{"id":26954,"date":"2026-09-29T16:36:46","date_gmt":"2026-09-29T14:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?p=26954"},"modified":"2026-09-30T12:01:53","modified_gmt":"2026-09-30T10:01:53","slug":"gerrit-wustmann-weltliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/gerrit-wustmann-weltliteratur\/","title":{"rendered":"Weltliteratur \u2013 oder was wir daf\u00fcr halten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wer entscheidet eigentlich, welche Literatur als \u201eWeltliteratur\u201c gilt? Gerrit Wustmann hinterfragt in seinem Essay <\/em>Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen<em> die eurozentrischen Strukturen unseres Literaturverst\u00e4ndnisses und fragt danach, warum bestimmte Literaturen auf dem deutschen Buchmarkt kaum sichtbar sind. Emma Bremer hat das Buch gelesen und zeigt, warum Wustmanns Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr literarische Vielfalt dazu anregt, die eigenen Lesegewohnheiten und den Literaturkanon zu hinterfragen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWeltliteratur \u2013 das ist Literatur, die aus aller Welt kommt, die eine Einladung in die Welt ausspricht, eine Reise im Kopf ist, eine best\u00e4ndige Erweiterung der Wahrnehmung. Weltliteratur \u2013 das ist aber auch eine Bezeichnung f\u00fcr B\u00fccher von Weltrang, die fast immer blo\u00df aus westlichen L\u00e4ndern stammen.\u201c (S. 10)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weltliteratur \u2013 ein Begriff, dessen Ideal und Realit\u00e4t weit auseinandergehen, wie schon das Vorwort von Gerrit Wustmanns <em>Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen<\/em> deutlich macht. Dabei wird schnell deutlich, wie eingrenzend unser aktuelles Verst\u00e4ndnis und die Dynamiken des Buchmarkts sind. Was lesen wir eigentlich, aus welchen Gr\u00fcnden? Welche B\u00fccher sind f\u00fcr uns verf\u00fcgbar? Aus welchen Sprachen wird ins Deutsche \u00fcbersetzt? Woran machen wir fest, ob ein Werk lesenswert und wichtig ist? Und sind unsere literarischen Kanons vielleicht gar nicht so orientierungsstiftend und aussagekr\u00e4ftig, wie wir dachten? Diesen und vielen weiteren Fragen geht Wustmann auf den 149 Seiten seines 2021 im Sujet Verlag erschienenen Buches nach. Dabei vermischt er pers\u00f6nliche Anekdoten mit historischen Hintergr\u00fcnden und aktuellen Statistiken zu einer Mischung aus Essay und Sachbuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEine Weltliteratur ohne afrikanische Literatur ist wie ein Orchester, dem einige Instrumente fehlen.\u201c Mit diesem Zitat von Doris Lessing er\u00f6ffnet Wustmann sein Buch und macht sehr schnell deutlich, wie unzufrieden er mit unserem Verst\u00e4ndnis von Weltliteratur ist. Denn Weltliteratur k\u00f6nnte so viel mehr als blo\u00dfe Westliteratur sein. Dass wir uns daher dringend damit auseinandersetzen m\u00fcssen, was gute Literatur ist und dass wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen, macht bereits das Vorwort klar. Statt seine Position erst im Laufe des Buches zu entwickeln, legt Wustmann sie offen dar und verbringt dann die acht Kapitel des Buches damit, seine Ansichten genauer zu erl\u00e4utern, klar zu belegen und schlie\u00dflich mit L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen an uns als Leser*innen zu appellieren. Dabei f\u00fchrt Wustmann verst\u00e4ndlich strukturiert durch die verschiedenen Komponenten, die zu unserem aktuellen Verst\u00e4ndnis von Weltliteratur beitragen, und zeigt auf, wie sie sich gegenseitig bedingen. Zuerst erl\u00e4utert er, von Goethes Verst\u00e4ndnis von Weltliteratur ausgehend, was als Weltliteratur seit der ersten Verwendung des Wortes bezeichnet wurde und wie sich dieses Konzept im Laufe der Zeit wandelte. Darauf folgen genauere Einblicke in die Lebensrealit\u00e4t von Autor*innen, die Rolle von Stipendien und die aktuellen Marktmechanismen der Buchbranche. Besonderen Fokus legt er dabei auf das Ungleichgewicht verschiedener Literaturen, wenn es darum geht, aus welchen Sprachen und Kulturr\u00e4umen \u00fcbersetzt wird. Hier wird schnell ersichtlich, dass nicht-westliche Literatur deutlich seltener \u00fcbersetzt wird als Literatur aus den USA, Gro\u00dfbritannien oder Europa. Viel wichtiger als diese Tatsache ist jedoch die Frage nach dem Warum, die Wustmann ausf\u00fchrlich beantwortet. Doch nicht nur das fehlende Angebot auf dem deutschen Buchmarkt ist das Problem, sondern auch die Leser*innen selbst, die von Vorurteilen geleitet, vor allem zu westlicher Literatur greifen. Dass mehr Vielfalt nicht nur vom Buchmarkt und individuellen Leseentscheidungen abh\u00e4ngt, zeigt Wustmann in seinem letzten Kapitel \u00fcber unser deutsches Schulsystem, das vor allem zu einer eurozentrischen Halbbildung f\u00fchrt, bevor er versucht, praktische L\u00f6sungsans\u00e4tze zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wustmann stellt die These auf: \u201eWas wir lesen \u2013 und was uns als Lesestoff zur Verf\u00fcgung steht \u2013 pr\u00e4gt auch unser Bild von der Welt.\u201c (S. 92) Wie sieht also unser Weltbild aus, wenn wir es anhand unseres B\u00fccherregals ablesen?&nbsp; Wie viele B\u00fccher von nicht-westlichen Autor*innen haben wir eigentlich selbst gelesen? Und sind wir in einem Teufelskreis aus Schulbildung, Marktmechanismen und vorurteilsbeladenen Lesegewohnheiten gelandet? Dass die Antworten darauf ern\u00fcchternd ausfallen werden, ist so gut wie abzusehen. Sie helfen aber dabei, die eigenen Lesegewohnheiten zu hinterfragen und sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, aus welchen Gr\u00fcnden wir eigentlich etwas lesen und ob wir dies diverser gestalten k\u00f6nnten und m\u00f6chten. Wustmanns Sachbuch h\u00e4lt uns den Spiegel vor und zeigt, in welchen gesellschaftlichen Mustern wir uns bewegen.&nbsp; Dabei f\u00fchrt vor allem die Mischung aus Fakten und pers\u00f6nlichen Anekdoten zu einem leichten, unterhaltsamen und doch zum Nachdenken anregenden Leseerlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich kann man als Individuum nicht gleich das ganze System ver\u00e4ndern, aber zumindest das eigene Verst\u00e4ndnis von Weltliteratur. Doch was sollten wir nun wirklich lesen? Wo fangen wir an, wenn wir etwas an unseren Lesegewohnheiten ver\u00e4ndern wollen? Wustmann appelliert vor allem an eines: Vielfalt. Dabei gibt er anhand von arabischen, persischen und t\u00fcrkischen Texten Beispiele, wie wir unseren Lesekreis erweitern und mehr Neugier auf aktuell eher nischigere Literaturen entwickeln k\u00f6nnen. <em>Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen<\/em> ist ein Appell an alle, die sich f\u00fcr Literatur interessieren und gerne \u00fcber den eigenen Tellerrand hinausschauen sowie ihre eigenen Lesegewohnheiten und Weltsichten hinterfragen wollen. Die sich nicht nur f\u00fcr das eigene Lesen, sondern auch f\u00fcr das gesellschaftliche System, welches dahinter steht, interessieren. <em>Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen<\/em> ist ein Buch, nach dessen Lekt\u00fcre man gleich eine ganze Liste weiterer Titel hat, die unbedingt als N\u00e4chstes gelesen werden wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Gerrit Wustmann: Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen. <a href=\"https:\/\/sujetverlag.de\/product\/gerrit-wustmann-weltliteratur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sujet Verlag<\/a>, Bremen 2021, 149 Seiten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer entscheidet eigentlich, welche Literatur als \u201eWeltliteratur\u201c gilt? Gerrit Wustmann hinterfragt in seinem Essay Weltliteratur. Warum wir ein neues Literaturverst\u00e4ndnis brauchen die eurozentrischen Strukturen unseres Literaturverst\u00e4ndnisses und fragt danach, warum bestimmte Literaturen auf dem deutschen Buchmarkt kaum sichtbar sind. 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