{"id":12605,"date":"2020-05-17T09:55:41","date_gmt":"2020-05-17T07:55:41","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/?post_type=stsp_text&#038;p=12605"},"modified":"2020-11-16T14:12:57","modified_gmt":"2020-11-16T13:12:57","slug":"so-jealous","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/so-jealous\/","title":{"rendered":"So Jealous"},"content":{"rendered":"<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Meine Mama erz\u00e4hlt mir von Cheryl Gaitling, einer alten Freundin von ihr, die fr\u00fcher in der N\u00e4he meiner Mama in Ost-London gelebt hat. Fr\u00fcher als es noch viele Wei\u00dfe in Ost-London gegeben hat, und nicht nur Polen, da lebte Cheryl Gailting, die Kunstlehrerin an einer Volkshochschule war, zwei Stra\u00dfen entfernt von uns. Mit ihrer Tochter Charlotte war ich befreundet. Cheryl hat die Arbeit aufgegeben, um Hausfrau zu sein, aber ab und zu hat meine Mama auf Charlotte aufgepasst, so dass die Eltern ins Theater konnten, und manchmal gab sie meiner Mama Geld daf\u00fcr und manchmal nicht, und es war irgendwie immer awkward, denke ich jetzt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Ich war, glaube ich, acht Jahre alt, als sie wegzogen, aufs Land. Ganz viele Wei\u00dfe sind weggezogen, aufs Land, das war irgendwie Mode. Ich glaube eigentlich nicht, dass der Hauptgrund daf\u00fcr Rassismus war. Meine Mama sagte mir einmal, sie k\u00e4me sich wie eine Loserin vor, die letzte wei\u00dfe Frau im Bezirk, abgesehen von den Polinnen Ich meinte draufhin, wenn sie eine Weile durchhalte, k\u00f6nne es passieren, dass j\u00fcngere Wei\u00dfe hinziehen und die Nicht-Wei\u00dfen weg, und sie sei dann super cool, so hipster-m\u00e4\u00dfig. Und sie lachte.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Ich h\u00f6re eigentlich gerne Geschichten \u00fcber Cheryl und ihre Tochter Charlotte Gaitling und war traurig, als sie wegzogen, ich habe nette Erinnerungen an Charlotte. Wir spielten manchmal \u201eFrench Ladies\u201c, ein Spiel, bei dem wir uns schminkten und Can-Can tanzten, und einmal hat sie bei uns \u00fcbernachtet und mir erz\u00e4hlt, dass Hexen durch Glas fliegen k\u00f6nnen aber nicht durch den Vorhang.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Na ja, die Gaitling-Geschichten machen mir auf jeden Fall mehr Spa\u00df als die detaillierten Erz\u00e4hlungen \u00fcber den Neffen des Milchmannes oder die Schw\u00e4gerin der Waschsalonbesitzerin, da ich wei\u00df, um welche Person es geht.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eWie geht&#8217;s Charlotte?\u201c, frage ich. \u201eDie habe ich bei Facebook gefunden und wir waren eine Weile Facebook-Freunde, aber sie muss mich gel\u00f6scht haben. Vielleicht war ich zu radikal oder so was.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Oder zu langweilig, f\u00fcge ich in meinem Kopf hinzu, kann es mir aber nicht vorstellen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eSie lebt jetzt in New York\u201c, sagt meine Mama.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Als meine Mama das Wort New York sagt, ist es so, als ob mein Herz stillsteht \u2013 als ob mein Herz voller Beton ist. Ich will kotzen vor Neid. Ich kann die Kotze, die eigentlich Neid ist, in meinem Mund schmecken. Ich merke, wie dick und hart mein Hals wird \u2013 ich mache in der letzten Zeit immer mindfulness practices und das Schlimme daran ist, dass ich meinen Neid jetzt k\u00f6rperlich sp\u00fcren kann. Mein Hals ist dick und w\u00fctend wie das eines Boxers. Ich will k\u00e4mpfen. Ich will boxen. Ich will Rache.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eIN NEW YORK?\u201c, frage ich.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eIhr Mann ist Amerikaner\u201c, sagt meine Mama. \u201eZehn Jahre \u00e4lter als sie, aber es k\u00f6nnten auch drei\u00dfig sein, wenn man ehrlich ist. Sie hat ihn nicht wegen seinem Aussehen ausgesucht, das sieht man schon.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Mein Hals entspannt sich ein bisschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eWoher wei\u00dft du das?\u201c, frage ich.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eKaty Grahams war hier und hat mir die Bilder von der Hochzeit gezeigt. Auf Facebook. Wenn du nicht so radikal w\u00e4rst, h\u00e4ttest du sie selber gesehen. Sie arbeitet im Kulturbereich.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Mein Herz ist wieder Beton, mein Hals dick, ich schreie: \u201eIM KULTURBEREICH? IN NEW YORK?\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eSo eine Performance-K\u00fcnstlerin\u201c, sagt meine Mama.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eIst sie \u2013 ist die \u2013 ist sie \u2013 ist sie &#8230;\u201d ich schlucke. \u201eIst sie Feministin?\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eIch glaube ja\u201c, sagt sie.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Ich seufze. Meine Mama redet weiter.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eUnd Cheryl Gaitling \u2013 der Mann ist gestorben \u2013 wie hie\u00df er denn? Sie lebt jetzt alleine in diesem gro\u00dfen Haus am Meer und verkauft Aquarelle am Strand.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eNett\u201c, sage ich und denke immer noch an Charlotte Gaitling. Feministische Performance-K\u00fcnstlerin IN NEW YORK!<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eNett?\u201c, fragt meine Mama,<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eJa, nett, oder?\u201c, sage ich.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eMich kotzt es an\u201c, sagt sie.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eOh\u201c, sage ich.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eJa, es kotzt mich an zu h\u00f6ren, wie toll ihre Bilder sind. Ich sage dir, was ich tun w\u00fcrde, wenn meine H\u00e4nde noch funktionieren w\u00fcrden: Ich w\u00fcrde zum Strand gehen und viel bessere Aquarellbilder malen und viel mehr verkaufen und viel gl\u00fccklicher sein als sie!\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Ich nicke. Meine Mama und ich, beide neidisch, aber ich denke, bei mir ist es diese Opfermentalit\u00e4t, vor der alle mindfulness gurus dich warnen, und bei ihr ist es ein Lebenswille. Meine Mama, deren ganzer K\u00f6rper nicht mehr funktioniert, MS, alles kaputt, sie kann ihre H\u00e4nde, ihre Arme, ihre Beine nicht mehr bewegen. Sie sp\u00fcrt kaum mehr etwas, au\u00dfer Schmerzen, jeden Tag so viel Schmerzmittel rein, jeden Tag dasselbe. Liegen und warten und ab und zu eine Krankenschwester zum Weinen bringen. Meine Tante, die meine Mama in Vollzeit pflegt, sagt \u00fcber sie: Die einzige Muskulatur, die bei ihr richtig funktioniert, ist ihre Zunge.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Bei meiner Mama ist dieser Neid etwas Positives \u2013 sie denkt immer noch, dass sie das Recht hat, am Strand Bilder zu verkaufen. Bei mir, mit meinem funktionierenden K\u00f6rper, ist es nur negativ \u2013 wenn ich wirklich wollte, k\u00f6nnte ich nach New York ziehen und feministische Performance-K\u00fcnstlerin werden (COME ON IT&#8217;S NOT LIKE IT WOULD BE DIFFICULT IS IT)<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eUnd\u201c, sagt meine Mama, ihre Stimme hart und verbittert, \u201esie kriegt jeden Sonntag kostenloses Essen von ihrer Kirche, weil sie verwitwet ist.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">Auf Englisch, ich wei\u00df nicht warum, verwechseln wir Neid mit Eifersucht. Wir sagen jealous \u2013eifers\u00fcchtig \u2013 wenn wir neidisch meinen. Aber wenn ich Englisch spreche, macht es Sinn. Meine Mama ist nicht neidisch auf das kostenlose Essen \u2013 sie ist eifers\u00fcchtig auf Cheryls ganzes Leben. Jealous klingt so viel w\u00fctender als envious, denke ich. Jealous klingt w\u00fctend.<\/span><\/p>\n<p class=\"Standard\"><span lang=\"DE\">\u201eYou can&#8217;t be jealous of some widowed old hippy getting free food from a church\u201c, sage ich jetzt zu meiner Mama, und sie lacht, und ich bin so stolz, dass ich sie immer noch zum Lachen bringen kann. Die letzte wei\u00dfe Frau im Bezirk, und sie lacht noch.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mama erz\u00e4hlt mir von Cheryl Gaitling, einer alten Freundin von ihr, die fr\u00fcher in der N\u00e4he meiner Mama in Ost-London gelebt hat. Fr\u00fcher als es noch viele Wei\u00dfe in Ost-London gegeben hat, und nicht nur Polen, da lebte Cheryl Gailting, die Kunstlehrerin an einer Volkshochschule war, zwei Stra\u00dfen entfernt von uns. 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