{"id":16269,"date":"2021-10-18T11:34:39","date_gmt":"2021-10-18T09:34:39","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=16269"},"modified":"2021-11-01T08:30:13","modified_gmt":"2021-11-01T07:30:13","slug":"frankophone-literatur-aus-berlin-eine-spukgeschichte","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/frankophone-literatur-aus-berlin-eine-spukgeschichte\/","title":{"rendered":"Frankophone Literatur aus Berlin: Eine Spukgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keynote: PARATAXE Symposium VIII: French ReConnection, 5. Juni 2021<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist es ungeh\u00f6rig, einen Vortrag mit einem Zitat von Proust zu beginnen, und ich bitte jetzt schon um Verzeihung daf\u00fcr. Nur kann man auf Proust auch nie wirklich verzichten. Er hat au\u00dferdem f\u00fcr viele der heute vorgestellten Autor*innen eine gro\u00dfe Bedeutung, und deshalb erlaube ich mir diesen kleinen Fauxpas.<\/p>\n<p>\u00ab Les beaux livres sont \u00e9crits dans une sorte de langue \u00e9trang\u00e8re. \u00bb<\/p>\n<p>\u201eDie guten B\u00fccher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben\u201c sagte Proust.<\/p>\n<p>Vielleicht trifft das auch auf St\u00e4dte zu. Vielleicht wird die Geschichte besonderer, mystischer St\u00e4dte auch in Fremdsprachen geschrieben. Berlin ist sicherlich eine solche Stadt. Ein Babel-Berlin. Eine mehrsprachige Stadt. Eine Stadt aus Sprachen. Und Berlin spricht Franz\u00f6sisch. Evidemment.<\/p>\n<p>Das ich meinen Vortrag trotzdem auf Deutsch halten werde, ist vielleicht irrwitzig, aber fair enough\u2026<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Die Geschichte der frankophonen Literatur-Szene in Berlin ist eine Spukgeschichte. Zum Teil unsichtbar, und trotzdem mit Ruf und Tradition, eine Mischung aus Legende, Ger\u00fcchten und Fakten, mit fl\u00fcchtigen Figuren, die auftauchen und verschwinden, mit Gespenstern, die verfolgen oder verfolgt werden.<\/p>\n<p>Es ist normal und bekannt, dass Literatur auch durch nicht-Muttersprachler bereichert wird. Die franz\u00f6sische Literatur verdankt Milan Kundera, Samuel Beckett, aber auch Vassilis Alexakis, Ryoko Sekiguchi, Nancy Huston oder Shumona Sinha sehr viel. Auch die deutsche Literatur ist dank Abbas Khider, Yoko Tawada, Dagmara Kraus oder Sasa Stanisic bedeutend vielf\u00e4ltiger.<\/p>\n<p>Weniger bekannt ist die Situation von Autor*innen, die in dem einem Land leben, aber in der Sprache eines anderen Landes schreiben. In ihrer Heimat, wo ihre B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht werden, interessiert es kaum jemanden, dass sie woanders leben. Wer will schon wissen, dass Mathias Enard in Barcelona lebt oder zwei Jahre in Berlin verbracht hat, so lange er nur auf Franz\u00f6sisch \u00fcber den Orient, \u00fcber eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn oder Frankreich schreibt? Wen interessiert es, dass Fran\u00e7ois Jonquet seit \u00fcber 20 Jahren in Berlin lebt, wenn er auf Franz\u00f6sisch \u00fcber die Pariser N\u00e4chte schreibt?<\/p>\n<p>Vielleicht wird in einer kurzen Notiz in einem Lebenslauf darauf verwiesen. Vielleicht wird ab und zu danach gefragt, wenn das Thema in einem Buch auftaucht. Mehr wahrscheinlich auch nicht. Und da, wo sie leben, werden sie umgekehrt manchmal kaum als Autoren wahrgenommen. Sie leben diskret, au\u00dferhalb oder nur am Rande der offiziellen literarischen Kreise. Wer von der deutschen Buchbranche wusste schon von dem franz\u00f6sischen Lyriker Eric Sarner, dass er \u00fcber 10 Jahre in der deutschen Hauptstadt gelebt und geschrieben hat? Camille de Toledo lebt seit 2010 in Berlin. Er hat ein Dutzend B\u00fccher geschrieben. Einige davon sogar in Berlin. Sein letzter Roman, Th\u00e9s\u00e9e sa vie nouvelle, ist nicht nur, aber auch ein Berliner Roman. Trotzdem geh\u00f6rt er nicht zur deutschen Literaturlandschaft.<\/p>\n<p>Das ist das Schicksal frankophoner Berliner Autor*innen.<\/p>\n<p>Und vielleicht ist das auch alles gut so. Einige frankophone Autor*innen aus Berlin genie\u00dfen sogar diese Ruhe. Sie sind vielleicht extra deshalb hergekommen. Marie NDiaye betonte z.B. regelm\u00e4\u00dfig, dass sie diese Anonymit\u00e4t sehr sch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><strong>In einer Sprache zu Hause sein<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht stimmt es, dass f\u00fcr Autor*innen die Sprache die Heimat ist und der Wohnort deshalb nur von zweitrangiger Bedeutung. Das hat z.B. der rum\u00e4nische, auf Franz\u00f6sisch schreibende Autor Emil Cioran geschrieben:<\/p>\n<p>\u201eOn n\u2019habite pas un pays, on habite une langue.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir wohnen nicht in einem Land, sondern sind in einer Sprache zu Hause\u201c.<\/p>\n<p>Diese Aussage ist sehr sch\u00f6n und wurde viel zitiert, aber ich m\u00f6chte sie trotzdem hinterfragen. Ist es tats\u00e4chlich so einfach? Ist der Wohnort so unbedeutend? Z\u00e4hlt wirklich nur die Sprache?<\/p>\n<p>Der franko-iranische Autor aus Berlin, Pedro Kadivar, sieht es auch nicht so eindeutig. In seinem wundersch\u00f6nen und feinsinnigen \u201eKleinen Buch der Migrationen\u201c schreibt er:\u201eEs gibt keine Sprache ohne Geographie. Eine Sprache ist zwangsl\u00e4ufig die eines Landes, einer Landschaft. Die Muttersprache hat einen Ort. Was geschieht wenn sie in einem Wurzeln geschlagen hat und man woandershin geht, vorausgesetzt man wurde im Land der Muttersprache geboren?\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht m\u00f6glich zu behaupten, dass Autor*innen mehr Heimat in einer Sprache finden, wenn sie in einem fremdsprachigen Alltag leben? Findet man nicht seine eigene Sprache genau da, wo sie nicht mehr sicher und selbstverst\u00e4ndlich ist?<\/p>\n<p>Darauf hat vielleicht auch Jean-Charles Massera 2007 w\u00e4hrend einer Lesung bei Zadig hingedeutet. Als er gefragt wurde, ob er keine Angst h\u00e4tte, seine Muttersprache zu vergessen, jetzt, da er in Berlin wohnt, antwortete er: \u201ePerdre la langue, c\u2018est justement le programme\u201c \u201eDie Muttersprache zu vergessen, ist genau das Ziel!\u201c<\/p>\n<p>Nichts anderes \u00fcbrigens sagt Anne Weber, die in Frankreich lebt: \u201eMan braucht einfach einen Abstand zur Sprache, und der Umweg \u00fcber das Franz\u00f6sische war f\u00fcr mich ein Mittel, einen Abstand auch zu meiner deutschen Muttersprache zu bekommen\u201c.<\/p>\n<p>Also so unbedeutend ist der Wohnort dann wohl doch nicht \u2026<\/p>\n<p><strong>Schauplatz Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Fest steht, dass viele Autor*innen sich von ihrem Wohnort inspirieren lassen, auch wenn sie weiterhin in ihrer Muttersprache schreiben. Viele Berliner frankophone Autor*innen schreiben \u00fcber Berlin: C\u00e9cile Wajsbrot, Christian Prigent, Jean-Philippe Toussaint, Camille de Toledo, Oscar Coop-Phane, Wilfried N\u2019sond\u00e9, Jean-Yves Cendrey und Prune Antoine. Dies sind nur einige der Schriftsteller*innen, die der Stadt eine franz\u00f6sische literarische Identit\u00e4t gegeben haben. Andere, wie Wilfried N\u2019sond\u00e9, haben \u00fcber diese Stadt geschrieben, nachdem sie sie verlassen hatten: Nachdem er mehrere Romane \u00fcber Frankreich geschrieben hatte, ver\u00f6ffentlichte er 2015 \u2013 kurz nach seiner R\u00fcckkehr nach Paris &#8211; Berlinoise, ein Buch \u00fcber den Fall der Mauer, das stark von seinen ersten Jahren in Berlin inspiriert ist. Es ist wie ein Abschiedsbrief an diese Stadt.<\/p>\n<p><strong>Kommen und gehen. Berlin \u2013 eine Transitstadt<\/strong><\/p>\n<p>Viele kommen nach Berlin. Viele gehen aber auch wieder. Wilfried N\u00b4sond\u00e9 hat \u00fcber 25 Jahre in Berlin gelebt, Marie NDiaye und Jean-Yves Cendrey sind 10 Jahre geblieben, Christian Prigent und Fabrice Gabriel waren f\u00fcnf oder sechs Jahre da, andere wie Oscar Coop-Phane, Louis-Philippe Dalembert, Abdourahmane Waberi oder Mathias Enard wohnten nur ein oder zwei Jahre hier. Manche leben zwischen den Welten, sie kommen und gehen: Alban Lefranc, Oliver Rohe, Olivier Guez kamen nur ab und zu und unterhalten noch immer enge Beziehungen zu dieser Stadt, C\u00e9cile Wajsbrot lebt zwischen Paris und Berlin\u2026 Die Anziehungskraft von Berlin scheint nicht immer stark genug zu sein, damit Auto*innen tiefe Wurzeln schlagen, aber andererseits kommt man anscheinend auch nicht so einfach von ihr los: \u00ab Nous aurons \u00e9t\u00e9, nous sommes encore et serons toujours des Berlinois&#8221;\u201c (\u201eWir waren, sind und werden immer Berliner bleiben\u201c) schreibt Christian Prigent in Berlin sera peut-\u00eatre un jour.<\/p>\n<p>Ihre B\u00fccher bleiben uns jedoch erhalten. Als Neuank\u00f6mmling in der Stadt liest man oft <em>Berlin sera peut-\u00eatre un jour<\/em> von Christian Prigent, <em>Demain Berlin<\/em> von Oscar Coop-Phane, <em>La t\u00e9l\u00e9vision<\/em> von Jean-Philippe Toussaint oder den Comic von Mathilde Ramadier <em>Berlin 2.0<\/em>, um zu wissen, wo man gelandet ist. Es kommt darauf an, welchen Geistern man folgt\u2026<\/p>\n<p>Auf den Spuren von welchen Geistern?<\/p>\n<p>Und welchen Geistern sind die Autor*innen gefolgt?<\/p>\n<p>Einige konzentrierten sich auf die Geister der Geschichte. In dem B\u00fcchlein <em>Y penser sans cesse \/ Unabl\u00e4ssig daran denken<\/em>, hinterfragt Marie NDiaye das Ged\u00e4chtnis der Stadt und die Geister der Geschichte. Mit seinen Denkm\u00e4lern und Stolpersteinen l\u00e4sst Berlin seine schmerzhafte Beziehung zur Geschichte nicht vergessen. In <em>L\u2019\u00eele aux mus\u00e9es<\/em> erteilt C\u00e9cile Wajsbrot den Statuen von Paris und Berlin das Wort, damit diese die Trag\u00f6die der Geschichte erz\u00e4hlen. In <em>Trois jours \u00e0 Berlin<\/em> erz\u00e4hlt Christine de Mazi\u00e8re vom Fall der Mauer und den Hoffnungen der Wendezeit.<\/p>\n<p>Von welchen Geistern verfolgt?<\/p>\n<p>Manche Autor*innen werden von ihren eigenen Geistern verfolgt und haben sich eine Stadt ausgesucht, die Platz f\u00fcr Trauer, Neuerfindung oder Fantasie bietet.<\/p>\n<p>In <em>Th\u00e9s\u00e9e, sa vie nouvelle<\/em> erz\u00e4hlt Camille de Toledo, wie er nach Berlin kommt, um vor einer Familientrag\u00f6die und dem Fluch der Geschichte zu fliehen. Berlin soll ihn vor seinen eigenen Geistern besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Cette ville, il pense, c\u2019est le lieu que j\u2019ai choisi<\/p>\n<p>Pour relancer la vie<\/p>\n<p>Pour d\u00e9vier la lign\u00e9e des hommes qui meurent<\/p>\n<p>Pour leur \u00e9chapper<\/p>\n<p>Diese Stadt, denkt er, ist der Ort, den ich mir ausgesucht habe<\/p>\n<p>Um ein neues Leben zu beginnen<\/p>\n<p>Um der Blutlinie der sterbenden Menschen eine andere Richtung zu geben<\/p>\n<p>Um ihr zu entkommen<\/p>\n<p>Die Figuren in den Romanen von Oscar Coop-Phane und Anne-Laure Jaegle verlieren sich in den N\u00e4chten von Berlin, um den eigenen D\u00e4monen zu entkommen.<\/p>\n<p><strong>Berlin: Raum der Freiheit<\/strong><\/p>\n<p>In vielen Romanen wird Berlin als Zufluchtsort oder als Raum der Freiheit beschrieben. Auch wenn sich diese Fantasie manchmal als Illusion erweist. Auf sehr unterschiedliche Art und Weise machen z.B. Emma Becker, Prune Antoine, Jean-Philippe Toussaint oder Mathias Enard Berlin zu einem Ort, an dem man sich neu erfinden kann, an dem alles m\u00f6glich scheint. Nicht, dass alles rosig sei unter dem Berliner Himmel: Die Beziehung zur deutschen Hauptstadt erweist sich oft als sehr ambivalent. Manchmal wird mit Humor, manchmal auch mit Bitterkeit von den Entt\u00e4uschungen erz\u00e4hlt. Aber der Topos Berlin funktioniert als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die Obsessionen der Autor*innen.<\/p>\n<p>\u00ab il y a du vide g\u00e9ographique et du vide mental, une place pour que les choses adviennent\u00bb\u00a0 schreibt C\u00e9cile Wajsbrot in Berliner Ensemble, w\u00e4hrend Jennifer Richard in einem Interview erz\u00e4hlt: \u201eBerlin est une m\u00e9tropole lente o\u00f9 l\u2019on doit prendre le temps de jouir de la vie\u201c . Oscar Coop-Phane beschreibt Berlin als eine ruhige, entspannte Stadt, in der alles erlaubt ist und es kaum Zw\u00e4nge gibt, was nicht ungef\u00e4hrlich ist. Er schreibt: \u00ab La libert\u00e9 exige la force ; certains sont faibles, ils se perdent rapidement. Mais autour d\u2019eux, les autres continueront leurs promenades \u00e0 v\u00e9lo, leurs trajets en tramway et leur vie agr\u00e9able. On peut l\u2019imaginer simplement, ce sont des hommes que le Travail n\u2019a pas broy\u00e9s. C\u2019est une ville situationniste. \u00bb<\/p>\n<p>Die Stadt bietet Raum und Zeit und genau das braucht man zum Schreiben\u2026 Berlin kann ein Zufluchtsort oder ein Spielplatz sein, ein wei\u00dfes Blatt oder eine Palimspest \u2026<\/p>\n<p>Deshalb kann es sein, dass auch die B\u00fccher, die zwar nicht \u00fcber Berlin, aber in Berlin geschrieben worden sind, von diesem Raum profitiert haben und dadurch auch von Berlin gepr\u00e4gt sind.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Die frankophone Szene Berlins hat ihre Orte\u2026<\/p>\n<p>Es ist nicht verwunderlich, dass gleich einer der ersten Orte ein geheimnisvoller Geisterort ist: das &#8220;Maison du livre&#8221;, das 1921 gegr\u00fcndet wurde. Von dieser ersten Buchhandlung gibt es kaum historische Spuren. Es gibt nur ein Buch, <em>Rien o\u00f9 poser sa t\u00eate<\/em>. Nichts, um sein Haupt zu betten &#8211; ein wundersch\u00f6ner Text von Fran\u00e7oise Frenkel, einer polnischen J\u00fcdin, die diese Buchhandlung in den 1920er Jahren er\u00f6ffnet hat und 1939 vor den Nazis fliehen musste. Eine sehr geheimnisvolle Frau diese Fran\u00e7oise Frenkel\u2026 Ihr gelang die Flucht in die Schweiz, wo sie das Buch 1943-1944 geschrieben haben soll. Was danach aus ihr geworden ist, ist fast g\u00e4nzlich unbekannt\u2026 Die wenigen noch bekannten Informationen finden sich im Vorwort von Patrick Modiano. Es ist eine so geheimnisvolle Geschichte, dass ich immer dachte, sie m\u00fcsste erfunden sein und Patrick Modiano hat sie nur aufgeschrieben. Ich werde nie erfahren, ob sie stimmt, aber die Hypothese gef\u00e4llt mir: Der Gedanke, dass die erste franz\u00f6sische Buchhandlung Berlins eine Erfindung eines unserer gr\u00f6\u00dften Schriftsteller ist, finde ich gro\u00dfartig. An diese Fiktion m\u00f6chte ich gerne weiter glauben.<\/p>\n<p>Danach gab es andere Buchhandlungen, die es oft schwer hatten zu \u00fcberleben, die aber auch dazu beigetragen haben, dass diese Szene lebendig bleibt. Heutzutage gibt es eine Reihe von Buchhandlungen, die franz\u00f6sische B\u00fccher anbieten und Orte des Austauschs sind: les Galeries Lafayette, Modern Graphics auf der Kastanienallee, Mondo Azul\u2026 Vor ein paar Jahren gab es auch noch Raum B in Neuk\u00f6lln. Fr\u00fcher die Romanische Buchhandlung.<\/p>\n<p>Und es gibt Zadig.<\/p>\n<p>Zadig, die franz\u00f6sische Buchhandlung, die seit 18 Jahren das pulsierende Herz der franz\u00f6sischen Szene ist. Die vielen Autor*innen, die dort zu Lesungen waren, die Energie und die Leidenschaft der Buchh\u00e4ndler, aber auch die tausenden von Menschen, die \u00fcber die Jahre diesen Ort besuchten, sich \u00fcber Literatur, Berlin, Europa, die Liebe, die kleinen und gro\u00dfen Sorgen, \u00fcber Hoffnungen, B\u00fccher und \u00fcber das Leben unterhalten haben\u2026 Das macht Zadig zu etwas ganz besonderem\u2026<\/p>\n<p>Es gibt Buchhandlungen und es gibt das Maison de France. Seit 70 Jahren ist das Institut fran\u00e7ais am Kurf\u00fcrstendamm ein Haus, ein Zufluchtsort und eine B\u00fchne f\u00fcr die franz\u00f6sische Literatur. Hunderte von Autor*innen waren bereits dort. Tausende Berliner nutzen jedes Jahr die Bibliothek und das Kulturangebot. Wenn Sie an den W\u00e4nden lauschen, h\u00f6ren Sie das Gemurmel von Generationen von Leser*innen und Autor*innen\u2026 auf Franz\u00f6sisch. Bien entendu.<\/p>\n<p>Es gibt und es gab auch immer Leseb\u00fchnen, Schreibworkshops, Experimentierr\u00e4ume, wo franz\u00f6sische Texte entstanden, geprobt oder vorgetragen wurden. Manche sind schnell wieder verschwunden, andere hatten trotz Pausen mehr Ausdauer \u2026<\/p>\n<p>Komischerweise wird diese sich st\u00e4ndig wandelnde und nicht greifbare Szene von vielen Tieren bev\u00f6lkert\u2026 Ich denke da an die dreisprachige Leseb\u00fchne \u201eder Kraken\u201c, die fr\u00fcher im Raum B stattfand, an die Theatergruppe <em>La m\u00e9nagerie<\/em> im Acud, an die Veranstaltungen des Vereins <em>Un z\u00e8bre sur la langue<\/em>, an die Kleinkunstb\u00fchne <em>Corbo<\/em> in Kreuzberg, wo die Kunst des Chansons zelebriert wurde, mit Corine Douarre, B\u00e9rang\u00e8re Pallix, C\u00e9cile Rose oder dem Autor und Musiker Kent\u2026 Ich denke dabei auch an die zweisprachige Zeitschrift, <em>la mer gel\u00e9e,<\/em> die von Alban Lefranc und Aur\u00e9lie Maurin herausgegeben wird. Eine Zeitschrift, die Autor*innen und \u00dcbersetzer*innen einen echten Experimentierraum bietet\u2026 und irgendwann den Hund \u2013 <em>num\u00e9ro chien<\/em> \u2013 zum Thema hatte\u2026<\/p>\n<p>Ich denke auch an das deutsch-franz\u00f6sische Comiczine <em>B\u00e9ton<\/em>, das die ganze Vielfalt der Comicwelt wiederspiegelt. B\u00e9ton wurde von der wunderbaren und energiegeladenen Laetitia Graffart ins Leben gerufen, die uns vor einer Woche auf so tragische Weise genommen wurde.<\/p>\n<p>Heute gibt es das tolle Projekt \u00abL\u2019h\u00f4tel des autrices\u00bb, das gerne auch ein paar Tieren Zuflucht bietet\u2026<\/p>\n<p>Es gibt sie also die franz\u00f6sische Literatur-Stadt Berlin. Eine Stadt aus Papier, Tr\u00e4umen und Fantasie. Eine Geisterstadt der franz\u00f6sischen Literatur.<\/p>\n<p>Welche Zukunft liegt vor uns?<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt immer wieder: fr\u00fcher war alles besser. Als ich 2003 nach Berlin kam, wurde mir st\u00e4ndig erz\u00e4hlt, wie toll es in den 1990er war, dass ich alles verpasst h\u00e4tte. Es hie\u00df: Damals war Christian Prigent da; er hat Berlin seine franz\u00f6sische Stimme gegeben! Und dann die gro\u00dfe Zeit von Jean Philippe Toussaint in Berlin! Schade, dass du das verpasst hast! Heute wird der Zeit von \u201eSaint-Berlin-des-pr\u00e8s\u201c nachgetrauert\u2026 Mathias Enard, Marie NDiaye, Jean-Yves Cendrey, Wilfried N\u2018sond\u00e9 sind weg\u2026 aber wer wei\u00df was die Zukunft bringt? Vielleicht sind sie schon da, die gro\u00dfe Namen von Morgen, die Autor*innen, die die Sprache neu erfinden werden und die Berlin noch tausende neuer Gesichter geben werden.<\/p>\n<p>In den kommenden Tagen soll Miguel Bonnefoy nach Berlin kommen. Er ist Gast des K\u00fcnstlerprogramms des DAAD. Er soll ein Jahr bleiben\u2026 Wer wei\u00df?\u2026 Vielleicht bleibt er ja doch l\u00e4nger\u2026. Er w\u00e4re nicht der Erste, der dank dieses Programms nach Berlin gekommen ist und tiefe Beziehungen zu der Stadt entwickelte.<\/p>\n<p>2019 kam Jennifer Richard f\u00fcr drei Monate mit einem Stipendium des Institut fran\u00e7ais, une bourse Stendhal\u2026 Sie kam f\u00fcr ein Buchprojekt, verliebte sich in die Stadt und ist jetzt wieder hier.<\/p>\n<p>Und es gibt auch noch alle diese unbekannten Autor*innen, die schon eigene Projekte entwickeln und noch darauf warten, entdeckt zu werden oder den richtigen Verlag zu finden. Einige sind vielleicht im <em>Hotel des Autrices<\/em> untergekommen. In einem Hotel, als ob sie noch nicht entschieden h\u00e4tten, ob sie hier bleiben m\u00f6chten oder nicht\u2026 Vielleicht bauen sie irgendwann ihr Haus in Berlin oder fliehen wieder aus dieser Stadt und nehmen ein St\u00fcck Berlin in ihrem Koffer mit\u2026<\/p>\n<p>Die Geschichte der franz\u00f6sischen Literatur in und aus Berlin ist noch nicht zu Ende\u2026 Wir warten auf die Fortsetzung.<\/p>\n<p>\u00c0 suivre\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keynote: PARATAXE Symposium VIII: French ReConnection, 5. Juni 2021 Eigentlich ist es ungeh\u00f6rig, einen Vortrag mit einem Zitat von Proust zu beginnen, und ich bitte jetzt schon um Verzeihung daf\u00fcr. Nur kann man auf Proust auch nie wirklich verzichten. 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