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Warum ich Literaturübersetzer geworden bin

Đăng Lãnh Hoàng (2019)

Sorry, this entry is only available in German and English.

Ich bin Chemiker von Beruf. Vielleicht würde man sich fragen, was ich in einem Tempel der Literatur wie diesem, unter hier anwesenden Künstlern der Worte zu suchen hätte. Ich bin hier, weil ich Literatur, die Romane von Eugen Ruge, Thomas Bernhard, Siegfried Lenz, Natascha Wodin, aus dem Deutschen ins Vietnamesische übersetze. Und ich wage zu behaupten, dass es zwischen der Chemie und der Literatur womöglich doch Parallelen gibt. Es geht nicht bloß darum, dass sowohl Chemie als auch Literatur zum Beispiel süß oder bitter, heilend oder giftig, glückbringend oder zerstörend sein können. Die Parallelität ist grundlegender. Elementar.

In der Chemie haben wir mit den bekannten Elementen, Atomen, Molekülen, Substanzen zu tun, die den Naturgesetzen unterliegen. In der Literatur sind es Buchstaben, Wörter, Sätze, die basierend auf von uns Menschen aufgestellten Regeln gebildet werden. Während die Vielfalt des gewaltigen Universums, in dem wir existieren, auf nur einer bestimmten Zahl von chemischen Elementen basiert, werden die unerschöpfliche Welt der Worte und Schriften, ganz gleich um welche Sprache welches Volkes es sich handelt, lediglich aus einer überschaubaren Anzahl von Buchstaben oder Zeichen entwickelt. So ist es auch mit der Welt der Töne oder mit der Welt der Farben. Ich weiß nicht, ob darüber schon gesprochen oder geschrieben wurde. Für mich persönlich ist dies aber das wahre Faszinosum.

Wir wissen alle, ohne dabei ins Detail gehen bzw. Beispiele nennen zu müssen, dass sowohl die Art, mit chemischen Elementen, Molekülen und Substanzen umzugehen, als auch die Kunst, Buchstaben, Zeichen und Wörter zu verwenden, uns Menschen entweder wohltun oder schaden können. Ich würde diesen Versuch, eine Parallele zu ziehen, aber jetzt lieber beenden. Die Parallele zu ziehen ist zwar interessant, manchmal aber doch sinnlos, da sich die Linien sowieso nicht schneiden können.

Ein Freund von mir hatte recht, als er befürchtete, es gäbe außer dem Schrei bei der Geburt und dem Schweigen am Ende eines Menschenlebens vielleicht nichts mehr, was in allen Sprachen absolut gleich wäre. Dazwischen findet ununterbrochen und ewig der Informationsaustausch statt, und zwar in allen möglichen Sprachen dieser Welt. Und dafür musste und muss es unter anderem die Übersetzerinnen und Übersetzer aller Art geben.

Als Rentner möchte ich nicht immer vor dem Fernseher sitzen. Kreuzfahrten anzutreten bin ich nicht in der Lage. Pfandflaschen sammeln muss ich aber noch nicht. Das war womöglich der Grund, warum ich einer unter den unzähligen Übersetzerinnen und Übersetzern, die man für die Völkerverständigung braucht, werden wollte. Mit der Gewissheit, dass ich nun mit Worten verschiedener Sprachen genauso sorgfältig und verantwortungsvoll umzugehen lernen muss, wie ich es früher mit Chemikalien umzugehen gelernt hatte.

 

FernostBerlin. Parataxe Symposium V. 23. Mai 2019

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