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Vielleicht Pnin

Karolina Golimowska (2018)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Die Landschaft draußen vor dem Fenster des Zuges, der im Schneckentempo voranrollte, war grau, nass und wirkte seltsam verkommen. Im Zug hingegen herrschte eine vollkommen nichtssagende Stimmung. Blasse Anonymität. Es mangelte an Luft. Isa war nervös und versuchte, sich mit Lesen zu beruhigen. Ungefähr im zweiten Drittel des ersten Bandes von Nabokovs gesammelten Werken befand auch Professor Timofey Pnin sich gerade auf einer Zugreise, mit ähnlichem Ziel wie Isa – er versuchte, eine von Raum und Zeit vergessene Universität mitten im amerikanischen Niemandsland zu erreichen. Isas Ausgabe stammte aus der Bibliothek; ihr dunkelgrünes Cover war an einer Ecke angekaut von irgendeinem Tier – wahrscheinlich einem Hund – und präsentierte sich dadurch ziemlich abstoßend. Das Vorleben von Bibliotheksbüchern hatte Isa schon immer interessiert; sie fand gerne fremde Zettel oder alte Fahrkarten zwischen den Seiten. Unterstreichungen und zittrige Bleistiftnotizen aber nervten sie eher, und eine fehlende Ecke – das war wirklich zu viel des Guten, dégueulasse, wie der polyglotte Pnin es wahrscheinlich kommentiert hätte. Mit russischem Akzent, natürlich.

Eine monotone, künstlich generierte Frauenstimme, die grundsätzlich alles falsch betonte, kündigte soeben die nächste Station an. Der Zug fuhr nicht nur sehr langsam, er hielt auch an jeder Milchkanne, in Orten mit seltsamen Namen, von denen bisher keiner limerick-kompatibel gewesen wäre. Isa war seit dem frühen Morgen unterwegs und saß bereits im dritten Zug, der der hügeligen Gegend und seines eigenen schweren Schicksals müde zu sein schien. Wie ein verkaterter Schriftsteller schlich er durch eine Gegend mit dem undankbaren Namen Bitterland.

An Bitterlands südlicher Spitze befand sich eine Universität; dort sollte in zweieinhalb Stunden ein Vorstellungsgespräch stattfinden – mit Isa in der Hauptrolle. Angestrengt versuchte sie sich zu entsinnen, warum sie sich auf diese Stelle beworben hatte, doch wollte ihr beim besten Willen kein Grund mehr einfallen. Zudem stellte Professor Pnin soeben nach zwei Stunden Fahrt fest, dass er im falschen Zug saß und in eine völlig falsche Richtung fuhr. Isa beschlich ein unbehagliches Gefühl, sie legte das Buch beiseite und wollte nervös die Karte in ihrem Handy konsultieren. Das Gerät verweigerte ihr jedoch hartnäckig den Gehorsam und behauptete, in Bitterland gäbe es keinen Empfang. So holte Isa denn eine zerknitterte, kaffeefleckige analoge Karte vom analogen Bitterland aus ihrer Tasche und stellte mit einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung fest, dass sie, anders als Pnin, im richtigen Zug saß und in die – wenn auch aus unerfindlichen Gründen – selbstgewählte Richtung fuhr. Isa beschloss, den etwas verrückten Professor seinem angekauten Schicksal zu überlassen, etwas neidisch wegen der Abenteuer, die ihn erwarteten. Wie er wohnte auch sie schon seit Jahren in einem Land, das nicht das ihre war. Sie deklinierte, konjugierte und scherzte in einer Fremdsprache, die mittlerweile fast immer wie eine schicke zweite Haut anlag und nur manchmal an seltsamen Stellen unnatürliche Falten warf. Pnin in seinem ganzen katastrophalen Dasein rührte sie. Nur zu gut verstand sie die Art der auf ihn lauernden Absurditäten.

 

Isa war unausgeschlafen und spürte, wie die Müdigkeit auf ihr Gehirn drückte und langsam in den Schläfen zu pochen begann. Sie zwang sich, in Gedanken noch einmal zur letzten Nacht zurückzukehren. Die Eskapaden einer erwachsenen Frau konnten ernste Konsequenzen haben, an dieser Erkenntnis war nichts Revolutionäres. Ernstzunehmende Frauen aber dachten wiederum darüber nach, was ihnen im Leben passierte, selbst wenn das bedeutete, dass sie sich selbst hin und wieder eingestehen mussten, eine unüberlegte Eskapade begangen zu haben. Isa war in letzter Zeit einiges an Eskapaden passiert, und sie überlegte, die Sache mit der Ernsthaftigkeit sein zu lassen und sie gegen ein wenig innere Ruhe einzutauschen.

Gestern Nacht jedenfalls war gegen zwei Uhr, nur wenige Stunden vor der geplanten Reise, irgendwo zwischen Isas Magen und Herz ein innerer Alarm losgeschrillt. Die sensible und zart besaitete, sanfte und dennoch selbstbewusste Isa war unvermutet in einer fremden Wohnung gelandet, noch dazu, und das war das wahrhaft Erstaunliche, in Begleitung eines schönen, sehr jungen Studenten – welchen Fachs, wusste sie leider nicht mehr. Das Ganze offensichtlich nur, damit ihr mitten in der Nacht klar werden konnte, dass sie die Hauptfigur in einer ganz anderen Geschichte war und schnellstmöglich nach Hause musste. Diese Erkenntnis wiederum hatte zur Folge, dass sie hastig ihre Kleider vom Fußboden aufsammeln, sie geschickt im Dunkeln überstreifen und die fremde Studentenwohnung auf Zehenspitzen verlassen musste. Erstaunlich, hatte sie noch gedacht, wie ein so schöner Mensch an so einem hässlichen Ort leben kann.

Aus dem Gebäude rannte sie in die dunkle Nacht mit einem schalen Gefühl und lief lange zu Fuß vom Norden in den Süden der großen, schlafenden Stadt. Eine überflüssige Geschichte ohne Pointe, die sich weder für eine sinnvolle Erzählung noch für ein Haiku oder für irgendein anderes unorthodoxes literarisches Geschöpf eignete. Jetzt fühlte Isa sich nur noch angewidert und unausgeschlafen, ein Seelenzustand wie Kraut und Rüben, wie ein Sauerkrauteintopf – eine osteuropäische Unpässlichkeit, exotisch in der bitterländischen Realität.

In einer grauen, blassen Ortschaft stieg Isa aus dem Zug. Die Luft empfing sie mit kalter, aggressiver Umarmung und brachte ihre sorgfältig geföhnten Haare durcheinander. Isa stand an einer Haltestelle und wartete auf den Bus, der sie zum Campus bringen sollte. Langsam wurde die Zeit knapp. Der Bus kam nicht. Sie versuchte, sich in diesen Ort einzufühlen, ihn einzuatmen, ein Gespür dafür zu bekommen, ob sie zurückkehren, ob sie sogar hier hinziehen würde. Doch sie fühlte nichts.

 

***

Seit Sara die wissenschaftliche Stelle an der Universität auf dem Hügel angenommen und sich, nach einigen Monaten des Pendelns, nun doch entschlossen hatte, von der großen Stadt in die Nähe des Universitätshügels zu ziehen, lag ihr Privatleben auf Eis. In dieser kleinen, schäbigen Ortschaft ereignete sich rein gar nichts. Sara flüchtete sich in die Arbeit, verbrachte viel Zeit in ihrem Büro, mit der Vorbereitung ihrer Seminare und ihrer Habilitation. Sie mochte ihre Studenten, wenn ihre ungenierte Jugend und Naivität sie auch an ihr eigenes Alter erinnerten. Sara näherte sich ihrem vierzigsten Geburtstag, und in ihren hellen Haaren konnte man einzelne graue Strähnen erkennen, die sich aber noch ganz gut zwischen ihren blonden Nachbarn versteckten.

Saras Stellung an der Universität bot Sicherheit, Stabilität, Ruhe und Langeweile. Man schätzte ihre internationale Erfahrung, die sie bei Forschungsaufenthalten an renommierten amerikanischen Hochschulen gesammelt hatte. Ab und zu, wenn Erschöpfung und Zweifel sie überkamen, dachte sie an eine Entscheidung zurück, die sie damals, in ihrer amerikanischen Zeit, vielleicht zu unüberlegt getroffen hatte. Obwohl sie es niemandem gegenüber zugeben würde, fragte sie sich manchmal, was passiert wäre, wenn sie sich damals, in ihrer geliebten, verrückten Ostküsten-Metropole voller Möglichkeiten, auf eine Affäre mit dem engagierten, bekannten und sehr viel älteren Professor eingelassen und sich damit eine Stelle an einer guten privaten amerikanischen Universität gesichert hätte.

Vor ein paar Wochen hatte Sara in der einzigen halbwegs annehmbaren Kneipe weit und breit einen großen, hageren Mann mit einem freundlichen Lächeln und einer sympathischen Stimme kennengelernt. Er war Informatiker und spielte Mini-Ukulele in einem Orchester von Mini-Instrumenten. Ein wenig grotesk sah er aus mit dem kleinen Instrument in seinen riesigen Händen, doch etwas an dieser Unstimmigkeit rührte Sara. Außerdem war es das erste Mal, seit sie hier wohnte, dass sie jemanden kennenlernte, der sich für sie interessierte. Also hatte sie beschlossen, sich nicht gleich entmutigen zu lassen. Und nun lag sie neben ihm, auf dem Rücken, auf der harten Matratze in seiner unmöblierten Wohnung. Es war fünf Uhr morgens, der Tag drängte durch gardinenlose Fenster ins Zimmer, und mit ihm eine dunkelgraue Fliege. Sie flog in Kreisen über ihnen und setzte sich ab und zu an sorgsam ausgesuchte Stellen. Ihr Bekannter war es anscheinend nicht gewohnt, neben einem anderen Menschen zu schlafen. Er wälzte sich ruckartig von links nach rechts, warf unkontrolliert seine langen Arme um sich. Im Halbschlaf registrierte Sara, dass er mit der linken Hand die Fliege zu verjagen versuchte. Kurz herrschte absolute Stille im Zimmer – bis Sara durch einen Schlag auf die Nase brutal aus ihrem Dämmerzustand gerissen wurde. Der Schlag war so heftig, dass sich zwischen Schlaf und Wachen eine Zwischendimension eröffnete, ähnlich einem Schwindelgefühl. Sara öffnete die Augen und sah den inzwischen erwachten Lulatsch, der sich über sie beugte und triumphierend verkündete, er habe soeben die Fliege erledigt.

Bei aller Geduld und allem Wohlwollen, das sie sonst der Welt entgegenbrachte – manchmal, ganz selten, hatte selbst Sara die Nase voll. Der durchdringende Schmerz, das unsanfte Ende ihres Schlummers, eine Hitzewelle, die sich wie ein Brand über ihr empfindliches Gesicht ausbreitete, der Anblick des kärglichen Zimmers. Sie stand auf und verließ, ohne ein Wort zu sagen, die Wohnung. Vielleicht, so hoffte sie, konnte sie im eigenen Bett noch einmal einschlafen, bevor sie zur Arbeit gehen und den ganzen Tag in einer Auswahlkommission sitzen musste, professionell lächeln und den Kandidaten sinnvolle Fragen stellen.

In ihrem aktuellen Zustand konnte sie sich nicht vorstellen, dass es überhaupt Kandidaten gab, die freiwillig Teil dieses jämmerlichen Haufens sein wollten. Als sie ihre Wohnung betrat, war ihre Nase so geschwollen, dass sie kaum atmen konnte und sich Sorgen um ihr Gesicht zu machen begann, das, wie sie fand, der gelungenste Teil ihres Körpers war.

 

***

Als Marta sich nach dreißig Jahren Ehe entschlossen hatte, Adam zu verlassen, brach für ihn die Welt zusammen. Adam, ein leicht gebeugter Professor der Kulturwissenschaften und Autor zweier sang- und klanglos untergegangener Gedichtbände, ließ sich schnell, leicht und natürlich in die liebevollen Arme einer Depression fallen. Nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in einer Klinik, in der er sich wie der Protagonist des „Zauberbergs“ fühlte und bedauerte, nicht wie Hans Castorp sieben Jahre bleiben zu können, kehrte er zurück nach Bitterland, um zu unterrichten.

In der Zwischenzeit hatte Marta den Transport seiner Sachen aus dem gemeinsamen Haus in eine Wohnung organisiert, die sie für ihn in der Nähe der Universität gefunden hatte. Diese neue Einteilung der Gegenstände überraschte ihn, war er doch bis dahin fest überzeugt gewesen, dass alles, was sie besaßen, ihnen gemeinsam gehörte. In seiner Wohnung hielt er sich ungern auf;  obwohl seit Martas Entscheidung mittlerweile fünf Jahre vergangen waren, hatte er es noch immer nicht geschafft, alles auszupacken. Die Wohnung war für ihn ein Ort des Übergangs, wie ein Bahnhof oder eine Bushaltestelle, ein Niemandsland ohne eigenen Ausdruck. In der Küche, die Marta ihm eingerichtet hatte, konnte er sich noch immer nicht zurechtfinden und suchte jedes Mal aufs Neue das Besteck oder andere Utensilien, die er gerade brauchte. Einmal wachte er nach der Rückkehr von einer Konferenz, die er mit einem der seltenen Besuche bei seiner Tochter verbunden hatte, morgens in seiner Wohnung auf und war so desorientiert, dass er einen Moment überlegen musste, wo noch gleich das Badezimmer lag.

Adam konnte nicht kochen und war der Meinung, nun sei es zu spät, es noch zu lernen. Jahrelang hatte er die Reste von den Tellern seiner drei Kinder aufgegessen, und noch immer bestellte er sich in Restaurants nur wenig, eine Vorspeise oder eine Suppe, um dann sehnsüchtig auf die Teller der anderen Gäste zu schielen und anschließend enttäuscht und hungrig nach Hause zurückzukehren. Seine Kinder waren längst keine Kinder mehr, und seine Arbeitskollegen, die einzige Gesellschaft, die er nun beim Essen hatte, schafften problemlos die Portionen, die sie sich bestellten. Adam musste sich jedes Mal zusammenreißen, nicht mit seiner Gabel über den halben Tisch nach einem Steak zu langen. Einem Steak, das auch ohne seine Hilfe verzehrt werden würde. Und was noch schlimmer war: Häufig konnte Adam nicht einmal sagen, worauf er Appetit hatte. Marta hatte immer gewusst, wann die richtige Zeit für einen Kaffee und wann es für Kaffee bereits zu spät war. Auch hatte sie gewusst, welchen Kuchen aus der Konditorei um die Ecke Adam mochte und welchen nicht. Nun war die Konditorei längst nicht mehr um die Ecke, und Marta rief ihn nur an, wenn es etwas über die Kinder zu besprechen gab. Aber die waren inzwischen alle erwachsen, deshalb gab es immer weniger zu besprechen.

Der Donnerstag begann wie jeder andere Tag. Das Sommersemester ging zu Ende, und wäre da nicht das verdammte Auswahlverfahren, hätten alle endlich ihre Ruhe gehabt. Die Universität auf dem Hügel hatte kürzlich Fördergelder erhalten –  Adam konnte sich nicht erinnern, aus welchem Topf diesmal –, doch statt ihnen allen die Gehälter zu erhöhen, hatte man beschlossen, eine neue Stelle zu schaffen. Seitdem Anna Hitzkopf-Durchdiewand (Adam konnte sich ihren Namen partout nicht merken, er wusste nur, dass es ein langer Doppelname war) als Dekanin der Fakultät gewählt worden war, kam es ständig zu solchen Entscheidungen: Nachwuchswissenschaftlern eine Chance zu geben, Ausländer aufzunehmen, am laufenden Band zu Konferenzen zu reisen und weiß der Kuckuck, was noch. Der Gedanke an die jungen Wissenschaftler erfüllte Adam mit Widerwillen, so wie ihn überhaupt zurzeit alles und jeder mit Widerwillen erfüllte. Heute waren fünf Kandidaten auf den Hügel geladen, und Adam beschränkte sich darauf, ihre Bewerbungsfotos durchzuschauen. Die letzte Bewerberin erinnerte ihn an Marta, als sie jung war, was eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Bitterkeit bei ihm hervorrief. Irgendetwas daran war absolut inakzeptabel. Doch es wurde spät, er musste sich beeilen.

Seit Jahren trug Adam die gleichen Sachen und machte sich vor, er würde in ihnen immer aussehen wie damals mit dreißig – in seinen besten Jahren, wie er es heute empfand. Er besaß zwanzig Paar schwarze Socken, fünfzehn weiße Unterhemden mit V-Ausschnitt und drei Paar dunkelbraune Schnürschuhe. In seinem Schrank hingen neun hellblaue Hemden mit Haifischkragen sowie drei weiße; zwei graue Anzüge, drei identische dunkelblaue Hosen und zwei beige Sakkos. Er war schon immer ein gut gekleideter Mann gewesen, und dabei sollte es bleiben. Wenn ein Teil seiner Garderobe ersetzt werden musste, holte er sich ein neues Exemplar genau von der gleichen Sorte. Außerdem besaß er zwei identische Lesebrillen, einen leicht abgenutzten Hut sowie zwei schwarze Polohemden. Rasch zog Adam sich eines der beiden hellen Sakkos an, dann verließ er, ohne zu frühstücken, die Wohnung.

 

***

Als Isa nach langer Fahrt in einem kleinen, überfüllten Bus endlich auf dem Hügel ankam, blickte ihr eine Landschaft wie aus einem schlechten Märchen entgegen. Architektur aus den siebziger Jahren, angeblich typisch für die Region: Betonklötze, die Fassaden übertüncht mit Pastellfarben – das Ergebnis eines Auffrischungsversuchs aus den Neunzigern. Die pastellene Hülle pellte ab wie sonnenverbrannte Haut. Es sah aus, als litte der ganze Campus Höllenqualen und riefe um Hilfe.

Überragt wurde der Campus von einem blassrosa Turm, der unvermittelt aus einem der Klötze herauswuchs, in dem sich, wie Isa später erfahren sollte, die Bibliothek befand. In der letzten Etage des Turms –  die als der prestigeträchtigste Ort galt – befand sich die kulturwissenschaftliche Fakultät, der sich Isa nun über schier endlose Stufen näherte. Es kostete sie viel Energie und Selbstdisziplin, ihren Fluchtreflex niederzukämpfen, den der Anblick des Turms sofort ausgelöst hatte. Zusätzlich drängten sich Isa Assoziationen von unartigen Prinzessinnen auf, die, eingesperrt in Schlosstürmen, jahrelang auf die Rettung durch einen Prinzen warten mussten. Keiner, auch nicht der wagemutigste Prinz, würde den Weg in dieses Kaff finden, das war Isa ganz klar. Oben angekommen, ging sie ins Bad, aus dessen Fenster man einen Ausblick über ganz Bitterland hatte. Kleine Hügel, soweit das Auge reichte, ein trauriger Fabrikschornstein und ein Kirchturm, alles umrahmt von verstreuten grauen Einfamilienhäusern. Isa schaute in den Spiegel. Sie trug eine beige Bluse und eine schwarze Hose. Eine schlichte Uhr, kleine Ohrringe und ein Seidentuch – ein Geschenk von einem Mann, für den sie einmal völlig unnötig den Kopf verloren hatte. Das Tuch sollte Glück bringen und war das einzige, was von der unglückseligen Geschichte geblieben war. Sie kämmte sich die Haare, puderte sich die Nase, stellte ihr Handy stumm. Der vornächtliche Student hatte ihr geschrieben. Nicht jetzt. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu und versuchte, sich ein bisschen zu beruhigen. Mit Mühe unterdrückte sie ein hysterisches Lachen, ein Zeichen der Nervosität oder aufsteigenden Panik, das sie an sich schon gut kannte.

Sie verließ das Bad und ging sicheren Schrittes in den Raum Nummer 606. Sie war die Letzte, vor ihr waren bereits vier Leute in die Mangel genommen worden, teilte ihr die Fakultätssekretärin, nicht besonders höflich und ohne den Blick vom Computerbildschirm zu heben, mit. Einen Augenblick später kam ein junger Mann mit Brille aus dem Raum und bat sie herein. Er stellte sich vor, gab ihr die Hand und sagte, er sei der Assistent von Professor Adam Krus, auf den er mit einem Kopfnicken zeigte.

Der Professor erhob sich unwillig von seinem Stuhl und drückte ihr, ohne zu lächeln, ebenfalls die Hand. Er trug ein ausgedientes Leinensakko und einen strohgelben Hut. Wie eine extravagante Version von Pnin sah er aus und war Isa gleich sympathisch. Sie schenkte ihm ein breites Badezimmer-Lächeln.

Die Kommission bestand aus zwei weiteren Mitgliedern: der Dekanin, deren komplizierten Doppelnamen Isa gleich wieder vergessen hatte, die aber dafür Isas Hand so kräftig drückte, dass sie es noch Stunden später spürte, und einer Frau mit einem seltsamen Verband über der Nase, die nur mit Mühe atmen und kaum sprechen konnte. Sie sah sehr unglücklich aus. Isa hatte den Eindruck, dass alle Anwesenden unter einem chronischen Mangel an zwischenmenschlicher Nähe litten und dass sehr viel Zeit vergangen sein musste, seit sie das letzte Mal von irgendjemandem richtig umarmt worden waren.

Sie setzte sich hin, bedankte sich für die Einladung und sagte, sie freue sich sehr, da zu sein.

 

***

Als Isa eine Woche später abends nach Hause kam, fand sie im Schlitz ihrer Wohnungstür einen Brief mit dem Pastelllogo der Universität auf dem Hügel. Ihr wurde heiß. Sie zog ihn der Tür aus ihrem metallenen Rachen, der mit einem vielsagenden Schnalzen reagierte. Mit dem Brief in der Hand ging sie in die Küche, wo sie überlegte, mit welchem Messer sie ihn aufmachen sollte. Schließlich entschied sie sich für ein Messer mit Wacholdergriff und öffnete den weißen Umschlag. Sie setzte sich auf den Boden und überflog den Text. Sehr geehrte Frau, schwierige Entscheidung, naturgemäß, ein Kompromiss, ein anderer Kandidat, leider, viel Glück für die Zukunft, mit freundlichen Grüßen, Ihr Timofey Pnin.

Isa verspürte eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, die sich gleichmäßig in ihrem Körper ausbreitete. Sie befestigte den Brief mit einem Magnetwort am Kühlschrank, es stammte aus einer Packung von Kühlschrankwörtern zum Thema Liebe, mit denen man Sätze zusammenstellen konnte. Sie ging ins Bad, tuschte ihre Wimpern, öffnete die Haare und kehrte zurück in die Küche. In der Sprache, die sich für sie wie eine zweite Haut anfühlte und gerade jetzt eine fiese Falte unter ihrem linken Auge warf, stand auf dem Magnetstreifen das Wort: Eskapaden. Isa fing an, den Brief noch einmal zu lesen.

 

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

 

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