{"id":17067,"date":"2021-10-18T18:19:44","date_gmt":"2021-10-18T16:19:44","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17067"},"modified":"2021-10-21T14:47:06","modified_gmt":"2021-10-21T12:47:06","slug":"an-der-sprachnaht-gesprungene-sprache","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/an-der-sprachnaht-gesprungene-sprache\/","title":{"rendered":"An der Sprachnaht &#8211; Gesprungene Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Verst\u00e4ndigung war f\u00fcr mich schon immer mit einer<\/p>\n<p>\u00dcbersetzungsleistung verbunden. Hier muss ich direkt<\/p>\n<p>ausholen: Nat\u00fcrlich ist jede Kommunikation eine<\/p>\n<p>\u00dcbersetzungsleistung, die Umwandlung von Gef\u00fchlen, Gedanken,<\/p>\n<p>Ideen oder Erinnerungen in eine Sprache ist eine<\/p>\n<p>Transmission: Etwas geht verloren, etwas kommt dazu. Nichts<\/p>\n<p>bleibt unversehrt. Was ich meine, ist aber noch mehr.<\/p>\n<p>Seit ich lebe, bin ich mit \u00dcbersetzung konfrontiert; meiner<\/p>\n<p>geographisch verstreuten Familie wegen bin ich selbst<\/p>\n<p>zwischen verschiedenen Sprachen aufgewachsen. So w\u00fcrde ich<\/p>\n<p>mein eigenes, ziemlich obsessives Verh\u00e4ltnis zu Sprache \u2013 den<\/p>\n<p>permanenten Hechtsprung nach dem Gemeinten durch ein Netz aus<\/p>\n<p>Bildern \u2013 nicht zuletzt darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass meine<\/p>\n<p>Mutter keine \u201eMuttersprache\u201c hat und mein \u00e4ltester Bruder<\/p>\n<p>als Kind \u201eseine\u201c Sprache wechselte (seine beiden Sprachen<\/p>\n<p>wiederum geh\u00f6ren nicht zu den dreien, zwischen welchen meine<\/p>\n<p>Mutter aufgewachsen ist), dass jedes meiner Familientreffen<\/p>\n<p>also ein multilinguales Gewirr darstellt.<\/p>\n<p>Als ich meine Mutter frage, welche<\/p>\n<p>Sprache im Elternhaus gesprochen wurde. (Mein<\/p>\n<p>Gro\u00dfvater war Schwede, meine Gro\u00dfmutter D\u00e4nin. Meine Mutter<\/p>\n<p>ist in der Schweiz aufgewachsen.) Sie lachte. \u201eIch freue<\/p>\n<p>mich, dass du mich das fragst, es ist n\u00e4mlich eigentlich<\/p>\n<p>ziemlich witzig\u201c \u2013 dann erz\u00e4hlte sie mir, ihre Eltern h\u00e4tten<\/p>\n<p>anfangs auf Englisch miteinander geredet. Ihre Mutter, meine<\/p>\n<p>Mormor, die durch ihre Heirat (trotz ihres Wohnsitzes in der<\/p>\n<p>Schweiz) schwedische Staatsb\u00fcrgerin wurde, bem\u00fchte sich,<\/p>\n<p>Schwedisch zu lernen, indem sie mit meinem Morfar, dem<\/p>\n<p>Vater meiner Mutter, Schwedisch sprach. Dachte sie<\/p>\n<p>jedenfalls. Falsch gedacht! Morfar hat n\u00e4mlich seinerseits<\/p>\n<p>versucht, D\u00e4nisch mit seiner Frau zu sprechen, um ihr<\/p>\n<p>entgegenzukommen. Weil die beiden Sprachen einander stark<\/p>\n<p>\u00e4hneln, blieb das von ihr unbemerkt, und so kopierte sie<\/p>\n<p>sein imaginiertes D\u00e4nisch-Schwedisch \u2013 in das sich dar\u00fcber<\/p>\n<p>hinaus noch freihand skandinavisierte Lehnw\u00f6rter aus dem<\/p>\n<p>Schwiizerd\u00fctsch mischten \u2013,in dem Glauben, Schwedisch zu<\/p>\n<p>sprechen. Ihre Kinder, meine Mutter und ihre Geschwister,<\/p>\n<p>wuchsen also mit einem von Schwiizerd\u00fctsch und Englisch<\/p>\n<p>durchsetzten, skandinavischen Sprachbrei auf, in der keine<\/p>\n<p>Sprache ganz blieb, sondern die R\u00e4nder ineinander<\/p>\n<p>verschwammen, in der sich die W\u00f6rter \u00fcberlagerten, keine<\/p>\n<p>Sprache unversehrt blieb, und in dem sich die sprachlichen<\/p>\n<p>Trennlinien aufl\u00f6sten. Ein \u201eKudderwelsch\u201c, sagt meine Mutter<\/p>\n<p>am Telefon \u2013 wie so oft liegt sie unbemerkt ein bisschen<\/p>\n<p>neben der eigentlichen Aussprache eines Wortes \u2013 und<\/p>\n<p>verschluckt sich. \u201eWir haben uns gesch\u00e4mt, als wir bemerkt<\/p>\n<p>haben, dass wir weder \u201arichtiges\u2018 D\u00e4nisch noch<\/p>\n<p>\u201arichtiges\u2018 Schwedisch und auch kein \u201arichtiges\u2018<\/p>\n<p>Schwiizerd\u00fctsch sprachen, hustet sie. \u201eAls ich nach<\/p>\n<p>D\u00e4nemark gezogen bin, habe ich au\u00dferdem bemerkt, dass das<\/p>\n<p>D\u00e4nisch, was ich kannte, 25 Jahre alt war. Ich kam mir vor<\/p>\n<p>wie ein Alien \u2013 wie sagt man: weder Fisch noch Vogel. So<\/p>\n<p>etwas isoliert einen ganz sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n<p>Manchmal kommt es mir vor, als habe die \u00dcbertragung dieser<\/p>\n<p>Erfahrung, das Ringen nach den richtigen Worten, das<\/p>\n<p>Misstrauen gegen die eigene Ausdrucksweise, das obsessive<\/p>\n<p>Sich-Abarbeiten an den Kratern der Sprache, mein eigenes<\/p>\n<p>Verh\u00e4ltnis zur dieser mehr gepr\u00e4gt als alles andere. Ein<\/p>\n<p>Professor attestierte mir einmal mangelndes<\/p>\n<p>Sprachvertrauen: Ich w\u00fcrde \u2013 so lautete seine Anamnese \u2013<\/p>\n<p>beim Sprechen Synonymketten aneinanderh\u00e4ngen. In einem<\/p>\n<p>psychologischen Befund, den ich einmal f\u00fcr eine Studie<\/p>\n<p>bekam, stand als allererstes: \u201eFrau Schmidt gestikuliert<\/p>\n<p>sehr viel.\u201c Das war mir bis dahin nie aufgefallen. Wohl aber<\/p>\n<p>mein \u00fcberbordender Gebrauch von Bildern, meine unter der<\/p>\n<p>Last der Hypotaxen zwar noch nicht gekr\u00fcmmten, aber f\u00fchlbar<\/p>\n<p>\u00fcberf\u00fcllten Zeilen. Das \u00dcberbr\u00fccken von Sprachl\u00fccken durch<\/p>\n<p>\u00fcbertrieben \u00fcppigen, erstickenden Wortschmuck.<\/p>\n<p>Das Motiv der \u00dcbersetzung zieht sich durch mein Leben und<\/p>\n<p>strukturiert meinen Alltag; so ist auch meine Beziehung eng<\/p>\n<p>mit dem \u00dcbersetzen verkn\u00fcpft: Mein Partner kommt aus Israel,<\/p>\n<p>wir sprechen auf Englisch miteinander. Das, womit ich mich<\/p>\n<p>am meisten besch\u00e4ftige, was mich am meisten besch\u00e4ftigt, was<\/p>\n<p>ich studiere \u2013 das literarische Schreiben \u2013 kann ich mit ihm<\/p>\n<p>nicht teilen. Oft fragen Leute (und oft frage ich mich<\/p>\n<p>selbst), wie das sein kann. Ich empfinde die Sprache zwischen<\/p>\n<p>uns als eine Begegnung auf neutralem Boden, der nicht von<\/p>\n<p>Alltagssprache zertrampelt oder von den \u00fcberw\u00e4ltigenden,<\/p>\n<p>einsamen Weiten fast unendlicher Formulierungsm\u00f6glichkeiten<\/p>\n<p>erschlagen ist. Beide haben wir in unserer jeweiligen<\/p>\n<p>Sprache einen R\u00fcckzugsraum.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick scheint die \u00dcbersetzung von einer<\/p>\n<p>Sprache in eine andere das Problem der Vermittlung noch zu<\/p>\n<p>versch\u00e4rfen. Die M\u00f6glichkeit, mit dieser Aporie spielerisch<\/p>\n<p>umzugehen, hat f\u00fcr mich aber auch etwas Vers\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>Vielleicht, weil der aporetische Charakter der Vermittlung in<\/p>\n<p>meiner Auseinandersetzung mit Sprache schon vorher zentral<\/p>\n<p>war. \u00dcbersetzen hei\u00dft kompromittieren, priorisieren,<\/p>\n<p>abw\u00e4gen: Was ist mir wichtiger \u2013 Semantik, Rhythmus, Klang<\/p>\n<p>oder Kontext? Was f\u00fcr Bilder gibt es im Deutschen, die es im<\/p>\n<p>Englischen vielleicht nicht gibt? Was f\u00fcr neue M\u00f6glichkeiten<\/p>\n<p>tun sich auf? Wie gehe ich mit Neologismen, Slang oder<\/p>\n<p>alter Sprache um? Wie verhalte ich mich zu den sozialen,<\/p>\n<p>politischen Kontexten, die sich in eine Sprache eingebrannt<\/p>\n<p>haben? Wie viel darf ich von meinem Stil und meinem<\/p>\n<p>Geschmack einbringen? Was bin ich dem Original schuldig? Wie<\/p>\n<p>kann ich ihm dienen? Darf ich Metaphern austauschen? Wie<\/p>\n<p>gehe ich mit meiner Verantwortung als Quasi-Co-Autorin um?<\/p>\n<p>Dass die \u00dcbertragung von einer Sprache in die n\u00e4chste dem<\/p>\n<p>Anspruch auf Unversehrtheit gar nicht standhalten kann,<\/p>\n<p>empfinde ich als unheimlich befreiend: Es vers\u00f6hnt mich mit<\/p>\n<p>den Rissen, die zwischen dem Gemeinten und dem<\/p>\n<p>Versprachlichten verlaufen. Ich stelle mir das etwa so vor,<\/p>\n<p>wie wenn eine siedend hei\u00dfe geschmolzene Fl\u00fcssigkeit beim<\/p>\n<p>Guss in eine kalte Form zerspringt. Walter Benjamin schreibt<\/p>\n<p>in Die Aufgabe des \u00dcbersetzers, dass sich das Original und<\/p>\n<p>die \u00dcbersetzung bestenfalls sogar erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, und dass<\/p>\n<p>das einzige, was wirklich unversehrt ist, nicht das Original<\/p>\n<p>ist, sondern das vom Original Gemeinte. Meine Aufgabe \u2013 die<\/p>\n<p>Aufgabe der \u00dcbersetzerin \u2013 empfinde ich nicht nur als<\/p>\n<p>Verantwortung und Ehre oder als Spannungsfeld und\/oder<\/p>\n<p>Schmelztiegel zwischen Analyse oder Rezeption und Kreation,<\/p>\n<p>sondern auch als Reibung, als Gl\u00e4ttung, als Verschmelzen von<\/p>\n<p>Fremdem und Eigenem, als Spiel, als Spiegel, als Riss, als<\/p>\n<p>Mimesis, als Sprung \u00fcber den Sprung in der Scherbe, als<\/p>\n<p>Vertiefung, Zerstreuung, als Falz, als Grenze und Tor,<\/p>\n<p>Als Nadel\u00f6hr, als Knoten und als seine L\u00f6sung oder<\/p>\n<p>Verwendung als Verkn\u00fcpfung, als Faden oder als Naht am Saum<br \/>\nzweier<\/p>\n<p>Sprachen. Vor allem empfinde ich es als eine Vers\u00f6hnung mit<\/p>\n<p>der Versehrtheit von Sprachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser Werkstattbericht entstand im Rahmen des Projektes texthelden. Mit den Projekt <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/texthelden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">texthelden &#8211; Berlin setzt \u00fcber<\/a>\u00a0stellt die Berliner Literarische Aktion in zusammenarbeit mit dem stadtsprachen magazin im Jahr 2021 die \u00dcbersetzer*innen in den Fokus der Aufmerksamkeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verst\u00e4ndigung war f\u00fcr mich schon immer mit einer \u00dcbersetzungsleistung verbunden. Hier muss ich direkt ausholen: Nat\u00fcrlich ist jede Kommunikation eine \u00dcbersetzungsleistung, die Umwandlung von Gef\u00fchlen, Gedanken, Ideen oder Erinnerungen in eine Sprache ist eine Transmission: Etwas geht verloren, etwas kommt dazu. Nichts bleibt unversehrt. Was ich meine, ist aber noch mehr. 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