Atlas lastet. Du spürst, wie sie dich vorantreibt und gleichzeitig zu Boden reißt. Angefangen hat sie, als du von den Bäumen geklettert bist, als du Waffen und Werkzeuge erfinden musstest, um die anderen, vor deiner Höhle lauernden Tiere zu überleben. Sie hat sich Zeit genommen, Millionen Jahre, und obwohl du dich endlich für einen freien, aufgeklärten Menschen hältst, steckt sie noch tief in dir, in deinen Ängsten, deiner Ergebenheit, deinen Entscheidungen. Deine Geschichte.

Lass die Augen geschlossen. Hier fängt alles an. Bevor du das Feuer zu bändigen lernst. Eines Nachts. In der alles schrecklich ist. An diesem Ort, der nur den Instinkt gesehen hat. Du wanderst zwei Tagesmärsche von deiner Sippe zu jener, in der du zeugen musst. Du hast ein kurzes Leben. Du bist in dem Sohn, der sich Steine wie manche Vögel zu eigen macht, der einen Fels erklimmt, die Steine den Vorsprung hinabwirft und sich beim Aufsammeln der Splitter in die Fingerkuppe schneidet. Du bist in seiner Tochter. Du bist in den Tausenden weiteren Kindern, die von dir abstammen und nach und nach ihre Umwelt bezwingen, die wilde Getreidekörner sammeln, um daraus Saatgut zu machen, die Herden hüten, Wolle spinnen, Suppe kochen. Du heiratest deinen Onkel, deinen Cousin, deinen Bruder, um die Nachkommenschaft zu sichern, um das kleine Stück Land zu bestellen, das euch ernährt. Die Geburten und die Todesfälle halten sich die Waage. Du bist in der Rolle der Erzeugerin, um ständige Unfruchtbarkeit zu erhalten, immer gleich viele Lebende für immer gleich großes Land. Aber die menschlichen Synapsen spielen verrückt, das Land erzeugt bald zu viel oder nicht mehr genug: Du musst aufbrechen. Du wirst in einen Harem gesperrt, man leiht sich deine Schönheit, malt sie und meißelt sie in Stein. Du wirst dem Meistbietenden verkauft, wirst einem Bild geopfert, das die Wörter, die man bisher zu schreiben weiß, schnell vergöttern. Du gehörst einem Anderen, weshalb es leicht ist, einen Gegenstand aus dir zu machen. Du bist ein Bauch gewesen, jetzt bist du der Wind. Was mit deinem Körper gemacht wird, das zählt nicht, übrig bleibt nur das Bild, das Kunst und Literatur im Laufe der Zeit verbreiten. Du bist eine Sklavin, die Männer bereichern sich an dir, bevor eine neue Kultur das Geschichtsbuch öffnet, niedergeht und zerfällt. Aber du behauptest dich, und da bist du, im dunklen Zeitalter der Gotik. Du bist in das Dorf zurückgekehrt und wolltest das x-te Kind nicht behalten. Du bist zu der alten Jungfer gegangen, die jedermann fürchtet. Du hast ihr Mittel getrunken und blutend unter Schmerzen das Baby verloren. Dein Mann hat dich bei der Kirche verraten. Sie haben dich in den Burgkeller gebracht und in Ringe gelegt, versteckt in einer Wandvertiefung. So bist du zwei Tage und drei Nächte harrend im Dunkeln gestanden, bevor der Richter sein Urteil gesprochen hat. Um festzustellen, ob du schwarze Magie treibst, wurdest du an schwere Steine gekettet in den See geworfen. Der Teufel erlöst dich nicht und du gehst unter.

Sie konnten nicht wissen, dass du längst überall gewesen bist. Du trägst Brunnenwasser in berberische Dörfer, von des Bruders, des Vaters oder des Cousins Hand bist du gerade in Sizilien an der Seite deines Liebhabers gestorben. Du bist einem Klosterorden nördlich der Loire beigetreten, um den alten Mann nicht heiraten zu müssen, dem du versprochen wurdest, du bist nach Kanada ausgewandert, weil du nichts mehr zu essen hattest, und jetzt musst du abermals zeugen, um Hände zu erschaffen, die den allzu großen Acker pflügen. Du bist die Frau eines deutschen Arztes und deine Redlichkeit ist dein Panzer, du bist ein Kindermädchen in der Normandie und unterstehst dem Recht der ersten Nacht, du bist Sekretärin in Paris und dein Chef wird dich niemals zur Frau nehmen, du bist verheiratet, du bist verwitwet, du bist ledig. Du hast dich scheiden lassen, du hast wieder geheiratet, dir wurde Säure ins Gesicht geschüttet, du bist entstellt, du bist verstümmelt, du bist erniedrigt. Du machst Karriere. Du bist Hausfrau. Du schläfst mit deinen Kindern im Auto. Du hast ein Loft. Du arbeitest freiberuflich. Du arbeitest ehrenamtlich. Du willst ein Kind. Du willst kein Kind. Du willst keine Kinder mehr. Du bist im falschen Körper geboren. Du denkst, dass du frei bist. Du kannst dich nicht erinnern.

Diese Frau, ist sie dir ähnlich?

 

Aus dem Französischen von Ina Böhme

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