{"id":11832,"date":"2020-02-17T09:35:08","date_gmt":"2020-02-17T08:35:08","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=11832"},"modified":"2020-11-16T15:41:53","modified_gmt":"2020-11-16T14:41:53","slug":"grabrede-fuer-giwi-margwelaschwili","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/grabrede-fuer-giwi-margwelaschwili\/","title":{"rendered":"Grabrede f\u00fcr Giwi Margwelaschwili"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Anna, liebe Naira, lieber Sandro, liebe Freunde von Giwi!<\/p>\n<p>Es schmerzt mich, dass ich mich nicht zusammen mit Euch von Giwi verabschieden kann. Er war mein allerbester Freund!<\/p>\n<p>Kennengelernt hatten wir uns 1983. Die Dichterin Elke Erb hatte mir f\u00fcr meine bevorstehende Georgienreise empfohlen, doch den dissidentischen Schriftsteller Giwi Margwelaschwili zu besuchen, der auf Deutsch schriebe! Giwi empfing mich in seiner Wartburg am Washa Pschawela-Prospekt mit Swing von Benny Goodman, ich sang ihm Lieder von Bulat Okudshawa und Wolf Biermann vor. Wir waren sofort ein Herz und eine Seele, vor allem in der Bewertung der sowjetischen Diktatur.<\/p>\n<p>Was eine \u201eWartburg\u201c ist, erfuhr ich sogleich bei der Lekt\u00fcre von Giwis autobiografischem Roman \u201eKapit\u00e4n Wakusch\u201c: eine Behausung mit jedweder Art von Unzul\u00e4nglichkeiten, wackligen St\u00fchlen, Stromsperren, Rohrbr\u00fcchen, KGB-Bewachung usw., in der der \u201eWartb\u00fcrger\u201c wartet, bis die Zust\u00e4nde in seiner Heimat eine Heimkehr erm\u00f6glichen. Es ist unglaublich, dass Giwi in seiner 40j\u00e4hrigen \u201eNachkriegsgefangenschaft\u201c, wie er es selbst nennt, ein ca. 40 dicke B\u00fccher umfassendes Oeuvre deutscher Literatur f\u00fcr die Schublade verfasste, d. h. ohne Chance auf eine Ver\u00f6ffentlichung und ohne Leser!<\/p>\n<p>Ich besuchte nun Giwi jedes Jahr, las seine Texte und begann mich f\u00fcr die R\u00fcckkehr Giwis nach Deutschland und die Ver\u00f6ffentlichung seiner B\u00fccher einzusetzen. Nach einigen Besuchen in der Perestroikazeit, wo Giwi in meinem literarischen Salon der K\u00fcnstlerszene vom Prenzlauer Berg begegnete, gelang das letztlich erst nach 1990. Giwi wurde Stadtschreiber von Saarbr\u00fccken, erhielt Stipendien des DAAD und der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung. Von 1991 bis 1994 erschienen von ihm sechs B\u00fccher in vier renomierten Verlagen, weitere Ver\u00f6ffentlichungen folgten in Zeitschriften, Sonderdrucken, Radiosendungen.<\/p>\n<p>Ich chauffierte Giwi auf Lesereisen durch ganz Deutschland, das waren f\u00fcr ihn gl\u00fcckliche Jahre! Wir besuchten das Thomas-Mann-Haus in L\u00fcbeck, das Rolandseck am Rhein, die Loreley, den H\u00f6lderlinturm in T\u00fcbingen und vor allem das Geburtshaus Martin Heideggers in Me\u00dfkirch!<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gelang es auch mit Unterst\u00fctzung Wolf Biermanns und Armin Mueller-Stahls die nicht geringen sozialen Probleme zu \u00fcberwinden und f\u00fcr Giwi eine Aufenthaltserlaubnis f\u00fcr Berlin durchzusetzen. 1994 wurde ihm endlich auch die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft verliehen. Bei einem Empfang des damaligen Bundespr\u00e4sidenten Roman Herzog im Schloss Bellevue sagte Giwi: \u201eWissen Sie, f\u00fcr meinen Vater war Deutschland das Exil. Er tr\u00e4umte sein ganzes Leben davon, nach Georgien, zur\u00fcck kehren zu k\u00f6nnen. F\u00fcr mich ist Deutschand Heimat!\u201c<\/p>\n<p>Giwi wohnte zuerst in meinem literarischen Salon, dann in einem eigenen f\u00fcr ihn ausgebauten Zimmer nebenan und zuletzt in einer eigenen Wohnung mit Blick auf Ost- und Westberlin, wo ich ihn fast t\u00e4glich besuchte. Leider musste er aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden 2011 nach Tbilissi zur\u00fcck kehren.<\/p>\n<p>1995 erhielt Giwi f\u00fcr sein Gesamtwerk den Brandenburgischen Literatur\u2013Ehrenpreis, 1997 den F\u00f6rderungspreis f\u00fcr Literatur zum Kunstpreis der Stadt Berlin, und 2002 den Gustav-Regler-Preis der Stadt Merzig. Sp\u00e4ter folgten die Goethe-Medaille, das Bundesverdienstkreuz und der Italo-Svevo-Preis. Petra Tsch\u00f6rtner drehte 1997 den Film \u201eDer Herr Giwi und die umgekehrte Emigration\u201c \u00fcber einen Besuch Giwi Margwelaschwilis in Georgien, im selben Jahr schuf Irene Langemann im Auftrag der Deutschen Welle das Filmportrait \u201eZwischen hier und dort\u201c. Seit 2007 erscheinen Giwis B\u00fccher im Berliner Verbrecher Verlag.<\/p>\n<p>Giwis Literatur er\u00f6ffnete mir einen v\u00f6llig neuen Einblick in das Eigenleben der Buchpersonen und ihre textlich-thematische Determiniertheit, die durchaus Parallelen zu seinem pers\u00f6nlichen Schicksal hat. Seine B\u00fccher sind eine spielerische Auflehnung gegen den tragischen Ontotext, in den er 1927 hineingeworfen wurde und den er durchlebte. H\u00e4tte er 1970 Heinrich B\u00f6ll sein Manuskript anvertraut, w\u00e4re er neben Solshinizyn zu einem weltbekannten sowjetischen Dissidenten-Schriftsteller geworden.<\/p>\n<p>Giwi Margwelaschwili ist ein Jahrhundertautor, dessen Ontotextologie und Werk Buchm\u00e4rkte, Leser und die Literaturwissenschaft noch jahrhundertelang besch\u00e4ftigen werden. Sein Tod ist der \u00dcbergang von einer Realperson in eine Buchperson, die ihre Auferstehung im Buchwelthimmel erleben wird. Bei unserem letzten Gespr\u00e4ch per skype, zwei Tage vor seinem Tod, sagte er mir: \u201eMan kann, wie die meisten, privat sterben oder digital. Ich w\u00fcrde das letztere f\u00fcr mich in Anspruch nehmen wollen.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-11999\" src=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch.jpg\" alt=\"\" width=\"895\" height=\"1134\" srcset=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch.jpg 895w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch-395x500.jpg 395w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch-808x1024.jpg 808w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch-768x973.jpg 768w, https:\/\/stadtsprachen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Giwi-und-Ekke-Foto-Ludwig-Rauch-238x302.jpg 238w\" sizes=\"auto, (max-width: 895px) 100vw, 895px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Anna, liebe Naira, lieber Sandro, liebe Freunde von Giwi! 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