{"id":13365,"date":"2019-03-17T16:49:46","date_gmt":"2019-03-17T15:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/magazin.stadtsprachen.de\/text\/metropole-des-uebersetzens-2\/"},"modified":"2020-11-16T16:24:29","modified_gmt":"2020-11-16T15:24:29","slug":"metropole-des-uebersetzens-2","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/metropole-des-uebersetzens-2\/","title":{"rendered":"Metropole des \u00dcbersetzens"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keynote zum Parataxe-Symposium \u201e\u00dc-Berlin\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Literarisches Colloquium Berlin, 23. November 2019<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAuch wenn man es gerne leugnet: Das \u00dcbersetzen ist das \u00e4lteste Gewerbe der Welt. Denn am Anfang war zwar das Wort, aber es verstand kein Mensch. Ja, man versteht es bis zum heutigen Tage so unvollkommen, dass des \u00dcbersetzens und Deutens niemals je ein Ende ist. Der \u00dcbersetzer mag also auf der St\u00e4ndepyramide \u00f6konomisch weit unten angesiedelt sein, in seiner Bedeutung f\u00fcr die Kulturgeschichte steht er ganz weit oben.\u201d Roger Willemsen, den ich hier zitiert habe, hat Recht: \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer sind unverzichtbar, denn sie machen Sprachbarrieren \u00fcberwindbar, lassen uns teilhaben am Wissen und Denken anderer Kulturen. Wir leben in Deutschland in einer besonders ausgepr\u00e4gten \u00dcbersetzungskultur: Luthers Bibel\u00fcbersetzung legte im 16. Jahrhundert den Grundstein f\u00fcr die deutsche Literatursprache, die Bl\u00fctezeit der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert war stark gepr\u00e4gt von \u00dcbersetzungen, die Shakespeare und Homer mit gro\u00dfer Emphase im Deutschen heimisch machten. In wenige Sprachen wird so viel und aus so vielen sogenannten \u201ekleinen\u201c Sprachen \u00fcbersetzt wie ins Deutsche. Im \u201eHeimatland der Fremde\u201c (Ijoma Mangold) erscheinen Jahr f\u00fcr Jahr um die 10.000 \u00fcbersetzte B\u00fccher \u2014 3.576 waren es 2018 allein im Bereich Belletristik, ungef\u00e4hr jedes vierte Buch in diesem Segment, dazu jedes f\u00fcnfte Kinder- und Jugendbuch (1.743 Titel im vergangenen Jahr). Dazu kommen die ungez\u00e4hlten \u00dcbersetzungen in Fremdsprachen, die hier entstehen. Ein beachtlicher Teil dieser \u00dcbersetzungsleistung wird in Berlin erbracht.<\/p>\n<p>Diejenigen, die dem Prosa-, Lyrik- oder Theater\u00fcbersetzen professionell nachgehen, m\u00fcssen, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, mit bescheidenen Honoraren zurechtkommen. Das Ringen mit den Verlagen um angemessene Verg\u00fctungen geh\u00f6rt zur Sisyphusarbeit des \u00dcbersetzerverbandes Vd\u00dc, und nat\u00fcrlich auch zum t\u00e4glichen Brot jeder einzelnen \u00dcbersetzerin, jedes einzelnen \u00dcbersetzers \u2014 der Frauenanteil liegt bei etwa 70% \u2014 die oder der in einer tendenziell schwachen Verhandlungsposition dem Verlag gegen\u00fcbertritt. Sie sind wie die anderen K\u00fcnste auch auf \u00f6ffentliche F\u00f6rderung angewiesen \u2014 vom Markt allein k\u00f6nnen nur die wenigsten leben. Diese Einsicht setzte sich in Deutschland in mehreren Sch\u00fcben durch: mit der Installation der ersten Stipendienprogramme f\u00fcr \u00dcbersetzer in den 70er Jahren im Land Baden-W\u00fcrttemberg, mit der Gr\u00fcndung des Europ\u00e4ischen \u00dcbersetzer-Kollegiums in Straelen (1978), und vor allem mit der Gr\u00fcndung des Deutschen \u00dcbersetzerfonds (D\u00dcF), hier im LCB im September 1997, der sich der \u201ebundesweiten, qualit\u00e4tvollen Vermittlung fremdsprachiger Literatur ins Deutsche\u201c (so die Formulierung in der Vereinssatzung) widmet. Die Etablierung des Deutschen \u00dcbersetzerfonds geht auf die Initiative Rosemarie Tietzes zur\u00fcck und ebnete den Weg zu einer substanziellen F\u00f6rderung der \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer mit Zielsprache Deutsch, sei es durch Stipendien, Fortbildungen oder durch eine Vielzahl von Projekten, die das \u00dcbersetzen als Kunst und als Schl\u00fcsselkompetenz in einer globalisierten Welt reflektieren und in die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit bringen. Der D\u00dcF ist in der Obhut der Bundesbeauftragten f\u00fcr Kultur und Medien gewachsen, die j\u00e4hrliche BKM-F\u00f6rderung betr\u00e4gt mittlerweile 1,15 Mio Euro, in kleinerem Umfang f\u00f6rdern das Ausw\u00e4rtige Amt und die Kulturstiftung der L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Integration der \u00dcbersetzer in die Literaturf\u00f6rderung mag uns heute als selbstverst\u00e4ndlich erscheinen, musste in den 90er Jahren aber durchaus gegen Widerst\u00e4nde durchgesetzt werden. F\u00f6rdergelder f\u00fcr \u00dcbersetzungen waren auch damals nicht un\u00fcblich, sie gingen aber durchweg an die Verlage &#8211; f\u00fcr die Wahrnehmung und Wertsch\u00e4tzung der dahinterstehenden \u00fcbersetzenden Individuen musste man einigen aufkl\u00e4rerischen Aufwand betreiben. Erinnert sei an Rosemarie Tietzes \u201ePl\u00e4doyer f\u00fcr den sicht- und h\u00f6rbaren \u00dcbersetzer\u201c von \u0131991 und das Memorandum \u201eNeue Wege der \u00dcbersetzerf\u00f6rderung\u201c, so etwas wie das Gr\u00fcndungsdokument des Deutschen \u00dcbersetzerfonds aus dem Jahr 1997. Ja, die \u00dcbersetzer sind sichtbarer und h\u00f6rbarer geworden seither, sie werden ernst genommen und h\u00e4ufiger genannt in den Feuilletons, sie melden sich zu Wort, sind pr\u00e4senter auf den literarischen B\u00fchnen. Die feierliche Betonung ihrer Unverzichtbarkeit geh\u00f6rt zum beklatschten Ritual jeder Buchmesseer\u00f6ffnung. Der Preis der Leipziger Buchmesse sorgt f\u00fcr Aufmerksamkeit, der Bundespr\u00e4sident bezieht sie ein in die Delegationen seiner Staatsbesuche.<\/p>\n<p>Auch wenn sich an der beklagenswerten Honorierungssituation nur wenig und qu\u00e4lend langsam ge\u00e4ndert hat \u2014 in Sachen Sichtbarkeit, Respekt und F\u00f6rderung sind wir ein gutes St\u00fcck vorangekommen. Mein Augenmerk liegt heute aber auf der \u00dcbersetzerstadt Berlin und ihren Protagonisten, die seit den achtziger Jahren im Literarischen Colloquium Berlin einen institutionellen Anker gefunden haben. Berlin (West) spielte in dem gerade angesprochenen Kontext der F\u00f6rderpolitik eine Vorreiterrolle. Eine g\u00fcnstige Konstellation trieb die Entwicklungen seit den sp\u00e4ten 8oer Jahren voran. 1987 und 1988 waren Jahre der kulturellen Expansion in der westlichen Halbstadt. Die 750-Jahr-Feier und die Aktivit\u00e4ten Berlins als \u201eKulturstadt Europas\u201c 1988 brachten viel Internationalit\u00e4t an die Spree, und viel Geld f\u00fcr Festivals und Gro\u00dfprojekte \u2014 auch die Literatur profitierte davon. Die \u00dcbersetzerin Karin Graf \u2014 zu ihren Autoren geh\u00f6rten V.S Naipaul, Joan Didion und Salman Rushdie, heute kennt man sie als Inhaberin der Literaturagentur Graf &amp; Graf \u2014 kam in diesen Jahren mit Vorschl\u00e4gen auf das LCB zu, die das literarische \u00dcbersetzen in den Mittelpunkt von Veranstaltungen und Fortbildungen stellen sollten. Hier im Literarischen Colloquium stie\u00df sie damit auf offene Ohren.<\/p>\n<p>Unter dem Leiter Ulrich Janetzki wurde eine neue Profilierung eingeleitet, die frisch renovierte Villa f\u00fcllte sich mit internationalen G\u00e4sten, Chinua Achebe und Assia Djebar etwa, und bald danach mit vielen Autoren aus Mittel- und Osteuropa \u2014 ziemlich oft gemeinsam mit ihren \u00dcbersetzern ins Deutsche. Auch die Berliner Kulturverwaltung zeigte sich offen f\u00fcr die von Karin Graf vorgeschlagene Sichtbarmachung und Weiterentwicklung der \u00dcbersetzungskunst: aus Senatsgeldern gef\u00f6rdert wurde 1990 die Etablierung einer \u00dcbersetzerwerkstatt im LCB, einer Kombination von Arbeitsstipendium und Fortbildungsseminar, die heute noch, als \u201eMutter aller Werkst\u00e4tten\u201d, j\u00e4hrlich angeboten wird. Tagesseminare zu Themen wie \u201e\u00dcbersetzung und Lektorat\u201c, \u201e\u00dcbersetzung und Kritik\u201c oder ein Symposium \u00fcber \u201eModen des \u00dcbersetzens\u201c, die alle in den Jahren zwischen 1989 und 1991 realisiert wurden, holten die literarischen \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer heraus aus der Nebenrolle am Katzentisch der Literatur, nahmen sie ernst als K\u00fcnstler und Urheber und machten ihr Wissen als Literaturproduzenten und \u2014 vermittler verf\u00fcgbar f\u00fcr das allgemeine Publikum. F\u00fcr dieProfilierung des LCB war das \u00dcbersetzungsthema eine vielversprechende, ausbauf\u00e4hige Sache, die gut passte zu den neuen Austauschbeziehungen, die sich nach dem Fall der Mauer er\u00f6ffneten. F\u00fcr mich selbst bedeutete sie ein Zusatzstudium im Maschinenraum der Weltliteratur, und nach Karin Grafs Abschied aus dem Metier ein Bet\u00e4tigungsfeld, dem ich mich als Programmmacher im Literarischen Colloquium nur allzu gerne widmete.<\/p>\n<p>Vor allem aber half der Konnex zum LCB bei der Formierung der Szene der \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer dieser Stadt. Der Bedarf war mit den H\u00e4nden zu greifen, schlie\u00dflich fielen mit der Wiedervereinigung auch die Grenzen zwischen dem bundesdeutschen und dem DDR-Buchmarkt, wuchsen zwei unterschiedliche \u00dcbersetzungskulturen zusammen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die privat organisierten \u00dcbersetzerstammtische. Meine Recherchen ergaben, dass sowohl der Russisch- wie auch der Englischstammtisch Anfang 1990 loslegten und gepr\u00e4gt waren vom Kennenlernen der Kolleginnen und Kollegen aus der anderen H\u00e4lfte der Stadt. Das hier im LCB erprobte \u00f6ffentliche Nachdenken \u00fcber die eigene T\u00e4tigkeit und ihre Voraussetzungen wurde mitunter zum Schauplatz von Kontroversen. Diskussionen zwischen Gegnern und Bef\u00fcrwortern der in der DDR \u00fcblichen Praxis der Nachdichtung waren zum Beispiel ein Dauerbrenner, auch ein Dostojewski-Abend mit Swetlana Geier (\u201eVerbrechen und Strafe\u201d\/ West) und Margit Br\u00e4uer (\u201eSchuld und S\u00fchne\u201c \/ Ost) bleibt wegen seiner Misshelligkeiten in Erinnerung. Durchaus rauflustig und fantasievoll in seinen Aktionen zeigte sich der Vd\u00dc, etwa als es um Solidarit\u00e4t f\u00fcr eine von einem Verlag gemobbte \u00dcbersetzerin ging oder um das Streiten f\u00fcr die Reform des Urherbervertragsrechts: in einem Ruderboot setzte man damals am Reichstag \u00fcber die Spree, befrachtet mit \u00fcbersetzten B\u00fcchern und pers\u00f6nlichen Statements f\u00fcr jeden einzelnen Abgeordneten des Bundestags. F\u00fcr die Berliner \u00dcbersetzerszene war das eine Gr\u00fcnderzeit, innerhalb weniger Jahre konstituierte sich eine lebendige community.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4senz der \u201eanderssprachigen\u201c \u00dcbersetzer Berlins, wie ich sie in Anlehnung an die Parataxeterminologie nennen m\u00f6chte, also jener, die in andere Zielsprachen als Deutsch \u00fcbersetzen, war bei all dem bis weit in die 90er Jahre marginal. 1991 fand im LCB eine Europ\u00e4ische \u00dcbersetzerkonferenz statt mit 60 Teilnehmern aus ganz Europa, die ein breites Themenspektrum von der \u00dcbersetzungstheorie bis zur Honorarsituation in den jeweiligen L\u00e4ndern behandelte \u2014 die internationalen G\u00e4ste reisten allesamt aus dem Ausland an. Das Berliner Biotop sollte sich erst in den Jahren danach ver\u00e4ndern; heutzutage k\u00f6nnte man dieselbe Vielfalt ohne weiteres allein mit Profis aus Berlin abbilden.<\/p>\n<p>Literatur\u00fcbersetzen war also ein gut ausgebauter Programmbereich im LCB, als wir im Jahr 2000 eine Initiative starteten, die sich den \u00dcbersetzern deutschsprachiger Literatur aus aller Welt widmete. Die Verankerung des LCB in der hiesigen, jetzt auch im Ausland st\u00e4rker beachteten Literaturszene, die internationalen Verbindungen, die Expertise in der \u00dcbersetzerf\u00f6rderung, nicht zuletzt auch die materiellen Gegebenheiten \u2014 Seminarr\u00e4ume, G\u00e4stehaus, ein Programmetat, Drittmittelbeschaffung \u2014 schafften beste Voraussetzungen hierf\u00fcr. Mit dem Arno Schmidt-\u00dcbersetzer John Woods \u2014 auch er hat sich sp\u00e4ter in Berlin niedergelassen \u2014 begann eine lange Reihe preisgekr\u00f6nter \u00dcbersetzer aus den USA in unserem G\u00e4stehaus; 2000 veranstalteten wir die erste Sommerakademie; 2003 startete die Kooperation mit dem deutsch-franz\u00f6sischen Goldschmidt-Programm; 2004, ausgestattet mit Geldern der Robert Bosch Stiftung, die Internationalen \u00dcbersetzertreffen, 2007 die Schritte-Stipendien der S. Fischer Stiftung, 2009 gr\u00fcndete der D\u00dcF das ViceVersa-Programm der zweisprachig besetzten Workshops. Vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt ist das Anfang 2018 gestartete und von Aurelie Maurin geleitete TOLEDO-Programm, eine gemeinsame Sache des Deutschen \u00dcbersetzerfonds und der Robert Bosch Stiftung, das insbesondere die internationalen \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer darin unterst\u00fctzt, ihre Mittlerrolle zwischen den Kulturen und Sprachr\u00e4umen aktiv auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen im Berliner Biotop lassen sich an den Bewerber- und Teilnehmerlisten f\u00fcr all diese Projekte ablesen: immer h\u00e4ufiger melden sich schwedische, amerikanische, russische, polnische, japanische, argentinische \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer mit Berliner Adresse \u2014 bis heute sind, ich habe nachgez\u00e4hlt, 120 von ihnen 7 allein auf unserem LCB-Radarschirm aufgetaucht. Ihr Handicap ist eine doppelte Unsichtbarkeit: in der Kunst, die sie aus\u00fcben, herrscht gemeinhin das Ideal der Tarnkappe \u2014 einer \u00dcbersetzung soll man m\u00f6glichst nicht ansehen, dass die Sprache einer zweiten Autorin, eines zweiten Autors am Werk war &#8211; als sei diese Form der Selbstausl\u00f6schung \u00fcberhaupt m\u00f6glich. Genauso h\u00e4ufig dominieren die negativen Vorzeichen: \u00dcbersetzen als Verlustgesch\u00e4ft, als quasi naturgegebene Underperfomance gegen\u00fcber dem Original.<\/p>\n<p>Rosemarie Tietze hat dieses \u201eIllusionstheater\u201c vor bald 30 Jahren schon beklagt, denn \u201ealle spielen sie mit (&#8230;): die Leser, weil sie das Werk des Dichters \u201eungefiltert\u201c erleben m\u00f6chten \u2014 so jedenfalls behaupten immer die Verlage; dann die Verlage selbst, aus begreiflichen Gr\u00fcnden, denn wer unsichtbar bleibt, nicht da ist, kann auch nichts fordern; die Kritiker, weil sie sich damit um die Notwendigkeit herumschummeln, sich mit der Instanz des Vermittlers auseinanderzusetzen; manchmal auch ein unkluger Autor, wenn er den Gedanken nicht ertr\u00e4gt, da\u00df sein Werk Ver\u00e4nderungen erf\u00e4hrt; und nicht zuletzt h\u00e4ngen dieser Illusion oft auch \u00dcbersetzer an.\u201c Dazu kommt: das Publikum der fremdsprachigen \u00dcbersetzer lebt in der Regel anderswo; Anerkennung und Kritik oder andere Formen der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung finden, wenn \u00fcberhaupt, fern vom Berliner Zuhause statt. Leute, die einer solchen Besch\u00e4ftigung nachgehen, m\u00fcssen also gewappnet sein. Sie sind Heroen des Understatements: ihr Herz ist gro\u00df, der geistige Horizont weit, aber man \u00fcbersieht sie leicht.<\/p>\n<p>Der Blick in dieses Auditorium und all das, was wir heute hier entfalten k\u00f6nnen, zeigt indes, was sie alles auf die Beine stellen: Sasha Marianna Salzmann auf Schwedisch, Eugen Ruge auf Vietnamesisch, Clemens Setz in italienischer \u00dcbersetzung, Hannah Arendt f\u00fcr Leser in Israel, all diese Werke entstehen an Neuk\u00f6llner, Weddinger, Pankower Schreibtischen. Dang Lanh Hoang, Kamilla Raffo und Gadi Goldberg \u00fcbersetzen, meist f\u00fcr schmerzhaft wenig Geld, f\u00fcr eine Leserschaft in der Ferne, aber sie sind lebendige Protagonisten der Literaturstadt Berlin. Das SAND Journal, der schwedische Verlag Thoren &amp; Lindskog, Katy Derbyshire und ihr neuer Verlag V&amp;Q Books, der deutsch-polnische \u00dcbersetzerstammtisch, die Weltleseb\u00fchne als Veranstaltungsgenerator, die Junge Weltleseb\u00fchne mit ihrer Pr\u00e4senz in den Berliner Schulen, Drama Panorama als internationales Forum des Theater\u00fcbersetzens, Versschmuggel im Haus f\u00fcr Poesie, TOLEDO und JUNIVERS am Wannsee, all diese Projekte leben ganz oder doch sehr stark vom Aktivismus der internationalen \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzer Berlins. Sie sind ein Herzst\u00fcck der anderssprachigen freien Literaturszenen der Stadt, deren Protagonisten wir seit drei Jahren in den Parataxe- Symposien beleuchten. Zusammen mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen machen sie Berlin zur wahrscheinlich innovativsten Metropole des \u00dcbersetzens weltweit.<\/p>\n<p>Der heute anzutreffende transnationale Charakter des literarischen Lebens bedeutet die gr\u00f6\u00dfte tektonische Verschiebung in der Literaturlandschaft Berlins seit dem Mauerfall. Es ist mittlerweile einiges getan worden, um die Literaturf\u00f6rderung des Landes Berlin der neuen Situation anzupassen. Die Etats der Berliner Kulturverwaltung f\u00fcr Projekte und auch f\u00fcr die literarischen Institutionen wurden zuletzt sp\u00fcrbar erweitert. Mit der Ausschreibung der ersten \u201eArbeitsstipendien f\u00fcr nichtdeutsche Literatur\u201d \u2014 man zuckt leicht zusammen, wenn man das ausspricht \u2014 vor zwei Jahren hat der Senat ein starkes kulturpolitisches Signal gesetzt, die Resonanz war enorm: fast 250 fremdsprachige Autorinnen und Autoren bewarben sich im ersten Jahr um die 6 Jahresstipendien, mittlerweile hat man sie aufgestockt auf 10. Ivana Sajko, Elnathan John, Donna Stonecipher, Nora Amin und all die anderen k\u00f6nnen davon berichten, was diese individuelle F\u00f6rderung, und was Berlin als Ort zum Schreiben f\u00fcr sie bedeutet. Bei der Auswahl dieser Stipendien verl\u00e4sst man sich, wen wunderts, auf das polyglotte Wissen einer aus deutsch- und fremdsprachigen \u00dcbersetzern gebildeten Jury.<\/p>\n<p>Senatsstipendien f\u00fcr \u00dcbersetzer? Eine Fehlanzeige. Es ist unter all diesen Vorzeichen eine irritierende Leerstelle der F\u00f6rderpolitik, dass man \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzern im Land Berlin die Zug\u00e4nge zu Stipendien und individuellen F\u00f6rderungen vorenth\u00e4lt. Dabei war man schon einmal weiter: in den fr\u00fchen 90er Jahren erm\u00f6glichten Mobilit\u00e4tsf\u00f6rderungen Arbeitsaufenthalte im \u00dcbersetzerkollegium Straelen, sp\u00e4ter auch im K\u00fcnstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Zwischen 1997 und 2005 wurden immerhin 20-25.000 Euro j\u00e4hrlich in Form von Arbeitsstipendien an Berliner \u00dcbersetzer ins Deutsche vergeben, dann fielen sie einer Haushaltssperre zum Opfer, um danach nie wieder aus der Versenkung aufzuerstehen. Bald 15 Jahre sp\u00e4ter ist die Zeit \u00fcberreif f\u00fcr eine Neujustierung, und zwar mit einem besonderen Fokus auf die Vielzahl der in eine Fremdsprache \u00dcbersetzenden. Sie z\u00e4hlt zu den prim\u00e4ren Forderungen der Berliner Literaturkonferenz, der Interessenvertretung der literarischen Institutionen und der freien Literaturszene. Mit ihrer Umsetzung ist, was man so h\u00f6rt, auch im kommenden Jahr nicht zu rechnen. Das ist ausgesprochen bedauerlich, sollte alle Betroffenen aber dazu anspornen, diesen blinden Fleck im Denken der Entscheider in Politik und Verwaltung zu korrigieren, sich bemerkbarer zu machen und aus dem Schatten zu treten.<\/p>\n<p>Die Literatur der Migrationsgesellschaft wird in vielen Sprachen geschrieben. Berlin, so viel ist klar, ist das Laboratorium, das herausragende Experimentierfeld dieser Literatur. Vermittler des Fremden und Anw\u00e4lte der Vielfalt werden in den zwanziger Jahren dringender denn je gebraucht, ihnen geb\u00fchrt Respekt und Anerkennung, aber auch materieller Support. Das \u00e4lteste Gewerbe der Welt k\u00f6nnte zeitgem\u00e4\u00dfer nicht sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bibliography\">Keynote f\u00fcr das PARATAXE Symposium VI: \u00dc-Berlin &#8211; die internationalen \u00dcbersetzer*innen Berlins am 23.11.2019 im LCB.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dichterlesen.net\/veranstaltungen\/veranstaltung\/detail\/parataxe-vi-ue-berlin-panel-iii-ue-berleben-in-den-sprachen-berlins-neue-wege-der-uebersetzerfoerde\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>&gt;&gt; AUDIO<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote zum Parataxe-Symposium \u201e\u00dc-Berlin\u201c Literarisches Colloquium Berlin, 23. November 2019 \u201eAuch wenn man es gerne leugnet: Das \u00dcbersetzen ist das \u00e4lteste Gewerbe der Welt. Denn am Anfang war zwar das Wort, aber es verstand kein Mensch. 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