{"id":11069,"date":"2017-01-03T21:31:53","date_gmt":"2017-01-03T20:31:53","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=11069"},"modified":"2023-01-12T12:05:05","modified_gmt":"2023-01-12T11:05:05","slug":"gedichte-tomas-cohen","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/gedichte-tomas-cohen\/","title":{"rendered":"Gedichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Haus und Heim<\/strong><\/p>\n<p>Im Haus steckt noch ein weiteres Haus,<\/p>\n<p>in Erinnerungen zerst\u00f6rt, vergr\u00f6\u00dfert, wenn man es anfasst.<\/p>\n<p>Ein Haus im Dunkeln, nicht begrenzbar,<\/p>\n<p>ich rieche es, es menstruiert. Mit Herzrasen<\/p>\n<p>taste ich es ab, nachts, dort<\/p>\n<p>will ich spielen, ich w\u00e4re blind:<\/p>\n<p>Dann kehrt aus dem Haus, aus irgendeinem<\/p>\n<p>Haus, das Heim zur\u00fcck, wenn ich lerne,<\/p>\n<p>wo sich im Dunkeln der Lichtschalter befindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bad gab es eine Sternwarte:<\/p>\n<p>durch das Teleskop der Toilette sah man<\/p>\n<p>einen Saturnring, blutrot, jeden Monat:<\/p>\n<p>Das Echo seines Tropfens auf der Keramik<\/p>\n<p>lehrte mich, dass ich mit dem ersten fremden K\u00f6rper<\/p>\n<p>eins gewesen war, Eingeweide.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Kindmutter<\/strong><\/p>\n<p>Die Beine des wilden, gespr\u00e4chigen<\/p>\n<p>M\u00e4dchens, blaue Flecken<\/p>\n<p>vom Stromern zwischen Brombeerstr\u00e4uchern, Z\u00e4unen,<\/p>\n<p>sind wei\u00dfliche Furchen,<\/p>\n<p>sie w\u00fcrden noch an jeder Bronzeskulptur auf das Original<\/p>\n<p>aus Kreide verweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Ich will auch dreckige Wangen, M\u00e4dchen,<\/em><\/p>\n<p><em>und vom Brombeergestr\u00fcpp auf Kn\u00f6chel verfasste Abenteuer,<\/em><\/p>\n<p><em>will nackte F\u00fc\u00dfe<\/em><\/p>\n<p><em>auf einem Schwamm aus vollgesogenem Moos. <\/em><\/p>\n<p><em>Und jaulend auch,<\/em><\/p>\n<p><em>vom h\u00f6chsten Ast aus, der mich h\u00e4lt,<\/em><\/p>\n<p><em>den Schwarm verscheuchen,<\/em><\/p>\n<p><em>zerhackter Schatten, verstreute W\u00fcrfel,<\/em><\/p>\n<p><em>die kommende Generation erreichen.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Du bist dreizehn, es ist Nacht<\/em><\/p>\n<p><em>und zuf\u00e4llig erlischt das Licht: Stromausfall,<\/em><\/p>\n<p><em>der diesen Sommer in deiner Erinnerung erhellt<\/em><\/p>\n<p><em>f\u00fcr den Rest deines Lebens. <\/em><\/p>\n<p><em>Du schleppst einen Stuhl auf den Innenhof<\/em><\/p>\n<p><em>und saugst noch mehr Sterne auf,<\/em><\/p>\n<p><em>zitterst st\u00e4rker jeden Augenblick,<\/em><\/p>\n<p><em>Sternbilder aus Obstb\u00e4umen im Wind:<\/em><\/p>\n<p><em>ihr Takt aus Maulbeeren, Hagebutten \u2013<\/em><\/p>\n<p><em>dein Herzschlag.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Diese Nacht, M\u00e4dchen,<\/em><\/p>\n<p><em>schmeckt nach dem Wissen,<\/em><\/p>\n<p><em>dass du meine Lieblingszutat bist:<\/em><\/p>\n<p><em>Auf kleiner Flamme, mit R\u00fcckw\u00e4rtsrezeptur,<\/em><\/p>\n<p><em>mache ich dich zu meiner Mutter, um diesen Rhythmus<\/em><\/p>\n<p><em>pulsieren zu h\u00f6ren, ich, Maulbeerkeim, eingerollt im<\/em><\/p>\n<p><em>Nebel der Geb\u00e4rmutterschleimhaut.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>S\u00fc\u00df soll sie sein<\/p>\n<p>Schlupfwinkel soll sie sein.<\/p>\n<p>Ich werde aus ihr geboren<\/p>\n<p>aber nicht in der Zukunft:<\/p>\n<p>Denn vielleicht ist das wilde M\u00e4dchen<\/p>\n<p>schon meine Mutter in diesem Leben,<\/p>\n<p>und diese Nacht mit Stromausfall und gro\u00df von Sternen<\/p>\n<p>hat meine Mutter mir erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bauspielplatz<\/strong><\/p>\n<p>Hier w\u00e4re ich gerne aufgewachsen,<\/p>\n<p>in Hamburg, wo ein Teil des Parks den Kindern<\/p>\n<p>vorbehalten ist, damit sie Baumeister spielen.<\/p>\n<p>Niemand, der von sich behauptet, ein fertiger<\/p>\n<p>Mensch zu sein, darf bleiben: Die Erwachsenen<\/p>\n<p>d\u00fcrfen ihn nur holen oder bringen,<\/p>\n<p>ihren wertvollen Nachlass, ihren dauerhaften Fr\u00fchling,<\/p>\n<p>diese Figur, die erschaffen wurde, um den Autor zu \u00fcberleben,<\/p>\n<p>den Leser und am Ende des Romans \u2013 ihren Sohn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Liebeserkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>Sehr sp\u00e4t ist fast schon sehr fr\u00fch,<\/p>\n<p>ich knipse mein Fenster aus. Das einzige<\/p>\n<p>nun noch erleuchtete Fenster sehe ich jetzt,<\/p>\n<p>wo mein eigenes ausgeknipst ist.<\/p>\n<p>Das andere einzige. Jetzt ist es das einzige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist schon nicht mehr das einzige: Ich hab mein Fenster<\/p>\n<p>angeknipst, erkl\u00e4re meine Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfmutter<\/strong><\/p>\n<p>Schon gebrechlich, Blanca Rosa,<\/p>\n<p>gehst du stolz los zum Strand zu Fu\u00df,<\/p>\n<p>barfu\u00df auf schwarzem hei\u00dfem Sand,<\/p>\n<p>den du k\u00fchlend mit schwarzem Samt umrandet hast.<\/p>\n<p>Du ziehst die selbstgen\u00e4hten Kleider aus,<\/p>\n<p>wirfst den Schmerz ab und die Nadeln<\/p>\n<p>die Tumoren wie Kn\u00f6pfe,<\/p>\n<p>du ziehst dich aus, ziehst die aus, die du bist,<\/p>\n<p>damit ich dich nicht mehr erkenne und dich doch liebe<\/p>\n<p>(ich kann dich nicht verabschieden, aber ich werde dich empfangen)<\/p>\n<p>nur falls du meine Tochter werden willst,<\/p>\n<p>die noch nicht geboren wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Prolog zum Schluss<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr wenn ich tot bin, und weil<\/p>\n<p>ich tot sein werde, und daf\u00fcr, dass Leben<\/p>\n<p>und Lesen aufgehen und ich berausche \u2013 lade ich ein<\/p>\n<p>weil ich wom\u00f6glich vergesse,<\/p>\n<p>dass ich vor Dankbarkeit geweint habe und es kalt sein wird \u2026<\/p>\n<p>Was wei\u00df ich! Ich lade ein<\/p>\n<p>zu der Lust, nicht zu wissen, nur um<\/p>\n<p>immer neu zu wissen, ein erstes allgegenw\u00e4rtiges<\/p>\n<p>Mal, das Angst macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil manchmal die Lieder, die wir brauchen<\/p>\n<p>sich verstecken, sogar auf der Zungenspitze,<\/p>\n<p>komm einfach, wir vermengen unsere Momente.<\/p>\n<p>Lass uns einer Musik nachreisen, lass uns<\/p>\n<p>unwissend sein, was aufs gleiche rauskommt,<\/p>\n<p>wenn es die M\u00fche wert ist, wird es M\u00fche geben.<\/p>\n<p>Ber\u00fchr den lebendigen Trilobiten<\/p>\n<p>und diese Seite wird dir die Hand lecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lade ein. Keine Ahnung! Man sieht es nicht, geh<\/p>\n<p>und zerschlage irgendeine Idee, beispielsweise<\/p>\n<p>mit einer Schaufel neben dem Bett,<\/p>\n<p>die du zuerst ertastest beim Aufstehen. Und ohne<\/p>\n<p>den Lehren des Lachens auszuweichen, des Niesens,<\/p>\n<p>komm her durch die ver\u00e4stelten Nerven in dir,<\/p>\n<p>von den vielen Zweigen zu den vielen Wurzeln,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>zu dieser Stimme, die sich noch einsingt,<\/p>\n<p>zu unserer Vereinigung in den Fragen,<\/p>\n<p>aufgef\u00e4delt im Zentrum einer Drehung.<\/p>\n<p>Ich verstecke hier meine Absichten nicht:<\/p>\n<p>werde sie mit dem ganzen K\u00f6rper aufsagen.<\/p>\n<p>Diese Gegenwart im Dickicht,<\/p>\n<p>Lungenroman,<\/p>\n<p>wo ich mich verabschiede, Ungeheuer,<\/p>\n<p>wo ich dich einfordere, mein Freund.<\/p>\n<p>Genau, zeig mir<\/p>\n<p>das Schlimmste, was du je getan hast,<\/p>\n<p>und wir werden Geschwister.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus dem Spanischen von <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/artist\/odile-kennel\/\">Odile Kennel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haus und Heim Im Haus steckt noch ein weiteres Haus, in Erinnerungen zerst\u00f6rt, vergr\u00f6\u00dfert, wenn man es anfasst. 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