{"id":23424,"date":"2025-03-13T16:16:40","date_gmt":"2025-03-13T15:16:40","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?p=23424"},"modified":"2025-03-14T16:21:34","modified_gmt":"2025-03-14T15:21:34","slug":"mati-shemoelof-der-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/mati-shemoelof-der-preis\/","title":{"rendered":"Neu erschienen: Mati Shemoelof, Der Preis"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Roman <strong>\u201e<\/strong><a href=\"https:\/\/www.palmartpress.com\/en\/p\/der-preis\">Der Preis<\/a><strong>\u201c<\/strong> von <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/mati-shemoelof\/\">Mati Shemoelof<\/a> ist soeben in deutscher \u00dcbersetzung von Helene Seidler im Berliner Verlag PalmArtPress erschienen. Dazu ver\u00f6ffentlichen wir hier die Rezension von <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/yemima-hadad\/\">Dr. Yemima Hadad<\/a>, aus dem Magazin \u201eYekum Tarbut\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eBesteht f\u00fcr Literaturpreise eine Notwendigkeit?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Preis\u201c von Mati Shemoelof, erschienen im Verlag Pardes, liest sich als eine Satire auf den Sapir-Preis, der an Schaffende vergeben wird, die auf Hebr\u00e4isch schreiben. Der Sapir-Preis wird von der staatlichen israelischen Lotterie j\u00e4hrlich an einen Schaffenden im Literaturbereich verliehen. Dieser hochdotierte Preis entfachte nicht nur einmal lebhafte Debatten bez\u00fcglich der Frage, wer diesen Preis erhalten darf. Eine bekannte Debatte, die sich in den letzten Jahren in dieser Sache ereignete, ist die Frage, ob auf Hebr\u00e4isch schreibende Autoren, die nicht israelische Staatsb\u00fcrger sind, ein Anrecht auf den Preis haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Reaktion auf diese hitzige Debatte hat Shemoelof diesen Roman verfasst und pr\u00e4sentiert uns einen \u201eZwillingspreis\u201c, den die deutsche Regierung f\u00fcr Hebr\u00e4isch Schreibende in der ganzen Welt auslobt. Ich zitiere aus dem Buch:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Preis umfasste die Vergabe der unfassbaren Summe von 750.000 Euro und einen Vertrag mit der internationalen Else Lasker-Sch\u00fcler-Agentur, die daf\u00fcr sorgen w\u00fcrde, das Buch auf den internationalen Markt zu bringen. Der enorme Vorzug dieses Preises war im Vergleich zu anderen deutschen und internationalen Literaturpreisen, dass vor der Bewerbung keine \u00dcbersetzung vonn\u00f6ten war. [\u2026] Das Volk, das das hebr\u00e4ische Zentrum Berlins zugrunde gerichtet hatte, wo zwischen den Weltkriegen mehr hebr\u00e4ische Verlage angesiedelt waren als im damaligen Pal\u00e4stina, nahm eine Korrektur vor. Der Preis war dazu bestimmt, das hebr\u00e4ische literarische Zentrum Berlins wiederzubeleben, nachdem es im Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rt worden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der imagin\u00e4re Preis entfacht eine Auseinandersetzung \u2014 ein Spiegelbild der sich in der Realit\u00e4t ereignenden Auseinandersetzung. Im Roman sind sich nun die in Israel lebenden Schaffenden ungewiss \u2014 D\u00fcrfen sie sich f\u00fcr den begehrten Preis bewerben? In Israel l\u00f6st der Preis immense Widerst\u00e4nde aus und eine im Buch beschriebene \u00dcberlegung ist die nationale \u00dcberlegung: Die Auswanderung aus Israel und das damit verkn\u00fcpfte Bestreben, dass das Hebr\u00e4ische \u201eausschlie\u00dflich in Israel beheimatet sein soll und daf\u00fcr keine neuen literarischen Zentren au\u00dferhalb Israels entstehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz zu diesen Argumentationen steht im Roman das kulturell-literarische Wirken der hebr\u00e4ischen sprechenden Berliner, die au\u00dferhalb der Grenzen Israels schreibend und schaffend t\u00e4tig sind (mit am\u00fcsanten Anspielungen auf bekannte Berliner Szenefiguren). Da haben wir den Redakteur der Zeitschrift \u201eIwrith be-chol Makom\u201c, [\u201cIwrith an jedem Ort\u201c], Gal Ga\u2019asch, mit seinem pointierten Humor und der Idee, die hebr\u00e4ische Sprache an jeden Ort der Welt zu bringen. Wir machen die Bekanntschaft mit dem \u00dcbersetzer Meni Wertheim, der die sch\u00f6nsten \u00dcbersetzungen aus dem Deutschen ins Hebr\u00e4ische anfertigt und mit der Schriftstellerin Noga Rea. [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der gro\u00dfe Skandal bei der Errungenschaft des deutschen \u201eSapir-Preises\u201c ist, dass Chesi, der Protagonist des Buches \u00ad\u00ad\u2014 ausgerechnet er und kein anderer \u2014 ein misrachischer Jude, oder, wie er sich selbst bezeichnet, ein Araber-Jude, den Preis erh\u00e4lt. Chesi und beispielsweise kein Kreativer mit aschkenasischem Hintergrund. Chesi bekommt den Preis f\u00fcr eine Geschichte, die er \u00fcber seine Familie in Bagdad und den Gro\u00dfvater geschrieben hat, der wegen seiner neuen Liebe zum Islam \u00fcbertrat, im Irak blieb und nicht mit der Familie nach Israel einwanderte. Chesi stammt aus der Peripherie, verbrachte seine Kindheit zwischen Dimona und Eilat , stammt aus einer armen Familie, ist der Sohn von Migranten aus dem Maghreb, die seelisch gebrochen sind und der Vater ist Alkoholiker. Die Mutter ist eine einfache Frau und Chesi selbst z\u00e4hlt nicht zu den Gelehrten. \u2013 Ausgerechnet er bekommt den Preis zugesprochen und beispielsweise nicht die Frau von Rafael Or, dem angesehenen Literatur-Professor. Shemoelof transferiert die Beziehungen zwischen Aschkenasim-Misrachim in die deutsche Diaspora, wo er darum ersucht, diese Verbindung aufzul\u00f6sen. ( Professor Rafael Or sagt zu Chesi: \u201eIch habe Ihre ethnische Zugeh\u00f6rigkeit gehasst, denn ich hatte das Gef\u00fchl, dass Sie mit diesem Preis gegen uns k\u00e4mpfen, dass er in Berlin auch f\u00fcr uns bestimmt ist, denn was haben Sie mit der Schoah zu tun, das ist nicht Ihre Heimat, nicht Ihre Sprache, es sind nicht die Erinnerungen Ihrer Gro\u00dfmutter, Sie haben den Nachkommen der Peiniger nicht Haus und Besitz hinterlassen und in weniger als einem Jahrzehnt wurde kein uraltes Erbe durch das barbarischste Volk ausgel\u00f6scht, was die Menschheit je zu Gesicht bekam\u201c). Jenseits des Spannungsverh\u00e4ltnisses zwischen Aschkenasisch und Misrachisch und abseits der Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora stellt uns Shemoelof einen Roman \u00fcber eine Partnerschaft vor, die das Spiegelbild jener Statusfragen und sozialen, ethnischen und historischen Spannungen darstellt. Sind Partnerschaft und Liebe eine M\u00f6glichkeit, \u00fcber diese Kl\u00fcfte, Vergangenheitstraumata und sozialen Polarisierungen hinweg eine Br\u00fccke zu schlagen und sie zu korrigieren? Eine Art Weltverbesserung en miniature?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel zum Aufruhr infolge der Preisvergabe ereignet sich bei Chesi zus\u00e4tzlicher Aufruhr, der eher pers\u00f6nlicher Natur ist und das Leben in seiner Beziehung betrifft. Mit der Preisvergabe als Hintergrund entfaltet sich die Geschichte, in deren Zentrum zwei zentrale Protagonisten stehen: der Schriftsteller Chesi und dessen Partnerin Helena. Sie war fr\u00fcher eine begabte Pianistin, die in der Phase des Erwachsenwerdens rebellierte, indem sie eine vielversprechende Karriere aufgab. Chesi ist der Hauptprotagonist, und obwohl Helena hier als Ehegattin des Autors bezeichnet wird, dem ein steiler Aufstieg zuteil wurde, spart Shemoelof nicht mit Worten, um Helenas innere Welt zu schildern, sodass es zuweilen anmutet, Chesi sei bei Shemoelof in Vergessenheit geraten oder er diskriminiere ihn, wodurch er als Hauptprotagonist ein wenig an Bedeutung einb\u00fc\u00dft. Helena, so entsteht der Eindruck, konkurriert mit Chesi um die Aufmerksamkeit des Lesers und die Rolle der wichtigsten Romanfigur, wodurch sie mit der gender-orientierten Annahme bricht, Helena sei Chesi, dem Hauptprotagonisten des Buches, der im Zentrum der Geschichte steht und s\u00e4mtliche Aufmerksamkeit des Erz\u00e4hlers bekommt, eine Gehilfin. Nicht allein, dass Shemoelof sich f\u00fcr seine weibliche Heldin interessiert, es gelingt ihm nach meiner unma\u00dfgeblichen Meinung sehr gut, ihre Welt, ihre Pers\u00f6nlichkeit, ihre Gedanken und ihre Emotionen zu schildern. Und so wird der Leser zwischen die Stimme des allwissenden Erz\u00e4hlers, die Stimme Chesis und die Stimme Helenas positioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In hohem Ma\u00dfe ist dieses Buch ein Buch unserer Zeit. Es handelt von Protagonisten, die in der Jetzt-Zeit leben (vor der Corona-Zeit) \u2014 und der Autor stellt sie im Geist einer nihilistischen Epoche dar: Es gibt kein Kriterium, kein Gewissen und die Protagonisten sind sich nicht dar\u00fcber im Klaren, was gut und was schlecht ist, was f\u00fcr sie richtig ist und was nicht. Das im Buch wiederholt auftretende Motiv ist das Nicht-Wissen, wohin man gehen soll, und es ist kein Zufall, dass die Handlung mit Helena beginnt, die Chesi verlassen will, jedoch nicht wei\u00df, wohin sie gehen sollte. Dieses Motiv wiederholt sich in der zweiten H\u00e4lfte der Geschichte in Bezug auf Chesi (\u201eEr wei\u00df nicht, wohin er gehen soll.\u201c) Die Protagonisten leben intensiv die Verlegenheit, die f\u00fcr die gesamte postmoderne Epoche charakteristisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einst schrieb man \u00fcber gro\u00dfe Liebesbeziehungen, die wie Romeo und Julia Belastungen standhielten und die Zeiten \u00fcberdauerten. In diesem Roman ist jedoch jede Pr\u00fcfung und jede Herausforderung innerhalb der Partnerschaft zum Scheitern verurteilt. Die Protagonisten fallen beinahe in jede Grube und jedes Scheitern f\u00fchrt zu einem weiteren Scheitern und innerhalb dieses Scheiterns ist es mit der Partnerschaft vorbei. Die Protagonisten leiden am Verlust des Kriteriums der Entscheidungsfindung. Es ist eine Welt, in der man nie wei\u00df, ob der Mensch, den man liebt, Funktion oder Subjekt ist, ob man mit ihm das gesamte Leben verbringen m\u00f6chte oder ihn ersetzen will und ob er ersetzbar ist oder nicht. Man wei\u00df nie, ob es einem in dieser Beziehung gut geht oder ob man sich in die Tasche l\u00fcgt, dass es einem gut geht. Man wei\u00df nie, ob es einem schlecht geht, dieses Schlechte jedoch von Bedeutung, entscheidend oder \u00fcberfl\u00fcssig ist. Dieses Reflexive sind meiner Meinung nach besonders wichtig und sie transformieren mit Empfindsamkeit einen Dialog, den ein Mensch unserer Zeit mit sich selbst f\u00fchrt. Chesi will Helena \u2014 zudem will er allein oder mit anderen Frauen zusammen sein: \u201eEinerseits freute er sich, wieder nach Hause zu kommen, andererseits war es gut m\u00f6glich, dass er gerade dieses Nomadentum verdient hatte, &nbsp;es seinem K\u00f6rper und seiner Seele eher entsprach. Und Helena fragt sich: \u201eAber warum sollte sie das Leben ihres Partners managen. Wieso sollte sie denn keinen Partner finden, dessen Leben sie nicht managen m\u00fcsste.\u201c Chesis Eltern einerseits und Helenas Eltern andererseits sind Modelle f\u00fcr eine hoffnungslose Situation, aber dort, im Unterschied zur nachfolgenden Generation, herrscht Gewissheit, die die Verbindung demontiert (in Chesis Fall) oder an ihr festh\u00e4lt (in Helenas Fall). Helenas Eltern \u201em\u00f6gen vielleicht einmal gemeinsam sch\u00f6n gewesen sein, \u00fcbriggeblieben ist allerdings nur die H\u00e4sslichkeit, die sie zusammenschwei\u00dft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chesi glaubt manchmal an die Existenz Gottes und manchmal nicht. Glaubt er daran, tendiert er eher dazu, an Gottes Fluch als an dessen Segen zu glauben. Eine Wahrsagerin offenbart ihm: \u201eDieser Preis steht unter einem Fluch, sein Geld steht unter einem Fluch, seine Preistr\u00e4ger stehen unter einem Fluch. Und Sie stehen unter einem Fluch.\u201c Der Fluch geistert zusammen mit \u201edem b\u00f6sen Blick\u201c durch Chesis Welt und beide verfolgen Chesi \u00fcber die gesamte L\u00e4nge der Handlung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Transzendenz tauscht Chesi ein gegen das Streben nach Erfolg (in der Welt des Geistes), es ist das Streben, aus geografischen, ethnischen Grenzen und den Grenzen des gesellschaftlichen Status auszubrechen: \u201eZeig mir einen zweiten Schriftsteller, der in Dimona geboren, in Eilat aufgewachsen ist und es geschafft hat, einen solchen Preis zu bekommen\u201c \u2014 Jedoch: Auch dieser Erfolg wird letztlich als deprimierende und materielle Sache dargestellt, die geplant war und dem Wettbewerb verhaftet ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anna, die in der PR-Abteilung des Verlags arbeitet, gehen folgende Gedanken durch den Kopf: \u201eAlles wird zum Verkaufsprodukt. Keine Wahrheit, keine Avantgarde, keine Experimente, alles ist eine einzige Kulturfabrik. Und die Schriftsteller sind die gr\u00f6\u00dften Public-Relations-Manager: Sie nehmen unter die Lupe, was bei den Medien im Gespr\u00e4ch ist und schreiben daraufhin B\u00fccher, die dem gerecht werden.\u201c Das Selbstvertrauen und das Vertrauen in die Welt tauscht Chesi gegen Koks ein und er sagt zum Vorsitzenden des Preis-Komitees: \u201e\u2018Aber meine Literatur ist ausgezeichnet. Und Sie wissen das.\u2018 Chesi war von sich selbst angewidert und wusste, dass es das Koks war, was aus ihm sprach, nicht er selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aspekt des gegens\u00e4tzlichen gesellschaftlichen Status ist ein Spiegelbild der Begegnungspunkte des Paares. Chesi stammt aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, aus einem Zuhause, das in die Br\u00fcche gegangen ist, einer Stadt in der Peripherie, der Vater Alkoholiker, Eltern, die aus Bagdad eingewandert sind. Mithilfe seiner F\u00e4higkeiten und seines Intellekts will er abheben. Als es bereits danach aussieht, als w\u00e4re die Sache verloren und es k\u00e4me nie dazu, erh\u00e4lt er den Preis, der ihn in die Mitte der B\u00fchne platziert. Im Nu wechselt er von einem Status zum Stellvertreter-Status.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Helena wuchs in einem Zuhause auf, das ihr s\u00e4mtliche Gelegenheiten zu Erfolg bot, die sie allesamt sabotierte. Vors\u00e4tzlich h\u00e4ngt sie die f\u00fcr sie vorbestimmte musikalische Karriere an den Nagel, gibt etwas sp\u00e4ter eine gute Arbeit in ihrem Bereich, der Musik, auf, um mit denen zu arbeiten, die keinerlei Privilegien, kein Gl\u00fcck und auch sonst nichts haben \u2014 die Fl\u00fcchtlinge. Sie lebt mit dem Luxus, in den sie hineingeboren wurde, in Unfrieden und statt sich der Privilegien zu erfreuen, verzichtet Helena lieber darauf. Sie zieht es vor, ihre F\u00e4higkeiten ihrem Herzensgeliebten zur Verf\u00fcgung zu stellen und ihm dabei zu helfen, Bewerbungen einzureichen und so den Preis zu bekommen. Ist es ihr Schuldbewusstsein, das es ihr unm\u00f6glich macht, mit den Privilegien, in die sie hineingeboren wurde, Frieden zu schlie\u00dfen? Sie entt\u00e4uscht ihre Eltern. Und absichtlich sucht sie die Verbindung zu deren Hassobjekt \u2014 dem Araber, oder besser gesagt, dem Araber-Juden, der den Hass der Vergangenheit und den Hass der Gegenwart verk\u00f6rpert. Der in der Historie Verhasste und der aufs Neue Verhasste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letztendlich haben beide Protagonisten gro\u00dfe Schwierigkeiten, soziale Mobilit\u00e4t zu meistern. Chesis sozialer Aufstieg verbl\u00fcfft Helena und versetzt ihr einen Schlag. Der Preis entpuppt sich als zweischneidiges Schwert. Dieser soziale Aufstieg gestaltet sich aus Helenas Sicht schwierig und schmerzhaft \u2014 sie vergleicht sich mit Anna, der PR-Managerin, und die ihr fehlende Verwirklichung sp\u00fcrt sie bis ins Knochenmark. Wie soll sie sich im Spiegel betrachten und sich die ganzen Gelegenheiten erkl\u00e4ren, die sie bewusst vers\u00e4umt hat? Sie m\u00f6chte diesen Mangel kaschieren, indem sie mit Chesi ein Kind zeugt. Auch das Kind ist der Versuch einer Korrektur, doch die Fehlgeburt, die sie durchmacht, steigert das Gef\u00fchl mangelnder Selbstverwirklichung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb dieses Nihilismus zieht Shemoelof permanent eine Trennlinie zwischen dem Schmutz der Realit\u00e4t und der Reinlichkeit, die f\u00fcr die Protagonisten ein unerreichbares Ideal bleibt. Die Stadt ist schmutzig, die Beziehungen sind schmutzig, das Zimmer ist schmutzig, das Interview ist schmutzig, all dies gegen\u00fcber der Reinlichkeit, die f\u00fcr die Protagonisten die Idee von einer Familie bereith\u00e4lt. Das Kind wird Ordnung und Reinlichkeit im Leben mit sich bringen. Das Kind ist der Lichtblick am Horizont und das Versprechen, all die Dinge zu realisieren, die sie im Allgemeinen nicht meistern. Das Kind als Antidepressivum. H\u00e4tte sie ein Kind, so fragt sich Helena, w\u00fcrde sie dann dieses schmutzige Verh\u00e4ltnis mit Anna beginnen: \u201eWas w\u00fcrde geschehen, wenn sie eine gesunde Mutter w\u00e4re, die ein Kind h\u00e4tte. W\u00fcrde sie dann mit Anna ins Bett h\u00fcpfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie wei\u00df, dass Kinder das Antidepressivum der neuen Generation sind, ein wunderbarer Weg, die lahme Partnerschaft, die nagende Einsamkeit, die endlose Frustration \u00fcber die Arbeitssituation, das Nichtvorhandensein von Spiritualit\u00e4t und vor allem sich selbst zu verdr\u00e4ngen, wenn so etwas wie ein Selbst existiert. Helena glaubt nicht mehr daran, dass sie zu sich selbst finden kann oder dass in ihrem Inneren ein guter, ein sauberer Kern ist, der nur darauf wartet, ans Licht zu kommen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die B\u00fcrgerlichkeit falscher Ausdruck einer Reinlichkeit ist, werden auch Vegetarismus und Veganismus als unnat\u00fcrliche Aussicht auf Reinlichkeit dargestellt und dem B\u00fcrgertum zugeordnet. Als solche ist es keine authentische Reinlichkeit, vielmehr eine vereinbarte, normative, verkn\u00fcpft mit dem sozialen Status. Es ist nicht diese Reinlichkeit, nach der die Protagonisten Chesi und Helena streben, sie wollen in allen Welten leben, weder wollen sie sich vom Schmutz lossagen noch der Reinlichkeit huldigen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shemoelof beschreibt eine Welt, in der keine wirklichen Begegnungen stattfinden. Es gibt Gespr\u00e4che, aber selbst deren intimste Augenblicke, in denen ein Mensch sich \u00f6ffnet und \u00e4u\u00dfert, was ihm auf dem Herzen liegt, k\u00f6nnen sp\u00e4ter gegen ihn verwendet werden (Anna und Helena). In diesen Gespr\u00e4chen, die keine echten Dialoge sind, reden alle mit allen, wobei aus ihnen die ein oder andere politisch korrekte Agenda spricht, die jegliche M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen echten Dialog verhindert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den zahlreichen Interviews, die Chesi gibt, versucht er zwischen den miteinander im Konflikt stehenden Ideologien Br\u00fccken zu schlagen. Zwischen Jude und Araber, zwischen <em>Aschkenas<\/em> = Deutschland, wohin er immigriert ist, und der Levante, aus der er gefl\u00fcchtet ist. Man bezeichnet ihn als Anti-Zionist, obwohl er Israel liebt. Er lebt in Deutschland, spricht aber Hebr\u00e4isch, geht nur Verbindungen mit Einheimischen ein, die Hebr\u00e4isch oder Arabisch sprechen und m\u00f6chte sich sowohl hier als auch dort sp\u00fcren und ein Hebr\u00e4isch hochhalten, das aus den nationalen und geografischen Grenzen ausbricht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shemoelof m\u00f6chte zwischen gebrochenem Deutsch und gebrochenem Hebr\u00e4isch eine interkulturelle Br\u00fccke schlagen. Sollte es unter s\u00e4mtlichen Berliner Br\u00fccken diese Br\u00fccke noch nicht geben, so gilt es, sie in der Phantasie zu errichten, in der Phantasie, die das j\u00fcdische Zentrum Bagdads wiederaufleben l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00dcbersetzung: Ulrike Harnisch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Roman \u201eDer Preis\u201c von Mati Shemoelof ist soeben in deutscher \u00dcbersetzung von Helene Seidler im Berliner Verlag PalmArtPress erschienen. 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