{"id":10394,"date":"2019-08-20T16:30:27","date_gmt":"2019-08-20T14:30:27","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?p=10394"},"modified":"2019-08-20T19:25:24","modified_gmt":"2019-08-20T17:25:24","slug":"der-koerper-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/der-koerper-der-sprache\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6rper der Sprache: Wenn afrikanische Poesie auf russische Sprachkunst trifft"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fcren im Theater Panda in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg blieben an diesem sehr hei\u00dfen Vorsommerabend freundlich ge\u00f6ffnet bei anhaltend gro\u00dfer Offenheit des anwesenden Publikums. Das <em>stadtsprachen<\/em> Team rund um Martin Jankowski hatte am 14. Juni 2019 zwei Dichter*innen gleichberechtigt nebeneinander auf der B\u00fchne performen lassen. Ein Ausdruck der Haltung dieser Berliner Literaturplattform zur Vielfalt der Sprachen in dieser Stadt.<\/p>\n<p>Parataxe hei\u00dft das gedruckte <em>stadtsprachen magazin<\/em>, das eine Anthologie fremdsprachiger Literatur von in Berlin sich aufhaltenden K\u00fcnstlerinnen enth\u00e4lt und komplett \u00fcbertragen in die deutsche Sprache ist. Jeder Beitrag steht f\u00fcr eine Sprache, alle stehen parataktisch nebeneinander.<\/p>\n<p><strong>Afrika und Weiblichkeit \u2013 der K\u00f6rper der Poetik<\/strong><\/p>\n<p>Was alle K\u00fcnstlerinnen im <em>stadtsprachen<\/em> Konglomerat zusammenh\u00e4lt, ist der Wunsch die eigenen Gedanken und Lebenswelten durch Sprache auszudr\u00fccken und das in der Poesiemetropole Berlin. Eine von ihnen ist Linda Gabriel, die die B\u00fchne mit ihrer starken Pr\u00e4senz ausf\u00fcllte. Geboren in Zimbabwe, aufgewachsen in S\u00fcdafrika, schreibt sie auf Englisch und Shona und ist Teil der poetischen Festivalszenen Afrikas und Europas. Themen ihrer Gedichte sind Weiblichkeit, die t\u00e4glichen Herausforderungen des Lebens in Afrika, Brutalit\u00e4t und HIV. Die B\u00fchne nutzt sie auch, um Tabus schonungslos aufzudecken. Den Totgeschwiegenen gibt sie in nicht nur einem Gedicht eine Stimme.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10353\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/9.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"766\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/9.jpg 1000w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/9-300x230.jpg 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/9-768x588.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/9-394x302.jpg 394w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p><em>\u00a9 Graham Hains \/ stadtsprachen.de<\/em><\/p>\n<p>Eines der Lieblingsgedichte Lindas, \u201eMai Tino\u201c, handelt von einer Frau, die, das Morgengrauen mit ihren \u00fcppigen H\u00fcften wegschwingend, sich ganz au\u00dferhalb ihrer Gewohnheit einen Joint ansteckt. Und nicht nur das, es folgen weitere eigentlich spezifisch m\u00e4nnliche Handlungsweisen, wie eine Flasche Bier bestellen, die sie dann auch noch lustvoll zu den Lippen f\u00fchrt. \u00dcberhaupt Lust: Es macht Spa\u00df Linda beim Performen ihrer eigenen Texte zuzusehen, wenn sie Stellen wie diese vorliest:<\/p>\n<p>\u201eOn her way home she paid a visit to the man who had wanted her<br \/>\nFrom the very day they had relocated to this neighbour hood<br \/>\nShe didn\u2019t care that he didn\u2019t have protection<br \/>\nOr falling pregnant<br \/>\nLustly they devoured each other<br \/>\nShe told him that they could do this all day<br \/>\nShe wasn\u2019t in a rush<br \/>\nthree more times and a quickie filled her soul\u201d<\/p>\n<p>(Quelle: <a href=\"https:\/\/www.lyrikline.org\/en\/poems\/mai-tino-11359\">https:\/\/www.lyrikline.org\/en\/poems\/mai-tino-11359<\/a>)<\/p>\n<p>Kurz: Im Gedicht \u201eMai Tino\u201c ist die Frau der Mann und kann ganz nach ihrer Art durch den Tag gleiten und sich gut dabei f\u00fchlen. Eine geschickte Art der Emanzipationslyrik! \u00dcberhaupt, die Gedichte sind politisch, emanzipativ und lebendig.<\/p>\n<p>Mehr \u00fcber Linda Gabriel unter <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/author\/linda-gabriel\/\">https:\/\/stadtsprachen.de\/author\/linda-gabriel\/<\/a> und<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lyrikline.org\/en\/poems\/mad-slam-not-war-11353\">https:\/\/www.lyrikline.org\/en\/poems\/mad-slam-not-war-11353<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Von der \u00dcppigkeit afrikanischer Weiblichkeit zur Finesse russischsprachiger Avantgarde-Poesie<\/strong><\/p>\n<p>Dmitri Dragilew hatte f\u00fcr den Vortragen seiner Gedichte auf Deutsch die Slawistin, \u00dcbersetzerin und Autorin Ruth Wynneken mitgebracht. Sprache ist bei diesen beiden Granden der russischsprachigen Kunstszene Berlins das Alpha und Omega. Die \u00dcbertragung der komplexen Gedichte Dimitrijs sind eine wahre Herausforderung und so kam es, dass die eigentlich nur Vortragende seiner Gedichte, Ruth, in Vorbereitung auf die Lesung auch zur \u00dcbersetzerin wurde.<\/p>\n<p>Die vielsprachigen Gedichte (neben Russisch finden sich auch lettische, deutsche, englische und jiddische Versatzst\u00fccke), beinhalten eine reichhaltige und teilweise exotische Lexik. Sprachbilder kommen oft in Form einer besonderen Metapher: der verschachtelten Metapher der Metarealisten. Deren gro\u00dfartigster Protagonist war der Russe Aleksej Parschikow, zu dessen Freundeskreis der Sprachk\u00fcnstler Dmitri Dragilew einst geh\u00f6rte. In den Gedichten des zeitgen\u00f6ssischen Berliner Autors werden l\u00e4ngst verschwundene Realit\u00e4ten der Sowjetzeit mit heutiger Seinserfahrung verkn\u00fcpft und klanglich zu Wortkunstwerken verarbeitet.<\/p>\n<p>Angesichts dieser sprachlichen Komplexit\u00e4t sp\u00fcrt man das Entsetzen des \u00dcbersetzers, dessen Haupt-Aufgaben es ist, Sprach\u00e4quivalente zu finden und diese in einen Klangteppich zu wirken. Denn als Musiker hat Dmitri auch den Klangk\u00f6rper seiner Sprachkunst im Blick, den Texten merkt man\u00a0 deutlich seine Affinit\u00e4t zur Jazzmusik an.<\/p>\n<p>Seine Gedichte entfachen im Kopf seiner Zuh\u00f6rer*innen eine Bewegung, die von der ruhigen Haltung w\u00e4hrend des Gedichtvortrags unterst\u00fctzt wird. Eine performative Art der Lesung findet hier auf eine ganz subtile Art statt, aber sie findet statt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-10356\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/18.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"717\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/18.jpg 1000w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/18-300x215.jpg 300w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/18-768x551.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/18-421x302.jpg 421w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p><em>Der Autor mit seiner \u00dcbersetzerin \u00a9 Graham Hains \/ stadtsprachen.de<\/em><\/p>\n<p><strong>Was machen die Gedichte Dmitri Dragilews aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das lyrische Ich steht vielleicht gar nicht so sehr im Zentrum der Gedichte, die einen vielbev\u00f6lkerten, bunten Figurenkosmos beheimaten. Dabei stehen die gew\u00e4hlten Figuren, die teils aus Filmen, teils aus der klassischen russischen Literatur stammen oder sich aus anderen Quellen, die der vielgebildete Autor kennt,\u00a0 mit ihrer Intertextualit\u00e4t f\u00fcr eine Ebene dahinter: die Namen bilden quasi die Korridore zwischen den Realit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Es bleibt noch zu sagen, dass auch Dmitri Dragilew mit seiner Poesie integriert ist in den Kontext der russischen Welt. Die russische Literatur ist, wie Martin Jankowski darlegt, auch in Berlin lebendig und einflussreich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Stefanie Beckmann<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u00d6ffentlichkeits- und Medienarbeit Internationale Gesellschaft f\u00fcr multimediale Kultur und europ\u00e4ische Kommunikation (<a href=\"http:\/\/www.radioakzent.de\">www.radioakzent.de<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcren im Theater Panda in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg blieben an diesem sehr hei\u00dfen Vorsommerabend freundlich ge\u00f6ffnet bei anhaltend gro\u00dfer Offenheit des anwesenden Publikums. Das stadtsprachen Team rund um Martin Jankowski hatte am 14. Juni 2019 zwei Dichter*innen gleichberechtigt nebeneinander auf der B\u00fchne performen lassen. 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