{"id":11342,"date":"2019-03-17T21:27:17","date_gmt":"2019-03-17T20:27:17","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=11342"},"modified":"2020-11-16T16:01:34","modified_gmt":"2020-11-16T15:01:34","slug":"globish","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/globish\/","title":{"rendered":"Globish"},"content":{"rendered":"<p>Meine Hauptbesch\u00e4ftigung als \u00dcbersetzerin ist es, \u00dcbertitel f\u00fcr das Theater zu erstellen. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden ist das eine besondere T\u00e4tigkeit. Die literarischen Texte, mit denen man zu tun hat, sind manchmal sogar sehr anspruchsvoll: Von Heiner M\u00fcller bis Houellebecq, von Moli\u00e8re bis Jelinek \u2013 und nat\u00fcrlich m\u00f6chte man sie entsprechend genau und feinsinnig \u00fcbersetzen. Aber es gibt auch technische und praktische Bedingungen, die man nicht vergessen darf: die Titel d\u00fcrfen eine bestimmte L\u00e4nge nicht \u00fcberschreiten, sie m\u00fcssen so knapp und pr\u00e4zise wie m\u00f6glich sein. Nur so haben die Leute genug Zeit, sie zu lesen und gleichzeitig wahrzunehmen, was gerade auf der B\u00fchne passiert.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass ich ins Englische \u00fcbersetze, was weitere Herausforderungen mit sich bringt.<\/p>\n<p>Als \u00dcbersetzerIn muss man ja ein bisschen pingelig sein \u2013 ein bisschen <em>anal<\/em>, wie man es so sch\u00f6n in meiner Muttersprache sagt. Man muss Worte und Sprache lieben, sie zu einem Ausma\u00df ernst nehmen, das andere Leute vielleicht f\u00fcr \u00fcbertrieben halten w\u00fcrden. Man muss sich Fragen stellen wie: \u201eHm. Die Autorin hat hier das Wort \u201aunglaublich\u2019 benutzt, soll ich das mit <em>\u201aunbelievable\u2019<\/em> \u00fcbersetzen, also leicht negativ betonen, oder eher mit <em>\u201aincredible\u2019<\/em>, also eher positiv? Und wenn sie es positiv meint, soll ich <em>\u201aincredible\u2019<\/em> benutzen, was n\u00e4her zum Wortsinn von \u201aunglaublich\u2019 ist, mit dieser Idee von \u201aglauben\u2019, etwas was man nicht glauben kann, oder lieber <em>\u201aamazing\u2019<\/em>, was eher mit \u201astaunen\u2019 zu tun hat, was aber tats\u00e4chlich das Wort w\u00e4re, das eine MuttersprachlerIn in diesem Kontext wahrscheinlich verwenden w\u00fcrde?\u201c Und dann muss man sich als \u00dcbersetzerIn stundenlang mit diesen Gedanken besch\u00e4ftigen, zwischen diesen gleichbedeutenden aber leicht unterschiedlichen Varianten schwanken, und eine weniger aufmerksame Person w\u00fcrde vielleicht sagen: \u201eNa, es hei\u00dft doch <em>\u201aamazing\u2019<\/em>, dann schreib doch <em>\u201aamazing\u2019<\/em>, fertig.\u201c<\/p>\n<p>Ihr habt bestimmt alle eure eigenen Pingeligkeiten, abh\u00e4ngig von eurer Muttersprache. Als Englischsprachige ist es eine sehr wichtige Pingeligkeit, in welches Englisch man genau \u00fcbersetzt. Als Britin \u00fcbersetze ich ins britische Englisch \u2013 aber Achtung \u2013 \u00a0<em>\u201eColour\u201c<\/em> schreibt man c-o-l-o-U-r, NICHT c-o-l-o-r! Also wirklich, diese amerikanische Rechtschreibung, das geht gar nicht. Vor ein paar Monaten hatte ich f\u00fcr ein Theater ein Programm \u00fcbersetzt und nach mehreren Wochen intensiver Arbeit bekomme ich zur Endkorrektur ein PDF meiner Arbeit, im besten <em>Queen\u2019s English<\/em>, und\u00a0 auf der Titelseite lese ich: <em>\u201eProgram\u201c<\/em>, p-r-o-g-r-a-m. Das kann ich mir nicht ansehen! <em>\u201eProgramme\u201c<\/em> wird im\u00a0 British English mit doppeltem \u201am\u2019 am Ende geschrieben, p-r-o-g-r-a-m-m-e, meine G\u00fcte, weg mit euren Amerikanismen!<\/p>\n<p>Diese Situation war aufgrund einer weiteren Herausforderung des Ins-Englische-\u00dcbersetzens entstanden: Alle k\u00f6nnen Englisch sprechen. Da hatte der Grafiker einfach <em>\u201eProgram\u201c<\/em> mit dieser f\u00fcrchterlichen amerikanischen Rechtschreibung in das PDF geschrieben, weil er ja Englisch kann \u2013 nur, vielleicht kann er es nicht so gut, dass er merkt, dass der Rest des Textes eine britische Rechtschreibung verwendet.<\/p>\n<p>Eine meiner Kolleginnen st\u00f6\u00dft jedes Jahr auf dieses Problem: Sie \u00fcbersetzt das Programm eines sehr renommierten Berliner Festivals, das in der deutschsprachigen Fassung eine Rubrik mit dem Titel \u201eChronik\u201c enth\u00e4lt. Die englische \u00dcbersetzung von \u201eChronik\u201c w\u00e4re normalerweise <em>\u201echronicle\u201c<\/em>, wobei man sich vielleicht f\u00fcr ein ganz anderes Wort entscheiden w\u00fcrde, abh\u00e4ngig davon, was da genau drin steht. Aber jedes Jahr besteht der Veranstalter darauf, dass meine Kollegin es als \u201eChronic\u201c \u00fcbersetzt. Jedes Jahr die gleiche Diskussion: \u201eAber <em>\u201achronic\u2019<\/em> ist hier nicht richtig! Es ist nicht mal ein Substantiv, sondern ein Adjektiv! <em>\u201aChronic\u2019<\/em> heisst \u201achronisch\u2019. Das Einzige was englische MuttersprachlerInnen denken, wenn sie das Wort <em>\u201achronic\u2019<\/em> lesen, ist <em>\u201achronic disease\u2019<\/em>, <em>\u201achronic illness\u2019<\/em>, h\u00f6chstens vielleicht <em>\u201achronic fatigue\u2019<\/em>!\u201c Egal. Das Festival besteht darauf, im englischen Programm den Titel <em>\u201eChronic\u201c<\/em> zu haben, weil es sich f\u00fcr die \u2013 deutschen \u2013 Veranstalter einfach richtig anh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es treibt meine Kollegin in den Wahnsinn und verwirrt oder am\u00fcsiert bestimmt viele Briten und Amerikaner, die zum Festival kommen und dieses komische <em>\u201eChronic\u201c<\/em> als Titel lesen. Aber &#8230; Vielleicht haben die Veranstalter Recht? Es sind nicht nur Briten und Amerikaner, die zum Festival kommen. Und f\u00fcr manche Leute wird dieses <em>\u201eChronic\u201c<\/em> schon eine sehr klare Bedeutung haben. F\u00fcr die, die eine romanische Sprache sprechen, k\u00f6nnte dieses <em>\u201eChronic\u201c<\/em> nicht klarer sein: Es hei\u00dft nat\u00fcrlich <em>\u201echronique\u201c<\/em>, <em>\u201ecr\u00f3nica\u201c<\/em>, <em>\u201ecronaca\u201c<\/em> \u2013 sogar eine Russin w\u00fcrde das lesen und denken: ja klar, <em>\u201e\u0445\u0440\u043e\u0301\u043d\u0438\u043a\u0430\u201c<\/em> \u2013 f\u00fcr diese Leser ist <em>\u201eChronic\u201c<\/em> tats\u00e4chlich verst\u00e4ndlicher als <em>\u201eChronicle\u201c<\/em> oder wenigstens genau so verst\u00e4ndlich. Und f\u00fcr die Leser, die andere, weiter vom Romanischen entfernte Sprachen sprechen? Wenn sie sehr gut Englisch k\u00f6nnen, werden sie vielleicht genau so schockiert sein wie die MuttersprachlerInnen \u2013 aber sonst? Sie werden wahrscheinlich <em>\u201eChronic\u201c<\/em> lesen und <em>\u201eChronicle\u201c<\/em> verstehen, weil sie vielleicht beide W\u00f6rter nicht so gut auseinander halten k\u00f6nnen, und in diesem Fall macht der Kontext ja klar, welche Bedeutung hier gemeint ist.<\/p>\n<p>In diesem Fall m\u00f6gen wir MuttersprachlerInnen uns \u00fcber die schlechte \u00dcbersetzung lustig machen, aber<em>: the joke is on us<\/em>. Wir sind die einzigen, die nicht verstehen, wo alle anderen ganz im Bilde sind: <em>\u201eHuh? Why are we talking about diseases all of a sudden?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und das ist die Erkenntnis, zu der ich durch diese ganze \u00dcbertitelungsarbeit gekommen bin: Ich \u00fcbersetze eigentlich nicht f\u00fcr ein muttersprachliches Publikum. In die Berliner Theater kommen zwar viele Briten und Amerikaner und Australier und wer auch immer, um sich die St\u00fccke mit englischen \u00dcbertiteln anzuschauen, aber es kommen genauso viele Franzosen, Brasilianer, Chinesen und viele weitere nicht-deutschsprachige Menschen, die in Berlin wohnen oder zu Besuch sind und genug Englisch beherrschen, um die \u00dcbertitel als Hilfsmittel zu verwenden, um sich deutsche St\u00fccke anzugucken. Ich \u00fcbersetze nicht ins Englische, sondern ins Globische, also in dieses Global English, in dieses Instrument des globalisierten Kapitalismus und Nachk\u00f6mmling des britischen Imperialismus, in diese <em>lingua franca<\/em>, die alle Leute auf der Welt sprechen, von Jean-Claude Juncker bis zur Empfangsmitarbeiterin in einem Hotel in Bangkok, vom d\u00e4nischen B\u00e4cker bis zum Studenten in Hong Kong.<\/p>\n<p>Was bedeutet das nun f\u00fcr meine Praxis als \u00dcbersetzerin? F\u00fcr meine unerl\u00e4ssliche Pingeligkeit? Was bedeutet es, wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass mein Publikum die feinen Unterschiede zwischen <em>\u201eincredible\u201c<\/em> und <em>\u201eamazing\u201c<\/em> erkennt? Muss ich einfach <em>\u201eincredible\u201c<\/em> w\u00e4hlen, weil wenigstens f\u00fcr die Italiener und Franzosen und Spanier dieses Wort leichter zu verstehen ist (<em>incre\u00edble, incroyable, incredibile<\/em>)? Kann man \u00fcberhaupt literarisch \u00fcbersetzen, wenn man in eine Sprache \u00fcbersetzt, die als <em>lingua franca<\/em> f\u00fcr unsere globalisierte, kapitalisierte Welt fungiert?<\/p>\n<p>Und was hei\u00dft \u00fcberhaupt Literatur? Eine m\u00f6gliche Definition w\u00e4re vielleicht, dass Literatur entsteht, wenn die Form eines Textes genau so wichtig ist, wie sein Inhalt. Also, Literatur hei\u00dft Inhalt und Form auf Augenh\u00f6he. Form kann nat\u00fcrlich auch die Musikalit\u00e4t der Sprache bedeuten: Wie die W\u00f6rter klingen, was f\u00fcr Assoziationen von ihrem reinen Klang geweckt werden. Es kann aber auch bedeuten, was sich hinter einem Wort versteckt: eine ganze Geschichte von Referenzen, die Zwiesp\u00e4ltigkeit von unterschiedlichen Bedeutungen, Wortspielen, alles was impliziert sein kann. Beim \u00dcbersetzen von literarischen Texten versuchen wir das alles irgendwie von einer Sprache in die andere zu transportieren: Wir versuchen, die spezifische Musikalit\u00e4t von eines Textes zu h\u00f6ren, seine Implikationen zu identifizieren und in unserer Muttersprache irgendwie ein \u00c4quivalent daf\u00fcr zu finden. Wir versuchen, diesen Text von seinem urspr\u00fcnglichen Kontext in einen neuen Kontext zu bringen \u2013 aber es gibt immer einen Kontext.<\/p>\n<p>Wenn ich auf Englisch schreibe, also wenn ich ins Englische \u00fcbersetze, steht eine ganze literarische Geschichte hinter mir und flie\u00dft zwangsl\u00e4ufig in mein Schreiben ein, weil sie ja die Sprache selber gebildet hat: Es sind die Rhythmen vom <em>iambic pentameter<\/em>, das lange Echo von Shakespeare, von <em>King James Bible<\/em>, von Wordsworth und T.S. Eliot.<\/p>\n<p>Aber was ist, wenn ich ins Globische \u00fcbersetze, in eine Sprache ohne Kontext, weil sie in alle Kontexte der Welt passt? Eine Sprache, die die Formen von allen anderen Sprachen der Welt aufnimmt, abh\u00e4ngig davon, wer sie im jeweiligen Moment spricht, und sie deswegen selber formlos ist?<\/p>\n<p>Der Begriff <em>\u201eGlobish\u201c<\/em> wurde von dem Franzosen Jean-Paul Nerri\u00e8re erfunden oder wenigstens getrademarked. Als guter Franzose wollte er diese neue Sprache systematisieren, sie mit ein paar Regeln versehen, und vor allem die Dominanz des Englischen unterminieren, indem <em>Globish<\/em> als einfache, mechanisch neue Sprache die Weltherrschaft erobert und damit das Franz\u00f6sische dann den Platz als Sprache der globalen Hochkultur besetzen kann. Nerri\u00e8re hat eine Liste von 1500 W\u00f6rtern definiert, die die Basis des <em>Globish<\/em> bilden. Dazu kommen W\u00f6rter, die man von diesen Grundw\u00f6rtern ableiten kann: wenn man <em>\u201ecare\u201c<\/em> versteht, wird man <em>\u201ecareful\u201c<\/em> und <em>\u201ecarefully\u201c<\/em> auch verstehen, und auch ahnen, was die Verbform <em>\u201eto care\u201c<\/em> bedeuten k\u00f6nnte. Mehr braucht man nicht, um sich ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen: Falls man kein genaueres Wort kennt, kann man es durch eine Periphrase einfachere W\u00f6rter erkl\u00e4ren. Was f\u00fcr Nerri\u00e8re auf <em>Globish<\/em> z\u00e4hlt, ist der Inhalt eines Textes oder seine Aussage: Es geht ausschlie\u00dflich darum, dass mein Gespr\u00e4chspartner versteht, was ich kommuniziere, ohne Feinheiten, ohne R\u00fccksicht auf die Musikalit\u00e4t der Sprache.<\/p>\n<p>Aber Nerri\u00e8re hat die Situation falsch eingesch\u00e4tzt: <em>Globish<\/em> ist viel mehr, und ich m\u00f6chte hier mit einer Art Manifest enden, damit mit wir alle \u2013 MuttersprachlerInnen und Nicht-MuttersprachlerInnen \u2013 uns diese Sprache zu eigen machen und uns trauen, damit zu spielen. <em>Globish<\/em> ist die Sprache unserer werdenden Weltkultur: Im arabischen Fr\u00fchling und auch in den gerade stattfindenden Protesten in Hong Kong werden Plakate auf Englisch geschrieben, weil die Demonstranten wissen, dass sie auf diese Weise besser die Aufmerksamkeit der Weltmedien und des Weltpublikums auf sich ziehen. Eine in Schweden gegr\u00fcndete, globale Teenager-Bewegung tr\u00e4gt den Namen <em>Fridays for Future<\/em>, was \u00fcbrigens von einem Muttersprachler so nie formuliert worden w\u00e4re, und ihre 16-j\u00e4hrige Heldin, Greta Thunberg, h\u00e4lt \u00fcberall auf der Welt Reden auf Englisch, die wiederum sofort \u00fcberall auf der Welt verf\u00fcgbar sind, Dank des Internets, in dem 80% der Webseiten auf Englisch, oder genauer gesagt Globisch, verfasst sind.<\/p>\n<p>Hier zeichnen sich vielleicht bereits die Anf\u00e4nge eines globischen Kulturerbes \u2013 und was w\u00e4ren andere globale Referenzen, also kulturelle Referenzen, die die meisten GlobischsprecherInnen verstehen w\u00fcrden? <em>\u201eMay the force be with you\u201c<\/em>, <em>\u201eYes We Can\u201c<\/em>, <em>\u201eLet\u2019s twist again\u201c<\/em>? <em>\u201eTo be or not to be\u201c<\/em>? Ja, sogar der gute alte Shakespeare hat es geschafft &#8230; Diese Mainstream-Referenzen m\u00f6gen trivial erscheinen, aber ist das wirklich so anders als bei der Entstehung des Englischen selbst, als sich Chaucer im 14. Jahrhundert als erster Schriftsteller traute, in der damaligen Umgangssprache statt auf Latein zu schreiben und er auf diese Weise eine literarische Kultur begr\u00fcndete?<\/p>\n<p>Und genau das ist hier mein Punkt: Ich glaube, wir m\u00fcssen es dem Globischen zutrauen, dass auch es eine reiche, volle, literarische Sprache werden kann und dass wir als pingelige \u00dcbersetzerInnen eine Rolle dabei spielen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich haben die meisten Globisch-Sprecher der Welt einen gr\u00f6\u00dferen Wortschatz und eine bessere Grammatik als der jetzige Pr\u00e4sident der USA. Globisch ist eine neugeborene Sprache, die wir alle definieren k\u00f6nnen, und ich habe in zwei meiner j\u00fcngsten Auftr\u00e4ge m\u00f6gliche Wege entdeckt, wie das literarische Globisch aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der eine Auftrag war ein franz\u00f6sisches St\u00fcck einer jungen Hip-Hop-K\u00fcnstlerin, die von amerikanischen Hip-Hop-Artists beeinflusst war. Das ist ein Beispiel globischer Kultur: junge Leute in einem Pariser <em>banlieue<\/em>, die sich inspirieren lassen von den Rhythmen und Wortspielen amerikanischen Raps. Generell brauchen wir uns um die Musikalit\u00e4t des Globisch keine Sorgen zu machen: Englisch ist schlie\u00dflich eine sehr rhythmische Sprache, die auch durch Musik verbreitet wird. Damit kann ich als \u00dcbersetzerin spielen, ohne Angst haben zu m\u00fcssen, dass mein Publikum nicht mitkommt.<\/p>\n<p>Der zweite Auftrag war eine \u00dcbersetzung von <em>Hekabe<\/em> in deutscher Sprache, aber auf Homer und Euripides basiert, wodurch ich wieder in Kontakt mit diesen Urtexten der europ\u00e4ischen Literatur kam, mit diesen Mythen, die irgendwie tief in unserem Leib sitzen, und ich dachte mir: Na ja, das kann ich nicht mit einem einfachen 1500-W\u00f6rter Wortschatz \u00fcbersetzen, das ist zu sch\u00f6n daf\u00fcr. Ich muss diese Sch\u00f6nheit in einer anspruchsvollen Sprache wiederspiegeln, es mir g\u00f6nnen, mit einer breiten Wortpalette zu spielen. Aber ich kann trotzdem darauf aufpassen, die \u00dcbersetzung irgendwie zug\u00e4nglich zu machen, indem ich zum Beispiel darauf achte, dass der Kontext die Bedeutung von verfeinerten W\u00f6rtern andeutet. Ich glaube, das ist m\u00f6glich: Wenn man die Idee im Kopf beh\u00e4lt, dass man nicht f\u00fcr Briten oder Amerikaner \u00fcbersetzt, sondern f\u00fcr Leute aus aller Welt, dass man trotzdem sch\u00f6ne, spielerische, anspruchsvolle, aber auch zug\u00e4ngliche Texte machen kann.<\/p>\n<p>In zwei oder drei Generationen werden fast alle auf der Welt Globisch reden \u2013 und hier, in Berlin, einer der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Weltmetropolen, reden viele von uns schon Globisch miteinander, jeden Tag. Diese Sprache geh\u00f6rt uns allen, und wir sollten sie genie\u00dfen und zelebrieren \u2013 sie uns zu eigen machen!<\/p>\n<p><em>Bei dem Text handelt es sich um die bearbeitete Version des von der Autorin im Rahmen des Symposiums \u201eParataxe VI. \u00dc-Berlin. Die internationalen \u00dcbersetzer*innen Berlins\u201c am 23.11.2019 im LCB gehaltenen Vortrags.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Hauptbesch\u00e4ftigung als \u00dcbersetzerin ist es, \u00dcbertitel f\u00fcr das Theater zu erstellen. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden ist das eine besondere T\u00e4tigkeit. Die literarischen Texte, mit denen man zu tun hat, sind manchmal sogar sehr anspruchsvoll: Von Heiner M\u00fcller bis Houellebecq, von Moli\u00e8re bis Jelinek \u2013 und nat\u00fcrlich m\u00f6chte man sie entsprechend genau und feinsinnig \u00fcbersetzen. 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