{"id":17012,"date":"2021-10-18T11:32:01","date_gmt":"2021-10-18T09:32:01","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17012"},"modified":"2021-10-21T14:55:47","modified_gmt":"2021-10-21T12:55:47","slug":"triptychon-u%cc%88ber-den-genozid","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/triptychon-u%cc%88ber-den-genozid\/","title":{"rendered":"Triptychon u\u0308ber den Genozid"},"content":{"rendered":"<p>Hutu? Tutsi?<\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn Jahre nach dem V\u00f6lkermord sind das verbotene Worte, ein \u00f6ffentliches Tabu. Es gibt keine Tutsi, es gibt keine Hutu, es gibt nur ein ruandisches Volk. Die Frage: \u201eWer bist du?\u201c darf nicht gestellt werden, weil das \u00fcberhaupt keine Bedeutung hat (oder eher keine haben sollte). Alle sind gleichwertig, alle sind gleich. So will es der Pr\u00e4sident, so ist die offizielle Vers\u00f6hnungspolitik. Inoffiziell, aber fast immer, wenn ich in Ruanda jemanden zum ersten Mal treffe, wei\u00df ich sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Minuten, wer er ist. Denn der Gespr\u00e4chspartner findet sofort einen Vorwand, um \u2013 wie zuf\u00e4llig \u2013 einzuwerfen, dass er ein Tutsi sei. Wenn er nichts davon verlauten l\u00e4sst, bedeutet es meistens, dass er kein Tutsi ist.<\/p>\n<p>Das erste, was einem in Ruanda auff\u00e4llt, ist die Beengtheit. Nicht die Sonne, nicht das Licht. Sondern die Beengtheit. Man k\u00f6nnte auch anders sagen: die N\u00e4he. \u00dcberall \u2013 Menschen. \u00dcberall \u2013 Gruppen, Scharen, Menschenmassen.<\/p>\n<p>Und das Land ist klein, zu klein. Und noch mehr fehlt es an Boden, der einen ern\u00e4hren k\u00f6nnte. Denn die H\u00e4lfte von Ruanda besteht aus Bergen, in denen man nicht leben kann. Daher ist es in den T\u00e4lern beengt. In fast jedem Dorf ziehen von morgens bis abends unz\u00e4hlige Menschenmassen \u00fcber die matschigen Landstra\u00dfen. Die einen gehen dort lang, die anderen hier lang, noch andere stehen herum. Jemand verkauft etwas, kauft etwas, jemand schiebt ein Fahrrad mit einem Kanister <em>Urwagwa<\/em>, mit Bananen f\u00fcr <em>Urwagwa<\/em>, mit einem Sack Sorghum, weil man auch aus Sorghum Alkohol machen kann. Es ist eng, wie an der Ecke Marsza\u0142kowska- und \u015awi\u0119tokrzyska-Stra\u00dfe oder in der Fifth Avenue, in den Champs-\u00c9lys\u00e9es, am Kudamm. Nur die H\u00e4user sind anders: eingeschossig, \u00e4rmlich, meist aus getrockneten Lehmziegeln gebaut, rot oder mit grauem Lehm verputzt. Doch insgesamt ist das Stra\u00dfenbild nicht grau, denn die Menschen, insbesondere die Frauen, haben hier keine Angst vor bunter Kleidung, oft sehen sie wie farbenfrohe Schmetterlinge aus: Hutu, Tutsi und Twa.<\/p>\n<p>Derjenige, der denken w\u00fcrde, es handelte sich hierbei um drei St\u00e4mme, irrt. So war es vielleicht vor Jahrhunderten, am Anfang, oder sogar vor dem Anfang, als es Ruanda noch nicht gab. Doch seit Jahrhunderten handelt es sich um eine Gemeinschaft, das Volk der Banayarwanda. Alle sprechen dieselbe Sprache, glauben dasselbe, essen das gleiche, bauen auf die gleiche Weise ihre Geh\u00f6fte und wohnen genau gleich. Auf derselben Erde.<\/p>\n<p>Woher kommt also die Trennung?\u00a0 Es sind verschiedene \u2013 anthropologische, historische und politische Gr\u00fcnde, die \u00fcber unterschiedliche Antworten entscheiden werden.<\/p>\n<p>Hier gibt es keine alte Malerei, keine Bildhauerkunst, keine Literatur, doch es gibt das alte Wort. Die Kunst des gesprochenen Wortes, die Kunst des M\u00e4rchen-, Mythen- und Legendenerz\u00e4hlens haben die Ruander zur Perfektion gebracht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dank dessen wei\u00df man, dass es die drei Bezeichnungen (oder eher drei Namen): Gahutu, Gatutsi, Gatwa so lange wie die Sprache Kinyarwanda selbst gibt. Es waren die drei S\u00f6hne des ersten Menschen, Br\u00fcder, aus einem Samen, einem Blut.<\/p>\n<p>Gott \u2013 <em>Imana<\/em> \u2013 hatte lange dar\u00fcber nachgedacht, welchem von ihnen er die Macht geben sollte. Also unterzog er die Br\u00fcder verschiedenen Proben, um ihre Intelligenz, Schl\u00e4ue, Verantwortung und Tapferkeit zu pr\u00fcfen. Immer erwies sich Gatutsi als der Beste. Und das in so manchem, hier jahrhundertelang wiederholtem Mythos. Die Mythen verfestigten die feudale Struktur von Banyarwanda. Aus den Mythen wissen wir, dass die Br\u00fcder nicht gleich waren. Die Zugeh\u00f6rigkeit zu den Nachkommen von Gahutu, Gatutsi oder Gatwa war wie eine Visitenkarte. Sie bedeutete nicht nur Abstammung, sondern auch Lebens- und Arbeitsweise, die Wesensart, oder eher die Umgangsformen, die Haltung w\u00e4hrend des Spiels und w\u00e4hrend des Kampfes. In aller K\u00fcrze gesagt, sind Tutsi Viehz\u00fcchter, Hirten, die Aristokratie, der K\u00f6nigshof. Geistreich und distinguiert. In die hiesigen Gebiete waren sie vor Jahrhunderten aus Gottes Willen gekommen (nach manchen Sagen sollen die ersten Tutsi direkt vom Himmel auf die Erde gekommen sein). Sie brachten Kultur und Fortschritt mit, daher hatten die hier vorher lebenden Landwirte und Sammler keinen Ausweg: sie ergaben sich ihrer Dominanz.<\/p>\n<p>Davon erz\u00e4hlt zwar fast jedes Buch \u00fcber Ruanda, aber es muss hier wiederholt werden: der K\u00f6nig von Ruanda \u2013 <em>Mwami<\/em> \u2013 war immer ein Tutsi gewesen. Manche Kulturforscher behaupten, dass es zumindest seit der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert so gewesen sei, als Gihanga, der Gr\u00fcnder des Staates und der Viehzucht, auf dem Thron sa\u00df. Doch die meisten Historiker neigen zu der Theorie, dass die Tutsi im 15. Jahrhundert \u00fcber das Flussbett des Nil aus den heutigen Gebieten \u00c4thiopiens gekommen seien. Sie brachten K\u00fche hierher.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, jedenfalls symbolisierte die Kuh in Ruanda zumindest in den letzten f\u00fcnf Jahrhunderten Macht und Herrschaft. Nicht der Speer, nicht die Machete, sondern die Kuh. Laut Tradition geh\u00f6rten bis zum Niedergang des K\u00f6nigreiches Ende der 1950-er Jahre alle K\u00fche im Staat dem K\u00f6nig. In der Praxis geh\u00f6rten die Herden den einzelnen Tutsi-Herren. Ihre Vasallen waren die Hutu.<\/p>\n<p>Hutu sind Bauern. Diejenigen, die den Boden bestellten. Auch sie sind irgendwann hierhergekommen, h\u00f6chstwahrscheinlich noch \u2013 obwohl das nicht sicher ist \u2013 vor den Tutsi-Hirten, in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Sp\u00e4ter, als die Hirten ihre K\u00fche hierher getrieben hatten, pachteten die Hutu die Tiere bei ihnen. Der Tutsi-Hirte war der Schirmherr der Hutu. Er gab dem Bauern Schutz und Stabilisierung.<\/p>\n<p>Und dann noch die Twa \u2013 sie sollen die allerersten in diesen Gebieten gewesen sein, die Ureinwohner, eine Handvoll von ihnen, Honigsammler im Wald, und au\u00dferhalb des Waldes T\u00f6pfer, Bauernknechte und Diener. Dazu waren sie auch, noch lange nach dem Auftauchen wei\u00dfer Missionare in Ruanda \u2013 gewissenhafte Henker junger Frauen, die als Unverheiratete ungewollt schwanger geworden waren. Unweit von Kibuye (dorthin fahren Leonard und ich bald in einer anderen Angelegenheit) ragt aus dem Kiwusee die unbewohnte und nackte\u00a0 M\u00e4dcheninsel heraus. Dorthin nahm der Zeremonienmeister und Henker, ein Twa \u2013 bis in die 1970-er Jahre, wie man erz\u00e4hlt \u2013 \u00a0das von seinen Verwandten verurteilte unz\u00fcchtige M\u00e4dchen mit. Mit einem Boot, wie Charon. Es starb auf der nackten Insel vor Hunger und Sonne.<\/p>\n<p>Die Beseitigung unverheirateter schwangerer Frauen wurde in allen Gruppen praktiziert. Bei diesem Brauch gab es, wie in Tausenden anderen Dingen, keinen Unterschied zwischen Hutu, Tutsi und Twa. Eine Gemeinschaft, ein Volk. Jedoch unterteilt in \u2013 so w\u00fcrden wir das wohl in Europa nennen \u2013 gesellschaftliche Klassen oder Schichten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Nicht in St\u00e4mme.<\/p>\n<p>Es gab aber, wenn auch selten, Hutu- und Twafamilien, die in der gesellschaftlichen Hierarchie aufstiegen, um schlie\u00dflich Tutsi zu werden. H\u00e4ufiger kamen \u2013 bis zum V\u00f6lkermord im Jahre 1994 \u2013 gemischte Ehen vor. Aus ihnen wurden Kinder geboren, die ihre Gruppenzugeh\u00f6rigkeit vom Vater erbten \u2013 so ist das in Ruanda und keiner diskutiert damit. Man kann sich also eine Tutsi-Frau vorstellen, die Hutu-Kinder gebar, weil sie diese mit einem Hutu-Mann hatte. Man kann sich vorstellen, dass wenn sie nach Jahren Gro\u00dfmutter geworden ist, ihre Enkel Hutu (wenn ihr Sohn die Enkelkinder gezeugt hatte) oder Tutsi waren (wenn ihr Schwiegersohn ein Tutsi war). Eine so gemischte, generations\u00fcbergreifende Familie ist in Ruanda keine Seltenheit. Es kommt auch vor, dass eine Tutsi-Frau ein Kind mit einem Hutu-Mann, und ein zweites mir einem Tutsi hat. Es soll auch \u2013 vierundneunzig \u2013 vorgekommen sein, dass eine vor Hass wahnsinnig gewordene Mutter eines ihrer Kinder an die M\u00f6rder herausgab, und die anderen \u2013 die Hutu waren \u2013 dabei zuschauten.<\/p>\n<p>Im Irrtum bef\u00e4nde sich derjenige, der meinen w\u00fcrde, die so vermischten Tutsi oder Hutu h\u00e4tten irgendwelche typischen anthropologischen Eigenschaften. Viele wiederholen \u2013 wie die Kolonisatoren \u2013 dass die ersteren hell, hochgewachsen und schlank seien, und die anderen im Gegenteil \u2013 dunkel, st\u00e4mmig und klein. Achtung! Man kann sich irren. Zum Beispiel ist Innocent, der mit Leonard in einem Zimmer im Studentenwohnheim wohnt, dunkel, schm\u00e4chtig und klein. Manche k\u00f6nnten sagen: ein reiner Twa. Aber Innocent ist ein Tutsi \u2013 keiner aus seiner Umgebung hegt den geringsten Zweifel daran. Was nicht bedeutet, dass ihm sein Aussehen in jenem Fr\u00fchjahr nicht geholfen h\u00e4tte, zu \u00fcberleben. Vielleicht konnte Innocent die unbekannten M\u00f6rder mit Leichtigkeit davon \u00fcberzeugen, dass er ein Twa-Kind sei, und bekam so ein Anrecht auf Leben. Wenn er Bekannte getroffen h\u00e4tte, h\u00e4tte dieses \u00dcberzeugen nichts gebracht.<\/p>\n<p>Leonard fragt Innocent nicht nach jenem April. Auch Leonard wird von keinem seiner Kommilitonen gefragt, wie er \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>(\u2026)<\/p>\n<p>Heute redet man im Esszimmer des Pfarrers in Gikondo weder \u00fcber Juden noch \u00fcber Freimaurer. Andere Zeiten, andere Menschen, andere Themen. Der einzige Wei\u00dfe, der jeden Tag hierher zum Essen kommt, ist Bruder Piotr. Aber oft kommt auch noch ein anderer europ\u00e4ischer Missionar vorbei, gew\u00f6hnlich ein Pole. Und dann werde ich einer Pr\u00fcfung unterzogen: \u201eWissen Sie denn, dass es in Ruanda auch einen zweiten V\u00f6lkermord gegeben hat? Dass Ruanda ein Land ist, in dem nur der eine, der kleinere Teil der Bev\u00f6lkerung seine Ermordeten laut beweinen darf? Dass der andere das im Stillen machen muss, heimlich? Wissen Sie vom Leid des Hutu-Volkes, das es gegeben hat und weiterhin gibt?<\/p>\n<p>Die Missionare in Ruanda pflegen zusammen mit den \u00f6rtlichen Priestern die Trennung ihrer Gl\u00e4ubigen in Hutu und Tutsi. So war es vor einhundert, vor f\u00fcnfzig Jahren, und so ist es auch heute. Die Geistlichen n\u00e4hren sich von dieser Trennung: jetzt leidet das unterdr\u00fcckte Hutu-Volk unter dem Regime der Tutsi. Die Kirche muss \u2013 das ist eine klare Sache \u2013 auf der Seite des Schw\u00e4cheren stehen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Zeit, als es anders gewesen ist, sprechen die Missionare gar nicht: in den f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren Hutu-Regierungszeit lie\u00dfen deren Politiker die Tutsi ermorden und aus dem Land jagen. Die katholischen Bisch\u00f6fe tolerierten nicht nur die Verachtung, sondern einer von ihnen geh\u00f6rte sogar dem Zentralkomitee der einzig richtigen Partei an.\u00a0 Er unterst\u00fctzte das M\u00f6rderregime gern mit seinem Rat \u2013 bei h\u00e4ufigen Abendessen in der Pr\u00e4sidentenresidenz. Die Bisch\u00f6fe sorgten daf\u00fcr, dass Tutsi-Priester nicht zu zahlreich und zu hoch in der kirchlichen Hierarchie aufstiegen.<\/p>\n<p>Die Ruander Katholiken, die das Jahr vierundneunzig \u00fcberlebt haben, klagen ihre Kirche nicht nur wegen deren Teilnahme am Morden an, sondern wegen ihrer Passivit\u00e4t und Feigheit. Auch deswegen, was die Geistlichen heute tun: der Verneinung des V\u00f6lkermordes. Denn von zwei V\u00f6lkermorden zu sprechen ist Negationismus.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Kirche ist \u2013 nach Meinung vieler \u00dcberlebender \u2013 immer noch und trotz allem, was hier passiert ist, nur einer Gruppe gewogen: den Hutu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Viele ruandische Mythen, Legenden und m\u00fcndliche historische Narrative f\u00fchrt Eugeniusz Rzewuski in seinem hervorragenden Buch \u201eAzania Zamani\u201c an. Auch sein Wissen habe ich hier beim Schreiben \u00fcber Hutu und Twa genutzt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> In seiner <em>Vorlesung \u00fcber Ruanda<\/em>, die in <em>Afrikanisches Fieber<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurde, zieht Ryszard Kapu\u015bci\u0144ski eine Analogie mit Indien vor. Hutu, Tutsi und Twa bezeichnet er als Kasten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Eine solche Denkweise \u2013 die die Verbrechen der Hutu und Tutsi bilanziert \u2013 illustriert die Feststellung des Pallotinerpriesters Franciszek Kania, dass der V\u00f6lkermord 1994 \u201eein dramatischer Moment gegenseitiger Ausrottung und Massakers der Hutu und Tutsi\u201c gewesen sei. (<em>Ruanda gestern und heute<\/em>, S. 153)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/unrast-berlin.de\/de\/zuhause\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">UNRAST Berlin. Deutsch-Polnisches Literaturforum. In Berlin, von Sonntag, den 14. November bis Donnerstag, den 18. November 2021!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hutu? Tutsi? F\u00fcnfzehn Jahre nach dem V\u00f6lkermord sind das verbotene Worte, ein \u00f6ffentliches Tabu. 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