{"id":17070,"date":"2021-10-18T13:17:12","date_gmt":"2021-10-18T11:17:12","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17070"},"modified":"2021-10-21T14:46:56","modified_gmt":"2021-10-21T12:46:56","slug":"funke-flamme","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/funke-flamme\/","title":{"rendered":"Funke &#038; Flamme"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mir nie vorgenommen, \u00dcbersetzer zu werden.<\/p>\n<p>Wenn ich heute an die Funken denke, die vielleicht bewusster die sp\u00e4tere Flamme entz\u00fcndet haben, fallen mir sofort eine Reihe von Namen ein. Einer bezieht sich auf das Wort, auf die in Gesang \u00fcbersetzte Sinneslust. Einer bezieht sich auf \u00dcbersetzungen von Grenzbereichen und dem Dazwischen. Einer auf fr\u00fche Erfahrungen, die als Arrangement physischer Objekte wiedergegeben werden. Und einer (oder besser zwei) auf die Kunst, eine bestimmte Art der Weltbetrachtung, eine Haltung, in das Schreiben-mit-Licht zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Der erste ist Pier Paolo Pasolini.<\/p>\n<p>Der zweite James Lee Byars.<\/p>\n<p>Der dritte ist Edward Kienholz.<\/p>\n<p>Der vierte und f\u00fcnfte Anna und Bernhard Blume.<\/p>\n<p>Es gibt noch andere. Aber diese kamen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit zusammen, die mein Leben zweifelsfrei ver\u00e4ndert haben: im Sp\u00e4tsommer und Fr\u00fchherbst 1995. Und zu diesem Moment in jener Zeit, an diesem Ort kehre ich zur\u00fcck, wenn ich \u00fcber die bewussteren Anf\u00e4nge dessen nachdenke, was mich dorthin gef\u00fchrt hat, wo ich heute bin, diese Namen und \u00dcberschreitungen, Verwandlungen, Wege und \u00dcbersetzungen, all die kurzen Momente, die aufflackerten, aufloderten und dann wieder zu dem Gefl\u00fcster verblassten, das sie einst gewesen waren, wenn auch nicht spurlos, um geh\u00f6rt zu werden, um gef\u00fchlt zu werden, immer wieder.<\/p>\n<p>Und doch, da ich in einem zweisprachigen Haushalt aufgewachsen bin, und auch als Leser, kann das nicht stimmen. Gab es \u00dcbersetzung, wie sie traditionell verstanden wird, also in B\u00fcchern? Es gab sie, und zwar bei vielen der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen. Aber habe ich \u00fcberhaupt darauf geachtet? Nein, gar nicht. Nicht wirklich. Und habe ich jemals in Erw\u00e4gung gezogen, mich selbst in irgendeiner Form damit zu besch\u00e4ftigen? Nicht im Geringsten. Nicht einmal im College oder nach den Erfahrungen, die ich an der Schwelle zum Erwachsensein mit den oben erw\u00e4hnten K\u00fcnstlern gemacht habe. Als ich jung war, galt ich n\u00e4mlich nicht als \u201esprachbegabt\u201c jedenfalls nicht in einer \u201efremden\u201c Sprache und ehrlich gesagt war mir das auch egal. Der Umgang mit der \u201efremden\u201c Sprache im Haushalt (also Deutsch) war f\u00fcr mich etwas Selbstverst\u00e4ndliches und wurde leider oft mit Autorit\u00e4t, einem gewissen Schweigen, Kleinsein und: siehe oben, assoziiert.<\/p>\n<p>Wo also f\u00e4ngt \u00a0alles an?<\/p>\n<p>Charles Wright, einer meiner Lieblingsdichter und selbst ein begabter \u00dcbersetzer, sagte einmal, er habe mit dem \u00dcbersetzen begonnen, als er zwischen seinen eigenen Gedichten stand. Ich habe erst mit etwa f\u00fcnfundzwanzig Jahren ernsthaft versucht, Gedichte zu schreiben. Das ist auch die Zeit, in der ich anfing, Italienisch zu lernen und die Gedichte anderer zu \u00fcbersetzen\u2014Werke, Stimmen, mit denen ich mich irgendwie verbunden f\u00fchlte\u2014zun\u00e4chst, um die Sprache zu lernen (n\u00e4mlich Italienisch, aber ich probierte mich auch an deutschen \u00dcbersetzungen aus) und um zu erfahren, was sie in ihren konzentriertesten, kraftvollsten Formen leisten kann. Dann, zu Zeiten, als ich nicht in Italien lebte, als M\u00f6glichkeit, das Gelernte nicht zu verlieren, irgendwie in Kontakt zu bleiben und zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Wo also f\u00e4ngt \u00a0alles an?<\/p>\n<p>Das erste Mal, dass ich f\u00fcr meine \u00dcbersetzungen bezahlt wurde, lebte ich in Rom. Wie fast jeder, den ich kannte, \u00fcbersetzte ich nebenbei f\u00fcr zus\u00e4tzliches Geld. Wenn ich so dar\u00fcber nachdenke, war mein allererster Auftrag der allgegenw\u00e4rtige Lebenslauf (von jemandem, der mir wahrscheinlich nur helfen wollte). Einige Jahre sp\u00e4ter wurde mir durch einen anderen Freund ein Drehbuch f\u00fcr einen Fernsehfilm \u00fcber die Jungfrau Maria zugespielt. Eine ziemliche Katastrophe. Aber eine bezahlte Katastrophe. Und von da an gab es hier und da Kleinigkeiten, bis ich irgendwann, obwohl ich kein Akademiker bin, akademische Aufs\u00e4tze zu \u00fcbersetzen begann. Die ganze Zeit \u00fcber habe ich nat\u00fcrlich weiter an Gedichten gearbeitet, f\u00fcr mich selbst, in italienischer Sprache, vor allem an denen von Sandro Penna, und in deutscher Sprache mit dem Werk von Friederike Mayr\u00f6cker sowie dem Sp\u00e4twerk von Marie Luise Kaschnitz.<\/p>\n<p>Und da ist es also?<\/p>\n<p>Ja und nein und nicht ganz. Gegen Ende 2009 oder so habe ich einige der fr\u00fchen Gedichte von Nelly Sachs \u00fcbersetzt, um sie m\u00f6glicherweise f\u00fcr die Ausstellung zu ihrem Leben und Werk 2010 im J\u00fcdischen Museum Berlin \u00a0zu verwenden. Auch wenn sie letztlich nicht erschienen sind, haben sie auf ihre Weise \u00a0einen weiteren \u00d6ffnung f\u00fcr mich dargestellt, denn im folgenden Jahr besuchte ich einen Vortrag \u00fcber die Beziehung Sachs\u2018 zu Paul Celan und Ingeborg Bachmann in der Casa di Goethe in Rom, und dort kam ich zum ersten Mal mit der Welt des Verlagswesens in Kontakt, wenn auch mit meiner \u00fcblichen Distanz. Ein paar Tage sp\u00e4ter ging ich in die Buchhandlung Herder an der Piazza di Montecitorio im Zentrum Roms, wo ich ein Exemplar von Lutz Seilers <em>pech &amp; blende<\/em> fand. Ich las es auf der Busfahrt nach Hause und war wie elektrisiert. Ich schlug sofort sein neuestes Werk nach und fand <em>in felderlatein<\/em>. Ich sp\u00fcrte, dass es da etwas gab, das ich ausloten, ertasten musste, und so bestellte ich ein Exemplar und machte mich an die Arbeit. Im Jahr 2012 erhielt ich zu meiner \u00dcberraschung ein PEN\/Heim-\u00dcbersetzungsstipendium f\u00fcr diese \u00dcbersetzungen. Und drei Jahre sp\u00e4ter wurden sie von Seagull Books zur Ver\u00f6ffentlichung angenommen. Meine erste.<\/p>\n<p>Es gibt keine bestimmte \u00dcbersetzungstheorie, der ich anh\u00e4nge, au\u00dfer \u201ewas auch immer funktioniert\u201c, was eine andere Art ist zu sagen \u201emit allen geeigneten Mitteln\u201c. Besser kann ich es nicht ausdr\u00fccken. Man muss sich in einen Text einf\u00fchlen. Man muss genau zuh\u00f6ren, und zwar lange. Man muss sich auf seine Intuition verlassen und, vor allem in der Poesie, auf das, was man musikalisch f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Schlie\u00dflich geht es um das Lied. Zumindestens f\u00fcr mich. Du versuchst, die Worte zum Singen zu bringen. Sie sollen vibrieren. Aber egal, was man \u00fcbersetzt, man versucht, das Original und seine einzigartigen Strukturen auf eine \u00fcberzeugende Weise wiederzugeben, die sein Echo bewahrt und erweitert und gleichzeitig etwas Neues schafft. Am Ende gibt es nichts Schlimmeres, als ein Buch in \u00dcbersetzung zu lesen, vor allem Gedichte, und zu denken: \u201eIm Original ist es sicher sch\u00f6n.\u201c Der Dichter George Oppen sagte, dass es ein Geheimnis gibt, und das Geheimnis ist, dass das Ohr es wei\u00df. Das gef\u00e4llt mir. Und was die ewig heikle Frage der \u201eTreuen Wiedergabe\u201c angeht, denke ich immer an etwas, das ich einmal die italienische Dichterin und Shakespeare-\u00dcbersetzerin Patrizia Cavalli sagen h\u00f6rte: Was genau bedeutet <em>Treue<\/em> in einer \u00dcbersetzung \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>In der jetzigen Phase meines Lebens habe ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, meinen Lebensunterhalt in erster Linie als Literatur\u00fcbersetzer zu verdienen. Bisher habe ich in jeder Hinsicht gro\u00dfes Gl\u00fcck gehabt: mit den Autoren, die ich \u00fcbersetzen , und mit den Menschen und Verlagen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Nat\u00fcrlich kann ich auch meine Arbeitszeiten selbst bestimmen. Ziemlich bequem! Gibt es denn auch Nachteile? Nun, wie bei jeder freiberuflichen T\u00e4tigkeit geht es um was in der Tat ziemlich stressig sein kann, auch ohne Pandemie. Manchmal finde ich es nat\u00fcrlich auch ziemlich isolierend und traurig, allein zu Hause zu arbeiten, und ich habe gelernt, dass es ein wenig \u00fcberw\u00e4ltigend, um nicht zu sagen ungesund sein kann, zu lange in den K\u00f6pfen und Herzen von Fremden zu sein. Abgesehen von diesen Dingen bin ich dankbar und immer wieder \u00fcberrascht, nicht nur \u00fcber das, was ich gelernt habe (und lerne), sondern auch dar\u00fcber, dass ich f\u00fcr diese Arbeit \u00fcberhaupt bezahlt werde.<\/p>\n<p>Charakter ist Schicksal, soll Heraklit gesagt haben.<\/p>\n<p>Das mag wohl sein, aber ich schw\u00f6re, ich habe mir nie vorgenommen, \u00dcbersetzer zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser Werkstattbericht entstand im Rahmen des Projektes texthelden. Mit den Projekt <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/texthelden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">texthelden &#8211; Berlin setzt \u00fcber<\/a>\u00a0stellt die Berliner Literarische Aktion in zusammenarbeit mit dem stadtsprachen magazin im Jahr 2021 die \u00dcbersetzer*innen in den Fokus der Aufmerksamkeit.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mir nie vorgenommen, \u00dcbersetzer zu werden. Wenn ich heute an die Funken denke, die vielleicht bewusster die sp\u00e4tere Flamme entz\u00fcndet haben, fallen mir sofort eine Reihe von Namen ein. Einer bezieht sich auf das Wort, auf die in Gesang \u00fcbersetzte Sinneslust. Einer bezieht sich auf \u00dcbersetzungen von Grenzbereichen und dem Dazwischen. 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