{"id":17072,"date":"2021-10-18T11:27:33","date_gmt":"2021-10-18T09:27:33","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/de\/?post_type=stsp_text&#038;p=17072"},"modified":"2021-10-21T14:47:47","modified_gmt":"2021-10-21T12:47:47","slug":"orte-zum-arbeiten-und-traeumen-berichte-aus-der-uebersetzerwerkstatt","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/orte-zum-arbeiten-und-traeumen-berichte-aus-der-uebersetzerwerkstatt\/","title":{"rendered":"Orte zum Arbeiten und Tr\u00e4umen: Berichte aus der \u00dcbersetzerwerkstatt"},"content":{"rendered":"<p>In der besten aller Welten bist du mit dem Text, den es zu \u00fcbersetzen gilt, in ein H\u00e4uschen von Freundinnen gefahren, wahlweise in den Bergen oder am Meer, jedenfalls mit reichlich Natur vor dem Fenster und wenig St\u00f6rger\u00e4uschen der Zivilisation. Die Freundinnen sind froh, dass du ihr Domizil w\u00e4hrend ihrer monatelangen Abwesenheit h\u00fctest, sie waren so aufmerksam, die Vorr\u00e4te an Kaffee, Wein und Schokolade aufzuf\u00fcllen, au\u00dferdem ist f\u00fcr einen Internetanschluss und angenehme Temperaturen gesorgt. Dein Text ist, sagen wir mal, ein Roman in franz\u00f6sischer oder englischer Sprache, etwas voller poetischer Tiefe und Witz, das dir schon beim Lesen immense Freude bereitet. Er ist so sorgsam geschrieben, dass es kaum ins Gewicht f\u00e4llt, wenn \u2013 wie inzwischen gang und g\u00e4be \u2013 das Lektorat allenfalls einen fl\u00fcchtigen Blick auf das Original geworfen hat. Vielleicht ist es besser, wenn die Autorin noch keine Koryph\u00e4e ist, dann versp\u00fcrt deine Verlegerin weniger Termindruck f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung der deutschen \u00dcbersetzung. Sie denkt wie du: Ein solches Werk braucht Zeit zum Reifen. Auch die literarischen Institutionen sind von Autorin und Werk \u00fcberzeugt und haben dir ein gro\u00dfz\u00fcgiges \u00dcbersetzungsstipendium gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Du stehst sehr fr\u00fch auf, schwimmst eine Runde und\/oder l\u00e4ufst hinab ins Dorf und kaufst frische Br\u00f6tchen. Wenn du bei dir gefr\u00fchst\u00fcckt hast, ist der Tag noch jung, du sitzt mit einem Kaffee am Schreibtisch, liest noch einmal das erste Kapitel, bis dich wieder die Melodie des Originals erf\u00fcllt, und beginnst mit der \u00dcbersetzung \u2013 auf Papier. Oft stehen Varianten neben- und \u00fcbereinander, es gibt Auslassungen und provisorische Platzhalter, aber ein erster Pfad zeichnet sich ab, und anders, als wenn du sofort am Laptop zu schreiben beginnst, lassen dir diese Tintenm\u00e4ander viele Freiheiten. Du kannst S\u00e4tze und ganze Passagen noch neu und anders anfassen, ohne dich zu verzetteln oder den \u00dcberblick zu verlieren. Du kommst gut voran (beste aller Welten &#8230;), begn\u00fcgst dich zu Mittag mit einem kleinen Imbiss, klappst das Laptop auf und \u00fcbertr\u00e4gst deine handgeschriebene Version. Das dauert l\u00e4nger, weil du dich nun f\u00fcr eine der Varianten entscheiden, die L\u00fccken f\u00fcllen und viel recherchieren musst, in W\u00f6rterb\u00fcchern, in all den Bibliotheksb\u00fcchern, die dein Reisegep\u00e4ck schwer gemacht haben, und im beinahe allwissenden Netz. (Nach ein paar Tagen wird das Notizbuch schon mindestens ein Kapitel Vorsprung haben, der zeitliche Abstand zur Wiederaufnahme einer Stelle am Computer sich aber oft als n\u00fctzliches Korrektiv erweisen.) Wenn sich M\u00fcdigkeit anschleicht, hackst du drau\u00dfen Kaminholz, gie\u00dft die Kr\u00e4uter im Garten, w\u00e4schst das Geschirr vom Fr\u00fchst\u00fcck, vielleicht machst du auch eine kurze Siesta, dann folgen noch ein paar Seiten bis zum fr\u00fchen Abend. Manchmal kochst du, lieber noch spazierst du ins Dorf, wo es eine einfache Wirtschaft mit Abendessen gibt. Nach einem Tag allein mit Buchstaben tut es dir gut, eine Weile unter Menschen zu sein. Wenn du zur\u00fcckkommst, setzt du dich an den Kamin und holst noch einmal das Buch hervor. Auf Seite 78 hatte die Autorin ein Sonett eingestreut, ein Haiku, ein Wortspiel. Dar\u00fcber sinnst du nun nach.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich unternimmst du aller drei Tage eine lange Wanderung. Roman, Notizbuch und Stift tr\u00e4gst du mit im Rucksack, aber erstaunlicherweise ist es das Laufen selbst, das deine \u00dcbersetzung weiterbringt. Du h\u00e4ngst Gedanken und Wendungen nach, k\u00e4ust wieder. Nach jedem Wandertag kehrst du geradezu begierig an den Schreibtisch zur\u00fcck. Ab und an d\u00fcrfen Bekannte und Freundinnen vorbeikommen. Vielleicht besucht dich Alexandre, der seinerseits gerade ein Werk ins Deutsche \u00fcbersetzt, f\u00fcr ein paar Tage. Ihr arbeitet beide an euren Texten, anschlie\u00dfend zeigt ihr euch schwierige Stellen und helft einander in der jeweiligen Muttersprache. So geht es vorw\u00e4rts, an manchen Tagen nur z\u00e4h, an anderen daf\u00fcr wie im Rausch, bis tief in die Nacht. Irgendwann ist sie da, die \u00dcbersetzung, du druckst sie aus in einem kleinen Laden mit Kopierer unten im Dorf. Die n\u00e4chsten Tage Korrekturlesen. Feilen. Abschmecken. Klingen lassen. Hast du den Ton der Autorin getroffen? Ist ihre Stimme durch deine \u00dcbersetzung hindurch vernehmbar? Wenn die Autorin noch lebt, schreibst du ihr vielleicht, und du hast Gl\u00fcck, sie ist erfreut \u00fcber deine Fragen und bringt Licht in ein paar letzte problematische Passagen. In der besten aller Welten gibt es dann irgendwann bald einen Punkt, an dem du wei\u00dft, jetzt ist gut, du k\u00f6nntest <em>ad infinitum<\/em> weiterfeilen, doch viel besser wird es nicht mehr.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>So ganz h\u00e4lt diese paradiesische Vorstellung vom Literatur\u00fcbersetzen dem Realit\u00e4tsabgleich nicht stand. Dabei stellen wir die theoretische Unabschlie\u00dfbarkeit des Textes als philosophisches Luxusproblem erst einmal hintenan. Zuvor hast du mit etwas profaneren Hindernissen zu k\u00e4mpfen. Dein \u00dcbersetzeralltag beginnt oft erst dann, wenn du deinen Sohn ins Bett gebracht hast und nicht versehentlich mit ihm eingeschlafen bist. Die Texte, die dann auf dich warten, sind deutlich k\u00fcrzer und literaturferner als der erhoffte gro\u00dfe Roman. Die gro\u00dfz\u00fcgigen Abgabefristen und Honorare sind nach deiner empirischen Erfahrung eindeutig eher Ausnahme als Regel. Alles in allem m\u00fcssen Familienalltag und wom\u00f6glich Zweitjob (\u201ef\u00fcr die Miete\u201c) gut getaktet werden, damit du lohnende Zeitfenster zum \u00dcbersetzen findest. Gem\u00e4chliche \u00dcbersetzungsspazierg\u00e4nge oder erste Entw\u00fcrfe auf Papier erscheinen unter diesen Umst\u00e4nden als, nun ja, nicht mehr besonders realistisch; ganz zu schweigen von monatelangen Einsiedeleien \u2013 wenn das dein pr\u00e4feriertes Modell f\u00fcr die \u00dcbersetzerei bleibt, wird sich deine Familie wohl bald nach Ersatz f\u00fcr dich umschauen.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Das Erstaunliche ist die Freude, die dir dein Beruf nach wie vor bereitet. Wenn es still geworden ist zu Hause, alles dunkel ist und schl\u00e4ft im Hinterhof, ist es ein ganz kindliches Gl\u00fcck, das dich im Lichtkreis deiner Schreibtischlampe sitzen und mit den Worten ringen l\u00e4sst, oft (wie du am n\u00e4chsten Morgen unweigerlich sp\u00fcren wirst) viel l\u00e4nger, als vern\u00fcnftig w\u00e4re. Selbst die etwas prosaischeren Texte, die du in letzter Zeit \u00fcbersetzt, sind interessant, und anscheinend schafft es jede \u00dcbersetzung aus einer fremden Sprache, die \u00fcber Mechanik und Routine hinausgeht, dir eine neue Luke zur Welt zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Der Arbeitsalltag, die mageren Honorare und die perspektivische Unsicherheit lassen das Literatur\u00fcbersetzen als eine T\u00e4tigkeit f\u00fcr frisch Studierte auf Orientierungssuche, asketische Singles oder unbesorgte Pension\u00e4re erscheinen. Dass auch viele andere daran h\u00e4ngen wie an einem seri\u00f6sen Beruf, k\u00f6nnte daran liegen, dass sie irgendein \u00e4hnliches Sehnsuchtsbild in sich tragen wie das zu Beginn geschilderte. Was mich betrifft, auf jeden Fall. Wer jetzt meint, diese Vorstellung sei eine blo\u00dfe Chim\u00e4re, dem ist fr\u00f6hlich zu widersprechen: Viele von uns haben das tats\u00e4chlich erlebt. Seit ich zum \u00dcbersetzen gekommen bin \u2013 vor inzwischen achtzehn Jahren, ziemlich zuf\u00e4llig dank einer Hinterhoffeier, einem Witz und einiger Gl\u00e4ser Wein \u2013, habe ich mehrmals Wochen unter vergleichbar idealen Bedingungen verbringen d\u00fcrfen. Erm\u00f6glicht haben mir das in der Regel nicht die (leider viel zu rar ges\u00e4ten) Freundinnen mit Bergh\u00fctten oder Cabanons am Meer, sondern internationale \u00dcbersetzerh\u00e4user: in Arles, in Visby &#8230; (eine aktuelle Liste der \u00dcbersetzerh\u00e4user weltweit findet sich hier: https:\/\/literaturuebersetzer.de\/berufspraktisches\/links\/verbaende-und-uebersetzerhaeuser\/). Dort paart sich das Privileg g\u00fcnstiger Arbeitsbedingungen in erbaulicher Umgebung mit der Pr\u00e4senz von Kolleginnen aus ganz verschiedenen L\u00e4ndern und Sprachen, und wie selbstverst\u00e4ndlich sitzt man irgendwann im Laufe der Tage beisammen und tauscht sich \u00fcber die Arbeit aus, und \u00fcber einiges andere auch. Und das Beste daran: Mit etwas Planung l\u00e4sst sich ein Aufenthalt in diesen H\u00e4usern, an denen die Utopie des perfekten \u00dcbersetzens f\u00fcr ein paar Wochen im Jahr greifbar nahe r\u00fccken kann, auch mit Familienalltag unter einen Hut bringen. Ich hatte das fast vergessen, aber jetzt steht es auf meiner Agenda wieder sehr, sehr weit oben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser Werkstattbericht entstand im Rahmen des Projektes texthelden. Mit den Projekt <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/texthelden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">texthelden &#8211; Berlin setzt \u00fcber<\/a>\u00a0stellt die Berliner Literarische Aktion in zusammenarbeit mit dem stadtsprachen magazin im Jahr 2021 die \u00dcbersetzer*innen in den Fokus der Aufmerksamkeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der besten aller Welten bist du mit dem Text, den es zu \u00fcbersetzen gilt, in ein H\u00e4uschen von Freundinnen gefahren, wahlweise in den Bergen oder am Meer, jedenfalls mit reichlich Natur vor dem Fenster und wenig St\u00f6rger\u00e4uschen der Zivilisation. 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