{"id":17163,"date":"2021-10-18T13:41:22","date_gmt":"2021-10-18T11:41:22","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/?post_type=stsp_text&#038;p=17163"},"modified":"2021-12-14T16:35:18","modified_gmt":"2021-12-14T15:35:18","slug":"uebersetzen-ein-werkstattbericht","status":"publish","type":"stsp_text","link":"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/text\/uebersetzen-ein-werkstattbericht\/","title":{"rendered":"\u00dcber:setzen  &#8211; ein Werkstattbericht"},"content":{"rendered":"<p>Zur \u00dcbersetzung hat mich meine eigene Herkunft gef\u00fchrt. Ich bin im Riga der Sowjetunion geboren, ging dort zur russischen Schule, an der auch Englisch und Lettisch unterrichtet wurden. Letzteres ist mir allerdings \u00e4u\u00dferst bruchst\u00fcckhaft im Ged\u00e4chtnis geblieben. Mitte der 1990er Jahre erfolgte dann meine \u201e\u00dcber:setzung\u201c nach Deutschland sowie das Erlernen weiterer Sprachen, zuerst am Gymnasium und sp\u00e4ter im Studium.<\/p>\n<p>Erste literarische \u00dcbersetzungsversuche entstanden mit 13 oder 14 Jahren, motiviert durch eine Mischung aus Wut und Trotz. Wut dar\u00fcber, wie schlecht viele der deutschen Lyrik- und Literatur\u00fcbersetzungen aus dem Russischen in meinen Augen waren, Trotz, es einmal besser machen zu wollen.<\/p>\n<p>Mein \u201eUrimpuls\u201c r\u00fchrt jedoch vermutlich aus einer gewissen Einsamkeit und der damit verbundenen Sehnsucht heraus, dazu zu geh\u00f6ren, in den Sprachen eine Heimat zu finden, ein Mittel der Verst\u00e4ndigung sowie ein Verstandenwerden, das mir geographisch versagt blieb. Vielleicht geht es auch darum, mich ein St\u00fcck weit ethnokulturell zu \u201ere:konstruieren\u201c, indem ich aus dem Russischen und Englischen ins Deutsche sowie aus dem Deutschen ins Russische bzw. sporadisch ins Englische \u00fcbersetze.<\/p>\n<p>Bei Gedichten kommen momentan noch einige \u00dcbertragungen aus dem Tschechischen und bald in einer Tandem\u00fcbersetzung mit Laine Aizupe auch aus dem Lettischen hinzu. Denn Dichtung ist aufgrund ihrer Musikalit\u00e4t und kompositorischen Komplexit\u00e4t einerseits schwieriger zu \u00fcber:setzen, andererseits ist sie in sich geschlossener und kompakter, eine Art semipermeabler Mikrokosmos. Gr\u00f6\u00dfere, umfangreichere Projekte wie Erz\u00e4hlb\u00e4nde, M\u00e4rchen, Romane oder andere l\u00e4ngere Texte w\u00fcrden beispielsweise bei meinen Tschechischkenntnissen zu lange dauern und zu fehleranf\u00e4llig sein. Bei Lyrik geht es seltsamer- oder wundersamerweise.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, dass Dichtung insgesamt einen \u201eOrchideenstatus\u201c in meinem \u00dcbersetzeralltag besitzt, sowohl was die Herangehensweise als auch ihren Stellenwert anbetrifft. Lyrik\u00fcbersetzungen werden selten und wenn ja meist schlecht bezahlt; allgemein ist das Thema Bezahlung ein eher schwieriges und zuweilen schmerzhaftes in diesem Beruf. Von literarischen \u00dcbersetzungen allein kann man h\u00e4ufig nicht leben, obgleich sie viel Zeit, Sorgfalt und K\u00f6nnen beanspruchen. Als ich ein Jahr lang hauptberuflich als \u00dcbersetzerin t\u00e4tig war, machten den Broterwerb andere Textarten aus, zum Beispiel Zeitungsartikel, Interviews, Essays oder akademische Wissenschaftstexte. Hierbei f\u00e4llt das Lektorat oft mit an &#8211; eine Tatsache, die mal gut, mal nicht so gut ist.<\/p>\n<p>Nach einem Jahr gab ich den Beruf aus finanziellen und gesundheitlichen Gr\u00fcnden schlie\u00dflich auf. Es war zu anstrengend, keinen bis kaum Urlaub nehmen zu k\u00f6nnen, st\u00e4ndig vor der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit auf der Hut zu sein und am Ende netto am Mindestlohn herumzukauen, ohne etwas f\u00fcr die Rente zur\u00fcckzulegen oder im Allgemeinen abgesichert zu sein \u2013 ein Aspekt, der besonders in den Vordergrund tritt, wenn man weiblich und ledig ist. Denn im Falle eines l\u00e4ngeren krankheitsbedingten Ausfalls h\u00e4tte mir neben allerlei b\u00fcrokratisch-organisatorischen Herausforderungen Hartz IV gebl\u00fcht.<\/p>\n<p>Ferner habe ich in dieser Zeit immer wieder die Geringsch\u00e4tzung dieses Berufsstandes zu sp\u00fcren bekommen. Eine Sprache gut genug zu kennen, um professionell \u00fcbersetzerisch t\u00e4tig zu sein, ist nicht nur zeit- sondern auch ressourcenintensiv. Zeitgleich wird diese sprachliche wie interkulturelle Expertise aber als \u201egottgegeben\u201c oder \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c angesehen &#8211; statt als Fertigkeit, in die man Jahre lang investierte und investiert \u2013 und leider \u201edementsprechend\u201c bezahlt. Wer besser verdienen m\u00f6chte, wechselt oft von den geisteswissenschaftlichen zu anderen Fachbereichen, wie Technik, Medizin, Naturwissenschaften oder Rechtswesen. F\u00fcr die muss man jedoch gesondert geschult werden.<\/p>\n<p>Daher machen meine \u00dcbersetzungen mittlerweile wieder einen Neben- statt Hauptverdienst aus. Daf\u00fcr kann ich mir nun die Projekte aussuchen, was sch\u00f6n ist, und bin beruflich wieder \u201emehr unter Leuten\u201c. Das \u00dcbersetzerdasein kann n\u00e4mlich recht einsiedlerisch sein. Wenn man Woche f\u00fcr Woche sechs bis acht Stunden am Tag \u00fcbersetzt, hat man gelegentlich den Eindruck, die Welt um sich herum durch eine Glasscheibe zu betrachten.<\/p>\n<p>Praktisch gestaltet sich mein \u00dcbersetzungsprozess recht unterschiedlich. Ich setze auf jeden Fall Kaffee auf und habe gern etwas Ungesundes zur Hand, ein Croissant oder Schokolade zum Beispiel. Dann h\u00e4ngt alles vom Inhalt und der Gattung des Textes ab. In den Pausen gehe ich spazieren oder koche, mache den \u00fcblichen Alltagskram. Fr\u00fcher dachte ich, ich muss malerische Orte aufsuchen, f\u00fcr eine inspirierende Atmosph\u00e4re sorgen, um mich einzustimmen; die Realit\u00e4t ist jedoch meist sehr viel profaner.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist gegen eine Residenz am Wannsee des LCB beispielsweise nichts einzuwenden, im Gegenteil! Solch phantastische Rahmenbedingungen samt kollegialem Austausch k\u00f6nnen nur befl\u00fcgeln. Ein Workshop zu literarischen \u00dcbersetzungen, der dort vor ein paar Jahren stattfand, und vor allem Marie Luise Knott, die ich sehr bewundere, haben mich in jedem Fall weitergebracht und mir sehr geholfen. Das gemeinsame, produktive Arbeiten im Kollektiv haben meinen Horizont erweitert, mir neue Werkzeuge an die Hand gegeben sowie Herangehensweisen an einen Text er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Die Arbeit an sich bleibt trotzdem gleich. Am Ende &#8211; ebenso wie am Anfang \u2013 sitzt man mit und \u00fcber dem Text, f\u00e4ngt bei Null an, sucht sich jedes Mal aufs Neue seinen Weg durchs Sprachgew\u00e4sser. Zug\u00e4nge, Kniffs und Tricks, die bei f\u00fcnf Texten oder Gedichten zuvor funktioniert haben, greifen beim Sechsten pl\u00f6tzlich nicht mehr, und man muss einen anderen Schl\u00fcssel finden.<\/p>\n<p>Ich sehe den \u00dcbersetzungprozess daher als etwas Lebendiges, Sprache als Entit\u00e4t. Vielleicht ist es auch ein Spiel mit dem Konkreten und Unkonkreten, N\u00e4he und Distanz; ein Tanz, bei dem man es immer mit einem Gegen\u00fcber, mit Sprache zu tun hat, mit deren Rhythmik und Besonderheiten.<\/p>\n<p>Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es etwas gibt, worauf ich besonderen Wert lege oder beim \u00dcbersetzen am meisten achte \u2013 au\u00dfer auf eine ruhige Umgebung, in der ich gut sitzen und mich konzentrieren kann. Parallel dazu brauche ich nat\u00fcrlich W\u00f6rterb\u00fccher, Lexika und punktuell Internet. Der Rest gestaltet sich individuell.<\/p>\n<p>Bei der \u00dcbersetzung eines Pasternak-Gedichts ins Englische kam mir beispielsweise zuerst ganz selbstverst\u00e4ndlich der Reim, beinahe wie ein Wiegenlied. Ich wippte dann mit dem Oberk\u00f6rper vor mich hin und webte die passenden englischen Worte ein. Zweieinhalb Strophen geschah es \u201ewie von selbst\u201c. Um den \u201eRest\u201c muss ich k\u00e4mpfen, das bedeutet, inhaltlich vor- und zur\u00fcckgehen, nach Alternativen suchen, feilen, Bausteine ver\u00e4ndern oder komplett rausnehmen. Bei meinen Brodskij-\u00dcbersetzungen ins Deutsche verh\u00e4lt es sich oftmals \u00e4hnlich; manches fliegt mir gef\u00fchlt zu und bildet den Start- bzw. Z\u00fcndungspunkt, den man braucht und von dem alles Weitere ausgeht, anderes muss erk\u00e4mpft und (um)modelliert werden, ganz gel\u00f6scht oder neu hinzugef\u00fcgt &#8211; immer auch im Dialog bzw. der Dialektik mit der Form des Gedichts oder Textes sowie dem Rhythmus der Ausgangssprache.<\/p>\n<p>Manchmal muss man zum Beispiel im Deutschen etwas gro\u00dfz\u00fcgig sein was die Form anbetrifft, glaube ich, denn es kann vor allem bei Lyrik oder rhythmisierter Prosa sonst sperrig bzw. \u201eausladend\u201c wirken im Vergleich zum Englischen oder Russischen. Doch wie viel \u201esemantisches Haarelassen\u201c ist n\u00f6tig, um die formellen und strukturellen Aspekte beizubehalten? Wann macht es Sinn, den Reim oder Rhythmus zugunsten der Textn\u00e4he aufzugeben? Wann sollte man sich nicht unn\u00f6tig davon entfernen und eher das Metrum, die strukturelle Form \u201eopfern\u201c, um die inhaltlichen Kernthemen und \u2013bilder beizubehalten? Wann sollte man das Gegenteil tun? Das sind so Fragen, die ich f\u00fcr mich immer wieder ausloten muss.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hei\u00dft \u00dcbersetzen f\u00fcr mich auch und vor allem Sichtbarmachen. Erfahrbar. Den Inhalt, die Melodie, den kulturellen Background und den Menschen hinter dem Text. Visuell wie akustisch, emotional wie taktil.<\/p>\n<p><em>Dieser Werkstattbericht entstand im Rahmen des Projektes texthelden. Mit den Projekt <a href=\"https:\/\/stadtsprachen.de\/en\/texthelden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">texthelden &#8211; Berlin setzt \u00fcber<\/a>\u00a0stellt die Berliner Literarische Aktion in zusammenarbeit mit dem stadtsprachen magazin im Jahr 2021 die \u00dcbersetzer*innen in den Fokus der Aufmerksamkeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur \u00dcbersetzung hat mich meine eigene Herkunft gef\u00fchrt. Ich bin im Riga der Sowjetunion geboren, ging dort zur russischen Schule, an der auch Englisch und Lettisch unterrichtet wurden. Letzteres ist mir allerdings \u00e4u\u00dferst bruchst\u00fcckhaft im Ged\u00e4chtnis geblieben. 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