{"id":12533,"date":"2020-05-17T11:48:42","date_gmt":"2020-05-17T09:48:42","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=12533"},"modified":"2020-11-16T13:08:04","modified_gmt":"2020-11-16T12:08:04","slug":"der-weltbuergersteig","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/der-weltbuergersteig\/","title":{"rendered":"Der Weltb\u00fcrgersteig"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400;\">Seit Monaten verbringe ich ungew\u00f6hnlich viel Zeit auf dem B\u00fcrgersteig, dabei habe ich das Gef\u00fchl verloren, eine B\u00fcrgerin zu sein. Immer weitergehen und niemals ein Geb\u00e4ude betreten. \u201eSpaziergang\u201c k\u00f6nnte man dieses Umhergehen ohne Portemonnaie und Einladung nennen. Inzwischen klingt das Wort \u201eSpaziergang\u201c aber nach einer Besch\u00e4ftigungstherapie, hat nichts mehr mit Flanieren zu tun. Der Ausdruck \u201efrische Luft schnappen\u201c erinnert mich an die domestizierten Karpfen, die verzweifelt an die Wasseroberfl\u00e4che kommen und ihre M\u00e4uler \u00f6ffnen, als k\u00f6nnten sie nicht mehr unter Wasser atmen. Auch die Redewendung \u201esich die Beine vertreten\u201c vermeide ich, da ich niemanden mehr vertreten m\u00f6chte.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Es ist lange her, dass ein Mensch mich zur Begr\u00fc\u00dfung auf die Wange gek\u00fcsst hat. Nicht, dass ich das vermissen w\u00fcrde. Aber diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. Der letzte Kuss war sicher nicht im Januar auf dem Flughafen Narita in Tokyo. Im Flughafengeb\u00e4ude trugen schon fast alle Touristen einen Mundschutz und selbst wenn nicht, h\u00e4tten sie nicht meine Wange gek\u00fcsst. Mein Flugzeug landete in Paris-Charles-de-Gaulle<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">,<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> genau wie in den letzten drei\u00dfig Jahren<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">,<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> und ich fuhr mit einer muffig-winterlichen U-Bahn in die Innenstadt. Die Freundin, mit der ich mich im \u00fcberf\u00fcllten Caf\u00e9 Les Deux Magots verabredet hatte, war eine Freundin, die eine koreanische Mutter hatte, und ihre Lippen blieben bei der Begr\u00fc\u00dfung meiner Wange fern. Dann ging ich zum polnischen Buchladen, der sich auch auf dem passantenreichen Boulevard Saint-Germain befand. Die Veranstalterin der Lesung stammte von einer Nordseeinsel und das musste der Grund gewesen sein, weshalb sie mich auch nicht auf die Wange k\u00fcsste<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> Umgeben von B\u00fccherregalen sa\u00df das Publikum zwei Stunden lang eng zusammen und tauschte den Hauch des Geistes miteinander.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Anfang M\u00e4rz flog ich nach New York. Der amerikanische Pr\u00e4sident behauptete noch, die Pandemie w\u00fcrde sein Land niemals erreichen. Ich umarmte chinesische, j\u00fcdische und niederl\u00e4ndische Amerikanerinnen, sa\u00df in einem engen vietnamesischen Restaurant und inhalierte mexikanische Kunst im Whitney-Museum. Als ich nach Berlin zur\u00fcckkam, wurden alle geplanten Lesungen bis zum Sommer verschoben oder abgesagt. Ich streiche oft W\u00f6rter aus meinem Manuskript, aber es war mir neu, aus dem Terminkalender Ortsnamen zu streichen. Das Wort \u201eZeitgef\u00fchl\u201c fand ich verlogen, denn es war nie ein Gef\u00fchl, was mir die Zeit begreiflich machte. \u201eZeitlosigkeit\u201c hingegen war eine Emotion. Sie nistete in meinen Lungen, dem Hauptsitz meiner Seele. Die Zeitlosigkeit f\u00fchlte sich konkret an wie Trauer oder Freudentaumel. Das einzige, was mich noch an das Fortschreiten der Zeit erinnerte, war die Arbeit an einer neuen Erz\u00e4hlung. Ich spuckte ein schimmerndes Seidengarn aus dem Mund und bildete einen Gedankenkokon, in dem es mehr Sauerstoff zum Einatmen gab als auf einem B\u00fcrgersteig. Abends \u00f6ffnete ich das kleine Fenster des Kokons und besuchte die Wechselausstellung der Weltpolitik. Es gab keine Kunst, die mich \u00fcberraschte. Wer sich schon immer in Richtung Autokratie dachte, machte ein paar weitere Schritte in dieselbe Richtung. Wer sich schon immer um die Demokratie k\u00fcmmerte, verteidigte sie umso eifriger. Wer sich von der EU trennen wollte, entfernte sich weiter von Europa. In den L\u00e4ndern mit einem weiblichen Kopf wie Taiwan, Neuseeland oder Deutschland schienen die Bewohner mit der Politik zufriedener zu sein als in den testosterongesteuerten L\u00e4ndern.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wenn niemand daran sterben m\u00fcsste, w\u00fcrde ich sogar den Coronavirus als Metapher f\u00fcr den idealen Weltb\u00fcrger preisen, der m\u00fchelos L\u00e4nder- und Religionsgrenzen \u00fcberschreitet, sich stets verwandelt, um sich einer neuen Umgebung anzupassen und sich durch menschliche Kontakte, intensive Gespr\u00e4che, Konzerte<\/span><span style=\"font-weight: 400;\">,<\/span><span style=\"font-weight: 400;\"> Lesungen oder Theaterst\u00fccke lebendig h\u00e4lt. Er liebt es, Gro\u00dfeltern und kranke Freunde zu besuchen. Er schadet keiner Pflanze, t\u00f6tet kein Tier, kontaminiert weder die Luft noch das Wasser. Neben so vielen positiven Eigenschaften gibt es einen einzigen Haken: Er schadet uns. Wenn auch ich eine Verschw\u00f6rungstheorie verbreiten d\u00fcrfte, w\u00fcrde ich behaupten, der Coronavirus habe vor, als ein besserer Weltb\u00fcrger unseren Planeten zu \u00fcbernehmen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bibliography\"><em>Originalbeitrag f\u00fcr (c) stadtsprachen magazin 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Monaten verbringe ich ungew\u00f6hnlich viel Zeit auf dem B\u00fcrgersteig, dabei habe ich das Gef\u00fchl verloren, eine B\u00fcrgerin zu sein. Immer weitergehen und niemals ein Geb\u00e4ude betreten. \u201eSpaziergang\u201c k\u00f6nnte man dieses Umhergehen ohne Portemonnaie und Einladung nennen. Inzwischen klingt das Wort \u201eSpaziergang\u201c aber nach einer Besch\u00e4ftigungstherapie, hat nichts mehr mit Flanieren zu tun. 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